Ei­ne Fra­ge von Krieg und Frie­den

Trumps Plä­ne zu Je­ru­sa­lem ru­fen über­wie­gend Em­pö­rung her­vor – Schwie­ger­sohn soll wei­ter ver­han­deln

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - EINBLICKE - Von Mar­tin Bialecki, Sa­ra Le­mel und Jan Kuhl­mann

Es ist ei­ne ra­di­ka­le Wen­de nach 70 Jah­ren ame­ri­ka­ni­scher Au­ßen­po­li­tik. Wa­shing­ton er­kennt Je­ru­sa­lem als Haupt­stadt Is­ra­els an. Die Kon­se­quen­zen sind ge­wal­tig – in den USA, in Nah­ost, in der ara­bi­schen Welt.

dpa WA­SHING­TON. In ei­ner der kom­pli­zier­tes­ten Fra­gen der Welt­po­li­tik trifft Do­nald Trump ei­ne ein­sa­me Ent­schei­dung von ge­wal­ti­ger Spreng­kraft. Ge­gen den Chor welt­wei­ter Kri­tik er­ken­nen die USA Je­ru­sa­lem als Haupt­stadt Is­ra­els an. Was Wa­shing­ton schlicht ein „An­er­ken­nen der Rea­li­tä­ten“nennt, droht ei­ne schwe­re Es­ka­la­ti­on in Nah­ost und ein En­de des Frie­dens­pro­zes­ses nach sich zu zie­hen.

Uni­so­no mei­nen „New York Ti­mes“, „Wa­shing­ton Post“, Think Tanks in Wa­shing­ton und er­fah­re­ne Nah­ost-Ver­hand­ler: Wer als glaub­wür­di­ger, un­ab­hän­gi­ger Un­ter­händ­ler auf­tre­ten wol­le, dür­fe sich nicht auf ei­ne Sei­te schla­gen. Ge­nau das aber ha­be Trump nun ge­tan, auch wenn er mit der wei­ter ver­zö­ger­ten Ver­le­gung der US-Bot­schaft nach Je­ru­sa­lem noch Spiel las­se. Er ha­be über Jahr­zehn­te auf­ge­bau­tes po­li­ti­sches Ka­pi­tal ver­spielt. Mas­siv be­schä­di­ge er die Glaub­wür­dig­keit der USA.

Das Wei­ße Haus sieht das frei­lich an­ders. Re­gie­rungs­mit­ar­bei­ter las­sen sich so über­set­zen, der Nah­ost-Kon­flikt sei so fest­ge­fah­ren, dass die Ak­ti­on des Prä­si­den­ten wie das op­ti­mis­ti­sche Öff­nen ei­nes gro­ßen Fens­ters zu ver­ste­hen sei. Misst man die ers­ten Re­ak­tio­nen der Welt auf die­se Theo­rie, hat Wa­shing­ton die­se Sicht ziem­lich exklusiv. Als „ul­ti­ma­ti­ven De­al“hat Trump ei­ne Frie­dens­lö­sung für Nah­ost be­zeich­net. Nun müs­sen die USA dort gleich­zei­tig Scha­dens­be­gren­zung be­trei­ben, Trumps Schritt als fri­schen Wind ver­kau­fen, ei­ner mög­li­chen Ge­walt­wel­le vor Ort ins Au­ge se­hen und klar­ma­chen, wie man sich das wei­ter so vor­stellt mit dem Frie­den.

Trump selbst gab sich in der Je­ru­sa­lem-Fra­ge im­mer ein­deu­tig. Im März 2016 schon hat er vor der pro­is­rae­li­schen Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on Aipac in Wa­shing­ton als Kan­di­dat ex­akt das an­ge­kün­digt, was er nun als Prä­si­dent um­setzt. Der News­let­ter Axi­os schreibt, auf die­se po­li­ti­sche Stand­fes­tig­keit sei Trump stolz. Sei­ne ge­ra­de Hal­tung sol­le den Prä­si­den­ten in der Welt­po­li­tik als ver­läss­li­chen Füh­rer zeich­nen, da­von wol­le Trump pro­fi­tie­ren. Glei­ches gilt für die wich­ti­ge Wäh­ler­grup­pe der Evan­ge­li­ka­len in den USA und für Groß­spen­der wie den Ka­si­no­ma­gna­ten Shel­don Adel­son. Für sie ist Je­ru­sa­lem ei­ne Her­zens­an­ge­le­gen­heit.

