»Ich wur­de plötz­lich hart – und wein­te«

Tho­mas Bill­hardt zur Ver­ant­wor­tung von Fo­to­gra­fen, Ver­bre­chen zu do­ku­men­tie­ren und So­li­da­ri­tät zu be­för­dern

Neues Deutschland - - Tagesthema -

Herr Bill­hardt, wür­den Sie sich mit dem Pu­lit­zer­preis­trä­ger Nick Út ver­glei­chen, der 1972 das Fo­to von den vor ei­nem Na­palm­an­griff flie­hen­den viet­na­me­si­schen Kin­dern von My Lai, Son My, schoss?

Nein. Ich wür­de das Fo­to aber auch ge­macht ha­ben, wenn ich an der Stel­le von Nick Út ge­we­sen wä­re. Die Nord­viet­na­me­sen er­laub­ten mir lei­der nicht, auch nur in die Nä­he des Ho-Chi-Minh-Pfads zu ge­lan­gen. Ich woll­te den Krieg se­hen, rie­chen, schme­cken, mit er­lei­den – au­then­ti­sche Fo­tos ma­chen.

Das ha­ben Sie aber doch!

Ja, die Bom­ben­an­grif­fe wa­ren er­schüt­ternd ge­nug. Man wuss­te, wie­der ein­mal wird ge­stor­ben. Wie­der ver­liert ei­ne Mut­ter ihr Kind, ein Kind die Mut­ter. Ich woll­te nie nur ein zer­stör­tes Haus, Trüm­mer oder Granattrich­ter zei­gen, son­dern Bil­der ma­chen, die ans Herz ge­hen. Nicht nur die Ka­me­ra hin­hal­ten und knip­sen, son­dern Sym­bo­le ein­fan­gen, die Em­pö­rung er­re­gen, Mit­ge­fühl er­zeu­gen und die So­li­da­ri­tät be­för­dern. Die Viet­na­me­sen wa­ren mir nah, sehr nah, mei­ne Schwes­tern, mei­ne Brü­der. Ich fühl­te mich eins mit ih­nen in ih­rem Schmerz, ih­rem Leid, ih­ren Ver­lus­ten, in ih­rer Hoff­nung und Sehn­sucht nach Frie­den. Ich ver­such­te, tief in ih­re See­le zu schau­en und ent­deck­te ih­re In­di­vi­dua­li­tät, ih­re Ver­schie­den­ar­tig­keit, Wür­de, Stolz, aber auch Ver­letz­bar­keit. Wenn man das er­kannt hat, kann man per­sön­li­che, mensch­li­che Fo­tos ma­chen.

Se­hen Sie sich als ei­nen Ge­brauchs­fo­to­gra­fen oder eher als Künst­ler? Die­se Un­ter­schei­dung gibt es für mich nicht, sie ist mir völ­lig un­wich­tig. Es gibt Fo­to­gra­fen, die ver­su­chen, Ma­le­rei und Gra­fik nach­zu­ah­men. Das ist le­gi­tim, aber nicht mein Ver­ständ­nis von Fo­to­gra­fie. Ich will kei­ne Bil­der ma­chen, die man erst deu­ten muss. Und erst recht kei­ne exo­ti­schen, mys­ti­schen Bil­der.

Sie ha­ben aber auch die Tem­pel­tän­ze­rin­nen von Ba­li fo­to­gra­fiert. Das ist kei­ne Exo­tik. Klar, ih­re An­mut, ih­re Gra­zie, ih­re aus­drucks­star­ke Mi­mik und Ges­tik fas­zi­nier­ten mich. Der zar­te Zau­ber ih­res Tan­zes ver­riet nichts von den Mü­hen ih­res täg­li­chen har­ten Trai­nings. Das ist die Bot­schaft. Ich hof­fe, dass der Be­trach­ter dar­über nach­denkt.

Be­die­nen Sie sich manch­mal auch der Re­tu­sche? Und wie ste­hen Sie zu Fo­to­mon­ta­gen?

