Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst

Ei­ne un­glaub­li­che Le­bens­ge­schich­te

1966 wird Eri­ka Schinegger Welt­meis­te­rin im Ab­fahrts­lauf – zwei Jah­re spä­ter stellt sich her­aus, sie ist ge­ne­tisch ein Mann

- Von Su­san­ne Ha­ver­kamp Porsche Automobil Holding SE · Austria · Grenoble · Germany · Carinthia · Kärnten · ARD · Obritzberg-Rust

OS­NA­BRÜCK Ein Por­sche rast über ei­ne kur­vi­ge Stra­ße. Da­rin ein jun­ger Mann mit An­zug und Son­nen­bril­le, viel Tes­to­ste­ron und eben­so viel gu­ter Lau­ne. Die en­det an ei­nem Bau­ern­hof. „Eri­ka“, be­grüßt der Bau­er den jun­gen Mann. „Vat­ter, ich hei­ße jetzt Erik. Ein­fach Erik.“Wir schrei­ben das Jahr 1968.

Ein Jahr zu­vor hieß Erik noch Eri­ka Schinegger und war ein ös­ter­rei­chi­scher Sport­star. Da­mals gab es noch kei­nen Ge­schlecht­s­ein­trag „Di­vers“, aber die Sa­che gab es trotz­dem: dass ein Mensch ir­gend­wie nicht ganz Frau und nicht ganz Mann war. Bei Eri­ka ist das so. Schon als Kind ist sie an­ders als an­de­re Mäd­chen. Wil­der. Ein hal­ber Jun­ge, wie man so sagt. Teils är­gert die El­tern das Ma­derl, das an Trak­to­ren schraubt und sich nicht an die üb­li­chen Rol­len­zu­wei­sun­gen hält, teils sind sie stolz dar­auf. Zu­mal, als Eri­ka ih­re Wild­heit in sport­li­che Er­fol­ge um­münzt. Auf der Ski­pis­te fährt die Kärntnerin al­len Mäd­chen – und den meis­ten Jungs – da­von. Erst im Dorf und dann im ös­ter­rei­chi­schen Na­tio­nal­ka­der. Dass sie ei­ne tie­fe­re Stim­me als üb­lich hat, we­der Bu­sen noch die Re­gel­blu­tung be­kommt und ihr gan­zer Kör­per­bau we­nig weib­lich ist, das sieht nie­mand oder will nie­mand se­hen. Sie selbst am we­nigs­ten.

1966 wird Eri­ka Welt­meis­te­rin im Ab­fahrts­lauf. Acht­zehn Jah­re ist sie da alt, und ganz Ös­ter­reich ju­belt „un­se­rem Gold-Mädl“zu. Zwei Jah­re spä­ter stürzt sie tief. Vor den Olym­pi­schen Win­ter­spie­len 1968 in Gre­no­ble wer­den neue bio­lo­gi­sche Er­kennt­nis­se um­ge­setzt – ei­ne Art ers­ter

Do­ping­test. Der Blut­test von Eri­ka Schinegger ver­wirrt – sie hat nicht nur den Tes­to­ste­ron-Wert ei­nes Man­nes, sie hat auch ein Y-Chro­mo­som, wo ei­gent­lich ein Dop­pel-X hin­ge­hört: Eri­ka ist ge­ne­tisch ein Mann. Ih­re Ge­schlechts­tei­le sind le­dig­lich nach in­nen ge­wach­sen, ein Pseu­doherm­aphro­di­tis­mus,

auch In­ter­se­xua­li­tät ge­nannt, ei­ne Fehl­bil­dung, von der in Deutsch­land rund 150 Neu­ge­bo­re­ne pro Jahr be­trof­fen sind.

Da­mals, 1968, wa­ren von die­ser Dia­gno­se al­le über­for­dert: das Ski­team, die Fa­mi­lie, die Öf­fent­lich­keit und na­tür­lich Eri­ka selbst, der hal­be

Jun­ge, der plötz­lich ein gan­zer ist. „Ein paar Ta­blet­ten, dann wird das schon wie­der“, sagt der Trai­ner. Aber erst soll Eri­ka von der Bild­flä­che ver­schwin­den. Und sie muss ei­ne Rück­tritts­er­klä­rung un­ter­schrei­ben. „Ren­nen fährst du nim­mer!“

Der Spiel­film „Ei­ner wie Eri­ka“er­zählt die Ge­schich­te von Erik Schinegger (ge­spielt von Mar­kus Frei­stät­ter) nach, der heu­te Va­ter ei­ner Toch­ter und Be­sit­zer ei­ner Ski­schu­le in Kärn­ten ist. Die Zeit als Eri­ka, aber vor al­lem die schwe­re Zeit da­nach, die zu­erst wie ei­ne Ka­ta­stro­phe wirkt, aber tat­säch­lich ei­ne Be­frei­ung ist. Denn auch wenn vie­le ihr zu ei­ner ge­schlechts­an­glei­chen­den Ope­ra­ti­on zur Frau ra­ten – Erik ist ein Mann, die Chro­mo­so­men lü­gen nicht. Auch wenn Eri­ka selbst das zu­erst nicht be­greift. Der Film ist nicht nur des­halb se­hens­wert,

weil er das ver­ges­se­ne Schick­sal ei­nes „gan­zen Kerls“zeigt. Son­dern auch, weil die Si­tua­ti­on im Spit­zen­sport seit­dem kaum bes­ser ge­wor­den ist. Das zeig­ten 2019 die Ent­hül­lun­gen über die ugan­di­sche Läu­fe­rin An­net Ne­ge­sa, der in ei­nem zwei­fel­haf­ten Ver­fah­ren in­nen­lie­gen­de Ho­den ent­fernt wur­den, nach­dem er­höh­te Tes­to­ste­ron­wer­te auf­ge­fal­len wa­ren.

Ei­ner wie Eri­ka. Das Ers­te, mor­gen, 20.15 Uhr.

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Fo­to: SWR/ORF/Lo­tus Film/Zeit­sprung Pictures/Fe­li­pe Kolm Der Stolz des Dor­fes: Eri­ka (Mar­kus Frei­stät­ter) wird vom Bür­ger­meis­ter (Franz Wei­chen­ber­ger) als Welt­meis­te­rin ge­fei­ert.
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Fo­to: imago images/K.Pi­les Lei­tet mitt­ler­wei­le ei­ne Ski­schu­le: der ech­te Erik Schinegger.

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