Frank­fur­ter Buch­mes­se öff­net für all­ge­mei­nes Pu­bli­kum

Bran­chen­ver­tre­ter se­hen trotz ge­än­der­ter Me­di­en­nut­zung kei­ne Kri­se des Bu­ches

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - VORDERSEITE - Von Ste­fan Lüd­de­mann Fo­to: dpa

Li­te­ra­tur ist nach wie vor at­trak­tiv – trotz ei­nes Rück­gangs von Käu­fer­zah­len. Da­von sind Bran­chen­ver­tre­ter wie Ju­er­gen Boos, Di­rek­tor der Frank­fur­ter Buch­mes­se, und Jo Lend­le, Chef des Carl Han­ser-Ver­lags, über­zeugt. Auch die Be­su­cher­zah­len der welt­weit größ­ten Buch­mes­se be­le­gen das gro­ße In­ter­es­se. Im ver­gan­ge­nen Jahr fan­den rund 278000 Men­schen den Weg auf das Mes­se­ge­län­de. An die­sem Wo­che­n­en­de öff­net die Buch­mes­se wie­der tra­di­tio­nell ih­re To­re für das all­ge­mei­ne Pu­bli­kum. Ne­ben den Stän­den von über 7000 Aus­stel­lern ge­hö­ren auch vie­le Ver­an­stal­tun­gen zum An­ge­bot, wie et­wa die Le­sung von Dan Brown, der sein Buch „Ori­gin“vor­stellt.

Das Buch ist am En­de: Die­se The­se schockt die Ver­lags­bran­che. Aber stimmt das auch? Ver­tre­ter des Li­te­ra­tur­be­trie­bes wi­der­spre­chen, sa­gen aber auch, was sich än­dern muss.

FRANK­FURT. „Ist das Buch am En­de?“: Die­se Schlag­zei­le der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ist den Spit­zen­ver­tre­tern der Buch­bran­che in die Kno­chen ge­fah­ren. Ge­ra­de in den letz­ten Jah­ren sei der Buch­um­satz deut­lich ein­ge­bro­chen, hieß es in der FAZ. Zu­letzt leg­te Pi­per-Ver­lags­che­fin Fe­li­ci­tas von Lo­ven­berg im „Buch­re­port“so­gar noch nach. „Es geht dar­um, das Kul­tur­gut Le­sen vorm Auss­ter­ben zu be­wah­ren“, pro­phe­zei­te die frü­he­re Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­rin, die in­zwi­schen zum Vor­stand des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels ge­hört. „Uns al­len bre­chen die Le­ser weg“, zi­tiert der Buch­re­port aus ei­nem In­ter­view von Lo­ven­berg. Noch 2012 hat sich den An­ga­ben nach je­der Deut­sche jähr­lich ein Buch ge­kauft. Die­se Reich­wei­te ha­be sich in­zwi­schen hal­biert.

Ist das Buch wirk­lich am En­de? „Mit­nich­ten“, kon­ter­te Ju­er­gen Boos, Di­rek­tor der Frank­fur­ter Buch­mes­se, um­ge­hend bei der Pres­se­kon­fe­renz zum Start der Buch­mes­se 2017 und füg­te an: „Das Buch­ge­schäft ist er­staun­lich sta­bil ge­blie­ben.“Ähn­lich be­schwich­ti­gend be­schrieb auch Mar­kus Doh­le, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Ver­lags­gi­gan­ten Pen­gu­in Ran­dom Hou­se, die La­ge auf dem Buch­markt. Wer nach­fragt, hört den­noch Zwi­schen­tö­ne, die leich­te Be­un­ru­hi­gung er­ken­nen las­sen. „Wir wol­len nä­her beim Le­ser sein“,

ver­si­chert Ju­er­gen Boos im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Das Le­sen und der Le­ser – sie bil­den den ge­hei­men Fo­kus der Frank­fur­ter Buch­mes­se 2017.

Der Le­ser soll vor al­lem mit gro­ßen Events um­wor­ben wer­den. Ju­er­gen Boos ver­weist auf das Zug­pferd un­ter den Ver­an­stal­tun­gen. Am Sams­tag, 14. Ok­to­ber 2017, liest Dan Brown im Con­gress Cen­ter aus sei­nem neu­en Block­bus­ter-Buch „Ori­gin“. „1500 Teil­neh­mer sind schon an­ge­mel­det“, sagt Boos stolz, als kön­ne die­se Nach­richt al­lein al­le ne­ga­ti­ven

Pro­gno­sen über das Le­sen ver­blas­sen las­sen. Zugleich weiß der Mes­sechef aber auch, dass der Le­ser in ei­nem Be­reich jen­seits des Bu­ches kon­tak­tiert wer­den will. Self­pu­blis­hing, Strea­m­ing, Net­flix – es sind die neu­en Pu­bli­ka­ti­ons­for­men und Ver­brei­tungs­ka­nä­le, die es dem Buch schwer ma­chen, weil sie den schnel­le­ren Weg zum Le­ser fin­den. „Es geht um die gu­te Ge­schich­te. Der Ge­schich­te ist das Me­di­um egal“, meint Boos.

