Ehestreit könn­te vor Ge­richt lan­den

Uni­ons­po­li­ti­ker wol­len die Gleich­stel­lung ho­mo­se­xu­el­ler Paa­re in Karls­ru­he ver­hin­dern

Neues Deutschland - - Politik - Von Aert van Riel

An die­sem Frei­tag ist ei­ne Ab­stim­mung des Bun­des­tags über die »Ehe für al­le« ge­plant. Ob­wohl die Mehr­heit der Ab­ge­ord­ne­ten ein ent­spre­chen­des Ge­setz un­ter­stüt­zen wür­de, gibt es noch Un­wäg­bar­kei­ten. Der Se­gen des Kar­di­nals bleibt aus. Rein­hard Marx, Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz, ist wei­ter­hin ein strik­ter Geg­ner der Öff­nung der Ehe für gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re. Die Ehe sei »die Le­bens­und Lie­bes­ge­mein­schaft von Frau und Mann als prin­zi­pi­ell le­bens­lan­ge Ver­bin­dung mit der grund­sätz­li­chen Of­fen­heit für die Wei­ter­ga­be von Le­ben«, tön­te es vom Sitz des deut­schen Ober­ka­tho­li­ken in Mün­chen.

Es ist ganz in sei­nem Sin­ne, dass Po­li­ti­ker der Uni­on nun ver­su­chen, das von SPD, LIN­KEN und Grü­nen un­ter­stütz­te Ge­set­zes­vor­ha­ben noch mit welt­li­chen Mit­teln zu stop­pen. Am Frei­tag­mor­gen wer­den die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten zu­nächst über ei­nen An­trag zur Er­wei­te­rung der Ta­ges­ord­nung ent­schei­den. Wenn es da­für ei­ne Mehr­heit im Plenum ge­ben soll­te, wird da­nach über die Gleich­stel­lung ho­mo­se­xu­el­ler Part­ner­schaf­ten mit der Ehe de­bat­tiert und ab­ge­stimmt. Die Mehr­heits­ver­hält­nis­se sind knapp. 320 rot-rot-grü­nen Ab­ge­ord­ne­ten ste­hen 309 Par­la­men­ta­ri­er der Uni­on ge­gen­über.

Die Stim­mung bei den Kon­ser­va­ti­ven ist schlecht. Sie füh­len sich von ih­rem so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ko­ali­ti­ons­part­ner über­rum­pelt. Denn die­ser hat­te ei­ne va­ge Er­klä­rung von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, dass sie bei der Öff­nung der Ehe in Rich­tung ei­ner Ge­wis­sens­ent­schei­dung der Ab­ge­ord­ne­ten ge­hen wol­le, zum An­lass ge­nom­men, am Mitt­woch mit LIN­KEN und Grü­nen im Rechts­aus­schuss ei­nen ent­spre­chen­den Ge­setz­ent­wurf des Bun­des­rats durch­zu­brin­gen, der dem Gre­mi­um schon lan­ge vor­lag. Da­mit hat­te die SPD die Ko­ali­ti­ons­ver­ab­re­dung mit der Uni­on ge­bro­chen, wo­nach Ge­set­zes­in­itia­ti­ven nur ge­mein­sam ein­ge­bracht wer­den.

Ei­ni­ge Uni­ons­ab­ge­ord­ne­te prü­fen nun recht­li­che Schrit­te. CSU-Mann Hans-Pe­ter Uhl er­wog im Ge­spräch mit dem »Ta­ges­spie­gel« ei­nen An­trag auf abs­trak­te Nor­men­kon­trol­le beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, um die Ver­ein­bar­keit des Ge­set­zes mit dem Grund­ge­setz zu prü­fen. Hier­für wä­re die Zu­stim­mung ei­nes Vier­tels der Ab­ge­ord­ne­ten, al­so von 158 Par­la­men­ta­ri­ern, not­wen­dig. Ar­ti­kel sechs des Grund­ge­set­zes stellt die Ehe un­ter be­son­de­ren staat­li­chen Schutz. Die Uni­ons­po­li­ti­ker ge­hen im Un­ter­schied zu ih­ren SPD-Kol­le­gen da­von aus, dass die »Ehe für al­le« nur durch ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung mög­lich sei, für die man ei­ne Zwei­drit­tel­mehr­heit im Par­la­ment be­nö­tigt.

Die Kon­ser­va­ti­ven ma­chen sich Hoff­nun­gen, weil die Karls­ru­her Rich­ter vor vier Jah­ren in ei­nem Ur­teil über das Ehe­gat­ten­split­ting die Ehe als »al­lein der Ver­bin­dung zwi- schen Mann und Frau vor­be­hal­te­nes In­sti­tut« be­zeich­net hat­ten. Al­ler­dings hat das Ver­fas­sungs­ge­richt in letz­ter Zeit auch die Rech­te von ho­mo­se­xu­el­len Paa­ren ge­stärkt und ih­nen et­wa die Suk­zes­si­va­d­op­ti­on er­mög­licht, wo­nach ein be­reits von ei­nem Le­bens­part­ner ad­op­tier­tes Kind nach­fol­gend durch den an­de­ren Le­bens­part­ner ad­op­tiert wer­den kann.

Soll­te es im Bun­des­tag zur Ab­stim­mung kom­men, gilt ei­ne Mehr­heit für den Ge­setz­ent­wurf als si­cher. Nur die Uni­on ist bei dem The­ma zer­ris­sen. In ih­ren Rei­hen wird mit ei­ner gro­ßen Ab­leh­nung ge­rech­net. Ein Vier­tel bis ein Drit­tel der Ab­ge­ord­ne­ten von CDU und CSU könn­te hin­ge­gen mit Ja vo­tie­ren. Ei­ni­ge Be­für­wor­ter en­ga­gie­ren sich in Krei­sen, die Schwarz-Grün im Bund vor­be­rei­ten wol­len. Ihr pro­mi­nen­tes­ter Ver­tre­ter ist der ho­mo­se­xu­el­le CDU-Po­li­ti­ker Jens Spahn.

Um­fra­gen ha­ben er­ge­ben, dass ei­ne gro­ße Mehr­heit in der Ge­sell­schaft kein Pro­blem mit der Öff­nung der Ehe hat. Im Bun­des­tag geht es nur noch um ei­nen klei­nen Schritt zur voll­stän­di­gen Gleich­be­rech­ti­gung. Seit 2001 kön­nen gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re ei­ne Le­bens­part­ner­schaft ein­ge­hen, die der Ehe weit­ge­hend gleich­ge­stellt ist. Schwu­le und Les­ben dür­fen aber bis­lang nicht ge­mein­sam ein Kind ad­op­tie­ren.

Bun­des­weit gibt es nach Schät­zun­gen des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes bis zu 225 000 gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten. Nach den Sta­tis­tik­zah­len, die auf frei­wil­li­gen Aus­künf­ten be­ru­hen, wa­ren es 2015 rund 94 000 Paa­re, da­von 43 000 ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaf­ten.

Foto: Pho­to­ca­se/Lu­cas1989

Nur die ge­mein­sa­me Kin­de­ra­d­op­ti­on wird gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren noch ver­wehrt.

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