Re­tu­schen gibt es bei mir nicht. Und ja, ich be­wun­de­re gut ge­mach­te Fo­to­mon­ta­gen. Mein Sohn lebt in Sin­ga­pur und ar­bei­tet als Wer­be- und Mo­de­fo­to­graf auf den Phil­ip­pi­nen, in In­do­ne­si­en, Thai­land und Viet­nam. Ein schö­ner Be­ruf in ei­ner auf­re­gen­den, in­ter­es­san­te Ecke un­se­rer Welt. Ein­mal soll­te er ein Kind beim Fuß­ball­spie­len in ei­ner Pfüt­ze lie­fern. Ein Wer­be­auf­trag. Wenn ich nicht ge­se­hen hät­te, wie das Fo­to ent­stand, hät­te ich es nicht ge­glaubt. Erst fo­to­gra­fier­te er ei­ne Pfüt­ze, da­nach ein Kind, das er bat, wie toll zu hüp­fen, zu sprin­gen und sich zu dre­hen. Dann nahm er ei­nen Ball und bau­te die­sen in das Bild ein. Voll­kom­men ir­re, wie die Pfüt­ze spritz­te, der Ball hüpf­te und das Kind her­um­wir­bel­te.

Sie ver­ste­hen sich als ein Chro­nist des Zeit­ge­sche­hens.

Ja. Ich bin Chro­nist und Do­ku­men­ta­rist, ge­wiss auch sen­si­bel wie ein Künst­ler, aber ich muss stets kon­kret, kor­rekt, prä­zi­se ar­bei­ten. Ich kann auch kein Kas­per­le­thea­ter ver­an­stal­ten, Men­schen mit »Ku­ckuck«-Ru­fen ani­mie­ren, in die Ka­me­ra zu grin­sen.

Ein­mal ha­be ich mit ei­nem so­wje­ti­schen Kol­le­gen ei­nen Bild­band über die DDR und die So­wjet­uni­on ge­macht. Auf sei­nen Fo­tos feix­ten und lach­ten al­le, ob Stahl­ar­bei­ter, Bau­er oder Pro­fes­sor. Ich ent­deck­te aber auf mei­ner Rei­se durch die So­wjet­uni­on so viel Wi­der­spruchs­vol­les – das woll­te ich fest­hal­ten. Als un­se­re Fo­tos dann den Re­dak­teu­ren und Ver­lags­leu­ten vor­la­gen, es han­del­te sich da­mals um ei­ne Ko­ope­ra­ti­on der Zei­tun­gen »Jun­ge Welt« und »Kom­somol« so­wie des Ver­la­ges Neu­es Le­ben und ei­nem Mos­kau­er Pen­dent, da sag­ten al­le: »Dei­ne Fo­tos sind Klas­se.« Am En­de aber ent­schie­den die Funk­tio­nä­re: »Das ist nicht der So­zia­lis­mus.« Sie wie­sen auf die lus­ti­gen Fo­tos mei­nes so­wje­ti­schen Kol­le­gen: »Das ist So­zia­lis­mus.« Ich dach­te, ich krie­ge ei­nen Herz­in­farkt. Spä­ter ha­be ich ge­lernt, mich durch­zu­set­zen. An­fangs war ich noch ängst­lich. Es ge­lang Ih­nen, sich durch­zu­set­zen, weil Ih­re Fo­tos, et­wa aus dem Viet­nam­krieg, weit­hin be­kannt wa­ren. DDR-Bür­ger kann­ten sie al­le, aber nicht un­be­dingt Ih­ren Na­men. War das ty­pisch für die DDR? Der Fo­to­graf hat hin­ter sein Fo­to zu­rück­zu­tre­ten. Ein trau­ri­ges Los? Da­mit hat­te ich kei­ne Pro­ble­me. Aber es stimmt, die Ur­he­ber­schaft er­fuhr in der DDR kei­ne gro­ße Auf­merk­sam­keit. Das ist heu­te an­ders. Und das ist auch nor­mal. Für mich wa­ren und sind mei­ne Bil­der wich­ti­ger, als mei­nen Na­me in gro­ßen Let­tern ir­gend­wo le­sen zu kön­nen. Ich hal­te vie­le Vor­trä­ge und er­le­be oft, dass die Leu­te wei­nen, wenn ich ih­nen die Ge­schich­te zu ei­nem Bild er­zäh­le. Ei­ner­seits rührt mich das an, an­de­rer­seits bin ich be­drückt, weil ich mich fra­ge: War­um hat sie nicht schon das Bild be­wegt? Ist es viel­leicht doch nicht voll­kom­men? Ich bin im­mer un­zu­frie­den. Es gibt kei­ne Voll­kom­men­heit. Da­mit muss ich wohl le­ben.

Wie lau­tet die Ge­schich­te zum Lie­bes­paar im Krieg? War das wirk­lich ei­ne spon­ta­ne Auf­nah­me oder ha­ben Sie die bei­den ge­be­ten, Hand in Hand zu ge­hen?

