Weib­li­ches Fin­ger­spit­zen­ge­fühl

Zum ers­ten Mal lernt Chris­ti­ne den be­rühm­ten – und stren­gen – Va­ter ih­rer jun­gen Kol­le­gin Sa­rah ken­nen. Doch Chris­ti­ne lässt sich nicht von ihm ein­schüch­tern. Und plötz­lich stel­len die bei­den fest, wie ähn­lich sie ein­an­der sind …

Neue Post - - Mein Roman -

Mein Va­ter ist mor­gen in der Stadt.“Sa­rah war ganz au­ßer Atem. „Und er will abends mit mir und Ben Es­sen ge­hen. Bit­te komm mit.“Chris­ti­ne ver­kniff sich ein Schmun­zeln. Fe­lix von Per­rig, Sa­rahs Va­ter, war ein in­ter­na­tio­nal be­kann­ter Rechts­ge­lehr­ter, der es sei­ner Toch­ter nie ver­zie­hen hat­te, dass sie in ei­ne schnö­de An­walts­kanz­lei ein­ge­stie­gen war. Und dass Sa­rahs neu­er Freund Ben, der als Wirt­schafts­prü­fer ar­bei­te­te, auch nicht un­be­dingt sei­ne Zu­stim­mung fand, ver­stand sich von selbst.

Chris­ti­ne ließ sich nicht ein­schüch­tern

„Du musst ihm end­lich er­klä­ren, dass ich mich hier nicht für viel Geld ver­kau­fe“, fleh­te Sa­rah. „Das bist du mir schul­dig.“Dem konn­te Chris­ti­ne nicht wi­der­spre­chen. War sie es doch ge­we­sen, die Sa­rah schon als Stu­den­tin an­ge­wor­ben hat­te für ih­re Kanz­lei. Weil sie in der jun­gen Frau ein un­glaub­li­ches Po­ten­zi­al ge­se­hen hat­te. Seit­dem war Chris­ti­ne so et­was

wie Sa­rahs Men­to­rin. Und sie ge­noss die Freund­schaft zu der um zwan­zig Jah­re jün­ge­ren Frau.

„Okay“, sag­te sie al­so. „Wo tref­fen wir uns?“Sa­rah schlug ein neu­es Sze­ne­lo­kal

vor. „ Ich ken­ne dei­nen Va­ter ja nur aus dei­nen Er­zäh­lun

gen. Aber glaubst du nicht, dass ein et­was ge­die­ge­ne­res Re­stau­rant ihm bes­ser ge­fällt?“Sa­rah zuck­te die Schul­tern. „Kannst du was aus­su­chen?“Chris­ti­ne ver­sprach, sich zu küm­mern.

Noch ein­mal nach Hau­se zu fah­ren, um sich um­zu­zie­hen, war nicht mehr drin. Al­so mach­te sich Chris­ti­ne im Ba­de­zim­mer der Kanz­lei frisch und wähl­te aus den Klei­dern aus, die sie für Not­fäl­le im Bü­ro­schrank lie­gen hat­te. Auch sie woll­te Pro­fes­sor von Per­rigs Vor­ur­tei­le ge­gen An­wäl­tin­nen nicht gleich be­stä­ti­gen, in­dem sie im teu­ren De­si­gner-Ko­s­tüm und mit stren­ger Hoch­steck­fri­sur er­schien. Al­so ent­schied sie sich für ein schlich­tes Kleid und ließ ih­re Haa­re of­fen.

