»Der Gip­fel ...

Kath­rin Ger­lof dar­über, wie schön es in El­mau war, und sinn­vol­le Ge­walt, die na­tur­ge­mäß auf »sinn­lo­se« folgt

Neues Deutschland - - Meinung -

... war teu­er, er war für die mi­li­tan­te Sze­ne ab­schre­ckend und bot we­nig Mög­lich­kei­ten zum Pro­test, aber er war auch si­cher, sehr fried­lich, und xx (Auf­lö­sung spä­ter) konn­te für sich in An­spruch neh­men, den Ort für ei­nen der wich­tigs­ten kli­ma­po­li­ti­schen Be­schlüs­se der Ge­gen­wart be­rei­tet zu ha­ben. Die Welt be­kam ein Bil­der­buch­land zu se­hen und kei­ner­lei häss­li­che Aus­schrei­tun­gen.«

Die FAZ und ihr Blog wa­ren uns wäh­rend der Ta­ge in Ham­burg ein wich­ti­ges Leit­me­di­um. In ei­nem Meer von Ge­walt und Fas­sungs­lo­sig­keit er­in­ner­te der/das Blog zum Bei­spiel an ei­nen an­de­ren Gip­fel. Nur

7 G an der Zahl, die sich 2015 tra­fen im schö­nen El­mau, im noch schö­ne­ren Bay­ern, und weil vor­her nie­mand da­vor zu­rück­scheu­te, or­dent­lich Geld aus­zu­ge­ben, lief das Gan­ze auch fried­lich ab. Al­so nicht nur des­we­gen. »Gar­misch ist viel zu klein, um je­nen ur­ba­nen Stra­ßen­kampf zu ent­fes­seln, den man in Ge­nua er­leb­te. Die Be­völ­ke­rung hat kei­ner­lei au­to­no­me Struk­tu­ren und Sub­kul­tu­ren, die es Ran­da­lie­rern er­lau­ben wür­den, zwi­schen Zi­vi­lis­ten un­ter­zu­tau­chen. Zu­meist jun­ge Frem­de sind im Al­ten­ghet­to Gar­misch reich­lich auf­fäl­lig und kön­nen kei­ne Rück­zugs­räu­me fin­den«, re­sü­mier­te der/das faz­blog. G20 2017 fand al­so am fal­schen Ort statt, da, wo jun­ge Frem­de oder frem­de Jun­ge nicht auf­fal­len. Des­halb gilt, was Staats­mann Ga­b­ri­el sagt: »Deutsch­lands Bild wird durch die Er­eig­nis­se in Ham­burg schwer in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen.«

Was will die jetzt mit Ham­burg, ist doch lan­ge vor­bei, mag man­che Le­se­rin viel­leicht den­ken. Und gut lie­ße sich die­ser Trug­schluss als Schluss­strich nut­zen. Schwamm drü­ber, jetzt ist der Rechts­staat ge­fragt, al­les auf­zu­ar­bei­ten. Au­tos ha- ben ge­brannt, wir ha­ben ge­schrien (das tut kör­per­lich weh, wirk­lich, wenn so ein hei­li­ges Blech­le Feu­er fängt), jetzt kön­nen wir wie­der schwei­gen, weil wir laut ge­sagt und ge­pos­tet ha­ben: Ge­walt ist kei­ne Lö­sung. Vor al­lem, wenn sie »sinn­los« ist. Al­so nur dann, um ehr­lich zu sein. Es gibt schon ei­ne Men­ge Ge­walt, das stellt der Ka­pi­ta­lis­mus, das ge­frä­ßi­ge Lu­der, seit 500 Jah­ren un­ter Be­weis, die Pro­ble­me löst und Pro­fit ge­ne­riert. Ge­walt an sich ist nicht bö­se. Über­haupt ist nichts »an sich« bö­se. Sie, die Ge­walt, braucht nur staat­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on, dann geht das in Ord­nung. In so man­chem Krieg, an dem deut­sche Waf­fen be­tei­ligt sind, bren­nen auch mal Au­tos von Zi­vi­lis­ten. Das ist nicht schön, aber kol­la­te­ral. So­zu­sa­gen. In Ham­burg, mit­ten in ei­ner funk­tio­nie­ren­den De­mo­kra­tie, al­so nicht ir­gend­wo in der af­gha­ni­schen Pam­pa oder so, ist es aber schreck­lich.

In Ham­burg hat­ten wir es dem­zu­fol­ge mit »sinn­lo­ser Ge­walt« zu tun. Das geht gar nicht. Jetzt muss sinn­vol­le Ge­walt fol­gen. Und wir wer­den sie in Nach­be­rei­tung von Ham­burg be­kom­men – in Form von Ge­set­zen, noch mehr Über­wa­chung, al­ten/ neu­en Feind­bil­dern, ei­ner wei­te­ren Mi­li­ta­ri­sie­rung der Ge­sell­schaft und der wei­te­ren Le­gi­ti­ma­ti­on mi­li­tä­ri­scher Ver­kehrs­for­men im In­land. Da kann man schon ei­ne Wut auf all die Ar­sch­lö­cher krie­gen, die nach Ham­burg ge­reist sind, um Spaß zu ha­ben. Die re­du­ziert auf die Tä­tig­keit nur des Stamm­hirns (fres­sen, fi­cken, fech­ten) nicht et­wa ge­gen, statt­des­sen für den Ka­pi­ta­lis­mus ei­ne Lan­ze bra­chen. Aber bit­te: Je­des Sys­tem schafft sich sei­ne Schlä­ger­trup­pen und am bes­ten funk­tio­nie­ren je­ne, die glau­ben, sie stün­den auf der an­de­ren Sei­te.

Ham­burg ist vor­bei, aber die Auf­rüs­tung folgt. El­mau, wo al­les so schön fried­lich war, hat lei­der kei­ne pas­sen­de Vor­la­ge ge­bo­ten, den Si­cher­heits­staat noch wei­ter aus­zu­bau­en und end­lich von der Ran­der­schei­nung rech­ter Ge­walt (Who the fuck is NSU?) auf das ei­gent­li­che Pro­blem, den lin­ken Ter­ro­ris­mus, zu len­ken. We lo­ve Ham­burg. Be­vor wir noch ein­mal zu­las­sen, dass un­se­re Au­tos bren­nen, wer­den wir lie­ber al­les ab­ni­cken, was uns als vor­beu­gen­de Maß­nah­me ver­kli­ckert wird. Kol­la­te­ral­schä­den wird es ge­ben. Aber es wird sich um sinn­vol­le Ge­walt han­deln. Und die ist – na­tür­lich! – ei­ne Lö­sung.

Fo­to: nd/Ca­may Sun­gu

Kath­rin Ger­lof ist Schrift­stel­le­rin und Jour­na­lis­tin und lebt in Ber­lin.

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