Ge­ständ­nis oh­ne Fol­gen

An­ony­me Läs­te­rei­en: Bei „Whi­s­per“kön­nen Ar­beit­neh­mer im In­ter­net Kl­ar­text re­den

Neue Presse - - PANORAMA - VON LE­NA MO­DROW

Wenn Ho­tel­mit­ar­bei­ter an­onym aus­plau­dern, wie es an ih­rem Ar­beits­platz wirk­lich zu­geht, be­stä­ti­gen sich die schlimms­ten Be­fürch­tun­gen. „Manch­mal zie­he ich die Bet­ten nicht ab. Ich ma­che das Bett nur neu und ent­fer­ne die Haa­re mit ei­nem Fus­sel­el rol­ler – das geht ein­fach schnel­el­ler“, ver­rät ein Zim­mer­mäd­chen.n. Wei­te­re füh­len sich er­mu­tigt und ge­ste­hen: Die Hand­tü­cher wer­den nur sel­ten ge­wech­selt und des Öf­te­ren neh­men sich die An­ge­stell­ten et­was von dem Es­sen, das sie ei­gent­lich un­an­ge­tas­tet aufs Zim­mer brin­gen sol­len.

Ekel­haft? Das macht es nur r um­so reizvoller – für die Ge­stän­di­gen und ih­re Le­ser der App „Whi­s­per“. Be­reits 30 Mil­lio­nen n ak­ti­ve Flüs­te­rer, so die Über­sett­zung, hat die kos­ten­freie An­wenn­dung, die ver­spricht: End­lich ch kann je­der die Ge­heim­nis­se un­e­r­er­kannt aus­plau­dern. Ein di­gi­ta­le­ses Schlüs­sel­loch in meis­tens ver­bo­r­or­ge­ne Ge­wer­be. Nicht nur Ho­te­le­lan­ge­stell­te, auch das Schnell­res­stau­rant-Per­so­nal oder die Diss­ney­land-Mit­ar­bei­ter ma­chen hier er ih­rem schlech­ten Ge­wis­sen Luft. ft. Oder las­sen Dampf über die ach ch so freund­li­che Kund­schaft ab – und die hal­be Welt liest mal amüü­siert, mal an­ge­ekelt, aber im­mer er in­ter­es­siert mit.

„Die An­ony­mi­tät bie­tet Pri­vatat­heit: Kei­ner weiß, wer man ist, und­nd so be­kommt man den Ein­druck,k, sich au­to­nom und frei äu­ßern zu kön­nen“, sagt Sa­bi­ne Trep­te, Proo­fes­so­rin für Me­di­en­psy­cho­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim. „Der Le­ser kann da­von aus­ge­hen, dass die Äu­ße­run­gen ganz au­then­tisch sind“, denn es ge­he den Leu­ten nicht dar­um, sich toll zu prä­sen­tie­ren oder in ge­sell­schaft­li­che Nor­men zu pas­sen, „son­dern oh­ne Angst vor Kon­se­quen­zen zu spre­chen“. Das ge­be den Ge­stän­di­gen ei­ne Form der Ent­las­tung. Noch ziel­füh­ren­der, so sagt es die Expertin, sei na­tür­lich ein per­sön­li­ches Ge­spräch mit ei­nem Ver­trau­ten. „Wenn ich mich an­onym preis­ge­be, wer­de ich mög­li­cher­wei­se ein we­ni­ger wert­vol­les Feed­back be­kom­men, weil die an­de­ren mich gar nicht ken­nen und mei­nen per­sön­li­chen Hin­ter­grund nicht ein­be­zie­hen kön­nen“, er­klärt Trep­te. Im­mer­hin: Ein ers­tes Of­fen­ba­ren in an­ony­mem Um­feld kann Si­cher­heit und Selbst­ver­trau­en ge­ben.

„Whi­s­per“dient al­so als Ven­til, um rich­tig Frust ab­zu­las­sen. Bei den Ge­ständ­nis­sen geht es aber auch um Spaß und das Bre­chen der Kli­schees. Ste­war­des­sen lä­cheln im­mer nur nett und schub­sen Ge­trän­ke durch den Gang? Das trügt. Auch Flug­be­glei­ter ha­ben ih­re Platt­form für Läs­te­rei­en über Pas­sa­gie­re ge­fun­den. Wer er­fah­ren will, was das Flug­per­so­nal wirk­lich denkt, braucht nur Hash­tags wie „crew­li­fe“oder „pas­sen­gers­ha­ming“in so­zia­le Netz­wer­ke wie Twit­ter oder Ins­ta­gram ein­zu­ge­ben und er­hält die gan­ze Band­brei­te von Fehl­trit­ten. Fo­tos von Flug­gäs­ten, die beim Schla­fen auf ih­re Nach­barn fal­len, un­ge­niert ih­re Nä­gel un­ter den Au­gen der Ste­war­dess trim­men oder ih­ren Sitz­platz wie ein Schlacht­feld aus Zei­tun­gen, Es­sens­res­ten und an­de­rem Müll hin­ter­las­sen. „Es gibt wirk­lich nichts, was es nicht gibt“, kom­men­tiert ei­ne Nut­ze­rin auf Ins­ta­gram. „Ich bin froh, dass es hier noch an­de­re Flug­be­glei­ter gibt, die tag­täg­lich ähn­lich ab­sur­de Din­ge se­hen wie ich.“

