„Die Bay­ern sind die Jä­ger“

Ste­fan Ef­fen­berg über den deut­schen Clá­si­co zwi­schen Bo­rus­sia Dort­mund und dem FC Bay­ern

Neue Presse - - SPORT - VON HEI­KO OSTENDORP

MÜNCHEN. Er ist Welt­po­kal- und Cham­pi­ons-le­ague-sie­ger, hol­te mit Bay­ern München drei Meis­ter­ti­tel so­wie den Dfb-po­kal mit dem FCB und Glad­bach. Vor dem Spit­zen­spiel der Fuß­ball-bun­des­li­ga am Sonn­abend (18.30 Uhr) zwi­schen Dort­mund und Bay­ern spricht Ste­fan Ef­fen­berg (50) ge­wohnt Kl­ar­text.

Uli Ho­en­eß be­haup­tet, Bay­ern sei dies­mal kein Fa­vo­rit. Hat er recht? Ja, auf­grund der sport­li­chen Si­tua­ti­on, in der der FC Bay­ern gera­de steckt. Sie tun sich enorm schwer, ih­re Spie­le zu ge­win­nen, die Über­zeu­gung fehlt. Der BVB hat ein Heim­spiel, spielt ei­ne star­ke Sai­son und ist des­halb Fa­vo­rit. Der ein­zi­ge Vor­teil, den Bay­ern hat, ist das Aus­wärts­spiel des BVB in Ma­drid ver­bun­den mit den Rei­se­stra­pa­zen und der Re­ge­ne­ra­ti­on.

Wie er­klä­ren Sie sich die zu­rück­hal­ten­den Aus­sa­gen der Bay­ern? Es ist der Si­tua­ti­on ge­schul­det – sie sind nicht die Ge­jag­ten, son­dern die Jä­ger. Das ist ei­ne un­ty­pi­sche Rol­le mal ab­ge­se­hen von ei­ner kur­zen Zeit vor un­ge­fähr ei­nem Jahr. Da­mals ha­ben sie den Rück­stand aber sehr schnell ge­dreht.

Wun­dern Sie solch ver­wir­ren­de Sät­ze wie die von Uli Ho­en­eß, dass man ei­gent­lich Zwei­ter, nicht Drit­ter sei? Nein, das ist für mich völ­lig be­lang­los. Es zeigt mir nur, dass ihn die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on ex­trem wurmt, dass man sen­si­bel ist – und das ist gut so. Manch­mal ist es näm­lich gar nicht schlecht, wenn man an­fängt nach­zu­den­ken.

Wie viel An­teil hat Ni­ko Ko­vac an der ak­tu­el­len Bay­ern-kri­se? Ko­vac macht nicht viel ver­kehrt, man muss aus mei­ner Sicht auch mal an die Spie­ler ap­pel­lie­ren. Wenn ein Spie­ler mal nicht an sei­ne Leis­tungs­gren­ze kommt, okay. Aber wenn es fünf, sechs sind, wird es auch für Bay­ern schwer.

Das heißt, Sie se­hen das Pro­blem eher bei den Pro­fis als beim Trai­ner oder der Ver­eins­füh­rung? Ja, weil die Qua­li­tät ein­fach vor­han­den ist. Wenn man den Ka­der durch­geht, müss­te Bay­ern die Bun­des­li­ga trotz ei­ni­ger Ver­letz­ter wie Thia­go, To­lis­so oder Co­man den­noch an­füh­ren. Dann muss man halt an­de­re Fra­gen stel­len: Ist der Hun­ger noch da? Ist wirk­lich je­der be­reit, ans Li­mit zu ge­hen? Ist der ein oder an­de­re Spie­ler zu alt?

Zum Bei­spiel Rob­ben oder Ri­bé­ry? Ich wür­de sa­gen, dass sie noch nicht über den Ze­nit sind, son­dern dar­auf. Die Kur­ve geht noch nicht nach un­ten. Stand heu­te sind sie noch im­mer in der La­ge, den Un­ter­schied in ei­nem Spiel aus­zu­ma­chen. Aber die Zeit ist li­mi­tiert, oh­ne Fra­ge.

Der­zeit drin­gen in München sehr vie­le In­ter­na nach au­ßen, es herrscht stän­dig Un­ru­he. Hat das auch mit den un­zu­frie­de­nen Spie­lern zu tun? Das birgt auf je­den Fall ei­ne Ge­fahr. Sol­che Spie­ler er­ken­nen, dass sie nicht mehr drei, vier Jah­re vor sich ha­ben. Den­noch ha­ben sie auf­grund der Ver­gan­gen­heit den An­spruch zu spie­len und ver­ges­sen da­bei lei­der, dass die Ver­gan­gen­heit ak­tu­ell nichts mehr zählt. Da müs­sen die Ver­ant­wort­li­chen ehr­lich sein und sa­gen, wie man mit ih­nen plant, sonst kann man Pro­ble­me be­kom­men.