Ben, Sa­rah und ihr Va­ter sa­ßen schon am Tisch, als Chris­ti­ne her­ein­kam. Und an Sa­rahs Blick konn­te sie er­ken­nen, dass sie be­reits sehn­lichst er­war­tet wur­de. Im­mer­hin schien das Re­stau­rant Herrn von Per­rigs Ge­fal­len zu fin­den – er stu­dier­te mit sicht­li­cher Be­geis- te­rung die Wein­kar­te und be­grüß­te Chris­ti­ne bei­läu­fig. Nach­dem er ei­ne Fla­sche Ries­ling ge­or­der­te hat­te, leg­te er die Kar­te zur Sei­te und mus­ter­te Chris­ti­ne. „Sie sind al­so die­je­ni­ge, die mei­ner Toch­ter den Floh ins Ohr ge­setzt hat, ih­re Uni­ver­si­täts­lauf­bahn in den Wind zu schie­ßen“, stell­te er fest. „Pa­pa!“, ging Sa­rah da­zwi­schen, doch er ließ sich nicht un­ter­bre­chen. „ Da­bei hät­te ich ihr mit mei­nen Kon­tak­ten den Weg zu ei­ner in­ter­na­tio­na­len Kar­rie­re eb­nen kön­nen. Statt­des­sen ver­tritt sie jetzt ir­gend­wel­che Leu­te vor Ge­richt.“„Eben.“Chris­ti­ne hat­te nicht vor, sich von ihm ein­schüch­tern zu las­sen. „Und ge­nau die­se Leu­te brau­chen ei­ne An­wäl­tin wie Sa­rah. Die nicht nur ju­ris­tisch kom­pe­tent ist, son­dern das rich­ti­ge Fin­ger­spit­zen­ge­fühl hat.“

„ Der Punkt geht an Sie“, er­klär­te er

Auf die­sen Sei­ten­hieb hat­te sie ein­fach nicht ver­zich­ten kön­nen. „Und Sie mei­nen, an Fin­ger­spit­zen­ge­fühl man­gelt es mir?“, knurr­te Pro­fes­sor von Per­rig. „Könn­te doch sein“, er­wi­der­te Chris­ti­ne lä­chelnd. „Wenn Sie nicht be­grei­fen, dass Ih­re Toch­ter ih-

ren ei­ge­nen Weg fin­den muss. Und nicht ein­fach in Ih­re Fuß­stap­fen tre­ten möch­te.“

Sa­rahs Va­ter schwieg. Sei­ne Toch­ter sank un­glück­lich in

ih­rem Stuhl zu­sam­men. Und Ben ver­such­te ver­geb­lich, sich un­sicht­bar zu ma­chen. Nach ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit nick­te Pro­fes­sor von Per­rig. „Der Punkt geht an Sie“, er­klär­te er.

Da­mit war das The­ma vom Tisch. Und Sa­rahs Va­ter ent­pupp­te sich als der char­man­tes­te Ge­sprächs­part­ner, den man sich nur vor­stel­len konn­te. So­gar zu Ben war er freund­lich. Aber es mach­te ihm am meis­ten Spaß, mit Chris­ti­ne ju­ris­ti­sche Spitz­fin­dig­kei­ten zu dis­ku­tie­ren. Und sie muss­te fest­stel­len, dass sie sich seit Ewig­kei­ten nicht mehr so gut mit ei­nem Mann un­ter­hal­ten hat­te.

Sie freu­te sich über das Kom­pli­ment

Am nächs­ten Mor­gen be­dank­te sich Sa­rah über­schwäng­lich bei Chris­ti­ne. „Von jetzt an muss mein Va­ter mich ernst neh­men“, sag­te sie. „Wahr­schein­lich bist du die ers­te Frau, die ihm je­mals Pa­ro­li ge­bo­ten hat. Mei­ne Mut­ter konn­te das nie, des­halb hat die Ehe ja auch nicht ge­hal­ten.“Chris­ti­ne freu­te sich über das Kom­pli

ment. Noch glück­li­cher war sie al­ler­dings, als vor­mit­tags ein Blu­men­strauß an sie ge

lie­fert wur­de. „Ich wür­de mich freu­en, wenn wir un­ser Ge­spräch bald fort­set­zen könn­ten“, hat­te Sa­rahs Va­ter auf die bei­lie­gen­de Kar­te ge­schrie­ben. Da­von er­zähl­te Chris­ti­ne sei­ner Toch­ter erst ein­mal nichts. Denn wenn das, was ges­tern Abend an­ge­fan­gen hat­te, wei­ter­ging, wür­de es auf je­den Fall Fin­ger­spit­zen­ge­fühl brau­chen. Ju­ris­ten konn­ten lan­ge sach­lich blei­ben. Aber wenn die Lie­be ein­schlug – dann wa­ren auch sie macht­los …

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