Emo­tio­na­ler En­ke­mo­ment

Sie­ge­rin des Schreib­wett­be­werbs im Sta­di­on ge­ehrt. To­des­tag jährt sich heu­te zum neun­ten Mal.

Neue Presse - - SPORT -

HAN­NO­VER. Heu­te jährt sich der To­des­tag des frü­he­ren 96-Tor­warts Ro­bert En­ke zum neun­ten Mal. Mit Un­ter­stüt­zung der Neu­en Pres­se hat­te die Ro­bert-en­ke-stif­tung zu ei­nem Schreib­wett­be­werb un­ter dem Mot­to „Mein emo­tio­na­ler Mo­ment mit Ro­bert En­ke“auf­ge­ru­fen. Über 80 Ein­sen­dun­gen gin­gen bei der Ju­ry um Te­re­sa En­ke, Per Mer­te­sacker und Ro­nald Reng ein. „Ich ha­be in den letz­ten Ta­gen vie­le Ta­schen­tü­cher beim Le­sen der Tex­te ge­braucht“, er­zählt Te­re­sa En­ke, „so sehr ha­ben mich die Ge­schich­ten ge­packt. Da­für dan­ke ich al­len Au­to­rin­nen und Au­to­ren, auch dass sie der­art be­rüh­ren­de Bei­trä­ge für und über Ro­bert ver­fasst ha­ben.“

Hier der Sie­ger-text von An­drea Tschirch: Schon seit Wo­chen bet­tel­te mein Sohn Tim, er müs­se ein Tri­kot von Ro­bert En­ke ha­ben. Ich sag­te schwe­ren Her­zens Nein. Es er­schien mir als al­lein­er­zie­hen­de – und al­lein­ver­die­nen­de – Mut­ter da­mals viel zu teu­er. Am nächs­ten Tag frag­te Tim wie­der, als hät­te ich nie Nein ge­sagt: „Ma­ma, bit­te, kann ich nicht ein Ro­bert-en­ke-tri­kot ha­ben?“

Al­so nahm ich ein wei­ßes T-shirt und mal­te ihm ein Ro­bert-en­ke-tri­kot, mit ei­ner gro­ßen schwar­zen 1 auf dem Rü­cken. Doch Tim wein­te bit­ter­lich. Das kön­ne er nicht an­zie­hen. Er war sechs Jah­re alt. „Was sagt denn dann der Ro­bert En­ke, wenn er mich mit dem Tri­kot sieht? Es ist doch gar kein rich­ti­ges Ro­bert-en­ke-tri­kot!“

Ich ver­sprach Tim, we­nigs­tens ein­mal mit ihm zum Trai­ning von Han­no­ver 96 zu fah­ren, da­mit er ein Au­to­gramm von Ro­bert En­ke er­gat­tern konn­te. Als der Tag ge­kom­men war, reich­te ich mei­nem Sohn das T-shirt. „Du hast doch sonst kei­nes, das Herr En­ke un­ter­schrei­ben könn­te.“Tim sag­te nichts. Aber er zog das T-shirt wi­der­wil­lig über. Es war ihm viel zu groß.

Wie vor je­dem Trai­ning muss­ten die 96-Pro­fis ein paar hun­dert Me­ter vom Sta­di­on zum Trai­nings­platz ge­hen. Ro­bert sah Tim in sei­nem viel zu gro­ßen T-shirt ver­schüch­tert am Rand ste­hen und ging zu ihm.

Ich sah aus ei­ni­ger Dis­tanz nur, wie sich Ro­bert En­ke zu Tim her­un­ter­beug­te, um auf dem T-shirt zu un­ter­schrei­ben. Plötz­lich zeig­te Tim mit dem Fin­ger auf mich. Mir war das dann doch sehr un­an­ge­nehm, aber Herr En­ke nick­te mir sehr nett zu. Spä­ter er­fuhr ich von Tim, was da los ge­we­sen war. „Coo­les Shirt, wer hat denn das ge­macht?“, hat­te Ro­bert En­ke ihn ge­fragt. Von dem Tag an ist Tim nur noch mit die­sem T-shirt rum­ge­lau­fen, egal, ob in der Schu­le, im Hort oder beim ei­ge­nen Fuß­ball­trai­ning. Er war na­tür­lich Tor­wart, we­gen Ro­bert En­ke.