Kön­nen Sie sich vor­stel­len, dass Spie­ler In­ter­na nach au­ßen ge­ben, weil sie mit Ko­vac nicht zu­frie­den sind? Soll­te es tat­säch­lich ei­nen oder meh­re­re Maul­wür­fe ge­ben, wä­re das ka­ta­stro­phal für die Mann­schaft. Ich wür­de bei sol­chen Spie­lern – egal bei wel­chem Klub – knall­hart durch­grei­fen und sie raus­schmei­ßen. Das ist ein ab­so­lu­tes No-go.

Mar­co Reus blüht beim BVB auf. Macht er der­zeit den Un­ter­schied? Wir ha­ben uns ja al­le ge­wünscht, dass er mal über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum ver­let­zungs­frei bleibt. Über sei­ne Qua­li­tä­ten brau­chen wir kei­ne Se­kun­de dis­ku­tie­ren, er ist ein Su­per­star. Jetzt ist er top­fit, hat den Trai­ner, der ihn schon in Glad­bach groß ge­macht hat, ist Ka­pi­tän und hat sich to­tal zum BVB be­kannt – all die­se Fak­to­ren füh­ren da­zu, dass er ein ab­so­lu­tes Pfund ist.

Was könn­te den­noch zu ei­nem Ein­bruch der Dort­mun­der füh­ren? Es wirkt der­zeit al­les sehr ge­fes­tigt, ist aber ei­ne Mo­ment­auf­nah­me. Span­nend wird sein, was pas­siert, wenn das Sie­gen mal nicht so leicht fällt, wenn man mal ein paar Spie­le ver­liert, ei­ni­ge Leis­tungs­trä­ger aus­fal­len. Dann wird sich zei­gen, wie sta­bil das Gan­ze wirk­lich ist.

Glau­ben Sie noch an Ko­vac? Ja! Bei al­ler Kri­tik, er kön­ne nicht mit Stars um­ge­hen, muss man mal sa­gen, dass er schon kroa­ti­scher Na­tio­nal­trai­ner war. Und auch in Frank­furt hat er ei­nen tol­len Job ge­macht. Wenn er die ver­spro­che­ne Rü­cken­de­ckung kriegt, und das nicht nur Flos­keln sind, dann bin ich si­cher, dass er der­je­ni­ge sein wird, der den Um­bruch Stück für Stück vor­an­trei­ben und mit Bay­ern sehr er­folg­reich sein wird. Ich kann mir auch nicht vor­stel­len, dass Bay­ern in ei­nem Zei­t­raum von 15, 16 Mo­na­ten drei Trai­ner hat. Dann wür­den ir­gend­wann auch die Ver­ant­wort­li­chen zur Re­chen­schaft ge­zo­gen.

Wie se­hen Sie die Rol­le Ih­res ehe­ma­li­gen Mit­spie­lers Ha­san Sa­lih­a­mid­zic? Grund­sätz­lich ist es nicht ein­fach zwi­schen sol­chen Al­pha­tie­ren wie Ho­en­eß und Rum­me­nig­ge. Braz­zo ist sehr eu­pho­risch an die Sa­che ran­ge­gan­gen und ar­bei­tet viel. Aber es ist wich­tig, dass er sich auch in der Öf­fent­lich­keit po­si­tio­niert. Man soll­te ihm Zeit ge­ben, es ist ein Lern­pro­zess. Ich wür­de ihm wirk­lich wün­schen, dass er es packt, aber es kann auch ganz schön weh­tun.

Ihr Tipp für heu­te? Bei­de wis­sen, dass es ein rich­ti­ges Big-po­int-spiel ist. Der BVB kann auf sie­ben Punk­te da­von­zie­hen, was ein ech­tes Brett wä­re. Um­ge­kehrt kann Bay­ern wie­der ganz eng her­an­rü­cken. Aus die­sen Grün­den glau­be ich, dass es vie­le Kar­ten und kei­nen Sie­ger ge­ben wird (lacht).

Und wer wird am En­de Meis­ter? Ich wür­de mir für al­le Fans wün­schen, dass es lan­ge span­nend bleibt, bin mir ziem­lich si­cher, dass Bay­ern am En­de wie­der oben steht. Aber wenn sie nicht re­la­tiv schnell ih­re ei­ge­nen Stär­ken zu­rück­ge­win­nen, kann es durch­aus auch Dort­mund oder so­gar Glad­bach schaf­fen – was ich mir na­tür­lich wün­schen wür­de, aber nicht wirk­lich glau­be.

Fo­tos: Zitt/sport1, imago/archiv

MANN­SCHAFTS­KOL­LE­GEN: Ni­ko Ko­vac (l.) und Ste­fan Ef­fen­berg spiel­ten 2001/2002 ge­mein­sam für den FC Bay­ern. Der Kroa­te ist nun Trai­ner der Münch­ner, Ef­fen­berg ar­bei­tet als Tv-ex­per­te, sitzt am Sonn­tag im „Check-24-dop­pel­pass“bei Sport 1.

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