Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

Was sa­gen uns al­te In­schrif­ten?

Auf den his­to­ri­schen Os­na­brü­cker Fried­hö­fen er­zäh­len Grä­ber Ge­schich­ten

- Von Jann We­ber Stein, St. Gallen · Norden, Lower Saxony · William Welch · FC Bayern Munich · Paul Celan · Gospel of John · Immanuel Kant · Seneca the Younger

OS­NA­BRÜCK Wer lässt sich bei ei­nem Spa­zier­gang auf ei­nem Fried­hof nicht von Ge­dan­ken über den Tod und über das Le­ben be­rüh­ren? Die Grä­ber, St­ei­ne und In­schrif­ten wir­ken. Und manch­mal ma­chen sie neu­gie­rig. An ei­nem der Grä­ber auf dem Os­na­brü­cker Ha­se­fried­hof hal­ten sich man­che Spa­zier­gän­ger be­son­ders lan­ge auf. Sie ent­de­cken, dass die In­schrift des run­den Denk­mals als Spi­ra­le wie ein Sog in die Mit­te führt: „Wo je­des Du ein Ast, an dem ich hän­ge, als ein Blatt, das schwebt und ruht. Die Zeit kehrt zu­rück in die Scha­le. Wir schla­fen wie Wein in Mu­scheln. Es ist Zeit, dass der St­ein blüht. Ich schwe­be Euch vor­aus als ein Blatt, das weiß, wo die To­re sich, das Tor sich auf­tut.“Es ist ein Bild für den Weg vom Dies­seits ins Jen­seits.

Wer re­cher­chiert, fin­det her­aus, dass es sich um leicht ab­ge­wan­del­te Ver­se aus drei ver­schie­de­nen Ge­dich­ten von Paul Ce­lan han­delt und für die­ses Denk­mal neu kom­bi­niert wur­den: „Auf ho­her See“, „Ein Körn­chen Sands“und – aus­ge­rech­net – „Co­ro­na“. Auf ei­ner klei­nen Ta­fel da­ne­ben sind die Na­men drei­er Fa­mi­li­en ein­gra­viert, aber oh­ne Jah­res­zah­len. Vi­el­leicht, weil die Zeit „zu­rück in die Scha­le“kehrt, wie es in ei­nem der Ver­se heißt?

Vol­ler Ge­schich­ten

Doch der Ver­zicht auf Jah­res­zah­len ist ei­ne Aus­nah­me. Die Grä­ber mit Na­men, Da­ten und In­schrif­ten ma­chen ge­ra­de die his­to­ri­schen Fried­hö­fe – den Ha­se­fried­hof im Nor­den und den Jo­han­nis­fried­hof im Sü­den Os­na­brücks – zu Or­ten nicht al­lei­ne des Ge­den­kens. Sie sind vol­ler Ge­schich­ten, zu de­nen auch die Fan­ta­sie der Be­su­cher ge­hört, wenn sie sich vor­stel­len, wel­che Men­schen es wa­ren, die hier be­gra­ben lie­gen, und sich auch fra­gen, wel­che Über­zeu­gun­gen und Wün­sche die In­schrif­ten und die Gestal­tung der Grä­ber of­fen­ba­ren.

Wäh­rend der ers­ten Jahr­zehn­te des Be­ste­hens der bei­den his­to­ri­schen Fried­hö­fe wa­ren die Grä­ber eher ein­fach ge­hal­ten. Erst im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts und bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein wur­den sie auf­wen­di­ger ge­stal­tet – bis hin zu Ehr­furcht ge­bie­ten­den Bau­wer­ken. Spä­ter wur­den die Grä­ber wie­der schlich­ter, doch fin­det sich zwi­schen ih­nen im­mer wie­der fi­li­gran ge­stal­te­tes Kunst­hand­werk.

Auf vie­len Denk­mä­lern sind Le­bens­leis­tun­gen, Kar­rie­ren und die Be­deu­tung der Ver­stor­be­nen do­ku­men­tiert: Ti­tel, Äm­ter und Be­ru­fe – ob Arzt oder Leh­rer, Mau­rer­meis­ter, Pro­fes­sor oder Se­na­tor. Und wenn Men­schen in den Welt­krie­gen ums Le­ben ge­kom­men sind, ist zu le­sen, an wel­chem Ort sie ge­fal­len sind. Hier und da wer­den seit ei­ni­gen Jah­ren mit zu­sätz­li­chen Ta­feln die Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­wür­digt, manch­mal nicht weit ent­fernt von Grä­bern, in de­nen Men­schen lie­gen, die mit der Dik­ta­tur zu­min­dest sym­pa­thi­siert ha­ben. Je mehr die­ser Ge­schich­ten der Be­su­cher kennt,

des­to mehr ge­rät der Be­such auf dem Ha­se­fried­hof und auf dem Jo­han­nis­fried­hof auch zum nach­denk­li­chen Gang durch die deut­sche Ge­schich­te.

