Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

Co­ro­na treibt US-Bür­ger in den Hun­ger

Lan­ge Schlan­gen vor den Es­sens­aus­ga­ben / 30 Mil­lio­nen Men­schen der­zeit oh­ne Ein­kom­men

- Von Frie­de­mann Die­de­richs Hunger · Coronavirus (COVID-19) · Dallas · Texas · Congress of the United States · United States of America · Twitter · Washington · Demokraten · Kraftwerk · Atlanta · Baltimore · Banks · Tyler Perry · Johns Hopkins · Hopkins · Johns Hopkins University

DAL­LAS Die 48-jäh­ri­ge Na­ta­lie Pri­or aus Dal­las (Te­xas) steht stell­ver­tre­tend für Mil­lio­nen US-Bür­ger, die erst­mals in ih­rem Le­ben ein neu­es Phä­no­men er­le­ben: Hun­ger. Pri­or, die frü­her im Be­reich der me­di­zi­ni­schen Buch­hal­tung ar­bei­te­te, ver­lor auf­grund der Co­ro­na-Kri­se zu­nächst ih­ren Job. Dann konn­te sie die Mie­te nicht mehr zah­len und wur­de mit nur kur­zer Vor­war­nung das Op­fer ei­ner Zwangs­räu­mung.

Die vor­erst letz­te Sta­ti­on ist ein bil­li­ges Mo­tel, auf des­sen Flu­ren Dro­gen­dea­ler ih­re Ge­schäft ab­wi­ckeln und wo der süß­li­che Ge­ruch von Ma­ri­hua­na do­mi­niert. Das Zim­mer zahlt sie mit­hil­fe von Spen­den von Ver­wand­ten und Freun­den – doch be­glei­tet wird dies von der Furcht, ir­gend­wann im Au­to le­ben zu müs­sen. „Ich ha­be seit 24 St­un­den nichts mehr ge­ges­sen“, sagt sie im Ge­spräch. Ein so­zia­les Netz, das sie auf­fan­gen könn­te, exis­tiert für die Frau nicht. Ihr An­trag bei der staat­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung auf ei­nen Schwer­be­hin­der­ten­sta­tus ist seit Pan­de­mie­be­ginn in der Schwe­be. Und die Son­der­zah­lun­gen vom Kon­gress für Ar­beits­lo­se sind eben­so aus­ge­lau­fen wie die re­gu­lä­ren Be­zü­ge vom Ar­beits­amt.

15 St­un­den an­ge­stan­den

Al­so bleibt Na­ta­lie Pri­or nur der Weg zur „Food Bank“– ei­ner Aus­ga­be­stel­le für Be­dürf­ti­ge, die kos­ten­los Kon­ser­ven, fri­sches Obst und Ge­trän­ke ver­teilt und der­zeit so­gar Trut­häh­ne in ihr An­ge­bot auf­ge­nom­men hat. Quer durch die USA er­le­ben die­se Stel­len ei­nen An­sturm, wie ihn die Na­ti­on seit der „Gre­at De­pres­si­on“vor fast 100 Jah­ren – wo Sup­pen­kü­chen Mil­lio­nen Ar­beits­lo­se am Le­ben hiel­ten – nicht er­lebt hat.

In Dal­las bil­den sich zu den Öff­nungs­zei­ten der „Food Bank“re­gel­mä­ßig vier­bis fünf­spu­ri­ge Au­to­schlan­gen mit bis zu zehn­stün­di­gen War­te­zei­ten. 30 Mil­lio­nen Men­schen, so of­fi­zi­el­le Schät­zun­gen, sind der­zeit oh­ne Ein­kom­men – und vie­le von ih­nen rich­ten täg­lich neue Ap­pel­le über Twit­ter an die Po­li­ti­ker in Wa­shing­ton, end­lich ein neu­es Pan­de­mieHilfs­pa­ket auf­zu­le­gen. Doch die Re­pu­bli­ka­ner und De­mo­kra­ten sind wei­ter in die­ser Fra­ge zer­strit­ten, und aus­ge­rech­net vor dem „Thanks­gi­ving“-Fei­er­tag und Weih­nach­ten ist bis­her kein Durch­bruch in Sicht.