Nein, das Fo­to ist nicht ge­stellt. Ich ha­be von den bei­den an die zwan­zig Auf­nah­men ge­macht, wäh­rend ich lei­se hin­ter ih­nen her­ging. Sie ha­ben mich dann aber doch be­merkt und lös­ten ver­schämt ih­re Hän­de. Ich be­deu­te­te ih­nen mit Ges­ten, sich von mir nicht stö­ren zu las­sen und wei­ter­zu­ge­hen. Aber mir ge­lan­gen nun kei­ne brauch­ba­ren Bil­der mehr. Die stil­le In­ti­mi­tät war ver­flo­gen.

Sie wa­ren mit den Do­ku­men­tar­fil­mern Walter Heynow­ski und Ger­hard Scheu­mann in Viet­nam.

Sie ba­ten mich, bei der Be­fra­gung der Bom­ber­pi­lo­ten zu fo­to­gra­fie­ren, sie brauch­ten Stand­bil­der für ih­ren Film »Pi­lo­ten im Py­ja­ma«. Das ha­be ich ge­tan. Es war ei­ner der span­nends­ten Auf­trä­ge in mei­nem Le­ben. Mit den bei­den konn­te man sehr gut zu­sam­men­ar­bei­ten, ich ha­be viel von ih­nen ge­lernt. H& S, das war die Ho­he Schu­le. Ich be­wun­de­re ih­re Ar­beit noch heu­te. Ich war der Youngs­ter und muss­te na­tür­lich im­mer mal was ein­ste­cken. Heynow­ski sag­te ein­mal zu mir: »Bil­ly, zu fuff­zig Pro­zent machs­te nicht, was du sollst. Aber die an­de­ren fuff­zig Pro- zent sind Bil­der, die mir ent­gan­gen sind. Pri­ma. Da­mit sind wir al­so quitt.«

Ich hät­te die bei­den auch gern in den Kon­go be­glei­tet. Sie nah­men mich nicht mit, weil sie be­fürch­te­ten, je grö­ßer der Trupp, des­to schwe­rer wür­de es sein, an »Kon­go-Mül­ler« her­an­zu­kom­men, den deut­schen Söld­ner in Di­ens­ten von Tschom­bé, der Patri­ce Lu­mum­ba er­mor­den ließ. Als Heynow­ski und Scheu­mann zu­rück­kehr­ten, sag­ten sie: »Scha­de, dass du nicht mit warst.«

In Viet­nam ha­ben Sie in ei­ner Lei­chen­hal­le ei­ne Groß­mut­ter fo­to­gra­fiert, die ih­ren fünf­jäh­ri­gen En­kel be­weint. Darf man das? Und darf man ein to­tes Kind für die per­fek­te Auf­nah­me in ei­nen Licht­ke­gel zie­hen, wie Sie es ta­ten?

Ich hät­te kei­ne Chan­ce ge­habt, wenn die bei­den in der dunk­len Ecke der Hal­le ge­blie­ben wä­ren. Ich wuss­te in dem Mo­ment, ich muss die­se er­schüt­tern­de Sze­ne ein­fan­gen. Die­sen Schmerz, die­ses Unglück, die­ses Ver­bre­chen muss die Welt er­fah­ren. Ich hat­te ei­ne Ver­ant­wor­tung. Und da bin ich plötz­lich ganz hart ge­wor­den. Und ha­be ge­weint. Bei­des.

Ich sprach die Groß­mut­ter an, sie re­agier­te nicht, sie war in ih­rer Trau­er völ­lig weg. Wäh­rend ich den Jun­gen lang­sam zu mir zog und sie wim­mernd hin­ter­her­rutsch­te, re­de­te ich be­ru­hi­gend auf sie ein: »Groß­mut­ter, ich ver­spre­che dir, al­le Welt wird dein Leid se­hen.« Sie ver­stand mich na­tür­lich nicht. Nach­dem ich mei­ne Fo­tos hat­te, ver­si­cher­te ich ihr noch ein­mal: »Das ha­be ich für dich und dei­nen En­kel ge­tan.« Es wä­re un­ver­zeih­lich ge­we­sen, wenn ich die­ses Unglück nicht pu­blik ge­macht hät­te.

