Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

Fal­sche At­tes­te be­schäf­ti­gen die Jus­tiz

Fal­sche Mas­ken-At­tes­te be­schäf­ti­gen Os­na­brü­cker Staats­an­walt­schaft

- Von Cor­ne­lia Achen­bach Osnabruck · Telegram Messenger · Youtube · Hesse · Belm · Lower Saxony · Alexander the Great · Bielefeld

OS­NA­BRÜCK Der Os­na­brü­cker Staats­an­walt­schaft lie­gen der­zeit vier Fäl­le vor, in de­nen Men­schen aus der Re­gi­on ge­fälsch­te At­tes­te aus dem In­ter­net ein­ge­setzt ha­ben, um die vor­ge­schrie­be­ne Mas­ken­pflicht zu um­ge­hen. Die­se Blan­ko-At­tes­te zum Aus­dru­cken und Aus­fül­len ver­brei­ten sich im In­ter­net ra­sant un­ter Co­ro­na-Leug­nern. Doch die fal­schen At­tes­te sind der Po­li­zei längst be­kannt, das Nicht-Tra­gen der Mas­ken wird ge­ahn­det.

Impf­geg­ner und Ver­schwö­rungs­mys­ti­ker, die un­ter an­de­rem in der Bür­ger­be­we­gung Os­na­brück zu­sam­men­kom­men und re­gel­mä­ßig ge­gen die Co­ro­na­Maß­nah­men pro­tes­tie­ren, ge­ben sich zu­dem im Kurz­nach­rich­ten­dienst Te­le­gram Hin­wei­se, wel­che Ärz­te in der Re­gi­on ge­willt sind, so­ge­nann­te Ge­fäl­lig­keit­sat­tes­te ge­gen die Mas­ken­pflicht aus­zu­stel­len.

OS­NA­BRÜCK Vier Ver­fah­ren ge­gen Per­so­nen, die mit ge­fälsch­ten At­tes­ten vor­ge­ge­ben ha­ben, von der Mas­ken­pflicht be­freit zu sein, be­schäf­ti­gen der­zeit die Staats­an­walt­schaft Os­na­brück. Wie man an die­se At­tes­te kommt und wel­che Ärz­te in der Re­gi­on da­zu nei­gen, „Ge­fäl­lig­keit­sat­tes­te“aus­zu­stel­len – dar­über tauscht sich un­ter an­de­ren die „Bür­ger­be­we­gung Os­na­brück“beim Mes­sen­ger-Di­enst Te­le­gram aus.

Rund 250 Teil­neh­mer wa­ren En­de Ok­to­ber zu ei­ner Kund­ge­bung der „Bür­ger­be­we­gung“vor dem Os­na­brü­cker Haupt­bahn­hof zu­sam­men­ge­kom­men – fast die Hälf­te von ih­nen gab laut Po­li­zei an, ein ärzt­li­ches At­test zu be­sit­zen, das sie von der Mas­ken­pflicht be­freit.

Si­cher – es gibt Per­so­nen, für die kei­ne Mas­ken­pflicht gilt oder die sich von die­ser be­frei­en las­sen kön­nen. Klei­ne Kin­der zum Bei­spiel oder Men­schen mit chro­ni­schen oder psy­chi­schen Er­kran­kun­gen. Aber dass die­se bei ei­ner Ver­an­stal­tung von Geg­nern der Co­ro­na-Maß­nah­men in so gro­ßer Zahl auf­tre­ten? Un­wahr­schein­lich.

