Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

Ei­gen­hei­me ver­teu­ern sich ra­sant

Stu­die: Miet­markt sta­gniert / IG Bau: Mil­lio­nen se­nio­ren­ge­rech­te Woh­nun­gen feh­len

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FRANK­FURT/BER­LIN Ei­gen­hei­me ha­ben sich in der Co­ro­na-Kri­se in Deutsch­land er­heb­lich ver­teu­ert. Der Preis­an­stieg bei Ein- und Zwei­fa­mi­li­en­häu­sern ge­he un­ver­än­dert wei­ter, heißt es in ei­ner ges­tern ver­öf­fent­lich­ten Ana­ly­se des Ham­bur­ger For­schungs­in­sti­tuts F+B. Dem­nach ver­teu­er­ten sich Ein­und Zwei­fa­mi­li­en­häu­ser im drit­ten Quar­tal im Schnitt um 8,6 Pro­zent, ge­mes­sen am Vor­jah­res­zeit­raum. Da­mit leg­ten Ei­gen­hei­me noch mehr zu als Ei­gen­tums­woh­nun­gen, die sich mit plus 5,5 Pro­zent eben­falls deut­lich ver­teu­er­ten. „Wir sind der Auf­fas­sung, dass die Co­ro­na-Pan­de­mie hier ei­nen zu­sätz­li­chen und of­fen­bar auch nach­hal­ti­gen Nach­fra­ge­schub bei gleich­zei­tig be­schränk­tem An­ge­bot er­zeugt hat“, sag­te F+B-Chef Bernd Leut­ner.

Schon im zwei­ten Quar­tal wa­ren die Prei­se für Ei­gen­hei­me laut der Fir­ma, die Städ­te und Ge­mein­den bei der Auf­stel­lung von Miet­spie­geln be­rät, stark ge­stie­gen. Die Co­ro­na-Kri­se hat auch Wohn­wün­sche ver­än­dert: An­ge­sichts von Lock­downs und Ho­me­of­fice le­gen vie­le Men­schen Wert auf mehr Wohn­flä­che oder Platz im Frei­en, zeig­ten jüngs­te Um­fra­gen. Auch das Um­land von Me­tro­po­len wer­de be­gehr­ter.

An­ders als bei Wohn­ei­gen­tum sieht F+B kaum noch Dy­na­mik bei den Mie­ten. Die Neu­ver­trags­mie­ten hät­ten im drit­ten Quar­tal zum Vor­jah­res­zeit­raum sta­gniert (plus 0,1 Pro­zent) und sei­en zum zwei­ten Quar­tal 2020 um 0,9 Pro­zent leicht ge­sun­ken. Die Be­stands­mie­ten klet­ter­ten un­ter­des­sen um 1,4 Pro­zent, ge­mes­sen am Vor­jah­res­zeit­raum. Die Zeit ex­or­bi­tan­ter Miet­stei­ge­run­gen sei vor­bei, meint Leut­ner.

In den sie­ben größ­ten Städ­ten Deutsch­lands, dar­un­ter Mün­chen, Ber­lin und Ham­burg, ge­be es wei­ter ei­ne ho­he Nach­fra­ge von Selbst­nut­zern und Ka­pi­tal­an­le­gern, be­ob­ach­tet F+B. Das sor­ge für stark wach­sen­de Prei­se und et­was hö­he­re Miet­an­stie­ge als im Schnitt. „Der Miet­markt

zeigt sich nach wie vor über­ra­schend ro­bust und aus Ver­mie­ter­sicht sta­bil.“

In Ber­lin trat ges­tern der­weil die zwei­te Stu­fe des um­strit­te­nen Mie­ten­de­ckels in Kraft. Da­mit müs­sen Ver­mie­ter dort Be­stands­mie­ten sen­ken, wel­che die im ent­spre­chen­den Ge­setz fest­ge­schrie­be­nen Ober­gren­zen um mehr als 20 Pro­zent über­stei­gen. Den Eil­an­trag ei­nes Ver­mie­ters ge­gen die Ab­sen­kung hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt En­de Ok­to­ber ab­ge­wie­sen. Das Ge­setz ist auf fünf Jah­re be­fris­tet; in Karls­ru­he sind meh­re­re Kla­gen da­ge­gen an­hän­gig. Soll­te das Ge­richt

das Ge­setz für ver­fas­sungs­wid­rig er­klä­ren, könn­ten rück­wir­kend Mie­ten nach­ge­for­dert wer­den.

Mit der ers­ten Stu­fe des De­ckels wa­ren En­de Fe­bru­ar die Mie­ten für knapp 1,5 Mil­lio­nen Woh­nun­gen rück­wir­kend auf ih­ren Stand vom 18. Ju­ni 2019 ein­ge­fro­ren wor­den. Ab 2022 darf die Mie­te stei­gen, aber nur um 1,3 Pro­zent jähr­lich. Zu­dem wur­den Miet­ober­gren­zen ein­ge­führt, ge­staf­felt nach Bau­jahr und Aus­stat­tung der Woh­nung.

Das In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW) sieht im Mie­ten­de­ckel ein Hin­der­nis für Mo­der­ni­sie­rung und In­stand­hal­tung

be­ste­hen­der Woh­nun­gen. Der Woh­nungs­markt wür­de durch „schwer­wie­gen­de Ein­grif­fe in die Ei­gen­tums­rech­te“nicht ent­las­tet, er­klär­te das In­sti­tut ges­tern. Seit An­fang des Jah­res sei in Ber­lin die An­zahl ver­füg­ba­rer Miet­woh­nun­gen, die 2014 oder frü­her ge­baut wur­den, be­reits um 47 Pro­zent ge­sun­ken. Der An­teil von Ei­gen­tums­woh­nun­gen stieg hin­ge­gen um 4,7 Pro­zent. Der Miet­woh­nungs­markt wür­de so­mit klei­ner und „schwe­rer zu­gäng­lich für ein­kom­mens­ar­me Haus­hal­te“.

Un­ter­des­sen hat die In­dus­trie­ge­werk­schaft Bau­en­Agrar-Um­welt

(IG Bau) ei­nen ekla­tan­ten Man­gel an al­ters­ge­rech­tem Wohn­raum be­klagt. Bis 2030 müss­ten in Deutsch­land min­des­tens vier Mil­lio­nen der­ar­ti­ge Woh­nun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen, er­klär­te Ge­werk­schafts­chef Ro­bert Fei­ger ges­tern. Zur­zeit ge­be es nur knapp ei­ne Mil­li­on se­nio­ren­ge­rech­te Woh­nun­gen bei ei­ner schnell zu­neh­men­den Be­völ­ke­rung in der Al­ters­grup­pe „65plus“. Die­se wer­de bis 2035 rund 24 Mil­lio­nen Men­schen zäh­len. Fei­ger er­war­tet, dass nur ein ge­rin­ger Teil des Be­darfs über Neu­bau­ten ab­ge­deckt wer­den kann.

 ?? Fo­to: dpa/Peter Kneffel ?? Neu­bau­sied­lung: Wer in den ei­ge­nen vier Wän­den le­ben will, muss deut­lich tie­fer in die Ta­sche grei­fen.
Fo­to: dpa/Peter Kneffel Neu­bau­sied­lung: Wer in den ei­ge­nen vier Wän­den le­ben will, muss deut­lich tie­fer in die Ta­sche grei­fen.

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