Ab­wrack­prä­mie in al­ler Mun­de

Ab­wrack­prä­mie löst Boom bei Pkw-Neu­zu­las­sun­gen aus – Er­folg um­strit­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - VORDERSEITE - Von Bert­hold Ha­mel­mann

ham OSNABRÜCK. Die­ses Reiz­wort spal­tet 2009 die Na­ti­on: Ab­wrack­prä­mie. Von den ei­nen als Ret­ter der Au­to­in­dus­trie ge­fei­ert, von den an­de­ren als Stroh­feu­er und öko­no­misch un­sin­nig ge­brand­markt, be­herrscht das The­ma die Schlag­zei­len.

Mit 3,81 Mil­lio­nen er­reicht 2009 die Zahl der Pk­wNeu­zu­las­sun­gen in Deutsch­land ei­nen bis heu­te un­er­reich­ten Re­kord. Der Grund war die Ab­wrack­prä­mie.

OSNABRÜCK. Die Ab­wrack­prä­mie war ei­ne Idee des Prä­si­den­ten des Ver­ban­des der Au­to­mo­bil­in­dus­trie: Mat­thi­as Wiss­mann, von 1993 bis 1998 CDU-Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter, schlug sie am 14. Ok­to­ber 2008 vor. Doch da es um des Deut­schen (an­geb­lich) liebs­tes Kind – das Au­to – ging, fir­mier­te das Vor­ha­ben of­fi­zi­ell un­ter dem freund­li­che­ren Be­griff Um­welt­prä­mie.

Nichts­des­to­trotz kür­te die Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che die Ab­wrack­prä­mie zum Wort des Jah­res 2009, ein Be­leg für die Re­le­vanz des Aus­drucks.

Deutsch­land und die Welt lit­ten zu Jah­res­be­ginn 2009 im­mer noch un­ter den Aus­wir­kun­gen ei­ner enor­men Wirt­schafts- und Fi­nanz­kri­se, aus­ge­löst durch den Zu­sam­men­bruch des spe­ku­la­tiv auf­ge­bläh­ten Im­mo­bi­li­en­markts in den USA ab 2007.

Über­all such­ten Po­li­ti­ker nach Aus­we­gen aus der Kri­se und ge­gen die sich ab­zeich­nen­de Re­zes­si­on.

Die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung, ei­ner Ko­ali­ti­on aus Uni­on und SPD, be­stand aus zwei Kon­junk­tur­pa­ke­ten. Im zwei­ten fand sich auch die Ab­wrack­prä­mie, die zur

größ­ten Ver­schrot­tungs­ak­ti­on in der Ge­schich­te von Au­to-Deutsch­land führ­te.

Für die Be­für­wor­ter war die Idee ein­fach ge­ni­al: Der Staat zahl­te Au­to­be­sit­zern ei­ne Prä­mie in Hö­he von 2500 Eu­ro, so­fern die­se ihr vor min­des­tens neun Jah­ren zu­ge­las­se­nes al­tes Au­to ver­schrot­te­ten und sich ei­nen Neu­wa­gen oder Jah­res­wa­gen zu­leg­ten, der die Ab­gas­norm „Eu­ro 4“er­füll­te. Die stei­gen­de

Nach­fra­ge soll­te Ar­beits­plät­ze in der Not lei­den­den Au­to­mo­bil­in­dus­trie ret­ten und der Um­welt zu­gu­te­kom­men. Dank der Mehr­ein­nah­men bei der Um­satz­steu­er sei die Prä­mie zu­dem für die Steu­er­zah­ler qua­si kos­ten­los.

Kri­ti­ker da­ge­gen be­zeich­nen die Ab­wrack­prä­mie als ei­ne der teu­ers­ten Kon­junk­tur­sprit­zen mit ver­hee­ren­der Wir­kung. Gut ge­meint sei eben nicht gut ge­tan. Da war

zu­nächst die völ­li­ge Feh­l­ein­schät­zung des Ver­brau­cher­ver­hal­tens. Der För­der­rah­men be­lief sich an­fangs auf 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro und reich­te rech­ne­risch für 600 000 Au­to­prä­mi­en. An­fang März 2009 trat die Richt­li­nie in Kraft.

Die Schnäpp­chen­jä­ger­men­ta­li­tät der Deut­schen lös­te ei­nen re­gel­rech­ten Hy­pe aus. Hun­der­tau­sen­de stell­ten An­trä­ge. Nach ers­ten Hoch­rech­nun­gen wa­ren die ent­spre­chen­den För­der­mit­tel be­reits im Mai auf­ge­braucht. An­fang April leg­te die Bun­des­re­gie­rung des­halb nach und stock­te das För­der­vo­lu­men auf fünf Mil­li­ar­den auf. Die Ak­ti­on soll­te bis zum Jah­res­en­de lau­fen. Doch auch das reich­te nicht. An­fang Sep­tem­ber be­en­de­te das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um die Ak­ti­on. Sämt­li­che Fi­nanz­mit­tel wa­ren auf­ge­braucht. Ei­ne wei­te­re Auf­sto­ckung gab es nicht.

Das er­nüch­tern­de Fa­zit: Der Ver­kauf von Neu- oder Jah­res­wa­gen schnell­te kurz­zei­tig hoch. Her­stel­ler klei­ner Mar­ken pro­fi­tier­ten. Der Markt­an­teil aus­län­di­scher Au­to­an­bie­ter stieg um über 10 Pro­zent­punk­te auf et­wa 55 Pro­zent.

Die „Um­welt­prä­mie“kam nach Mei­nung ih­rer Kri­ti­ker kei­nes­wegs der Um­welt zu­gu­te. Na­tür­lich wa­ren Neu­fahr­zeu­ge schad­stoff­är­mer als äl­te­re Fahr­zeu­ge. Nur – das Ver­schrot­ten funk­tio­nie­ren­der, gut er­hal­ten­der „Alt­fahr­zeu­ge“wur­de als öko­lo­gi­scher und öko­no­mi­scher Sün­den­fall be­trach­tet.

Der Ge­braucht­wa­gen­markt brach 2009 auf brei­ter Front ein. Das Glei­che galt ein Jahr spä­ter bei den Zu­las­sungs­zah­len be­son­ders der klei­ne­ren Mo­del­le.

Die Ab­wrack­prä­mie ret­te­te kei­ne Ar­beits­plät­ze in der deut­schen Au­to­mo­bil­in­dus­trie: Dies ver­dank­te sie der staat­lich ge­för­der­ten Kurz­ar­beit und ei­ner über­ra­schend star­ken Nach­fra­ge nach deut­schen Au­tos aus Asi­en.

Fo­to: dpa

Über­füll­te Schrott­plät­ze: Die Ab­wrack­prä­mie lässt 2009 den Stahl­preis ab­stür­zen.

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