Das Bild hat sei­ne Wir­kung er­zielt. Es schür­te Emo­tio­nen, Tau­sen­de Ki­lo­me­ter vom Krieg ent­fernt. Es er­schien An­fang 1973 in der »NBI«. 28 Jah­re spä­ter wur­de es in ei­ner Aus­stel­lung in Ha­noi ge­zeigt. Da be­ob­ach­te­te ich, wie ein Mann im­mer wie­der auf das Fo­to zeig­te und auf­ge­regt et­was stän­dig wie­der­hol­te. Es stell­te sich her­aus: Es war der Va­ter des Kin­des. Er lud mich in sei­ne Woh­nung ein. Dort hing ein­ge­rahmt die Dop­pel­sei­te der »NBI«, die ihm ein Stu­dent aus der DDR mit­ge­bracht hat­te.

Es ist selbst in der Zunft der Fo­to­gra­fen um­strit­ten, ob man ge­walt- sam zu To­de ge­kom­me­ne Men­schen fo­to­gra­fie­ren darf. So wur­de hef­tig über das Fo­to von Ay­lan dis­ku­tiert, dem er­trun­ke­nen sy­ri­schen Flücht­lings­jun­gen, den es an ei­nen Strand ge­spült hat.

Den klei­nen Ay­lan hät­te ich auch fo­to­gra­fiert. Es ist ein trau­ri­ges Bild. Es tut weh. Weil es ei­ne An­kla­ge ist. An uns al­le. Wir ha­ben sie al­lein­ge­las­sen – die Flücht­lin­ge. Wir sind schuld dar­an, dass das ge­sche­hen ist. Und im­mer noch ge­schieht.

Hät­ten Sie auch ei­ne Hin­rich­tung fo­to­gra­fiert? Ed­die Adams, der für As­so­cia­ted Press im Viet­nam­krieg war, fo­to­gra­fier­te Sai­gons Po­li­zei­chef, der ei­nem ge­fes­sel­ten, knien­den FNL-Kämp­fer die Pis­to­le an die Schlä­fe drückt. In der nächs­ten Se­kun­de hat er ab­ge­drückt.

Ich weiß nicht, ob ich als Zeu­ge ei­nes Ver­bre­chens di­rekt vor mei­nen Au­gen auf den Aus­lö­ser drü­cken könn­te. Wie reagiert man in ei­nem sol­chen Au­gen­blick? Das ha­be ich mich oft ge­fragt. Muss man nicht ein­schrei­ten, um die Tat zu ver­hin­dern? Auch un­ter der Ge­fahr, selbst Op­fer zu wer­den? Ist es nicht wich­ti­ger, ein Ver­bre­chen zu ver­ei­teln, als es zu do­ku­men­tie­ren? – Das Bild von Ed­die Adams hat al­ler­dings in den USA die Pro­tes­te ge­gen den Viet­nam­krieg we­sent­lich be­ein­flusst.

Ver­stan­den Sie sich in Viet­nam als Kriegs­re­por­ter?

Nein, denn ich woll­te nie den Krieg ab­lich­ten, son­dern das, was er aus den Men­schen und mit den Men­schen macht, was er Men­schen an­tut. Als ich ei­ne Aus­stel­lung in West­ber­lin hat­te, kam der RIAS auf mich zu, um mich zu in­ter­view­en. Mir blieb fast das Herz ste­hen. Ich dach­te: Die füh­ren dich jetzt aufs Glatt­eis. Ich war über­rascht, als der Jour­na­list mich sei­nen Zu­hö­rern als »Frie­dens­re­por­ter« vor­stell­te. Das fand ich tref­fend. Ich fühl­te mich ge­ehrt. Na­tür­lich kam noch ei­ne Fra­ge zu Af­gha­nis­tan. Die So­wjets wa­ren ge­ra­de ein­mar­schiert. Ich soll­te dort auch Fo­tos ma­chen, das woll­te ich aber nicht. Ich lehn­te ab.

War­um?

Ich hät­te kei­ne Bil­der ma­chen kön­nen, wie ich sie woll­te. In der So­wjet­uni­on wur­de ich stän­dig von Po­li-

zis­ten und an­de­ren Auf­pas­sern beim Fo­to­gra­fie­ren be­hin­dert. Ob­wohl ich aus Freun­des­land kam. Und ob­wohl ich doch das Land und die Men­schen lieb­te und be­wun­der­te.

Gab es Mo­men­te, in de­nen Sie sich von der Pro­pa­gan­da in­stru­men­ta­li­siert fühl­ten?

