Sch­ein­kan­di­dat statt Schat­ten­kanz­ler

Oh­ne Macht­per­spek­ti­ve ist auch der »Zu­kunfts­plan« von Mar­tin Schulz nur ei­ne Be­wer­bung um den zwei­ten Platz

Neues Deutschland - - Politik - Von Vel­ten Schä­fer

Die Kanz­le­rin zeigt sich un­be­ein­druckt von dem Zehn­punk­te­plan, mit dem Mar­tin Schulz sie an­grei­fen will. Und das ganz zu Recht. Wer er­in­nert sich noch an die Zeit, als vom »Schulz­zug« die Re­de war – und das Pro­blem der SPD in Um­fra­gen vor ei­ner Rei­he von Land­tags­wah­len haupt­säch­lich dar­in zu be­ste­hen schien, die So­zi­al­de­mo­kra­ten könn­ten sich zu To­de sie­gen, weil sie auf­grund ih­rer neu­en Dy­na­mik mög­li­che Ko­ali­ti­ons­part­ner aus den Par­la­men­ten zu drän­gen schie­nen? Als man dach­te, die SPD wol­le nicht nur tat­säch­lich die Bun­des­tags­wah­len ge­win­nen, son­dern kön­ne das wo­mög­lich auch?

Lang ist das her. In­zwi­schen muss es sich wie­der recht frus­trie­rend an­füh­len, für die äl­tes­te der Par­tei­en in die Bütt zu stei­gen. Und Spit­zen­kan­di­dat Mar­tin Schulz tut of­fen­bar al­les, den zu­min­dest po­ten­zi­ell mo­bi­li­sie­ren­den Ge­dan­ken zu ver­wi­schen, er ha­be ei­ne rea­lis­ti­sche Macht­per­spek­ti­ve. Am Sonn­tag­abend woll­te er im ZDF den »theo­re­ti­schen Ge­dan­ken« (dpa) an ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der Link­s­par­tei nicht ein­mal für den dann doch un­wahr­schein­li­chen Fall den­ken, dass die lin­ke Kon­kur­renz von sich aus al­les Tren­nen­de be­sei­ti­ge, sich al­so ganz und gar an der SPD aus­rich­te.

Oh­ne die LIN­KE aber, das ist nach La­ge der Din­ge Ge­setz, kann er nicht Kanz­ler wer­den. Spä­tes­tens in die­sem In­ter­view mit dem »Heu­te-Jour­nal« hat sich Schulz von ei­nem Schat­ten­kanz­ler in ei­nen Sch­ein­kan­di­da­ten rück­ver­wan­delt. In ei­nen, der nicht wirk­lich ge­win­nen will, der den Macht­an­spruch nur pro for­ma er­hebt und tat­säch­lich hof­fen muss, dass es am En­de nicht für Schwarz-Gelb reicht und er als Ge­schäfts­füh­rer beim Ju­ni­or­part­ner wei­ter­ma­chen darf.

Die Mi­se­re be­ginnt beim Vo­ka­bu­lar. »Zu­kunfts­plan« heißt der Zehn­punk­te­plan, mit dem Schulz die Mas­sen aus dem Ph­leg­ma rei­ßen will, von ei­nem »Chan­cen­kon­to« ist dar­in die Re­de. Vom In­halt ein­mal ab­ge­se­hen ist das schon sprach­lich ge­nau die Sor­te von Ar­beits­amts­ly­rik, bei der die­je­ni­gen, die eher kei­ne Zu­kunft ha­ben, re­flex­haft ab­schal­ten. Und oben­drauf setzt Schulz tat­säch­lich den Slo­gan »Deutsch­land kann mehr« – für wen oder was hat die­se Phra­se ei­gent­lich noch nicht her­hal­ten müs­sen?

Ei­ne Goog­le­re­cher­che von zehn Se­kun­den führt nicht nur zu di­ver­sen Kam­pa­gnen ver­schie­de­ner Po­li­tak­teu­re, de­nen zu­fol­ge et­wa Nord­rhein-West­fa­len oder Ber­lin gleich­falls mehr kann – son­dern auch zu Adres­sen wie dem Ge­sund­heits­kon- zern GHD, der schon 2009 ei­ne Ak­ti­on zur Or­gan­spen­de mit »Deutsch­land kann mehr« be­ti­tel­te.