„Es gibt kei­ne Kri­se des Bu­ches“: Das sagt auch Jo Lend­le, Chef des Carl Han­ser-Ver­la­ges

in Mün­chen, im Ge­spräch, schränkt aber gleich ein: „Im Au­gen­blick sind wir kei­ne Wachs­tums­bran­che“. Lend­le schaut da­bei nicht nur auf Ver­kaufs­zah­len. „Wir ha­ben ei­ne Kri­se der Kon­zen­tra­ti­on“, er­kennt der Ver­lags­chef und Ro­man­cier ei­ne tief grei­fen­de Ve­rän­de­rung in der all­ge­mei­nen Me­di­en­nut­zung. Da­bei for­de­re das Buch nicht nur Kon­zen­tra­ti­on, es schen­ke dem Le­ser auch Kon­zen­tra­ti­on und da­mit ein ge­nau­er fo­kus­sier­tes Den­ken. Al­ler­dings ha­be sich die „stil­le Über­ein­kunft“vie­ler Men­schen, in wich­ti­gen Bü­chern

die ei­ge­ne Zeit zu er­ken­nen, ab­ge­schwächt, re­flek­tiert der Han­ser-Chef. Er sieht al­ler­dings ein stei­gen­des In­ter­es­se am gu­ten Sach­buch. In Zei­ten von Fa­ke News stei­ge der Be­darf an „be­last­ba­rer In­for­ma­ti­on“. Ein Teil des Pu­bli­kums kau­fe so­gar mehr Bü­cher als frü­her.

„Ich se­he kei­nen Rück­gang des Le­sens“, be­haup­tet auch Micha­el Ser­rer, Lei­ter des Li­te­ra­tur­bü­ros NRW in Düs­sel­dorf. „Die Men­schen re­den über Li­te­ra­tur, neh­men das Buch wei­ter ernst“, ver­weist der Li­te­ra­tur­för­de­rer auf die vie­len Le­se­zir­kel und Le­seevents. Le­sun­gen sieht Ser­rer aber auch kri­tisch. Er ha­be den Ver­dacht, dass bei vie­len Men­schen das Er­leb­nis der Le­sung die Lek­tü­re des Bu­ches er­set­ze. Sei­ner Mei­nung nach muss es dar­um ge­hen, das Pro­fil des Bu­ches zu schär­fen. Bü­cher müs­sen nach Ser­rers An­sicht schö­ner und kom­ple­xer sein als bis­her. „Für die schnel­le In­fo brau­che ich kein Buch, da reicht der Text auf dem iPad“, meint Ser­rer. Pro­ble­me sieht er auch den bei den gro­ßen Buch­han­dels­ket­ten, die sei­ner Mei­nung nach an­spruchs­vol­le Li­te­ra­tur aus dem Sicht­feld des Le­sers brin­gen. Es wür­den, so Ser­rer, nur noch knal­li­ge Best­sel­ler pro­mi­nent plat­ziert.

Die Pro­ble­me sind da. Einst­wei­len be­ru­higt sich die Buch­bran­che mit dem Hin­weis auf an­geb­li­che Kon­stan­ten men­sch­li­cher Be­dürf­nis­se. „Es wird wei­ter ge­le­sen wer­den. Es ist ein an­thro­po­lo­gi­sches Be­dürf­nis des Men­schen, Ge­schich­ten zu er­zäh­len“, be­schwich­tigt Micha­el Ser­rer. Li­te­ra­tur und Le­sen als Teil der „mensch­li­chen DNA“– das war auch auf der Pres­se­kon­fe­renz der Frank­fur­ter Buch­mes­se so zu hö­ren. Die heik­len Zah­len jüngs­ter Sta­tis­ti­ken sind da­mit nicht aus der Welt. Aber es gibt Stra­te­gi­en, um dem Wan­del zu be­geg­nen. Mehr Sorg­falt für je­des ein­zel­ne Buch zum Bei­spiel. „Wir schau­en uns je­des Buch an und über­le­gen, was un­se­re Idee zu die­sem Buch ist“, sagt Jo Lend­le. Bes­tens ge­mach­te Bü­cher wer­den ih­re Le­ser auch künf­tig fin­den. So ist der Han­ser-Chef wohl rich­tig ver­stan­den.

Frank­fur­ter Buch­mes­se: Ana­ly­sen und Hin­ter­grün­de le­sen Sie auf noz.de/li­te­ra­tur

Fo­to: dpa

Zah­len ak­tu­el­ler Sta­tis­ti­ken wei­sen ei­nen Rück­gang der Käu­fer­zah­len aus. Laut Bran­chen­ver­tre­tern steigt je­doch bei ein­ge­fleisch­ten Le­sern das In­ter­es­se am Buch.

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