Raus aus dem El­fen­bein­turm

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Tom Stroh­schnei­der

Ber­nie San­ders’ Buch »Un­se­re Re­vo­lu­ti­on«, das jetzt auf Deutsch er­schien, ist das Plä­doy­er ei­nes so­zia­lis­ti­schen Po­li­to­lo­gen für die bür­ger­li­che De­mo­kra­tie.

Es gibt Po­li­ti­ker, die kann­te jah­re­lang kaum ein Mensch. Und dann plötz­lich wird ihr Na­me zu so et­was wie ei­ner in­ter­na­tio­nal strah­len­den Fa­ckel, die an­de­ren als ein Leuch­ten der Hoff­nung er­scheint. Auf der lin­ken Hälf­te des po­li­ti­schen Ko­or­di­na­ten­sys­tems ge­hört Je­re­my Cor­byn der­zeit zu die­sen Men­schen. Al­exis Tsi­pras stand auch ein­mal auf der Lis­te, doch die po­li­ti­sche Leuch­tei­gen­schaft ei­nes Na­mens ist sehr flüch­tig. Geht es im Wahl­kampf mit der Zu­stim­mung auf­wärts, wird das Licht zu­nächst grel­ler. Muss man dann wirk­lich in ei­ne Re­gie­rung, bläst meist star­ker Wind schon bald die Fa­ckel aus.

Ber­nie San­ders muss sich da­vor nicht fürch­ten. Der So­zia­list aus den USA war schon in der Vor­wahl Hil­la­ry Cl­in­ton un­ter­le­gen. Dass der par­tei­lo­se Se­na­tor die ge­stan­de­ne De­mo­kra­tin po­li­tisch hart at­ta­ckier­te, ist so rich­tig, wie man von ihm er­fah­ren kann, dass er die Ex-Au­ßen­mi­nis­te­rin »re­spek­tier­te und als Per­son moch­te«. San­ders drückt so­gar Hoch­ach­tung aus. Sei­ne strik­te Geg­ner­schaft in po­li­ti­schen Kern­fra­gen be­rührt das nicht. Er trat in der Vor­wahl an ge­gen ei­ne der Cl­in­tons, die er »De­mo­kra­ten für die fei­nen Leu­te« nennt. Er ver­lor. Cl­in­ton ver­lor. Und dann er­schien San­ders Buch »Our Re­vo­lu­ti­on: A Fu­ture to Be­lie­ve In«.

Die an­de­ren, Do­nald Trump und Hil­la­ry Cl­in­ton, hat­ten ähn­li­che Bü­cher wäh­rend der Kam­pa­gnen her­aus­ge­bracht. Bü­cher, die Punk­te im Wahl­kampf brin­gen soll­ten. Ber­nie San­ders‘ Buch hät­te das si­cher auch ge­schafft. Aber es wä­re nicht nach der Art von Po­li­tik ge­we­sen, die er im Sinn hat. So sehr San­ders für so­zia­le, öko­no­mi­sche, kul­tu­rel­le Ve­rän­de­rung plä­diert, so sehr weiß er, wie lang der Weg in Wahr­heit ist. Dass es kei­ne Ab­kür­zun­gen ge­ben kann. Vor al­lem kei­ne, bei de­nen sich das Ziel durch den Weg ver­än­dert, den man ein­schlägt.

»Un­se­re Re­vo­lu­ti­on« ist ein klas­si­sches Po­li­ti­ker­buch. Die Kind­heit in New York in der Fa­mi­lie jü­di­scher Ein­wan­de­rer, bei der das Geld knapp war und die Zahl der Bü­cher klein. Der Bru­der, der zum Leh­rer wur­de, die Neu­gier auf das Le­ben, der Auf­stieg aus der Un­ter­schicht. Der Ein­stieg in die Po­li­tik, das Le­bens­the­ma Bür­ger­rech­te, die Kar­rie­re, die ihn auf ganz und gar nicht grad­li­ni­gen We­gen bis ins Re­prä­sen­tan­ten­haus und in den Se­nat führ­te. Und dann ein po­li­ti­sches Pro­gramm – für be­zahl­ba­re Bil­dung und ein wirk­sa­mes Ge­sund­heits­sys­tem für al­le, für Kli­ma­ge­rech­tig­keit und ei­ne »ech­te Straf­rechts­re­form«. Auf der Sei­te der Schwa­chen, mu­tig ge­gen die In­ter­es­sen der Star­ken. Die Fa­ckel Ber­nie San­ders, die man so gern leuch­ten sieht. Das ist die ei­ne Sei­te die­ses Bu­ches.

