Schwä­chelt die Wirt­schaft?

DIHK-Chef Eric Schweit­zer warnt vor Wohl­stands­ver­lust – und for­dert Um­steu­ern

Neue Presse - - MEINUNG & ANALYSE - VON DIE­TER WONKA

Erst war Deutsch­land Ex­port­welt­meis­ter. Jetzt ist die Re­pu­blik auf dem Weg zum Kon­sum­welt­meis­ter. Was ver­än­dert sich? Ge­fühlt den­ken al­le, uns geht es doch pri­ma. Der Kon­sum läuft, auch dank des güns­ti­gen Eu­roKur­ses, des at­trak­ti­ven Öl­prei­ses, nied­ri­ger Zins­kos­ten und ho­her Lohn­ab­schlüs­se. Wir lau­fen aber der­zeit Ge­fahr, In­dus­trie­an­tei­le und da­mit auch ei­nen Teil un­se­rer Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu ver­lie­ren. Die Ex­por­te wach­sen nur noch um 2 Pro­zent, im Früh­jahr wa­ren wir noch von 3,5 Pro­zent aus­ge­gan­gen. Das ist ei­ne be­sorg­nis­er­re­gen­de Ten­denz. Die Ar­chi­tek­tur un­se­res Wirt­schafts­mo­dells be­ginnt sich zu ver­schie­ben. Aber Deutsch­land kann nicht al­lein vom Kon­sum le­ben und, über­spitzt for­mu­liert, da­von, dass wir uns ge­gen­sei­tig die Haa­re schnei­den. Um wett­be­werbs­fä­hig zu blei­ben, braucht die en­er­gie­in­ten­si­ve In­dus­trie Aus­nah­men von der EEG-Um­la­ge. Und die Wirt­schaft ins­ge­samt be­nö­tigt ei­nen Breit­band­aus­bau. Auch ei­ne wei­te­re Fle­xi­bi­li­sie­rung des Ar­beits­le­bens und ver­ein­fach­te Stand­ort­ge­neh­mi­gun­gen hal­te ich für not­wen­dig. Lähmt die Furcht vor der AfD die Po­li­tik? Die Po­li­tik soll­te das als Auf­for­de­rung ver­ste­hen, bes­ser zu wer­den. De­mo­kra­tie heißt zu re­spek­tie­ren, wie die Men­schen wäh­len. Par­tei­en müs­sen glaub­wür­dig um ihr je­wei­li­ges Kon­zept wer­ben. Man muss sich mit neu­en Wett­be­wer­bern aus­ein­an­der­set­zen, ob der Ein­zel­ne sie mag oder nicht. Ein Un­ter­neh­mer kann auch nicht sa­gen, ich ver­bie­te ei­nen un­lieb­sa­men Kon­kur­ren­ten. Er muss bes­ser wer­den, da­mit sich der Kun­de für ihn und nicht für die Kon­kur­renz ent­schei­det.

Braucht der Ar­beits­markt ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz? Wir soll­ten klar tren­nen zwi­schen Asyl und Zu­wan­de­rung. In­ner­halb der nächs­ten zehn Jah­re wer­den Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze aus de­mo­gra­fi­schen Grün­den frei wer­den – und längst nicht al­le kön­nen mit jun­gen Leu­ten be­setzt wer­den. Wenn wir die Lü­cke nicht durch Po­ten­zia­le im In­land und auch nicht durch Zu­wan­de­rung schlie­ßen, be­kom­men wir ei­nen dra­ma­ti­schen Wohl­stands­ver­lust. Die pla­ka­ti­ve For­de­rung nach ei­nem ganz neu­en Ein­wan­de­rungs­ge­setz hal­te ich aber für über­flüs­sig. Wir sind im Grund­satz ganz gut auf­ge­stellt und ha­ben auch im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich li­be­ra­le Zu­wan­de­rungs­re­ge­lun­gen.

Män­ner ver­die­nen im Schnitt 22 Pro­zent mehr Ge­halt als Frau­en. Brau­chen wir ein Ent­gelt­gleich­heits­ge­setz? Ich hal­te die Dis­kus­si­on für schein­hei­lig. Die Po­li­tik könn­te das Pro­blem lö­sen und zeigt statt­des­sen em­pört auf die Wirt­schaft. Ich ken­ne kei­nen Ar­beit­ge­ber, der bei glei­cher Qua­li­fi­ka­ti­on und Be­rufs-

Die Ar­chi­tek­tur un­se­res Wirt­schafts­mo­dells ver­schie­ben sich. Eric Schweit­zer, DIHK-Prä­si­dent

er­fah­rung Män­ner bes­ser be­zahlt als Frau­en. Kein Ta­rif­ver­trag recht­fer­tigt Lohn­un­ter­schie­de aus ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Grün­den. Fakt ist da­ge­gen: Bei un­se­rem klas­si­schen Schul­mo­dell, bei dem der Un­ter­richt am spä­ten Mit­tag en­det, küm­mert sich ein El­tern­teil, in der Re­gel sind das die Frau­en, um die Er­zie­hung. Es feh­len ih­nen dann wo­mög­lich zehn Jah­re be­ruf­li­che Voll­zeit­er­fah­rung. Al­so brau­chen wir un­be­dingt ei­nen Rechts­an­spruch auf ei­nen Ganz­tags­schul­platz für die El­tern, die das wol­len. Vor der letz­ten Wahl ha­ben auch Uni­on und SPD ver­spro­chen, den Aus­bau der Ganz­tags­schu­len ge­zielt zu för­dern. Nach der Wahl ha­ben sie sich statt­des­sen für die teu­re und fal­sche Müt­ter­ren­te und für die Ren­te ab 63 ent­schie­den. Eric Schweit­zer (50) ist seit 2013 Prä­si­dent des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK). Der Un­ter­neh­mer, der in Ma­lay­sia ge­bo­ren und in Ber­lin auf­ge­wach­sen ist, führt mit sei­nem Bru­der das Re­cyc-

Es ist eben nicht für al­les Geld da. Quatsch. 2009 hat­ten Bund, Län­der und Ge­mein­den ein Steu­er­auf­kom­men von 524 Mil­li­ar­den. 2015 wa­ren es 673 Mil­li­ar­den. 2020 wird mit 808 Mil­li­ar­den ge­rech­net. Wenn man kei­ne Prio­ri­tä­ten auf In­ves­ti­tio­nen setzt, son­dern auf kon­sum­ti­ve Aus­ga­ben, ist das un­red­lich.

Was hal­ten Sie von der Ren­te mit 70? ling- und Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men Al­ba in Ber­lin. Al­ba wur­de von Eric Schweit­zers Va­ter Franz Jo­sef ge­grün­det und ist nicht nur in Ber­lin, son­dern auch in an­de­ren Län­dern Eu­ro­pas und Asi­ens ak­tiv.

Bei Ein­füh­rung un­se­res Ren­ten­sys­tems be­trug die durch­schnitt­li­che Ren­ten­be­zugs­zeit rund zehn Jah­re, heute sind es mehr als 20 Jah­re. Aber das Ren­ten­ein­tritts­al­ter blieb prak­tisch un­ver­än­dert. Das kann öko­no­misch nicht gut ge­hen. Kei­ner will, dass der Mau­rer noch mit 70 auf dem Ge­rüst ste­hen muss. Aber wir brau­chen drin­gend ei­ne fle­xi­ble Lö­sung, die auch Rent­nern An­rei­ze setzt, noch et­was zu ar­bei­ten.

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