Ge­mein­sam ab­läs­tern funk­tio­niert wie ei­ne Art Grup­pen­the­ra­pie. „Und denk­bar ist auch ein Ra­che-Ef­fekt“, sagt Trep­te. „Mit­ar­bei­ter be­stimm­ter Be­rufs- grup­pen ar­bei­ten un­ter schlech­ten Be­din­gun­gen und wol­len so mit ei­nem Sys­tem ab­rech­nen, das sie be­nach­tei­ligt.“So wer­den bei­spiels­wei­se im Netz­werk auch Tipps ver­ra­ten, wie man als Ho­tel­gast an der Re­zep­ti­on teu­re Um­bu­chun­gen um­geht oder sich gol­de­ne Arm­banduh-

QNach ei­nem dif­fa­mie­ren­den Face­book-Ein­trag flat­ter­te ei­nem Ar­beit­neh­mer 2012 die Kün­di­gung ins Haus: Er hat­te in­di­rekt das Vi­deo des Deich­kind-Songs „Bück dich hoch“, das die Aus­beu­tung von Ar­beit­neh­mern the­ma­ti­siert, mit den Be­din­gun­gen auf seiner Ar­beits­stel­le ver­gli­chen. Der Mann klag­te ge­gen die Kün­di­gung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm, schließ­lich klär­te er das Pro­blem mit sei­nem Ar­beit­ge­ber au­ßer­ge­richt­lich.

QQDoch das ist nur sel­ten der Fall. So ent­schie­den die Rich­ter im Fall ei­nes Aus­zu­bil­den­den, der sei­nen Ar­beit­ge­ber auf Face­book als „Men­schen­schin­der und Aus­beu­ter“be­zeich­net, dass die Kün­di­gung rech­tens sei – der Ein­trag war ein­deu­tig be­lei­di­gend. Bei der Be­wer­tung kommt es aber auch auf das Pu­bli­kum des Ein­trags an: Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin ei­ner Si­cher­heits­fir­ma hat­te sich auf Face­book über ei­nen Te­le­fon­an­bie­ter be­schwert, bei dem sie von ih­rem Ar­beit­ge­ber ein­ge­setzt wor­den war. Zu­erst er­hielt sie ei­ne Kün­di­gung, doch das Ge­richt ent­schied dann: Ih­re Äu­ße­run­gen wa­ren von der Mei­nungs­frei­heit ge­deckt. Be­rück­sich­tigt wur­de da­bei, dass ihr Ein­trag ur­sprüng­lich nur für Freun­de sicht­bar ge­we­sen ist.

ren er­schleicht. „Mein Boss hat’s ver­dient“, schiebt ein ge­nerv­ter Re­zep­tio­nist hin­ter­her.

Dass die­se Ge­ständ­nis­sen auch da­zu bei­tra­gen kön­nen, die Be­rufs­welt bes­ser zu ma­chen, das zeigt Mat­t­hew Ga­tes‘ Blog „Con­fes­si­ons of the Pro­fes­si­ons“. Hier ver­öf­fent­licht der Webent­wick­ler und stu­dier­te Psy­cho­lo­ge al­les an In­for­ma­tio­nen, um ei­nen un­ge­fil­ter­ten Blick hin­ter die Ku­lis­sen der Jobs zu be­kom­men: „Wenn pri­va­te oder per­sön­li­che In­for­ma­tio­nen über das Be­rufs­le­ben ver­öf­fent­licht wer­den, ver­rät das viel über die all­täg­li­chen De­tails, die Leu­ten hel­fen kön­nen, sich für den rich­ti­gen Be­ruf zu ent­schei­den“, sagt der 31-Jäh­ri­ge. „Au­ßer­dem kön­nen so neue Ide­en ent­ste­hen, wie man man­che Pro­ble­me in der Be­rufs­welt bes­ser lö­sen könn­te.“

IM BÜ­RO GIBT’S NICHT NUR HAR­TE AR­BEIT: „Ich ha­be den gan­zen Tag lang im Bü­ro Do­ku­men­ta­tio­nen ge­schaut statt zu ar­bei­ten.“ GE­STäND­NIS VOM EMP­FANG: Ein Ho­tel­mit­ar­bei­ter ge­steht: „Wenn Gäs­te mich ner­ven, dann de­ak­ti­vie­re ich ein­fach ih­re Schlüs­sel­kar­ten.“...

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