Oft geht es bei In­schrif­ten auf Denk­mä­lern um die Ver­gäng­lich­keit, wie in die­sem Fall: „Der Mensch ist Staub, sein Le­ben ver­dor­ret wie Gras. Ge­den­ket dar­an!“Als Qu­el­le wird der Psalm 103,14 an­ge­ge­ben. Tat­säch­lich han­delt es sich um ei­ne zu­ge­spitz­te For­mu­lie­rung oh­ne den ei­gent­lich barm­her­zi­gen Cha­rak­ter des Bi­bel­tex­tes.

Manch­mal neh­men die In­schrif­ten ei­ne gött­li­che Per­spek­ti­ve ein: „Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Le­ben.“Mit die­sem Satz aus dem Jo­han­nes-Evan­ge­li­um wird Je­sus zi­tiert. An ei­nem an­de­ren Gr­ab scheint es der Ver­stor­be­ne zu sein, der aus ei­nem Psalm zi­tiert: „Du bist mein Gott. Mei­ne Zeit ste­het in Dei­nen Hän­den.“

Auf an­de­ren Denk­mä­lern kom­men die An­ge­hö­ri­gen zu

Wort, die das Dies­seits im Blick ha­ben. Dann geht es oft um das künf­ti­ge Wir­ken der Ver­stor­be­nen: „Du lebst in un­se­ren Her­zen.“Oder: „Wer im Ge­dächt­nis sei­ner Lie­ben lebt, ist ja nicht todt, er ist nur fern! Todt nur ist, wer ver­ges­sen wird.“Die­ser Spruch stammt aus dem Schau­spiel „Der Stern von Se­vil­la“von Chris­ti­an von Zed­litz, wird aber ge­le­gent­lich Im­ma­nu­el Kant oder auch Se­ne­ca un­ter­ge­scho­ben – die­ser Feh­ler ist Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lern auf­ge­fal­len, aber er ist auf den his­to­ri­schen Fried­hö­fen of­fen­bar nicht be­gan­gen wor­den, denn hier wird die Qu­el­le nicht ge­nannt.

Fast wie ein Trost für den Ver­stor­be­nen wirkt die­ses Bi­bel­zi­tat: „Wir wis­sen aber, dass de­nen, die Gott lie­ben, al­le Din­ge zum Bes­ten die­nen.“Und für die Hoff­nung auf ein Wie­der­se­hen im Jen­seits steht die­ser Spruch, der je­doch nicht aus der Bi­bel stammt: „In Got­tes Rat­schluss steht ge­schrie­ben: Es se­hen sich wie­der, die sich lie­ben.“Die­se Hoff­nung drückt auch ei­ne knap­pe For­mu­lie­rung auf ei­nem wei­te­ren Gr­ab aus: „ Auf Wie­der­se­hen!“

Rich­tig ver­stan­den?

Die Wür­di­gung für ei­nen Ver­stor­be­nen liest sich so: „Warst mir im Le­ben lieb und wert, im To­de un­ver­gess­lich.“Die In­schrift für des­sen spä­ter ver­stor­be­ne Frau lau­tet: „Sie hat ge­tan, was sie konn­te.“Man­che er­in­nert die­ser Spruch an heu­ti­ge Zeug­nis­se, in de­nen Ar­beit­ge­ber ih­re Be­schäf­tig­ten als „stets be­müht“be­zeich­nen – und so nur schein­bar lo­ben. Aber war das auch frü­her so?

Vi­el­leicht war die­se In­schrift vor 100 Jah­ren gar kein zwei­fel­haf­tes Lob. Und vor al­lem: Es han­delt sich um den An­fang ei­nes Zi­ta­tes aus dem Mar­kus-Evan­ge­li­um, das kom­plett so lau­tet: „Sie hat ge­tan, was sie konn­te; sie hat mei­nen Leib im Vor­aus ge­salbt zu mei­nem Be­gräb­nis.“Der Bi­bel nach ver­tei­dig­te Je­sus mit die­sen Wor­ten die Ehr­er­bie­tung ei­ner Frau, die ihn – nicht lan­ge vor der Kreu­zi­gung – mit be­son­ders kost­ba­rem Öl ge­salbt hat­te und nun von an­de­ren da­für kri­ti­siert wur­de.

