Vier To­te bei Un­wet­ter­dra­ma

Was­ser­mas­sen und Schlamm ver­wüs­ten süd­deut­sche Städ­te. Schä­den ge­hen in die Mil­lio­nen.

Neue Presse - - PANORAMA - VON CARS­TEN BERG­MANN UND ULF MAUDER

Die Bil­der las­sen er­ah­nen, mit was für ei­ner Wucht die Was­ser­mas­sen und Schlamm­la­wi­nen über den Sü­den Deutsch­lands ge­walzt sein müs­sen. Vier Men­schen star­ben bei ei­nem der schwers­ten Un­wet­ter der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit, die Schä­den ge­hen weit in die Mil­lio­nen – die Fol­gen wer­den noch in Wo­chen zu spü­ren sein.

Dra­ma­ti­sche Sze­nen spie­len sich in Schwä­bisch Gmünd, ei­ner Stadt in Ba­den-Würt­tem­berg, in der Nacht zu Mon­tag ab. Ein 21-Jäh­ri­ger wird in ei­ner Un­ter­füh­rung von den Was­ser­mas-

We­gen „ka­ta­stro­pha­len Hoch­was­sers“an den Ne­ben­flüs­sen ist die Schiff­fahrt auf dem Neckar ein­ge­stellt wor­den. Die drei größ­ten Zuflüs­se Ko­cher, Enz und Jagst führ­ten teil­wei­se die drei- bis sechs­fa­che Was­ser­men­ge, er­klär­te ein Spre­cher des Was­se­r­und Schiff­fahrts­amts. Bis Mitt­woch kön­nen auf dem Neckar kei­ne Schif­fe durch­fah­ren.

Qsen über­rascht. „Er woll­te et­was in Si­cher­heit brin­gen. Die Was­ser­ober­flä­che war fast glatt, es gab kei­ne An­zei­chen von Ge­fahr“, be­rich­tet ei­ne Au­gen­zeu­gin. In­ner­halb von Se­kun­den kommt es zum Dra­ma. Un­men­gen an Was­ser und Schlamm drän­gen in die Un­ter­füh­rung, der Mann wird durch den ge­wal­ti­gen Un­ter­druck in ei­nen Ka­nal­schacht ge­zo­gen. Ret­tungs­kräf­te rü­cken an, ein Feu­er­wehr­mann, 38, drei Kin­der, ar­bei­tet sich an Sei­len ge­si­chert zu der Un­glücks­stel­le vor. Plötz­lich wird auch er von dem Druck des ein Me­ter brei­ten Schachts er­fasst und in die Tie­fe ge­zo­gen.

Um­ste­hen­de ei­len zu den Ret­tern, die ver­su­chen, ih­ren Kol­le-

QDer star­ke Re­gen hat in der Nacht auch Tei­le des Au­di-Werks in Neckar­sulm (Kreis Heil­bronn) un­ter Was­ser ge­setzt. Die ge­sam­te Pro­duk­ti­on ste­he still, be­rich­te­te ges­tern ei­ne Au­di-Spre­che­rin. Seit den frü­hen Mor­gen­stun­den pum­pe die Werks­feu­er­wehr das Was­ser ab. Wann die Pro­duk­ti­on wie­der auf­ge­nom­men wer­den kön­ne, sei noch un­klar. gen mit den Sei­len aus der Not zu be­frei­en. Ge­mein­sam zie­hen sie. Im­mer und im­mer wie­der. Nichts be­wegt sich – und dann reißt das Seil. „Die Tra­gö­die hat sich schnell her­um­ge­spro­chen, die Fa­mi­li­en der Op­fer sind zum Un­fall­ort ge­kom­men – es war schreck­lich“, be­rich­tet ei­ne Au­gen­zeu­gin. Ges­tern Mit­tag bar­gen Ret­tungs­tau­cher die bei­den Lei­chen.