Ei­gent­lich nicht. Nach­träg­lich fühl­te ich mich in ei­nem Fall von den Nord­viet­na­me­sen et­was »aus­ge­trickst«. Wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten zu »Pi­lo­ten im Py­ja­ma« mach­te ich das Fo­to, das ei­nen US-Sol­da­ten zeigt, der von ei­ner zier­li­chen Be­frei­ungs­kämp­fe­rin ab­ge­führt wird. Uns wur­de ge­sagt, er sei ge­ra­de ab­ge­schos­sen und ge­fan­gen ge­nom­men wor­den. Jahr­zehn­te spä­ter er­fuhr ich von Way­ne Wad­dell, so hieß der Pi­lot, dass er schon 14 Ta­ge in Haft war.

Sie tra­fen ihn noch ein­mal?

Mein Sohn hat in Mia­mi zu­fäl­lig durch sei­ne Freun­de ei­ner Tae­kwon­doG­rup­pe Kon­takt zu dem Pi­lo­ten be­kom­men. Way­ne Wad­dell be­such­te mich 1996 in Klein­mach­now. Es war ein sehr nüch­ter­nes Tref­fen – bei­der­seits. Wir fan­den nicht den rich­ti­gen Ton, uns über die Sinn­lo­sig­keit sei­nes da­ma­li­gen Kriegs­ein­sat­zes aus­zu­tau­schen. Er er­zähl­te, die Viet­na­me­sen hät­ten die Sze­ne ar­ran­giert. Sie woll­ten den Ein­druck er­we­cken, ei­ne zar­te jun­ge Frau ha­be ihn über­rum­pelt. Das war ihm da­mals aber egal, denn er hoff­te, dass durch das Fo­to sei­ne Frau in At­lan­ta er­füh­re, dass er noch lebt.

Wa­ren Sie dar­über ent­täuscht? Nein, für mich bleibt die­ses Mo­tiv von gro­ßer Sym­bo­lik, egal un­ter wel­chen Um­stän­den es ent­stan­den ist. Da­vid be­siegt Go­li­ath. Auch wenn Go­li­ath hü­nen­haf­ter er­schien, als er in Wirk­lich­keit war und ist. Dem Be­su­cher aus At­lan­ta folg­te üb­ri­gens der USMi­li­tär­ge­heim­dienst. Der De­fen­se In­tel­li­gence Agen­cy, kurz DIA, such­te noch im­mer nach ver­miss­ten Sol­da­ten und hoff­te, in mei­nem Fo­to­ar­chiv fün­dig zu wer­den. Die DIA-Leu­te sag­ten mir, dass der Film »Pi­lo­ten im Py­ja­ma« und die Auf­nah­men von ih­ren »schwatz­haf­ten« GIs gro­ßen mo­ra­li­schen Scha­den in den USA an­ge­rich­tet ha­ben und es des­halb da­mals, im Kal­ten Krieg, den Plan gab, Film- und Fo­to­ma­te­ri­al zu steh­len. Der »an­ti­fa­schis­ti­sche Schutz­wall« hat das wohl ver­hin­dert. (Lacht)

Wie wäh­len Sie Mo­ti­ve aus?

Mein Ar­beits­prin­zip ist: nicht nur gu­te Bil­der sam­meln, son­dern Ge­schich­ten er­zäh­len, mög­lichst voll­stän­dig. Mir ge­nüg­te es nicht, ein ab­ge­schos­se­nes US-Flug­zeug zu fo­to­gra­fie­ren, ich woll­te auch zei­gen, wie aus des­sen Schrott Ge­gen­stän­de des all­täg­li­chen Be­darfs her­ge­stellt wer­den: Käm­me, Brief­öff­ner, Ei­mer ...

Ich ha­be Bil­der von der Ge­burt bis zum Tod, von Leid und Op­fern, von Mut und He­ro­is­mus und eben auch von heim­li­cher Lie­be ge­macht. Ich fo­to­gra­fier­te ei­nen Rad­fah­rer beim Mit­tags­schläf­chen auf ei­ner Park­bank, der sein Fahr­rad mit den Bei­nen fi­xier­te, da­mit es nicht ge­klaut wer­de. Fahr­rä­der wa­ren im Krieg sehr wich­tig, aber eben auch rar.

Be­we­gend war auch Ih­re Ge­schich­te von Hong Li.