Die an­de­re ist, wo­mit San­ders, der de­mo­kra­ti­sche So­zia­list, nicht eben zu­fäl­lig sei­ne po­li­ti­sche Agen­da be­gin­nen und en­den lässt – mit dem The­ma De­mo­kra­tie. Er kann so dras­tisch mit Kor­rup­ti­on, Lob­by­is­mus, Vet­tern­wirt­schaft, Post­de­mo­kra­tie und was es sonst noch al­les für re­al exis­tie­ren­de Ge­bre­chen gibt zür­nen, wie er nie auf die Idee kom­men wür­de, die aus der Auf­klä­rung ge­wach­se­nen, in der Ver­fas­sung ver­an­ker­ten In­sti­tu­tio­nen her­ab­zu­wür­di­gen.

Je­de Nei­gung, die sich vom Zu­sam­men­bruch der be­ste­hen­den Ver­hält­nis­se ei­nen phö­nix­ar­ti­gen Di­rekt­flug in ei­ne bes­se­re Welt ver­spricht, ist ihm fremd. Als er un­längst ein­mal dar­auf an­ge­spro­chen wur­de, dass der lin­ke Phi­lo­soph Sla­voj Žižek aus sol­chem Grun­de mit der Idee sym­pa­thi­siert, Trump das po­li­ti­sche Sys­tem zu­grun­de rich­ten zu las­sen, weil da- nach ein »ech­ter« Neu­an­fang mög­lich sei, wur­de San­ders so­gar laut. »Oh my good­ness!«, sag­te er und frag­te zu­rück, ob man so et­was in Deutsch­land in den frü­hen 1930er Jah­ren nicht auch schon ver­nom­men ha­be. »Stimmt’s?« Und noch ein­mal lau­ter: »Stimmt’s?«

Es stimmt. Und so kann man aus »Un­se­re Re­vo­lu­ti­on« am ehes­ten ler­nen, dass es ei­nen Sprung aus der Ge­schich­te so we­nig gibt, wie es ein Feh­ler wä­re, den Stand des in vie­len Jahr­zehn­ten en­ga­gier­ter Kämp­fe für so­zia­le und Frei­heits­rech­te Er­reich­ten bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Miss­stän­de zu ver­ges­sen.

Ber­nie San­ders spricht von »Per­fek­tio­nie­rung un­se­rer De­mo­kra­tie« und weiß dar­um, dass man die­sen Weg »noch lan­ge nicht bis an sein En- de ge­gan­gen« ist. Und er weiß auch, dass man auf die­sem Weg nicht da­durch vor­an­kommt, die De­mo­kra­tie als Ve­hi­kel der ka­pi­ta­lis­ti­schen In­ter­es­sen bloß zu ver­rei­ßen. Son­dern in­dem man de­nen, die da­bei sind, »je­ne Fort­schrit­te, die wir be­reits er­zielt ha­ben«, rück­gän­gig zu ma­chen mit ih­rem Geld, ih­rer Macht, ih­rem Ein­fluss, mit ge­kauf­ten Po­li­ti­kern und ver­öf­fent­lich­ter Mei­nung, et­was Kraft­vol­les ent­ge­gen­setzt. Ber­nie, die Fa­ckel.