Trump, so streut es das Wei­ße Haus, lie­ge Frie­den in Nah­ost wei­ter am Her­zen. Sein Schwie­ger­sohn Ja­red Kush­ner sol­le un­be­dingt wei­ter ver­han­deln, der Plan sei ja noch lan­ge nicht fer­tig. Um die Pa­läs­ti­nen­ser nicht kom­plett zu ver­prel­len, hieß es, Trump wer­de sich nun doch zu ei­ner Zwei­staa­ten­lö­sung be­ken­nen – wie Bill Cl­in­ton, wie Ge­or­ge W. Bush, wie Ba­rack Oba­ma. Die Si­tua­ti­on ist zu dy­na­misch, um si­cher zu sein, wie sich das nach der Je­ru­sa­lem-Ent­schei­dung aus­wir­ken wird.

Mit­glie­der von Is­ra­els rechts­re­li­giö­ser Re­gie­rung füh­len sich durch Trumps Plä­ne in ih­rem kom­pro­miss­lo­sen Kurs in die­ser Fra­ge be­stä­tigt. Sie re­agie­ren am Mitt­woch ent­spre­chend eu­pho­risch. Re­gie­rungs­chef Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu spricht von Un­ter­stüt­zung „für un­se­re na­tio­na­le und his­to­ri­sche Iden­ti­tät“. Ge­heim­dienst­mi­nis­ter Is­ra­el Katz fei­ert den Mitt­woch als „his­to­ri­schen Tag“.

Die Pa­läs­ti­nen­ser da­ge­gen sind wü­tend und ent­setzt, sie se­hen Trump als zün­deln­den Cha­os­stif­ter. Die Po­li­ti­ke­rin Ha­n­an Aschra­wi kri­ti­siert ei­nen „ver­ant­wor­tungs­lo­sen und ge­fähr­li­chen Schritt, der die Chan­cen auf Frie­den, Sta­bi­li­tät und Si­cher­heit für un­be­stimm­te Zeit zer­stö­ren wird“. Sie warnt vor ei­nem „re­li­giö­sen Krieg“in der Re­gi­on. Es gibt in den USA so­gar Ana­ly­sen, die der US-Re­gie­rung un­ter­stel­len, das bil­li­gend in Kauf zu neh­men.

Af­front für Ver­bün­de­te

Ma­nu­el Has­sas­si­an, pa­läs­ti­nen­si­scher Ge­sand­ter in Groß­bri­tan­ni­en, sag­te dem Sen­der BBC: „Zu ei­nem Zeit­punkt, an dem der ge­sam­te Na­he Os­ten so­wie die Is­rae­lis und Pa­läs­ti­nen­ser ei­nen Durch­bruch brau­chen, neue Frie­dens­ver­hand­lun­gen, kommt er (Trump) und be­ginnt ein ganz neu­es Ka­pi­tel von Ver­wir­rung, An­ar­chie und der Ent­stel­lung der Zwei-Staa­ten-Lö­sung.“Trumps Er­klä­rung kom­me ei­ner Kriegs­er­klä­rung gleich. „Er er­klärt 1,5 Mil­li­ar­den Mus­li­men und Hun­der­ten von Mil­lio­nen Chris­ten den Krieg.“

Trump stößt mit dem Schritt sei­nen engs­ten ara­bi­schen Ver­bün­de­ten Jor­da­ni­en und Sau­di-Ara­bi­en vor den Kopf. Neue Nah­ost-Frie­dens­ver­hand­lun­gen er­schwert er mit sei­nen Plä­nen merk­lich. Am Wo­che­n­en­de be­rich­te­te die „New York Ti­mes“, der star­ke Mann des Kö­nig­reichs, Kron­prinz Mo­ham­med bin Sal­man, ha­be an­geb­lich ei­nen Frie­dens­plan vor­ge­legt, der Is­ra­el mehr ent­ge­gen­kom­me als je­der an­de­re, den die USA je­mals ab­ge­seg­net hät­ten.

Is­ra­el und Pa­läs­ti­na: Bei­trä­ge da­zu fin­den Sie auf noz.de/po­li­tik

Fo­to: dpa

Promp­te Re­ak­ti­on: Pa­läs­ti­nen­ser ver­bren­nen in Ra­fah US-Flag­gen so­wie Pos­ter, auf de­nen US-Prä­si­dent Trump und Is­ra­els Mi­nis­ter­prä­si­dent Ne­tan­ja­hu zu se­hen sind.

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