Das war 1969. Die »Freie Welt« schick­te mich mit ei­nem Re­dak­teur nach Viet­nam. In Vinh Linh lern­ten wir ei­ne Frei­wil­li­gen­bri­ga­de aus Ha­noi ken­nen, jun­ge lus­tig schnat­tern­de Mäd­chen. Mi­nen­su­che­rin­nen. Sie re­pa­rier­ten aber auch im­mer wie­der die Stra­ßen – nach je­dem Bom­ben­an­griff. Ein Mäd­chen fiel mir be­son­ders auf. Sie kämm­te ihr lan­ges, pech­schwar­zes Haar: Hong Li. Ich frag­te sie, wie alt sie ist. Sie sag­te: 17. Sie er­zähl­te, dass die Ame­ri­ka­ner manch­mal so tief flie­gen, dass man die Pi­lo­ten se­hen kön­ne. Und dass sie schon zwei­mal ver­schüt­tet wur­de. Und von ih­rer Mäd­chen­bri­ga­de schon zwölf um­ge­kom­men sind. Und ei­ne Freun­din sei von ei­ner Baum­schlan­ge ge­tö­tet wor­den.

Für mich sind nicht nur die Fo­tos wich­tig, son­dern auch de­ren Nach­le­ben. Mich in­ter­es­siert, wie die Men­schen auf mei­ne Bil­der re­agie­ren. Zum Bei­spiel in Viet­nam. Sie stan­den still, fast an­däch­tig vor mei­nen Fo­tos, wie Gläu­bi­ge in den or­tho­do­xen Kir­chen vor Iko­nen. Sie sa­hen ihr Le­ben, sa­hen sich selbst.

Ja. Wäh­rend der FDJ-Kam­pa­gne »Ei­ne Schiffs­la­dung So­li­da­ri­tät für Viet- nam« wur­den mei­ne Fo­tos in ei­ner Open-Air-Aus­stel­lung auf der Kar­lMarx-Al­lee ge­zeigt. Pas­san­ten hiel­ten im Schritt in­ne, schau­ten, wa­ren ge­fes­selt, ge­rührt. Was kann sich ein Fo­to­graf mehr wün­schen? Mit mei­nen Bil­dern bat ich, den Op­fern des Krie­ges zu hel­fen. Nie­mals woll­te ich Sen­sa­ti­ons­gier an mensch­li­chem Leid be­frie­di­gen.

Mit mei­ner Art der Bil­der, eck­te ich na­tür­lich auch manch­mal an, in der DDR wie in Viet­nam. In Ha­noi woll­ten die Funk­tio­nä­re kei­ne Fo­tos von Kin­dern, die bar­fuß zur Schu­le ge­hen, kei­ne al­te, im Bom­ben­kra­ter ho­cken­de Frau. Und To­te schon gar nicht. Die Funk­tio­nä­re woll­ten ih­re Lands­leu­te als Hel­den dar­ge­stellt se­hen. Das mag auch dar­an ge­le­gen ha­ben, dass es in Viet­nam kei­ne gro­ße fo­to­gra­fi­sche Tra­di­ti­on gab. Das konn­te man auch in Ma­os Chi­na und in Kim Il Sungs Nord­ko­rea er­le­ben. Ich war fas­sungs-und sprach­los an­ge­sichts der Pro­pa­gan­da­bil­der – strah­len­de Hel­den, Lob­prei­sun­gen des »Gro­ßen Füh­rers«, Sie­ger der Ge­schich­te. Ich konn­te die viet­na­me­si­schen Funk­tio­nä­re über­zeu­gen. Und die Re­ak­tio­nen der Be­su­cher mei­ner Aus­stel­lun­gen ga­ben mir recht.

Es ist Ih­nen nicht er­spart ge­blie­ben, zwi­schen die Fron­ten des Kal­ten Krie­ges zu ge­ra­ten und von der an­de­ren Sei­te miss­braucht zu wer­den. Ich den­ke an die Sau­na­kin­der.

Das war ei­ne lä­cher­li­che Sa­che. Völ­lig ab­surd. Für die Sie im ZK stramm­ste­hen muss­ten.

