Ein Recht wird 100 Jah­re alt: Deutsch­land wählt weib­lich

Neue Presse - - NACHRICHTEN - VON PE­TRA RÜCKERL UND CLAU­DIA ROMETSCH

HAN­NO­VER. Für vie­le Män­ner – und so­gar Frau­en – war es un­er­hört. Frau­en ge­hör­ten schließ­lich in die Kü­che, am bes­ten mit ih­ren Kin­dern und dar­über hin­aus höchs­tens in die Kir­che. Aber der Ers­te Welt­krieg brach­te es mit sich, dass das ver­meint­lich so schwa­che Ge­schlecht Män­ner­ar­bei­ten über­neh­men muss­te, da sich das ver­meint­lich so star­ke Ge­schlecht ge­gen­sei­tig auf den Schlacht­fel­dern mas­sa­krier­te. Mit den Auf­ga­ben wuchs auch der weib­li­che Wil­le zur po­li­ti­schen Ein­mi­schung.

Und so gab es am 12. No­vem­ber 1918 – drei Ta­ge nach Aus­ru­fung der Wei­ma­rer Re­pu­blik – end­lich grü­nes Licht für das Frau­en­wahl­recht. Reichs­weit durf­ten Frau­en erst­mals am 19. Ja­nu­ar 1919 an die Ur­nen, und nicht nur das: Sie durf­ten so­gar ge­wählt wer­den. 300 Frau­en kan­di­dier­ten, und an­schlie­ßend sa­ßen im­mer­hin 37 Frau­en un­ter ins­ge­samt 423 Ab­ge­ord­ne­ten in der Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung.

Die So­zi­al­de­mo­kra­tin Ma­rie Juch­acz aus Ber­lin stell­te ei­nen Mo­nat spä­ter in dem ho­hen Haus fest, „dass wir deut­schen Frau­en die­ser Re­gie­rung nicht et­wa im alt­her­ge­brach­ten Sin­ne Dank schul­dig sind. Was die­se Re­gie­rung ge­tan hat, war ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit: Sie hat den Frau­en ge­ge­ben, was ih­nen bis da­hin zu Un­recht vor­ent­hal­ten wor­den ist“.

Der Ver­band für Frau­en­stimm­recht hat­te sich schon 1902 ge­grün­det und agier­te ähn­lich of­fen­siv wie die bri­ti­schen Suf­fra­get­ten. An­de­re wie der kon­ser­va­ti­ve All­ge­mei­ne Deut­sche Frau­en­ver­ein hät­ten lie­ber das Drei-klas­sen­wahl­recht be­hal­ten, das si­cher auch heu­te noch ge­wis­sen Bür­gern sym­pa­thisch wä­re: Die Stim­men rei­cher Ad­li­ger und Groß­grund­be­sit­zer, die die meis­ten Steu­ern zahl­ten, zähl­ten un­ge­fähr sieb- zehn­fach mehr als die Stim­men je­ner Wäh­ler, die die ge­rings­ten Steu­ern zahl­ten. Da­zwi­schen gab es noch die Klas­se der Kauf­leu­te, die ein mit­tel­gro­ßes Ab­ga­ben­auf­kom­men hat­ten. Ach ja: Für­sor­ge­emp­fän­ger und Frau­en durf­ten na­tür­lich gar nicht wäh­len.

Schon im Zu­ge der bür­ger­li­chen Re­vo­lu­ti­on 1848 hat­ten Frau­en in Deutsch­land be­gon­nen, ih­re staats­bür­ger­li­che Gleich­be­rech­ti­gung ein­zu­for­dern, das nann­te man die ers­te Frau­en­be­we­gung. Po­li­ti­sche Frau­en­ver­ei­ne und Frau­en­zeit­schrif­ten wur­den ge­grün­det. „Wo sie das Volk mei­nen, zäh­len Frau­en nicht mit“, klag­te Frau­en­recht­le­rin Loui­se Ot­toPe­ters (1819–1895), Grün­de­rin der ein­fluss­rei­chen „Frau­en-zei­tung“. Doch die Frau­en fan­den kein Ge­hör. Im Ge­gen­teil: Nach der Re­vo­lu­ti­on wur­den Ge­set­ze ver­hängt, die die po­li­ti­sche Be­tei­li­gung von Frau­en so­gar noch er­schwer­ten. Sie durf­ten sich we­der pu­bli­zis­tisch noch in ir­gend­ei­ner Form po­li­tisch be­tä­ti­gen.