San­ders macht hier ei­nen Punkt, der mal ge­gen die so­zia­le Fra­ge aus­ge­spielt, mal in ei­ner Ka­ri­ka­tur lin­ker Staats­kri­tik ver­senkt wird – nen­nen wir die­sen Punkt: das Abend­roth-Mo­ment ak­tu­el­ler Kämp­fe. Es ist das, was Klas­sen­po­li­tik im Sin­ne des gro­ßen so­zia­lis­ti­schen Po­li­to­lo­gen zu ei­ner de­mo­kra­ti­schen macht. Die Über­zeu­gung, dass ver­fas­sungs po­li­ti­sche Er­run­gen­schaf­ten ver­tei­digt wer­den müs­sen, weil sie ei­ne schon er­reich­te »Klas­sen­kampf waf­fen­still­stands­li­nie« (Alex De­mi­ro­vić) ver­kör­pern, von der aus die Mög­lich­keit ge­gen­über frü­he­ren Zu­stän­den weit eher ge­ge­ben ist, zu noch wei­te­rer De­mo­kra­ti­sie­rung zu ge­lan­gen. Ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung, die nicht nur die Sphä­re des un­mit­tel­bar Po­li­ti­schen be­trifft, son­dern auch in die Pro­duk­ti­on des ge­sell­schaft­li­chen Reich­tums hin­ein­greift. Das ist die» Re­vo­lu­ti­on «, von der San­ders spricht, ei­ne, die das Er­be der letz­ten gro­ßen his­to­ri­schen Um­wäl­zung nutzt und wei­ter­spinnt. Ei­ne auf Dau­er ge­stell­te.

Was San­ders da­zu for­mu­liert, trifft vor al­lem auf US-ame­ri­ka­ni­sche Zu­stän­de zu, und die gibt es nicht erst seitTrump. Es geht um Wahl­rechts­gleich­heit, oh­ne die De­mo­kra­tie im­mer de­fekt ist. Es geht um die Gleich­heit vor­dem Ge­setz. Um Ge­set­ze ge­gen die Mög­lich­keit, Po­li­tik zu­kau­fen.Ge gen dieO­li gar chi sie rungd es Po­li­ti­schen, die Ver­keh­rung des Pri­mats ge­gen­über der Öko­no­mie.

Was San­ders im Grun­de meint, trifft aber auch auf an­de­re Kämp­fe um ei­ne bes­se­re Welt zu. Es ge­hört zu den Ähn­lich­kei­ten vie­ler lin­ker Auf­brü­che, in de­nen Po­li­ti­ker zu Fa­ckeln der Hoff­nung wer­den, dass es dort nicht nur um die Wie­der­er­obe­rung der so­zia­len Fra­ge geht, son­dern um die Er­kennt­nis, dass man da­für ein Spiel­feld mit Re­geln braucht, in dem die In­ter­es­sen der Mehr­heit Aus­druck fin­den kön­nen, in­dem sie die In­ter­es­sen der Min­der­heit re­spek­tie­ren. Je­re­my Cor­byn oder ei­ner sei­ner Nach­fol­ger wird kei­nen Er­folg ha­ben, wenn das bri­ti­sche Wahl­sys­tem nicht de­mo­kra­ti­siert wird. Glei­ches gilt für die lin­ken Auf­brü­che in Frank­reich. Po­de­mos in Spa­ni­en hat die Ver­fas­sung nicht um­sonst zu ei­nem zen­tra­len Punkt ge­macht. Tsi­pras in Grie­chen­land kämpft kei­nes­wegs nur ge­gen die Gläu­bi­ger, son­dern auch ge­gen ei­ne rück­schritt­li­che De­mo­kra­tie, die Kli­en­te­lis­mus för­dert.

»Wir brau­chen ei­ne ge­rech­te Ge­sell­schaft«, schreibt San­ders. Was er am re­al exis­tie­ren­den Ka­pi­ta­lis­mus kri­ti­siert, wer­den vie­le un­ter­schrei­ben kön­nen. Ei­ne Kraft wer­den die­se Vie­len aber in der prak­ti­zier­ten De­mo­kra­tie. Er sei, schreibt San­ders, »am En­de mei­nes Wahl­kamp­fes weit op­ti­mis­ti­scher in Be­zug auf die Zu­kunft un­se­res Lan­des als am An­fang«.

Dann kam Trumps Sieg, aber der So­zia­list aus Ver­mont hat sei­ne Mei­nung da­zu nicht ge­än­dert. Er hat ge­se­hen, was mög­lich ist: bei Bür­ger­ver­samm­lun­gen, auf De­mons­tra­tio­nen, in kom­mu­na­len Rä­ten. Und was da als Mög­lich­keit auf­schien, hat man auch ihm zu ver­dan­ken. Die Fa­ckel San­ders leuchtet noch.

Ber­nie San­ders: Un­se­re Re­vo­lu­ti­on. Ull­stein. 464 S., geb., 24 €.

Foto: dpa/Shawn Thew

Foto:AFP/Joe Ra­ed­le

Wie es leuchtet

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