At­tes­te aus dem In­ter­net

Tat­säch­lich kur­sie­ren in Krei­sen von Co­ro­na-Leug­nern Blan­ko-At­tes­te, die sie aus dem In­ter­net aus­dru­cken und selbst aus­fül­len. Ur­he­ber der Vor­la­ge ist der Uro­lo­ge Jens Ben­gen aus dem nord­hes­si­schen Tren­del­berg. In der Sze­ne von Impf­geg­nern und Ver­schwö­rungs­mys­ti­kern ist Ben­gen in­zwi­schen ein Star, sein Youtube-Ka­nal trägt den Na­men „Schwert der Wahr­heit“. Ge­gen den Me­di­zi­ner soll die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hes­sen mitt­ler­wei­le Er­mitt­lun­gen auf­ge­nom­men

ha­ben, aus da­ten­schutz­recht­li­chen Grün­den woll­te sich die Kam­mer un­se­rer Re­dak­ti­on ge­gen­über je­doch nicht zu dem Fall äu­ßern.

Ab­ge­se­hen von die­sen Blan­ko-At­tes­ten, die mitt­ler­wei­le bun­des­weit be­kannt ge­wor­den sind, ge­ben sich die An­hän­ger der „Bür­ger­be­we­gung Os­na­brück“auch Tipps, wel­che Sym­pto­me man an­ge­ben sol­le, um bei ei­nem Arzt vor Ort leich­ter an ein ech­tes At­test zu kom­men. Zu­dem wer­den Ärz­te in der Re­gi­on ge­nannt, die eher da­zu ge­neigt sein sol­len, die Not­wen­dig­keit ei­ner Be­frei­ung vom Mund-Na­sen­Schutz zu at­tes­tie­ren. So wird bei Te­le­gram mehr­fach ei­ne Ärz­tin aus Belm er­wähnt. Al­ler­dings schrieb ei­ne Nut­ze­rin

nun: „Dort wer­den kei­ne At­tes­te mehr aus­ge­stellt. Sie sei­en et­was zu gut­mü­tig ge­we­sen, und das sei über­all ge­pos­tet wor­den.“

Die Ärz­te­kam­mer Nie­der­sach­sen weiß, dass es Ärz­te gibt, die im Ver­dacht ste­hen, so­ge­nann­te Ge­fäl­lig­keit­sat­tes­te aus­zu­stel­len. Al­ler­dings sei ih­re Zahl ge­ring: „Ge­ne­rell kann man sa­gen, dass es sich, be­zo­gen auf un­se­re Ge­samt­mit­glie­der­zahl von knapp 43 000 Ärz­tin­nen und Ärz­ten, um we­ni­ge Ein­zel­fäl­le im sehr nied­ri­gen zwei­stel­li­gen Zah­len­be­reich han­delt“, sagt Spre­cher Tho­mas Spie­ker.

Re­gio­na­le Häu­fun­gen oder ei­nen Schwer­punkt bei ein­zel­nen ärzt­li­chen Fach­dis­zi­pli­nen ge­be es bis­lang nicht. „Wenn wir Be­schwer­den er

hal­ten, prü­fen wir die­se be­rufs­recht­lich und ho­len in die­sem Rah­men auch Stel­lung­nah­men der be­trof­fe­nen Ärz­te ein“, so Spie­ker. Even­tu­ell er­fol­ge dann die Ein­lei­tung ei­nes be­rufs­recht­li­chen Ver­fah­rens mit den Mög­lich­kei­ten der Ver­hän­gung ei­ner Rü­ge oder der Be­an­tra­gung ei­nes be­rufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens. Im Ein­zel­fall kön­ne es auch sinn­voll sein, Straf­an­zei­gen zu er­stat­ten. „Be­schwer­den neh­men wir sehr ernst, da die dort ge­schil­der­ten Vor­wür­fe aus hie­si­ger Sicht nicht mit ge­wis­sen­haf­tem ärzt­li­chen Ver­hal­ten ver­ein­bar sind“, so der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Ärz­te­kam­mer Nie­der­sach­sen.

Ob es auch Be­schwer­den ge­gen Ärz­te aus der Re­gi­on

gibt, konn­te Tho­mas Spie­ker in­des nicht be­ant­wor­ten: Nach den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben des Nie­der­säch­si­schen Heil­kam­mer­ge­set­zes han­de­le es sich um in­ter­ne Ver­fah­ren – Aus­künf­te an Drit­te dürf­ten dar­über nicht ge­ge­ben wer­den.