In den 70er-jah­ren des 19. Jahr­hun­derts wa­ren es dann Frau­en wie die Frau­en­recht­le­rin und Schrift­stel­le­rin Hed­wig Dohm (1831–1919), die sich über den po­li­ti­schen Maul­korb für Frau­en hin­weg­setz­ten. Ne­ben Ro­ma­nen, No­vel­len und Thea­ter­stü­cken ver­fass­te Dohm scharf­zün­gi­ge po­li­ti­sche Es­says. Ihr 1876 ver­fass­tes Werk „Der Frau­en Na­tur und Recht“sei „ein Fa­nal für das Frau­en­wahl­recht“ge­we­sen, ur­teilt Kers­tin Wolff, Lei­te­rin der For­schungs­ab­tei­lung im Archiv der deut­schen Frau­en­be­we­gung in Kas­sel. Al­ler­dings: „Man kommt sich auf dem Ge­bie­te der Frau­en­fra­ge im­mer wie ein Wie­der­käu­er vor“, auch die­ser Aus­spruch wird Dohm zu­ge­schrie­ben. Es dau­er­te.

Eben bis zum 12. No­vem­ber 1918. Üb­ri­gens zo­gen die Kriegs­geg­ner des Deut­schen Rei­ches erst spä­ter nach: In En­g­land durf­ten die Frau­en erst ein Jahr spä­ter zur Wahl­ur­ne und auch erst ab 30 Jah­ren – aber nur, wenn sie Haus­be­sit­ze­rin­nen oder die Gat­tin ei­nes Haus­be­sit­zers wa­ren oder wenn ihr Be­sitz ih­nen min­des­tens fünf Pfund Jah­res­ren­te ein­brach­te oder wenn sie ei­ne bri­ti­sche Uni­ver­si­tät ab­sol­viert hat­ten. Das un­ein­ge­schränk­te Wahl­recht wur­de 1928 ein­ge­führt.

Bel­gi­en ver­lieh das Frau­en­wahl­recht be­reits 1919 – al­ler­dings nur an Wit­wen und Müt­ter von im Krieg ge­fal­le­nen Sol­da­ten. Und auch Frau­en, die wäh­rend des Krie­ges vom Feind in­haf­tiert wur­den, er­hiel­ten 1919 das Wahl­recht. Oh­ne Ein­schrän­kung wur­de das Frau­en­wahl­recht dann erst 1948 ein­ge­führt.

Aus­tra­li­en war ei­ner der Staa­ten, die das Frau­en­wahl­recht sehr früh ein­führ­ten: 1902 war es so weit. Al­ler­dings galt dies nicht für Abori­gi­nes – egal, ob Frau­en oder Män­ner. Die­se Dis­kri­mi­nie­rung dau­er­te bis 1962. Die Fran­zo­sen lie­ßen sich bis 1944 da­mit Zeit, Frau­en auch an die Wahl­ur­nen ge­hen zu las­sen.

Im glei­chen Jahr mach­te ei­ne Fran­zö­sin von sich re­den, die mehr als nur das Wahl­recht ver­lang­te. Die Fe­mi­nis­tin und Au­to­rin Si­mo­ne de Be­au­voir, de­ren groß­bür­ger­li­che Fa­mi­lie im Krieg fi­nan­zi­ell rui­niert wor­den war und die nicht zu­letzt des­we­gen ei­nen Weg ein­ge­schla­gen hat­te, der von tra­di­tio­nel­ler Hei­rat und dem Ver­schwin­den als Haus­frau und Mut­ter ab­kam. 1944 ver­öf­fent­lich­te die Phi­lo­so­phin ihr Werk „Das Zwei­te Ge­schlecht“. Ein welt­wei­ter Klas­si­ker und Grund­stein für die zwei­te Frau­en­be­we­gung in Eu­ro­pa.

Adsd/fried­rich-ebert-stif­tung

DE­MO FÜR MEHR RECH­TE: Die Auf­nah­me aus dem Jahr 1919 zeigt ei­nen De­mons­tra­ti­ons­zug mit Frau­en an der Spit­ze, der die Un­ab­hän­gi­ge So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands (USPD) und de­ren Kan­di­da­tin Lui­se Zietz un­ter­stützt. Zietz ge­hör­te 1919/20 der Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung an und war an­schlie­ßend bis zu ih­rem To­de Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te.

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