Bel­mer lei­det un­ter wahn­haf­ter Stö­rung

Land­ge­richt spricht An­ge­klag­ten vom Vor­wurf der ge­fähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung frei

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - RUND UM OSNABRÜCK -

rs OS­NA­BRÜCK. Vor dem Land­ge­richt Os­na­brück ist ein 40-jäh­ri­ger An­ge­klag­ter aus Belm vom Vor­wurf der ge­fähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung frei­ge­spro­chen wor­den. Gleich­zei­tig er­kann­te das Ge­richt ei­ne schwe­re psych­ia­tri­sche Stö­rung des Be­schul­dig­ten und leg­te ihm ver­schie­de­ne The­ra­pie­maß­nah­men auf.

Im Au­gust 2015 war es in Belm vor ei­nem Mehr­fa­mi­li­en­haus zu ei­nem Streit mit ei­ner an­schlie­ßen­den Schie­ße­rei ge­kom­men, bei dem ein Mann ei­nen Bauch­durch­schuss er­litt und ein an­de­rer in den Fuß ge­trof­fen wur­de. Das Amts­ge­richt Os­na­brück hat­te den heu­te 40-jäh­ri­gen An­ge­klag­ten des­we­gen vor ei­nem Jahr zu mehr als drei Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt. Da­ge­gen war der An­ge­klag­te in Be­ru­fung ge­gan­gen. Die­ser wur­de statt­ge­ge­ben, so­dass vor der 10. Gro­ßen Straf­kam­mer des Land­ge­richts Os­na­brück er­neut über das Ge­sche­hen ver­han­delt wer­den muss­te. Hier­bei soll­te be­son­ders auf ei­ne even­tu­el­le Schuld­un­fä­hig­keit auf­grund ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung des An­ge­klag­ten ein­ge­gan­gen wer­den.

Wie genau es zu dem Streit kam und was bei dem Zu­sam­men­tref­fen vor dem Mehr­fa­mi­li­en­haus pas­sier­te, konn­te auch vor dem Land­ge­richt nicht end­gül­tig ge­klärt wer­den. Klar ist, dass es zu­nächst zu ei­nem Streit zwi­schen dem An­ge­klag­ten und der Grup­pe der Ne­ben­klä­ger kam. Nach­dem die­ser schon ge­klärt zu sein schien, sei der An­ge­klag­te je­doch er­neut auf die Grup­pe zu­ge­gan­gen und ha­be die Män­ner mit ei­ner Pis­to­le be­droht. Im fol­gen­den Ger­an­gel fie­len die Schüs­se, die zwei Per­so­nen schwer ver­letz­ten.

Vor Ge­richt schil­der­te der An­ge­klag­te sei­ne Sicht der Er­eig­nis­se. Er ha­be sich von der Grup­pe be­lei­digt und pro­vo­ziert ge­fühlt, gab er an. So ge­he es ihm schon lan­ge. Kin­der und Er­wach­se­ne be­lei­dig­ten und ver­höhn­ten ihn und stän­den sei­nem Le­ben und sei­nem Vor­an­kom­men im We­ge. Zu­dem ha­be er sich ver­folgt und über­wacht ge­fühlt.

Die­ses Ver­hal­ten wur­de von ei­nem sach­ver­stän­di­gen Psych­ia­ter ent­spre­chend in ei­nem Gut­ach­ten be­wer­tet. Der Fall des An­ge­klag­ten sei sehr un­ge­wöhn­lich, er­klär­te der Sach­ver­stän­di­ge. Bei ihm sei ei­ne wahn­haf­te Stö­rung zu dia­gnos­ti­zie­ren, die je­doch nur in ei­nem ge­wis­sen Ma­ße nach au­ßen drin­ge. Im All­tag kön­ne sich der An­ge­klag­te meist un­auf­fäl­lig be­we­gen. Den­noch le­be er in ei­ner Wahn­welt.

Wahn­dy­na­mik

Der Be­trof­fe­ne hal­te das sub­jek­tiv Er­leb­te für die un­um­stöß­li­che Wahr­heit. Da hel­fe es auch nicht, wenn Au­ßen­ste­hen­de ihm das Ge­gen­teil sag­ten, er­klär­te der Fach­mann. Eben­so be­deu­tend sei da­zu die Wahn­dy­na­mik. Für den Zeit­punkt der Tat kön­ne ei­ne ver­min­der­te Steue­rungs­fä­hig­keit oder so­gar ei­ne Schuld­un­fä­hig­keit nicht aus­ge­schlos­sen wer­den.

Die­ser Sicht schloss sich auch die Straf­kam­mer an und sprach den An­ge­klag­ten vom Vor­wurf der ge­fähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung frei. Auch die Staats­an­walt­schaft for­der­te den Frei­spruch, ver­lang­te aber gleich­zei­tig die Un­ter­brin­gung des An­ge­klag­ten in ei­ner ge­schlos­se­nen psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung. Dass sich das Ge­richt letzt­lich zu ei­ner Aus­set­zung des Maß­re­gel­voll­zugs zur Be­wäh­rung ent­schied, war auch der vor­sich­tig op­ti­mis­ti­schen Pro­gno­se des Gut­ach­tens ge­schul­det. Der An­ge­klag­te ha­be in den letz­ten zwei Jah­ren Fort­schrit­te ge­zeigt. Vor al­lem zei­ge er Ein­sicht in sei­ne Krank­heit. An sei­nem neu­en Wohn­ort ist er zu­dem in ei­ner Ta­ges­be­treu­ung un­ter­ge­bracht, ha­be ei­ne psych­ia­tri­sche Be­hand­lung be­gon­nen und ha­be be­reits ei­nen Ter­min für ei­ne mehr­wö­chi­ge teil­sta­tio­nä­re The­ra­pie.

Die­se Maß­nah­men wird der An­ge­klag­te nun wei­ter­füh­ren müs­sen. Zu­sätz­lich leg­te ihm das Ge­richt ei­ne drei­jäh­ri­ge Be­wäh­rungs­zeit auf. Ver­stößt er ge­gen Auf­la­gen, muss mit ei­ner so­for­ti­gen Ein­wei­sung in den Maß­re­gel­voll­zug rech­nen.

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