Der Ha­se­fried­hof und der Jo­han­nis­fried­hof sind in­zwi­schen selbst zu Denk­mä­lern ge­wor­den. Seit ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert wird hier nie­mand mehr be­gra­ben, aber man­ches Gr­ab wird nach wie vor von An­ge­hö­ri­gen be­sucht und ge­pflegt. Gleich­zei­tig sind sie zu idyl­li­schen Parks ge­wor­den. Die­sen An­spruch ha­ben die heu­ti­gen Fried­hö­fe zwar nicht, doch auch dort gilt das, was St­ein­metz Ber­nard Feld­ker sagt: „Gr­ab­stei­ne er­zäh­len Ge­schich­ten.“

Und bei Feld­kers Ar­beit geht es auch um die Ge­schich­te des Ver­stor­be­nen. Da­nach fragt er die An­ge­hö­ri­gen, wenn es um ei­ne in­di­vi­du­el­le Gr­ab­ge­stal­tung geht. „Ich fin­de es gut, wenn je­mand et­was Per­sön­li­ches möch­te.“Die Ent­schei­dung, wie ein Gr­ab aus­se­hen soll und was auf dem Denk­mal ste­hen soll, muss oft rei­fen, er­zählt er: „Das geht nicht in fünf Mi­nu­ten. Manch­mal dau­ert es Mo­na­te, vi­el­leicht so­gar ein hal­bes Jahr.“Sein Ziel ist es, dass die An­ge­hö­ri­gen ih­re Ent­schei­dung „mit ei­nem gu­ten Ge­fühl“tref­fen. Kreu­ze, Zi­ta­te aus der Bi­bel und Tauf­s­prü­che sind im Lau­fe der Jah­re auf den Grä­bern sel­te­ner ge­wor­den. Die

St­ein­met­ze Mat­thi­as Pu­fe und Ber­nard Feld­ker se­hen aber ei­nen Trend: Mehr En­gel. Und vie­le Grä­ber sind klei­ner, denn heu­te über­wie­gen Ur­nen­be­stat­tun­gen bei Wei­tem.

Vor­schrif­ten müs­sen sein

Gr­ab­stei­ne müs­sen ge­neh­migt wer­den. Die St­ein­met­ze müs­sen des­halb stets ei­nen An­trag bei der Fried­hofs­ver­wal­tung stel­len. Die of­fi­zi­el­le Be­zeich­nung lau­tet „An­zei­ge ei­nes Bau­vor­ha­bens zur Er­rich­tung oder Än­de­rung ei­ner Gr­ab­mal­an­la­ge“. Eva Gü­se von der Fried­hofs­ver­wal­tung spricht lie­ber von ei­ner „Gr­ab­mal­an­zei­ge“. Bei der geht es vor­wie­gend um Vor­schrif­ten wie die Ab­de­ckung des Gr­a­bes und um die Wür­de, die auf dem Fried­hof ein­zu­hal­ten ist. An In­schrif­ten, die von der Stadt nicht ge­neh­migt wur­den, kann sie sich nicht er­in­nern. St­ein­metz Mat­thi­as Pu­fe er­in­nert sich dar­an, dass auch schon mal ein Denk­mal mit zwei ein­gra­vier­ten Pis­to­len ge­neh­migt wor­den ist. Eben­so ei­nes mit ei­nem Wap­pen des Fuß­ball­clubs Bay­ern Mün­chen, doch: „Das wur­de zer­stört.“Der St­ein­metz be­rich­tet, dass ein An­hän­ger ei­nes ri­va­li­sie­ren­den Fuß­ball­ver­eins mit dem Be­kennt­nis auf dem Denk­mal „wohl nicht ein­ver­stan­den“war.

Doch auch wenn nichts drauf­steht, kön­nen St­ei­ne wir­ken. Und so­gar dann, wenn es sich nicht ein­mal um Gr­ab­stei­ne han­delt. Das ist auf dem his­to­ri­schen Jo­han­nis­fried­hof der Fall – ge­nau­er ge­sagt: im Jo­han­nis­la­by­rinth. Vor ei­ni­gen Jah­ren ist dort ein Trau­er­gar­ten nach ei­nem Kon­zept der da­ma­li­gen Hoch­schul­stu­den­tin­nen An­na-Le­na Mei­ners, Le­na Ra­sche und Ki­ra Sig­ge ent­stan­den. Der Ver­ein Os­na­brü­cker Ho­s­piz lädt re­gel­mä­ßig zu Trau­er­treffs im Jo­han­nis­la­by­rinth ein. Und so man­cher Spa­zier­gän­ger hält sich dort ger­ne al­lei­ne auf.

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Paul Ce­lan ver­wen­det.
Fo­to: Jann We­ber Ei­ne In­schrift wie ein Sog von au­ßen nach in­nen: Für die­ses Gr­ab auf dem Ha­se­fried­hof wur­den Zei­len aus drei Ge­dich­ten von Paul Ce­lan ver­wen­det.

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