Die Fol­gen sind atem­be­rau­bend

für ei­nes der reichs­ten Län­der in der Welt. Ei­ne Um­fra­ge des Zen­sus-Bü­ros er­gab jetzt, dass zwölf Pro­zent al­ler Haus­hal­te mit Kin­dern mo­men­tan nicht ge­nug Le­bens­mit­tel zur Ver­fü­gung ha­ben. Die „Fee­ding Ame­ri­ca“-Or­ga­ni­sa­ti­on, das na­tio­na­le Netz­werk der „Food Banks“, schätzt so­gar, dass bis zum Jah­res­en­de über 50 Mil­lio­nen Men­schen in den USA an Hun­ger lei­den wer­den.

In den Aus­ga­be­stel­len wer­den der­zeit die Vor­rä­te knapp. Hin­zu kommt, dass vie­le Ame­ri­ka­ner tra­di­tio­nell von ei­nem Ge­halt zum an­de­ren le­ben und kei­ne fi­nan­zi­el­len Re­ser­ven für Not­fäl­le wie Ar­beits­lo­sig­keit ha­ben. Ei­ne Er­he­bung aus 2019 zeig- te, dass 50 Pro­zent der USBür­ger ma­xi­mal drei Mo­na­te über­brü­cken kön­nen, wenn ih­re Ein­nah­me­quel­le ver­siegt – wie es jetzt durch die Co­ro­na-Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit der Fall ist.

Und wer kein Geld mehr hat, nimmt schier un­glaub­li­che War­te­zei­ten für Hil­fe in

Kauf. Als der Schau­spie­ler Ty­ler Per­ry am Sonn­tag in Atlanta bei ei­ner Ver­an­stal­tung für 5000 Not lei­den­de Fa­mi­li­en Le­bens­mit­tel­pa­ke­te und Gut­schei­ne ver­teil­te, wa­ren die ers­ten Men­schen schon am Vor­tag er­schie­nen – 15 St­un­den vor dem Ter­min. Sie ha­be noch nie in ih­rem Le­ben für Nah­rungs­mit­tel an­ste­hen müs­sen, be­rich­te­te da­bei die Num­mer eins in der War­te­schlan­ge, Jean­net­te Wal­ton, an­we­sen­den Re­por­tern. Doch sie ha­be meh­re­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der bei sich auf­neh­men müs­sen, die al­le ih­ren Job ver­lo­ren hät­ten und sich kei­ne Le­bens­mit­tel leis­ten könn­ten. Die Schlan­ge der war­ten­den Fahr­zeu­ge er­streck­te sich am Sonn­tag ki­lo­me­ter­weit in al­le Rich­tun­gen. Die Po­li­zei muss­te schließ­lich Hun­der­te frus­trier­te Bür­ger nach Hau­se schi­cken, nach­dem die ge­stif­te­ten Vor­rä­te er­schöpft wa­ren.

In den USA er­höht sich un­ter­des­sen die Zahl der Co­ro­na-Neu­in­fek­tio­nen wei­ter ra­pi­de. Am Sonn­tag mel­de­ten die Be­hör­den bin­nen 24 St­un­den 142 732 neue Fäl­le, wie aus Da­ten der Uni­ver­si­tät Johns Hopkins (JHU) in Bal­ti­more von ges­tern Mor­gen (MEZ) her­vor­ging. Am glei­chen Tag der Vor­wo­che wa­ren es noch rund 133 000 ge­we­sen. Der bis­lang höchs­te Wert war am Frei­tag re­gis­triert wor­den, als rund 196000 Neu­in­fek­tio­nen ge­mel­det wur­den.

Die Zahl der To­ten mit ei­ner be­stä­tig­ten Co­ro­na­vi­rus-In­fek­ti­on be­lief sich am Sonn­tag dem­nach auf 921. In der Wo­che zu­vor wa­ren es am glei­chen Tag 616. Erst­mals seit An­fang Mai war am Don­ners­tag mit 2015 neu­en To­des­fäl­len wie­der die 2000er-Mar­ke über­schrit­ten wor­den. Der höchs­te Wert an ei­nem Tag wur­de am 15. April mit 2609 To­ten er­reicht.

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Fo­to: imago images/ZUMA Wi­re/Mark Right­mi­re Frei­wil­li­ge Hel­fer ge­ben in Ir­vi­ne/Ka­li­for­ni­en Le­bens­mit­tel aus Kar­tons an Be­dürf­ti­ge aus.
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