Auch zum 96-Trai­ning ging Tim fort­an im­mer wie­der. Er stell­te sich hin und war­te­te, dass er mit Ro­bert En­ke re­den durf­te. Ich glau­be, er frag­te ihn Lö­cher in den Bauch: Was Ro­bert am liebs­ten trank, was er am liebs­ten

aß … Ir­gend­wann woll­te Tim nur noch Milch­reis es­sen, und das lag na­tür­lich auch an Ro­bert En­ke. Ich ha­be mal ge­hört, dass je­der Mensch ein Mär­chen braucht. Tim, aber auch mir als Ma­ma, schenk­te Ro­bert En­ke die­ses Mär­chen: dass da je­mand war, der mir, oh­ne es selbst zu wis­sen, in der Er­zie­hung half.

Ro­bert En­ke zeig­te Tim ei­nen gu­ten Um­gang mit an­de­ren Men­schen. Zum Bei­spiel woll­te ich, dass mei­ne Kin­der ei­ne frem­de Per­son im­mer mit dem „Sie“und dem Nach­na­men an­spra­chen. Als Tim ihm die ers­ten Fra­gen ge­stellt hat­te, hat Ro­bert das höf­li­che Sie­zen gleich an­er­ken­nend re­gis­triert – und er­laub­te es Tim dann, zum „Du“und „Ro­bert“zu wech­seln. Ich woll­te mei­nen Kin­dern zei­gen, wie man sei­nen Platz in der Welt fin- det, in­dem man et­was da­zu tut, da­mit die Welt funk­tio­nie­ren kann. Man­che Men­schen kön­nen an­de­re Men­schen ge­sund ma­chen, man­che Men­schen räu­men den Müll der an­de­ren weg. Es gibt Men­schen, die si­cher­stel­len, dass al­le et­was zu es­sen ha­ben, sie bau­en an, und an­de­re wie­der­um ver­ar­bei­ten dann das, was ge­ern­tet wur­de. Man­che Men­schen kön­nen Din­ge, die nicht vie­le Men­schen kön­nen: Sie ha­ben ein Ta­lent, uns mit Mu­sik oder Fuß­ball zu un­ter­hal­ten, sie ma­chen uns das Le­ben ne­ben der vie­len Ar­beit leich­ter, zu un­se­rem Spaß, zu un­se­rer Er­ho­lung. Ro­bert aber konn­te mehr als un­ter­hal­ten. Er setz­te ein Bei­spiel, wie man sein soll­te: Er hat al­le Men­schen sehr re­spekt­voll be­han­delt. Er wuss­te im­mer, wie er sich aus­drü­cken muss. Sei­ne Ge­duld mit den Kin­dern hat mich ge­nau­so be­ein­druckt wie sein sou­ve­rä­nes Auf­tre­ten Er­wach­se­nen ge­gen­über, egal, ob Re­por­tern oder gro­ßen Kin­dern beim Trai­ning. So­gar wenn es brenz­lig wur­de mit den Fans, konn­te er die rich­ti­gen Wor­te fin­den, um die Si­tua­ti­on zu ent­schär­fen. Ro­bert En­ke hat ei­nen gro­ßen An­teil dar­an, dass Tim heu­te ein ein­fühl­sa­mer, lie­ber und fest im Le­ben ste­hen­der jun­ger Mann ist, auf den ich sehr, sehr stolz sein darf.

Das T-shirt mit der 1 gibt es im­mer noch. Ir­gend­wann muss­te ich es lei­der dann doch im­mer mal wie­der wa­schen, und da­bei ver­blass­te Ro­berts Un­ter­schrift im­mer mehr. Aber die Er­in­ne­rung kann auch nach über 14 Jah­ren nicht ver­blas­sen.

Fo­to: Flo­ri­an Pe­trow

SIE­GE­RIN DES SCHREIB­WETT­BE­WERBS: An­drea Tschirch (Zwei­te von links) mit ih­rem Sohn Tim, Te­re­sa En­ke und Ro­bert En­kes Mut­ter Gi­se­la (von rechts) ges­tern vorm An­pfiff des Spiels 96 ge­gen Wolfs­burg.

Fo­to: imago

DER NATIONALTORWART: Ro­bert En­ke starb am 10. No­vem­ber 2009. Er wur­de nur 32 Jah­re alt.

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