Ju­ris­ti­sches Nach­spiel

Die Staats­an­walt­schaft Os­na­brück be­schäf­tigt sich der­zeit zwar nicht mit Ärz­ten, die fal­sche At­tes­te aus­ge­stellt ha­ben (der in­fra­ge kom­men­de Straf­tat­be­stand ist in Pa­ra­graf 278 des Straf­ge­setz­buchs ge­re­gelt und heißt „Aus­stel­len un­rich­ti­ger Ge­sund­heits­zeug­nis­se“), wohl aber mit Per­so­nen, die mit eben­sol­chen ver­sucht ha­ben, sich um die Mas­ken­pflicht her­um zu mo­geln (Pa­ra­graf 279 – „Ge­brauch un­rich­ti­ger Ge­sund­heits­zeug­nis­se“).

Ober­staats­an­walt Alex­an­der Re­te­mey­er spricht von vier Fäl­len, die al­le im Zu­sam­men­hang mit dem Bahn­ver­kehr ste­hen. So soll bei­spiels­wei­se am 9. De­zem­ber am Amts­ge­richt Os­na­brück der Fall ei­nes 50-jäh­ri­gen Man­nes aus Bie­le­feld ver­han­delt wer­den, der im Zug kei­ne Mas­ke ge­tra­gen hat. Der Bun­des­po­li­zei am Os­na­brü­cker Haupt­bahn­hof ha­be er ei­nes der be­reits er­wähn­ten Ben­gen-Blan­ko-At­tes­te ge­zeigt. Den Wisch ha­be er dar­über hin­aus auch bei ei­nem Ter­min in ei­ner Os­na­brü­cker Be­hör­de vor­ge­legt.

„60 Ta­ges­sät­ze ha­be ich in dem Fall be­an­tragt“, sagt Re­te­mey­er. Zwei Net­to-Mo­nats­ge­häl­ter – das ist nicht we­nig. Bei ei­nem Nicht-Tra­gen des Mund-Na­sen-Schut­zes wä­re ein Buß­geld von rund 100 Eu­ro an­ge­fal­len. Doch beim Ge­brauch un­rich­ti­ger Ge­sund­heits­zeug­nis­se fällt das Straf­maß hö­her aus. Kein Wun­der: Das ei­ne ist bloß ei­ne Ord­nungs­wid­rig­keit, das an­de­re ei­ne Straf­tat, für die laut Straf­ge­setz­buch so­gar ei­ne bis zu ein­jäh­ri­ge Frei­heits­stra­fe ver­hängt wer­den kann. Bei Aus­ein­an­der­set­zun­gen in Ge­schäf­ten sei er im Üb­ri­gen ganz ri­go­ros, sagt Re­te­mey­er: Wer sich wei­gert, ei­ne Mas­ke zu tra­gen und sich den An­wei­sun­gen des La­den­in­ha­bers wi­der­set­ze, be­ge­he Haus­frie­dens­bruch (Pa­ra­graf 123). „Da muss auch gar nicht erst groß dis­ku­tiert wer­den“, so der Ober­staats­an­walt.

Vor we­ni­gen Ta­gen hat­te der Fall ei­nes 34-Jäh­ri­gen für Schlag­zei­len ge­sorgt: Der Mann muss­te den Me­dia­Markt in Belm ver­las­sen, da er kei­nen Mund-Na­sen­Schutz trug. Der 34-Jäh­ri­ge be­saß ein ärzt­li­ches At­test – al­ler­dings ein ech­tes.

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Fo­to: imago-images/Frank Ho­er­mann/Sven Si­mon Im­mer wie­der sind in Zü­gen Rei­sen­de oh­ne Mas­ken un­ter­wegs. Die At­tes­te, die sie vor­wei­sen, stel­len sich oft als ge­fälscht her­aus. Hier ein Bild ei­ner Kon­trol­le am Haupt­bahn­hof in Mün­chen im ver­gan­ge­nen Som­mer.

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