Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

Mil­li­ar­den, die kei­ner will

EU-Staa­ten ru­fen gro­ße Tei­le der Co­ro­na-Hil­fen nicht ab

- Von Det­lef Dre­wes Business · European Politics · Politics · European Union · Luxembourg · European Commission · Hungary · Poland · Parliament of Georgia · Christian Social Union · Greece · Markus Ferber · Ferber · David Sassoli

BRÜSSEL Es ist ein bit­te­rer Ver­dacht, über den in Brüssel kaum je­mand of­fen spre­chen will: Ge­hen die mil­li­ar­den­schwe­ren Hilfs­pro­gram­me, die die EU-Mit­glied­staa­ten an­ge­sichts der Co­ro­na-Pan­de­mie zu­sam­men­ge­stellt ha­ben, ins Lee­re?

Um die gi­gan­ti­schen wirt­schaft­li­chen Schä­den be­wäl­ti­gen zu kön­nen, hat­ten sich die Fi­nanz­mi­nis­ter der 27 EU-Län­der be­eilt und kurz vor Os­tern ein ers­tes Hilfs­pa­ket ge­schnürt: 540 Mil­li­ar­den Eu­ro stell­ten die Kas­sen­war­te be­reit. Gut ein hal­bes Jahr spä­ter liegt ein gro­ßer Teil die­ser Gel­der noch un­ge­nutzt her­um.

Von den 240 Mil­li­ar­den Eu­ro, die der ESM-Ret­tungs­fonds in Lu­xem­burg an Kre­di­ten be­reit­ge­stellt hat, ist kein Eu­ro ab­ge­ru­fen wor­den. Nicht an­ders sieht es bei den Son­der­pro­gram­men der Eu­ro­päi­schen In­ves­ti­ti­ons­bank (EIB) über 210 Mil­li­ar­den Eu­ro aus. Hier schei­nen Än­de­run­gen aber noch mög­lich: Die Er­stel­lung der Re­gu­la­ri­en für das Ver­tei­len der Mit­tel hat­te sich ver­zö­gert.

Nur ein Pro­gramm läuft, aber bes­ten­falls zö­ger­lich: 100 Mil­li­ar­den Eu­ro hat­te die

Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on für ein EU-wei­tes Kurz­ar­bei­ter­geld zu­sam­men­ge­stellt. Zwar wur­den in­zwi­schen An­trä­ge der Re­gie­run­gen über 90 Mil­li­ar­den Eu­ro be­wil­ligt, aber auch erst 31 Mil­li­ar­den Eu­ro aus­ge­zahlt.

Es sind er­staun­li­che Zah­len, die Fi­nanz­staats­se­kre­tär Jörg Ku­kies in der Vor­wo­che vor dem Haus­halts­aus­schuss des Bun­des­ta­ges be­kannt gab. Zu­mal bei je­dem EUGip­fel die Staats- und Re­gie­rungs­chefs in grel­len Far­ben schil­dern, wie furcht­bar das Vi­rus die ei­ge­ne Wirt­schaft ge­trof­fen hat. Die be­reit­ge­stell­ten Hil­fen aber wer­den kaum an­ge­rührt.

Kre­di­te sind La­den­hü­ter

Das könn­te sich beim 750 Mil­li­ar­den Eu­ro schwe­ren Auf­bau­fonds, des­sen Aus­zah­lung we­gen der Ve­tos aus Un­garn und Po­len der­zeit ge­stoppt ist, wie­der­ho­len. Bei ei­ner Um­fra­ge in den Re­gie­rungs­zen­tra­len vor we­ni­gen Ta­gen zeig­te sich, dass zwar al­le auf ih­ren An­teil an den 390 Mil­li­ar­den Eu­ro war­ten, die als Zu­wen­dun­gen ver­ge­ben, al­so nicht zu­rück­ge­zahlt wer­den müs­sen. An den Dar­le­hen der rest­li­chen 360 Mil­li­ar­den Eu­ro gibt es aber prak­tisch kein In­ter­es­se.

„Schul­den sind nicht gleich Schul­den“, sag­te der Fi­nanz­ex­per­te der Christ­de­mo­kra­ten im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment, Mar­kus Ferber (CSU), un­se­rer Re­dak­ti­on. Zwar sind Kre­di­te, hin­ter de­nen die EU-Kom­mis­si­on steht, für die Mit­glied­staa­ten deut­lich bil­li­ger, weil die EU am Fi­nanz­markt als Kun­de mit gu­ter Bo­ni­tät gilt.

Aber die Furcht vor ei­ner Wie­der­kehr der so­ge­nann­ten Troi­ka ist groß. Die Ex­per­ten der Geld­ge­ber hat­ten in der Staats­schul­den­kri­se je­der EU-Re­gie­rung dik­tiert, was sie bis wann an Re­for­men zu er­le­di­gen hat­te. Ge­blie­ben ist die Be­fürch­tung, dass „Brüssel je­dem, der Geld will, kri­ti­scher auf die Fin­ger guckt“, er­klär­te Ferber.

In die­ser Si­tua­ti­on sorg­te ein In­ter­view von EU-Par­la­ments­prä­si­dent Da­vid Sas­so­li vor we­ni­gen Ta­gen für hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen. Der Ita­lie­ner be­zeich­ne­te ei­nen Schul­den­schnitt für sei­ne Hei­mat als „grund­sätz­lich über­le­gens­wert“. Kein Wun­der, Ita­li­ens Schul­den­stand hat­te im Ju­ni 2020 mit 149,5 Pro­zent der Jah­res­wirt­schafts­leis­tung ei­nen neu­en Re­kord er­reicht. Kri­sen­staat Grie­chen­land lag zum glei­chen Zeit­punkt bei 187,4 Pro­zent.

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