Na klar wur­de ich ins Zen­tral­ko­mi­tee ein­be­stellt. Und das kam so: Im Au­gust 1988 er­hielt ich ei­nen An­ruf aus dem Bon­ner Bü­ro des US-ame­ri­ka­ni­schen Ma­ga­zins »Li­fe«. Sie woll­ten Fo­tos aus ei­nem Kin­der­gar­ten oder ei­ner Kin­der­krip­pe. Die ha­be ich ge­macht, dar­un­ter Kin­der in der Sau­na, die in Frot­tee­säck­chen steck­ten. »Li­fe« ver­öf­fent­lich­te ei­ne Dop­pel­sei­te. Vier Wo­chen spä­ter kam die »Welt am Sonn­tag« mit dem Fo­to raus. Ich kann es im­mer noch nicht fas­sen, was sich die Re­dak­teu­re aus dem Blei­stift ge­saugt ha­ben: Klein­kin­der ge­hö­ren über­haupt nicht in ei­ne Sau­na und erst recht nicht in »Lei­nen­sä­cken«; da be­ste­he die Ge­fahr von Hitz­schlag, Krampf­an­fäl­len, Kreis­lauf­schocks. Die DDR war in dem Bei­trag oben­drein na­tür­lich in Gän­se­füß­chen ge­setzt. Und so muss­te ich mir ei­ne Stand­pau­ke an­hö­ren, der Rei­se­pass wur­de mir ab­ge­nom­men. Ich be­kam ihn erst wie­der, als ich den Ge­nos­sen die »Li­fe«-Aus­ga­be zeig­te, in der nichts so ein Quatsch stand und auch nichts DDR-Kri­ti­sches zu le­sen war.

Sie ha­ben auch den Sieg 1975 in Viet­nam fo­to­gra­fiert.

Ja, ich war der ers­te Aus­län­der, der über die Gren­ze ge­gan­gen ist, bei Dà Nang. Und dann bin ich mit Pe­ter Ja­kobs run­ter in den Sü­den ge­fah­ren, im Jeep nach Sai­gon, Ho-Chi-Min­hS­tadt. Da ha­be ich mich von Heynow­ski/Scheu­mann ab­ge­na­belt. Ich muss mein ei­ge­nes Ding ma­chen, sag­te ich mir da­mals. Dar­über ha­be ich mich spä­ter et­was ge­är­gert, denn ich wä­re gern bei ih­rer Ar­beit am »Krieg der Mu­mi­en« da­bei­ge­we­sen.

Sie wa­ren aber auch in Chi­le, fo­to­gra­fier­ten den ge­ra­de ge­wähl­ten so­zia­lis­ti­schen Prä­si­den­ten Sal­va­dor Al­len­de im of­fe­nen Wa­gen und Pi­no­chet hoch zu Ross ne­ben ihm, in Uni­form und mit Stahl­helm. Das Op­fer und sein Mör­der auf ei­nem Bild.

Als 1970 die Un­i­dad Po­pu­lar sieg­te, woll­te ich un­be­dingt nach Chi­le. Weil da et­was His­to­ri­sches ge­schah. Ich be­kam die Er­laub­nis und für 14 Ta­ge West­geld. Ich bin un­er­laubt zwei Mo­na­te ge­blie­ben. Es war sehr schön. Das un­schö­ne En­de konn­te kei­ner ah­nen. In mei­nem Ar­chiv fand sich üb­ri­gens jüngst noch ei­ne an­de­re, bis­her un­ver­öf­fent­lich­te Auf­nah­me: Pi­no­chet sitzt auf dem Pferd, Al­len­de steht vor ihm und reicht sei­ne Hand nach oben. Un­glaub­lich.

Sie fo­to­gra­fier­ten Re­vo­lu­tio­nä­re und Staats­män­ner, so Fi­del und Raul Cas­tro. DDR-Po­li­ti­ker nicht? Doch. Her­mann Axen, Ho­lo­cau­st­über­le­ben­der und Po­lit­bü­ro­mit­glied, wie er sich auf die Fuß­spit­zen stel­len und re­cken muss­te, um der Bür­ger­recht­le­rin An­ge­la Da­vis ein Küss­chen zu ge­ben. Es reich­te nicht, sie muss­te sich noch et­was hin­ab­beu­gen. Ich är­ge­re mich noch heu­te, dass ich Ho Chi Minh nicht fo­to­gra­fier­te, ob­wohl ich die Ge­le­gen­heit hat­te. Und Ta­ma­ra Bun­ke lei­der auch nur ne­ben­bei: Sie er­schien mir nicht be­son­ders in­ter­es­sant. Nach ih­rem Tod im bo­li­via­ni- schen Dschun­gel be­reu­te ich es, von ihr nicht mehr Auf­nah­men ge­macht zu ha­ben.

Fo­to­gra­fier­ten Sie auch Erich Hone­cker? Auf der Leip­zi­ger Mes­ser? Nein, um Got­tes Wil­len! Ich woll­te von ihm pri­va­te Fo­tos ma­chen. Sei­ne Frau Mar­got schien auf­ge­schlos­sen. Doch dann block­ten bei­de ab. Schon Walter Ul­bricht woll­te ich pri­vat fo­to­gra­fie­ren, an­ge­regt durch die groß­ar­ti­gen Fo­tos, die Ro­bert Le­beck von Kon­rad Ade­nau­er ge­macht hat: das von Al­ters­fur­chen durch­zo­ge­ne Ge­sicht im Ge­gen­licht, nach­denk­lich und ernst. So et­was war bei uns nicht mög­lich. Scha­de.

