Erst Pfef­fer, dann die Er­laub­nis

Im­mer wie­der ver­bie­ten Be­hör­den Gip­fel­pro­tes­te – und im­mer wie­der stel­len Ge­rich­te spä­ter fest: Das Ver­bot war nicht rech­tens

Neues Deutschland - - Politik - Von El­sa Koes­ter

Ver­samm­lungs­ver­bo­te bei Gip­fel­tref­fen sol­len Men­schen ab­schre­cken, sa­gen Kri­ti­ker. Al­ler­dings kön­nen die Ein­schrän­kun­gen auch an­de­re Ef­fek­te ha­ben.

Kurz vor dem G20-Gip­fel hält der ju­ris­ti­sche Streit um Camps und Kund­ge­bun­gen wei­ter an. Dass Ver­samm­lungs­frei­heit vor Ge­richt erstrit­ten wer­den muss, ist der Nor­mal­fall.

»Yes, we camp!«, steht auf dem Schild, das ein Ak­ti­vist zwi­schen ein paar Zel­ten hoch­hält. Das Foto wirkt un­ge­wollt ko­misch. Es liegt an der Kör­per­hal­tung, die nicht recht zu der Ju­bel­mel­dung des er­laub­ten G20Pro­test­camps pas­sen will: Die Schul­tern hän­gen, der Kopf eben­so, die Au­gen bli­cken ge­nervt. War­um? Weil Chris­ti­an Weß­ling, der die Pro­tes­te für Attac or­ga­ni­siert, sich aus­kennt. Er war schon bei ge­nug Gip­fel­pro­tes­ten, um zu wis­sen: Das ju­ris­ti­sche Hick­hack um die Ver­an­stal­tun­gen geht noch ei­ne Wei­le. Weil es im­mer so ist. Kein Gip­fel­pro­test oh­ne Ver­samm­lungs­ver­bot, kei­ne De­mo oh­ne ge­richt­li­che Er­laub­nis.

»Die­se Ver­bo­te zie­len ganz of­fen­sicht­lich auf Ab­schre­ckung und sind rechts­wid­rig, weil sie das Ver­samm­lungs­recht von vorn­her­ein nicht schüt­zen, son­dern ein­engen«, är­gert sich Wer­ner Rätz, eben­falls ein al­ter Ha­se bei Attac. »Und dann wer­den die Pro­tes­te im Nach­hin­ein er­laubt. Das hilft un­se­rer Ver­samm­lung herz­lich we­nig.« Rätz war schon 2007 bei den Gip­fel­blo­cka­den ge­gen G8 in Hei­li­gen­damm da­bei und hat es selbst er­lebt. Auch hier war ei­ne all­ge­mei­ne Ver­bots­zo­ne ver­fügt wor­den. Die Ham­bur­ger Po­li­zei be­grün­det ih­re ak­tu­el­le All­ge­mein­ver­fü­gung da­mit, dass die Ge­fah­ren­la­ge mit den Pro­tes­ten vor zehn Jah­ren ver­gleich­bar sei. Was die Po­li­zei al­ler­dings nicht er­wähnt, Rätz aber noch sehr prä­sent hat: Das Ver­bot des Stern­marschs, der zu Be­ginn des Gip­fels in Hei­li­gen­damm statt­fin­den soll­te, war rechts­wid­rig.

Das hat­te schon das Ober­lan­des­ge­richt recht­zei­tig vor den G8-Pro­tes­ten fest­ge­stellt und das Ver­bot auf- ge­ho­ben. In ei­nem Ver­fah­ren über einst­wei­li­gen Rechts­schutz ur­teil­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt je­doch ei­nen Tag vor der De­mons­tra­ti­on, dass zwar die Ver­bots­zo­ne ver­fas­sungs­wid­rig sei – das De­mons­tra­ti­ons­ver­bot aber rech­tens, da es mit der Ge­fähr­lich­keit an­ge­reis­ter De­mons­tran­ten be­grün­det wor­den war. Die De­mons­tran­ten nah­men sich ihr Recht auf Ver­samm­lung trotz­dem, kämpf­ten sich zi­vil un­ge­hor­sam bis zu den Ab­sper­run­gen rund um den Gip­fel vor und schaff­ten ei­ne Er­zäh­lung, die die po­li­ti­sche Le­gi­ti­mi­tät der G8 in Fra­ge stell­te. Der Preis war je­doch hoch: Bren­nen­de Au­gen durch Pfef­fer­spray, blaue Fle­cken durch Po­li­zei­knüp­pel. Die na­tür­lich längst ver­heilt wa­ren, als das Ober­ver­wal- tungs­ge­richt Greifs­wald – erst im Au­gust 2012 – in ei­nem or­dent­li­chen Ver­fah­ren letzt­in­stanz­lich ur­teil­te: Das De­mo­ver­bot war nicht rech­tens. Wie üb­ri­gens auch die Hal­tung Hun­der­ter Fest­ge­nom­me­ner – ins­ge­samt 1060 wa­ren es bei G8 – in Kä­fi­gen.

