St­ein­mei­er setzt Ak­zent

Bun­des­prä­si­dent wür­digt im Bun­des­tag die Ge­burt der ers­ten deut­schen De­mo­kra­tie

Neue Presse - - MEINUNG & ANALYSE - VON STE­VEN GEY­ER

BER­LIN. Es war kei­ne der üb­li­chen Ge­denk­re­den, die der Bun­des­prä­si­dent an die­sem 9. No­vem­ber 2018 in der Fei­er­stun­de des Bun­des­ta­ges hielt.

Zwar wur­de am Nach­mit­tag und am Abend auch in Ber­lin der Po­grom­nacht von 1938 ge­son­dert ge­dacht, auch durch Frank-wal­ter St­ein­mei­er und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Doch in die­ser halb­stün­di­gen An­spra­che am Frei­tag­mor­gen nahm der Bun­des­prä­si­dent den 100. Jah­res­tag der Aus­ru­fung der spä­te­ren Wei­ma­rer Re­pu­blik zum An­lass für ei­nen neu­en Ak­zent in der deut­schen Er­in­ne­rungs­kul­tur: Po­grom­nacht und Mau­er­fall („Der glück­lichs­te 9. No­vem­ber in un­se­rer Ge­schich­te“) ka­men nur am Ran­de vor. Ins Zen­trum stell­te St­ein­mei­er die Ge­burts­stun­de der ers­ten par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie in Deutsch­land – und ver­band das mit der Fra­ge, ob man als Deut­scher trotz Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und Ho­lo­caust stolz sein kann auf sein Land.

Sei­ne Ant­wort: „Wir dür­fen es ver­su­chen!“Sei­ne Be­grün­dung: Gera­de der 9. No­vem­ber 1918, an dem Phil­ipp Schei­de­mann vom Reichs­tags­ge­bäu­de aus die Re­pu­blik aus­rief, wer­de wie „ein Stief­kind un­se­rer De­mo­kra­tie­ge­schich­te“be­han­delt – ob­wohl doch gera­de er wich­tig sei für die „Tra­di­tio­nen von Frei­heit und De­mo­kra­tie“, die auch hier­zu­lan­de weit zu­rück­reich­ten.

St­ein­mei­ers Vor­schlag: Ein „auf­ge­klär­ter Pa­trio­tis­mus“, dem es „we­der um Lor­beer­krän­ze noch um Dor­nen­kro­nen“geht und den er ab­grenzt ge­gen­über dem „neu­en, ag­gres­si­ven Na­tio­na­lis­mus“die­ser Ta­ge. Die Welt­krie­ge und der Ho­lo­caust sei­en „un­ver­rück­ba­rer Teil un­se­rer Iden­ti­tät“, sag­te er. „Aber: Die Bun­des­re­pu­blik er­klärt sich auch nicht al­lein ex ne­ga­tivo, nicht al­lein aus dem ‚Nie wie­der!‘.“Zu ihr ge­hör­ten auch „die weit ver­zweig­ten Wur­zeln von De­mo­kra­tie- und Frei­heits­be­stre­bun­gen“, aus de­nen „die Bun­des­re­pu­blik nach 1945 auch wach­sen konn­te“.

Das ist ein neu­er Ton­fall für ei­ne Re­de am Jah­res­tag der Po­grom­nacht. Zwar warn­te nicht nur Mer­kel we­nig spä­ter bei ei­ner an­de­ren Ge­denk­stun­de in Ber­lin vor zu­neh­men­dem Ju­den­hass in Deutsch­land und mahn­te ein ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen ge­gen Ras­sis­mus, Frem­den­feind­lich­keit und Aus­gren­zung an. Und auch St­ein­mei­er soll­te am Abend ei­ne ei­ge­ne Re­de in der Ber­li­ner Aka­de­mie der Küns­te hal­ten, die sich al­lein ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus rich­te­te.

Im Bun­des­tag aber nahm St­ein­mei­er die ak­tu­el­len De­bat­ten auf – um die Sor­ge, dass die li­be­ra­le De­mo­kra­tie welt­weit auf dem Rück­zug sei und man auch in Deutsch­land „Wei­ma­rer Ver­hält­nis­se“fürch­ten müs­se. Das hält er für falsch: „So ma­chen wir un­se­re De­mo­kra­tie klei­ner und ih­re Geg­ner grö­ßer, als sie sind!“

Neue Geg­ner des li­be­ra­len, de­mo­kra­ti­schen Rechts­staats ge­be es aber durch­aus, so­dass für ihn stets neu ge­wor­ben wer­den müs­se, be­fand der Bun­des­prä­si­dent – wie be­reits in sei­ner An­tritts­re­de vor an­dert­halb Jah­ren. Am Frei­tag ver­such­te er des­halb, ei­ne Brü­cke zu de­nen zu bau­en, die „ein tie­fes Be­dürf­nis nach Hei­mat, Zu­sam­men­halt, Ori­en­tie­rung“emp­fin­den. Die sich sag­ten: „Je­des Volk sucht Sinn und Ver­bun­den­heit in sei­ner Ge­schich­te“, so St­ein­mei­er. „War­um soll­te das für uns Deut­sche nicht gel­ten?“

Der glück­lichs­te 9. No­vem­ber in un­se­rer Ge­schich­te. FRANK-WAL­TER ST­EIN­MEI­ER Bun­des­prä­si­dent

„AUF­GE­KLÄR­TER PA­TRIO­TIS­MUS“: Bun­des­prä­si­dent Frank-wal­ter St­ein­mei­er (l.) lobt die deut­sche De­mo­kra­tie. Schau­spie­ler Ul­rich Mat­thes ver­folg­te die Re­de im Bun­des­tag.

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