»Knip­ser vom Di­enst« wa­ren Sie nie­mals?

Na­tür­lich war auch ich manch­mal »Knip­ser vom Di­enst«, bei­spiels­wei­se wenn ich ei­nen Be­zirks­se­kre­tär oder Be­triebs­di­rek­tor »in sei­nem Ele­ment« fo­to­gra­fie­ren soll­te, das »Neue Deutsch­land« le­send oder vor ei­ner Lo­sung: »Mei­ne Hand für mein Pro­dukt«. Ich ver­such­te stets, die nichts­sa­gen­den Pa­ro­len aus mei­nem Ka­me­ra­su­cher zu hal­ten, was aber hef­tig mo­niert wur­de. Al­so tat ich ih­nen den Ge­fal­len, drück­te auf den Aus­lö­ser, zack. Da hat­ten sie ihr Bild. Das hat­te aber auch et­was. Es zeig­te das Ge­woll­te, Ge­küns­tel­te, nicht ganz Ehr­li­che.

Schä­men Sie sich die­ser Fo­tos? Nee, gar nicht. Es sind Zeit­bil­der. Viel­leicht hät­te ich mehr sol­cher Fo­tos ma­chen sol­len.

Fo­tos: Tho­mas Bill­hardt (2), pri­vat

Tho­mas Bill­hardt (rechts im Bild) mit dem ehe­ma­li­gen US-Bom­ber­pi­lo­ten Way­ne Wad­dell, den er 1967 fo­to­gra­fier­te. Das Fo­to ging mit der Bild­un­ter­schrift »Der Hü­ne im Reis­feld« um die Welt – »ob­wohl er ei­gent­lich gar nicht hü­nen­haft ist, je­den­falls ist er et­was klei­ner als ich«, kor­ri­giert der Fo­to­graf nach­träg­lich im »nd«-In­ter­view.

Bill­hardt, am 2. Mai 1937 in Chem­nitz ge­bo­ren, hat sein Hand­werk zu­nächst bei sei­ner Mut­ter ge­lernt, die ein Fo­to­ate­lier un­ter­hielt. Spä­ter stu­dier­te er an der Fach­schu­le für an­ge­wand­te Kunst in Mag­de­burg und an der Hoch­schu­le für Gra­fik und Buch­kunst in Leip­zig. Er avan­cier­te zu ei­nem in­ter­na­tio­nal ge­ach­te­ten Fo­to­gra­fen, der Aus­stel­lun­gen in Lon­don, Mos­kau und Bei­rut, in Kiew und Kra­kau, San­tia­go de Chi­le und Val­pa­rai­so, New York, Flo­renz, Pa­ris und Prag be­stück­te und heu­te noch für die UNICEF auf Rei­sen ist. Im Früh­jahr er­schie­nen sei­ne Er­in­ne­run­gen »Mei­ne Aben­teu­er mit der Ka­me­ra« (No­ra-Ver­lag, 298 S., br., 19,90 €). Un­ter die­sem Ti­tel wird am Mitt­woch, dem 19. Ju­li (18 Uhr), im »nd«-Ge­bäu­de in Ber­lin ei­ne Aus­stel­lung mit sei­nen ak­tu­el­len Fo­tos er­öff­net; dem schließt sich ein Ge­spräch im Sa­lon der Ro­sa-Lu­xem­burg-Stif­tung an.

Mit Bill­hardt sprach Kar­len Ve­sper.

Fo­to: Tho­mas Bill­hardt/Ar­chiv

Pla­kat zu ei­ner Aus­stel­lung mit Bill­hardts Fo­tos auf dem Pres­se­fest der ita­lie­ni­schen »L’Uni­ta«

Bill­hardts Fo­to von Kin­dern in Bom­ben­schutz­röh­ren wird für ei­ne Aus­stel­lung in Ha­noi aus­ge­packt.

In ei­ner Ha­no­ier Woh­nung: Nach­ge­bo­re­ne er­fah­ren, wie es zur »NBI«-Dop­pel­sei­te von 1973 mit der Ge­schich­te von der Groß­mut­ter und ih­rem En­kel kam.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.