Rund 60 Ki­lo­me­ter wei­ter nörd­lich spie­len sich ähn­lich dra­ma­ti­sche Sze­nen ab. Auf Vi­de­os ist zu se­hen, wie Au­tos von der rei­ßen­den Strö­mung wie Spiel­zeu­ge durch die Stadt Brauns­bach ge­scho­ben wer­den. „Es war ein rei­ßen­der Bach in der Orts­mit­te“, sagt spä­ter Micha­el Kn­aus vom Land­kreis Schwä­bisch Hall. „Das hat sich in die See­le der Men­schen ein­ge­brannt.“

Wie ra­send schnell aus ei­nem hef­ti­gen Nie­der­schlag un­kon­trol­lier­ba­re Was­ser­mas­sen ent­stan­den, zeigt das Schick­sal ei­nes 62 Jah­ren al­ten Man­nes aus Wei­ßen­bach. Er konn­te sich nicht mehr aus dem Kel­ler ei­nes Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses ret­ten und wur­de nur noch tot ge­bor­gen. In Schorn­dorf, öst­lich von Stutt­gart ge­le­gen, kam es an ei­ner Bahn­brü­cke zur Tra­gö­die. Ein 13-jäh­ri­ges Mäd­chen such­te un­ter ei­ner Brü­cke Schutz vor dem hef­ti­gen Re­gen. Da­bei ge­riet der Te­enager wohl zu nah an die Glei­se und wur­de von ei­nem ICE er­fasst und ge­tö­tet. Der zwölf­jäh­ri­ge Jun­ge, der das Op­fer be­glei­te­te, blieb un­ver­letzt.

Auch der Nor­den Bay­erns wur­de von den Un­wet­tern über­rascht. Be­son­ders hef­tig fie­len die Schä­den in den Or­ten Flachs­lan­den und Obern­zenn bei Ans­bach aus. Dort ver­wan­del­ten sich bin­nen kur­zer Zeit schma­le Bä­che in rei­ßen­de Flüs­se und über­flu­te­ten vie­le Stra­ßen und Kel­ler, be­rich­te­te Ein­satz­lei­ter Tho­mas Mül­ler. Erd­rut­sche blo­ckier­ten Stra­ßen. „Ei­nen Ort der Ver­wüs­tung“, be­rich­te­te ein Feu­er­wehr­mann, hät­ten die Hel­fer im Flachs­lan­der Orts­teil Son­der­no­he vor­ge­fun­den. Das von den Hän­gen her­ab­strö­men­de Was­ser sei als brei­ter Strom durch den Ort ge­rauscht. Die Was­ser­mas­sen hät­ten Au­tos mit­ge­ris­sen, Ver­kehrs­schil­der sei­en wie Streich­höl­zer um­ge­knickt.

Die Be­völ­ke­rung wur­de von den Was­ser­mas­sen über­rascht. Ört­lich gab es Nie­der­schlä­ge wie in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten nicht mehr. „In der Zeit En­de Mai, An­fang Ju­ni herrscht in Deutsch­land das größ­te Ge­wit­ter­ri­si­ko“, er­klärt Me­teo­ro­lo­ge Martin Gudd. Be­son­ders ge­fähr­lich: Die Un­wet­ter zie­hen nur lang­sam wei­ter. Im ak­tu­el­len Fall hät­ten sich meh­re­re klei­ne Ge­wit­ter zu ei­nem ge­wal­ti­gen Sys­tem zu­sam­men­ge­schlos­sen. „Das pas­siert in der Re­gel al­le fünf bis zehn Jah­re.“

Com­pu­ter­ana­ly­sen zei­gen: In den ver­gan­ge­nen Jah­re sind die­se Er­eig­nis­se im­mer grö­ßer ge­wor­den. Ein Zu­sam­men­hang mit der durch Men­schen ver­ur­sach­ten Kli­ma­er­wär­mung sei durch­aus mög­lich, sagt Gudd.

Für die ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Spar­kas­sen­ver­si­che­rung steht fest: Es wird in je­dem Fall teu­er. Die ers­ten Mel­dun­gen lau­fen ein, für kon­kre­te Zah­len sei es noch zu früh. Fest ste­he aber schon jetzt, dass die Schä­den in den zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich ge­hen wer­den.

SCHWÄ­BISCH GMÜND: In die­ser Un­ter­füh­rung sind zwei Men­schen ge­stor­ben. Ei­ner da­von ein Feu­er­wehr­mann, der ei­nen Mann ret­ten woll­te.

BRAUNS­BACH: Au­tos sind un­ter Ge­röll und Schutt be­gra­ben.

KOM­PLETT VER­WÜS­TET: Der klei­ne Ort Brauns­bach in Ba­den-Würt­tem­berg ist hart von dem Un­wet­ter ge­trof­fen wor­den.

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