Die G8-Pro­tes­te sind nicht der ein­zi­ge Fall, in dem ein De­mo­ver­bot im Nach­hin­ein auf­ge­ho­ben wur­de. Ähn­lich ver­lief es bei den ers­ten Block­u­py-Pro­tes­ten ge­gen die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank in Frankfurt 2012. Je­de po­li­ti­sche Ver­an­stal­tung, die das Bünd­nis an­ge­mel­det hat­te, wur­de ver­bo­ten: Das Pro­test­camp, meh­re­re Kund­ge­bun­gen im Ban­ken­vier­tel, ein Ra­ve und ei­ne Groß­de­mons­tra­ti­on. Die Ak­ti­vis­ten stie­ßen auf Was­ser­wer­fer, Pfef­fer­spray und Knüp­pel. Ins­ge­samt 1430 De­mons­tran­ten wur­den in Bus­sen und 12 Po­li­zei­kes­seln fest­ge­hal­ten.

Dass ei­ne De­mons­tra­ti­on ge­gen die Ver­bo­te dann eben­falls ver­bo­ten wur­de, brach­te die Zi­vil­ge­sell­schaft auf den Plan. Em­pört ver­sam­mel­te sie sich trotz­dem zu Hun­der­ten, das Grund­ge­setz in die Hö­he hal­tend, ein­ge­kes­selt von der Po­li­zei. »Das Ver­wal­tungs­ge­richt ur­teil­te ein hal­bes Jahr spä­ter, dass das Ver­bot rechts­wid­rig war«, er­in­nert sich die An­mel­de­rin El­ke Ste­ven vom Grund­rech­te­ko­mi­tee heu­te, »das­sel­be Ge­richt, das die Kund­ge­bung im Eil­ver­fah­ren ver­bo­ten hat­te. Es ist är­ger­lich: Die Camp- und Ver­samm­lungs­ver­bo­te schre­cken vor den Pro­tes­ten ab.«

Die De­mons­tran­ten be­kom­men je­doch nicht im­mer Recht. Ei­ne vom Frank­fur­ter Ver­wal­tungs­ge­richt er­laub­te Block­u­py-De­mons­tra­ti­on wur­de 2013 von der Po­li­zei auf­ge­hal­ten. Das Bünd­nis klag­te und ging bis vor das Ver­fas­sungs­ge­richt – wo es ei­ne Nie­der­la­ge ein­steck­te: Die als »Frank­fur­ter Kes­sel« be­kannt ge­wor­de­ne Fest­nah­me von fast 1000 Ak­ti­vis­ten war rech­tens, ur­teil­ten die Rich­ter. Für El­ke Ste­ven kam das über­ra­schend, denn seit ei­nem Ur- teil des Ver­fas­sungs­ge­richts zu den An­ti-AKW-Pro­tes­ten in Brok­dorf 1985 gilt: Selbst wenn ein­zel­ne Teil­neh­mer ei­ner De­mo Straf­ta­ten be­ge­hen, darf die Ver­samm­lung nicht als Gan­zes ver­bo­ten wer­den (sie­he Bei­trag un­ten). »Auch egal«, sagt der Phi­lo­soph und Ak­ti­vist Tho­mas Sei­bert heu­te, der die Block­u­py-Pro­tes­te mit or­ga­ni­sier­te. »Die Zi­vil­ge­sell­schaft hat­te längst ihr ei­ge­nes Ur­teil ge­fällt: Der Ein­griff der Po­li­zei war nicht an­ge­mes­sen. Der Kes­sel war vi­el­leicht le­gal – aber kei­nes­wegs le­gi­tim.«

Tat­säch­lich gin­gen ei­ne Wo­che spä­ter rund 15 000 Frank­fur­ter auf die Stra­ße, um ge­gen den Ein­griff in die Ver­samm­lungs­frei­heit zu pro­tes­tie­ren, im Look der Block­u­py-Pro­tes­te.

Füh­ren die De­mons­tra­ti­ons­ver­bo­te über die me­dia­le Em­pö­rung vi­el­leicht so­gar zu ei­ner grö­ße­ren Un­ter­stüt­zung? »Es ist of­fen­sicht­lich, dass die Be­richt­er­stat­tung über die Ver­bo­te die Auf­merk­sam­keit für das Er­eig­nis ins­ge­samt stei­gert«, räumt Rätz ein, fügt aber hin­zu: »Gleich­zei­tig dämp­fen die Ver­samm­lungs­ver­bo­te die Be­reit­schaft, sich an den Pro­tes­ten zu be­tei­li­gen.« Mit 15 000 Po­li­zis­ten in der Ham­bur­ger Fe­s­tung ein­ge­zwängt zu sein, sei nicht ge­ra­de ver­lo­ckend.

Auch Tho­mas Sei­bert weiß, dass das her­auf­be­schwo­re­ne G20-Hor­ror­sze­na­rio ab­schre­ckend wirkt. »Dass man die Si­cher­heits­be­hör­den mit auf den Plan ruft, ge­hört aber zum Kon­zept des zi­vi­len Un­ge­hor­sams da­zu«, sagt er. »Ist doch klar: 10 000 Ak­ti­vis­ten kön­nen vi­el­leicht nicht so viel aus­rich­ten, aber 10 000 Ak­ti­vis­ten plus 15 000 Po­li­zis­ten blo­ckie­ren ei­ne Stadt ganz lo­cker.«

Foto: ima­go/Chris­ti­an Mang

De­mo mit schar­fer Waf­fe: Bür­ger pro­tes­tier­ten 2012 in Frankfurt am Main mit dem Grund­ge­setz in der Hand ge­gen Ver­samm­lungs­ver­bo­te.

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