Bei dem Chan­cen­kon­to geht es dar­um, für je­den ab­hän­gig Be­schäf­tig­ten in Deutsch­land ei­ne Art Gut­ha­ben in Hö­he von 20 000 Eu­ro ein­zu­rich­ten, um Fort­bil­dun­gen oder ei­ne Exis­tenz­grün­dung zu för­dern. An­geb­lich ar­bei­tet das SPD-ge­führ­te Ar- beits­mi­nis­te­ri­um be­reits an der teu­ren Idee, ge­gen die so we­nig vor­zu­brin­gen ist, wie sie die drän­gen­den Pro­ble­me in den Pro­blem­zo­nen des Ar­beits­mark­tes an­geht. Ein zwei­tes High­light des Käpt’n Fu­ture aus Wür­se­len ist ein »Deutsch­land­por­tal«: In fünf Jah­ren wol­le er ei­ne Ver­wal­tungs­di­gi­ta­li­sie­rung schaf­fen, die al­le Be­hör­den­gän­ge an den hei­mi- schen Com­pu­ter ver­legt. Ist das aber der Knal­ler, bei al­ler Läs­tig­keit des Äm­ter­we­sens? Die Kanz­le­rin konn­te den Plan im Som­mer­inter­view der ARD mit dem Hin­weis auf ei­ne da­zu be­ste­hen­de Bund-Län­der-Ver­ein­ba­rung weg­lä­cheln: »Ist doch schön, wenn es sich deckt mit dem, was die SPD auch will.«

Das En­de der »Kle­in­staa­te­rei« in der Bil­dungs­po­li­tik, das Schulz jetzt for­dert, ist Uto­pie: 2006 hat die SPD selbst das jet­zi­ge Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot zwi­schen Bund und Län­dern mit ein-

Oben­drauf setzt Mar­tin Schulz tat­säch­lich den Slo­gan »Deutsch­land kann mehr« – für wen oder was hat die­se ab­ge­dro­sche­ne Phra­se ei­gent­lich noch nicht her­hal­ten müs­sen?

ge­führt, das nur mit Zwei­drit­tel­mehr­heit – al­so den Stim­men der Uni­on – be­en­det wer­den könn­te.

Span­nen­der ist das Vor­ha­ben ei­ner staat­li­chen »In­ves­ti­ti­ons­pflicht«: »Deutsch­land braucht end­lich ei­ne kon­junk­tur- und wachs­tums­ori­en­tier­te Haus­halts- und Fi­nanz­po­li­tik«, heißt es im Pa­pier. Ist das die Ab­kehr von der deut­schen Aus­te­ri­täts­lo­gik, die nicht nur lin­ke Po­li­ti­ker wie Öko­no­men im Aus- wie In­land schon lan­ge for­dern? Wohl kaum – wenn auch die rhe­to­ri­sche Ab­kehr von der Ma­xi­me »Spa­ren« be­mer­kens­wert ist. Link­s­par­tei­che­fin Kat­ja Kip­ping sag­te, dass ei­ne In­ves­ti­ti­ons­pflicht nicht »nach Kas­sen­la­ge« an­ge­legt sein dür­fe. Wer dau­er­haft drin­gend not­wen­di­ge In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur von Schu­le bis zu Da­ten­netz rea­li­sie­ren wol­le, müs­se mehr steu­er­po­li­ti­schen Mut auf­brin­gen.

Wie we­nig Mer­kel Schulz der­zeit fürch­tet, zeigt ih­re Re­ak­ti­on auf die­se For­de­rung: An Mit­teln mang­le es ja gar nicht, sag­te sie: »Wir kön­nen zur­zeit das Geld, was wir ha­ben, nicht aus­ge­ben.« Ei­gent­lich ist dies ei­ne Vor­la­ge, die der eins­ti­ge Bei­na­heFuß­ball­pro­fi in ei­ne ge­fähr­li­che Flan­ke ver­wan­deln könn­te, selbst wenn er Ver­tei­di­ger ge­lernt hat. Doch da­zu müss­te er sich end­lich ent­schei­den, in wel­chem Team er spielt.

Fo­to: dpa/Kay Niet­feld

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