Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

EU muss vor Chi­na nicht ku­schen

ANA­LY­SE Wie ab­hän­gig ist Eu­ro­pa vom Rie­sen­reich?

- Von Tho­mas Lud­wig Business · European Politics · Politics · Social Sciences · European Union · China · China · 1. FC Union Berlin · United States of America · Beijing · Xi Jinping · Asia · Europe · Auch · Mercator Institute for China Studies · Union

OS­NA­BRÜCK „Die EU soll­te sich in ih­rer Chi­na-Po­li­tik nicht von über­zo­ge­nen Ängs­ten vor der ei­ge­nen Ver­letz­lich­keit lei­ten las­sen, son­dern auf ih­re Stär­ken be­sin­nen“– zu dem Schluss kommt ei­ne Stu­die des Mer­ca­tor In­sti­tu­te for Chi­na Stu­dies (Me­rics) zur wirt­schaft­li­chen Ver­flech­tung der Eu­ro­päi­schen Uni­on und der Volks­re­pu­blik.

Chi­na ist nach den USA heu­te zweit­wich­tigs­ter Han­dels­part­ner der Eu­ro­pä­er. Zwi­schen 2000 und 2019 hat sich das zwi­schen­staat­li­che Han­dels­vo­lu­men na­he­zu ver­acht­facht, 2019 be­lief es sich auf 560 Mil­li­ar­den Eu­ro. Bis zu den Fei­ern der 100-jäh­ri­gen Grün­dung der Volks­re­pu­blik in 2049 will Pe­king wirt­schaft­lich und tech­no­lo­gisch zur welt­wei­ten Num­mer eins auf­stei­gen. Ent­spre­chend tritt die Re­gie­rung in Pe­king im­mer selbst­be­wuss­ter auf und ver­sucht an­de­re Län­der über öko­no­mi­sche Pro­jek­te, Fi­nanz- und Wirt­schafts­hil­fen an sich zu bin­den.

Bei al­len Be­kennt­nis­sen zu of­fe­nen Märk­ten – so­eben erst hat sich Staats- und Par­tei­chef Xi Jin­ping zum Asi­en-Pa­zi­fi­kGip­fel (Apec) ge­gen Pro­tek­tio­nis­mus und ei­ne „Ent­kop­pe­lung“von Volks­wirt­schaf­ten aus­ge­spro­chen und an­ge­kün­digt, Chi­nas „Tü­ren zur Welt noch wei­ter zu öff­nen“: Un­ter Xi gilt „Chi­na First“.

Pe­kings star­ker Mann: Xi Jin­ping.

Vor die­sem Hin­ter­grund wächst in Eu­ro­pa die Sor­ge, mit dem Ri­va­len und des­sen wach­sen­den Ein­fluss mit­tel­fris­tig schwer mit­hal­ten zu kön­nen. Tat­säch­lich ist Pe­king zu­neh­mend in der La­ge, wirt­schaft­li­chen Zwang auch auf eu­ro­päi­sche Ak­teu­re aus­zu­üben. Da­bei ha­be die EU we­nig zu be­fürch­ten, wenn sie denn mit ei­ner Stim­me spre­che, so Me­rics-Chef­öko­nom Max J. Zeng­lein.

Zwar be­ein­flus­sen sei­ner Ana­ly­se zu­fol­ge Chi­nas In­no­va­ti­ons­kraft und dy­na­mi­scher Markt auch Ent­schei­dun­gen in eu­ro­päi­schen Un­ter­neh­men. „Ins­ge­samt bleibt de­ren Ab­hän­gig­keit vom chi­ne­si­schen Markt je­doch be­schränkt. Eu­ro­pa und die USA sind als Märk­te genau­so wich­tig, wenn nicht noch be­deut­sa­mer.“

Ei­ne Stich­pro­be von 25 eu­ro­päi­schen Fir­men er­laubt dem­nach Rück­schlüs­se über die Ab­hän­gig­keit von Fir­men vom chi­ne­si­schen Markt: 2019 er­wirt­schaf­te­ten sie im Schnitt 11,2 Pro­zent ih­res Um­sat­zes in der Volks­re­pu­blik.

Auch in den Be­rei­chen Han­del und In­ves­ti­tio­nen spie­len chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men, vor al­lem im Ver­gleich mit den USA, wei­ter­hin ei­ne re­la­tiv ge­rin­ge Rol­le.

Tat­säch­lich hat die Co­vid19-Pan­de­mie ein­mal mehr die ge­gen­sei­ti­gen Ab­hän­gig­kei­ten be­son­ders sicht­bar ge­macht. Eu­ro­pa weist dem­zu­fol­ge bei Phar­ma-, Che­mie­und Elek­tro­nik­pro­duk­ten ei­ne kri­ti­sche Ab­hän­gig­keit von Chi­na auf, ins­be­son­de­re bei Kom­po­nen­ten im un­te­ren Be­reich der Wert­schöp­fungs­ket­te. In 103 Pro­dukt­ka­te­go­ri­en, dar­un­ter Elek­tro­nik, Che­mie, Mi­ne­ra­li­en/Me­tal­le und Arz­nei­mit­tel/Me­di­zin, be­steht laut Me­rics ei­ne kri­ti­sche Ab­hän­gig­keit von Im­por­ten aus dem Reich der Mit­te. Aber auch Chi­na wür­de un­ter schlech­te­ren Be­zie­hun­gen mit der EU lei­den; im­mer­hin zählt die Uni­on zu den größ­ten aus­län­di­schen In­ves­to­ren und schafft da­mit zahl­rei­che Ar­beits­plät­ze auch in der Volks­re­pu­blik. Zu­dem sei die EU für Chi­na ein wich­ti­ger Markt und ei­ne Qu­el­le von tech­no­lo­gi­schem Know-how.

Fa­zit der Me­rics-Ana­ly­se: „An­ge­sichts wach­sen­der po­li­ti­scher Di­ver­gen­zen und wirt­schaft­li­cher Kon­kur­renz müs­sen eu­ro­päi­sche Ak­teu­re Ab­hän­gig­keit, Schwä­chen und Stär­ken rea­lis­tisch be­wer­ten, um zwi­schen Chi­na als Wett­be­wer­ber und Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner zu ba­lan­cie­ren.“

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Fo­to: dpa/Li Xue­ren/Xin­Hua

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