Weg mit den Stel­len

Bis zu 2200 Stel­len sol­len in den nächs­ten Jah­ren bei Bom­bar­dier weg­fal­len

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Andre­as Frit­sche

Kon­zern Bom­bar­dier will bis zu 2200 Ar­beits­plät­ze ab­bau­en.

Kei­ne be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen, aber statt 8500 Jobs in Deutsch­land künf­tig even­tu­ell nur noch 6300. Die­se Ab­sicht ver­kün­de­te der Kon­zern Bom­bar­dier. Über Hen­nigs­dorf hängt am Don­ners­tag­mor­gen Ne­bel, der sich nur lang­sam et­was lich­tet. Auch die Zu­kunft der Schie­nen­fahr­zeug­pro­duk­ti­on in der bran­den­bur­gi­schen Stadt bleibt ne­bu­lös, bis der ka­na­di­sche Kon­zern Bom­bar­dier am Nach­mit­tag im­mer­hin ver­rät, dass in sei­ner Zug­s­par­te deutsch­land­weit bis zu 2200 der 8500 Stel­len ab­ge­baut wer­den sol­len. Die ge­naue Zahl hän­ge von der Auf­trags­la­ge ab. Ge­sche­hen sol­le dies bis 2020 und oh­ne be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen. Der Per­so­nal­ab­bau ver­tei­le sich über al­le sie­ben Stand­or­te, mehr­heit­lich sei­en je­doch Hen­nigs­dorf und au­ßer­dem Gör­litz in Sach­sen be­trof­fen.

Doch der Rei­he nach: Früh am Mor­gen, ge­gen 6.30 Uhr, trifft ei­ne S-Bahn aus Berlin am Bahn­hof Hen­nigs­dorf ein. Ei­ni­ge Män­ner stei­gen aus und trot­ten mü­de zur Ar­beit. Vor dem Haupt­ein­gang von Bom­bar­dier am Ra­then­au­park ha­ben sich ein Ka­me­ra­mann und ein Fo­to­graf pos­tiert. Au­ßer­dem ist Grü­nen-Lan­des­che­fin Pe­tra Bud­ke vor­ge­fah­ren, packt ei­ne Fah­ne ih­rer Par­tei aus und mon­tiert sie. »Was ist denn hier für ein Thea­ter?«, brummt ein Ar­bei­ter miss­mu­tig. Was los ist? Das Ma­nage­ment legt dem Auf­sichts­rat in Hen­nigs­dorf Eck­punk­te für die Neu­aus­rich­tung des Kon­zerns in Deutsch­land vor. Ein­ver­nehm­lich sei­en die­se Eck­punk­te be­schlos­sen wor­den, er­läu­tert der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de Wolf­gang Töls­ner dann am Nach­mit­tag. Es wird al­so er­neut Per­so­nal ab­ge­baut, wo doch Bom­bar­dier in der Bun­des­re­pu­blik be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr 1430 Stel­len ge­stri­chen hat­te. Die Zug­s­par­te macht ins­ge­samt zwar Ge­winn. Doch die Bi­lanz in Deutsch­land war über Jah­re ne­ga­tiv.

»Das heu­te vor­ge­leg­te Kon­zept zeigt We­ge auf, wie tech­no­lo­gi­sche Kom­pe­tenz, öko­no­mi­sche Leis­tungs­fä­hig­keit und so­zia­le Ver­ant­wor­tung in Ein­klang ge­bracht wer­den kön­nen«, meint IG-Me­tall-Be­zirks­lei­ter Oli­ver Hö­bel. Die Be­schäf­tig­ten in Hen­nigs­dorf ma­chen sich seit Mo­na- ten gro­ße Sor­gen. Denn Hen­nigs­dorf soll­te trotz vol­ler Auf­trags­bü­cher die Se­ri­en­pro­duk­ti­on 2019 nach Baut­zen ab­ge­ben, künf­tig nur noch Pro­to­ty­pen und Test­fahr­zeu­ge fer­ti­gen.

Da­bei sind die Zü­ge in Berlin und im Um­land prall mit Rei­sen­den ge­füllt. Da soll­te doch ei­gent­lich ein Schie­nen­fahr­zeug­her­stel­ler di­rekt vor den To­ren der Haupt­stadt nicht ge­schröpft wer­den. Mit die­ser Bot­schaft ist Bud­ke am Don­ners­tag nach Hen­nigs­dorf ge­kom­men. Sie be­müht sich, ein auf grü­nes Pa­pier ge­druck­tes Flug­blatt an den Mann zu brin­gen, im Ein­zel­fall auch an die Frau. »Vor­fahrt für die Bahn­pro­duk­ti­on«, steht groß oben drü­ber. »Stei­gen­de Fahr­gast­zah­len und über­füll­te Zü­ge – neue Bahn­fahr­zeu­ge wer­den drin­gend ge­braucht und bei Bom­bar­dier in Hen­nigs­dorf sol­len bis zu 900 Ar­beits­plät­ze weg­fal­len«, heißt es an­kla­gend.

Es ist Bun­des­tags­wahl­kampf und die Grü­nen prä­sen­tie­ren sich als Bahn­par­tei, die un­ter an­de­rem die Fahr­rad­mit­nah­me in al­len Zü­gen for­dert. Doch Bud­ke hat kurz nach 7 Uhr mor­gens zu­nächst Schwie­rig­kei­ten, Ab­neh­mer für ihr Flug­blatt zu fin- den. Denn es gibt kei­nen Schicht­be­ginn zu ei­nem fes­ten Zeit­punkt, bei dem ei­ne Mas­se von Ar­bei­tern her­ein­strö­men wür­de. Statt­des­sen wird in Gleit­zeit ge­ar­bei­tet, so dass am Werks­tor im Mo­ment nur we­nig Be­trieb herrscht. An der Pfor­te mel­det sich erst ein­mal nur ein Mon­teur, der in ei­ner leer­ste­hen­den Hal­le nach der Funk­tech­nik schau­en soll.

Doch dann bil­det sich vor der Schran­ke so­gar ei­ne klei­ne Au­to­schlan­ge, und Bud­ke ge­lingt es, das ei­ne oder an­de­re Flug­blatt durch ge­öff­ne­te Sei­ten­schei­ben her­ein­zu­rei­chen. Au­ßer­dem fährt nun ein Ta­xi nach dem an­de­ren vor, zu Fuß tref­fen zwei Her­ren mit Roll­kof­fern ein. Der Auf­sichts­rat scheint sich zu sam­meln. Bud­ke er­klärt ge­bets­müh­len­ar­tig, dass die Grü­nen den Stand­ort er­hal­ten möch­ten. »Das wol­len wir auch«, ver­si­chert Bom­bar­dier-Spre­cher Andre­as Die­ne­mann, der kurz vors Tor ge­kom­men ist.

Bran­den­burgs Mi­nis­ter­prä­si­dent Dietmar Wo­id­ke (SPD) spricht am frü­hen Abend von ei­nem Teil­er­folg, weil es ge­lun­gen sei, Klein­se­ri­en in Hen­nigs­dorf zu hal­ten, lei­der je­doch nicht die Groß­se­ri­en. »Das ist bit­ter.«

Foto: dpa/Patrick Pleul

Vie­le Bom­bar­dier-Mit­ar­bei­ter fürch­ten um ih­re Ar­beits­plät­ze.

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