Flucht übers Mit­tel­meer soll noch ge­fähr­li­cher wer­den

Au­ßen­mi­nis­ter der Eu­ro­päi­schen Uni­on wol­len den Ex­port von Schlauch­boo­ten und Au­ßen­bord­mo­to­ren nach Li­by­en un­ter­bin­den

Neues Deutschland - - Politik - Von Aert van Riel

Ob­wohl im­mer wie­der Boots­flücht­lin­ge im Mit­tel­meer er­trin­ken, will die EU kei­ne si­che­ren Flucht­we­ge schaf­fen. Sie setzt auf Sank­tio­nen und ko­ope­riert mit der kri­mi­nel­len li­by­schen Küs­ten­wa­che. Rechts­kon­ser­va­ti­ve Po­li­ti­ker drän­gen dar­auf, die Ab­schot­tungs­po­li­tik der EU im Mit­tel­meer zu ver­schär­fen. Denn trotz des Kamp­fes ge­gen die Schleu­ser ha­ben in den ers­ten sechs Mo­na­ten die­ses Jah­res et­wa 85 000 Men­schen über die so­ge­nann­te Mit­tel­meer­rou­te Ita­li­en er­reicht. Die meis­ten von ih­nen kom­men aus Sub­sa­ha­raafri­ka und star­te­ten mit ih­ren Boo­ten im Bür­ger­kriegs­land Li­by­en.

Der ös­ter­rei­chi­sche Ver­tre­ter Se­bas­ti­an Kurz for­der­te vor ei­nem Tref­fen der EU-Au­ßen­mi­nis­ter in Brüs­sel am Mon­tag er­neut, dass die Rou­te »ge­schlos­sen wer­den« soll­te. Ähn­lich äu­ßer­te sich Bel­gi­ens Mi­gra­ti­ons­staats­se­kre­tär Theo Francken. Er ver­lang­te, das Ma­ri­ne­schiff sei­nes Lan­des aus der EU-Ma­ri­ne-Mis­si­on »So­phia« vor Li­by­en ab­zu­zie­hen, da­mit nicht noch mehr »il­le­ga­le Mi­gran­ten« nach Eu­ro­pa ge­bracht wer­den. Zie­le von »So­phia« sind die Aus­bil­dung von Re­kru­ten der li­by­schen Küs­ten­wa- che, das Vor­ge­hen ge­gen Schleu­ser, die Zer­stö­rung von Boo­ten und die Ret­tung von Flücht­lin­gen, die dann nach Ita­li­en ge­bracht wer­den.

Kurz und Francken wol­len Schutz­su­chen­de of­fen­bar zur Rück­kehr nach Li­by­en zwin­gen, ob­wohl sie in den dor­ti­gen La­gern Fol­ter und Ver­ge­wal­ti­gun­gen fürch­ten müs­sen. An­de­re eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker schre­cken noch da­vor zu­rück, of­fen über ei­nen sol­chen Rechts­bruch zu re­den. Denn See­notret­tung ist ei­ne men­schen­recht­li­che und völ­ker­recht­li­che Ver­pflich­tung. Durch see­recht­li­che Ab­kom­men ha­ben sich die Staa­ten ver­pflich­tet, Men­schen zu ret­ten und sie in si­che­re Hä­fen zu brin­gen.

Nichts­des­to­trotz gibt es Plä­ne in der EU, wo­nach Flücht­lin­ge sys­te­ma­tisch durch die li­by­sche Küs­ten­wa­che nach Li­by­en zu­rück­ge­bracht wer­den sol­len. Die teil­wei­se bru­tal vor­ge­hen­de Küs­ten­wa­che kann aber nicht al­le Men­schen an der Über­fahrt hin­dern. Denn für die Über­wa­chung der kom­plet­ten 1770 Ki­lo­me­ter lan­gen Küs­te feh­len das Per­so­nal und funk­tio­nie­ren­de staat­li­che Struk­tu­ren. Zu­dem sind Mit­glie­der der Küs­ten­wa­che in das Schleu­ser­ge­schäft ver­strickt. Die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung will des­halb, dass auch an­de­re EULän­der ih­re Hä­fen für Flücht­lings- boo­te öff­nen. Aus Pro­test ge­gen die feh­len­de Un­ter­stüt­zung der EU blo­ckier­te Ita­li­en am Mon­tag vor­erst ei­ne Ver­län­ge­rung von »So­phia«.

We­ni­ger strit­tig war un­ter den EUAu­ßen­mi­nis­tern ei­ne an­de­re Maß­nah­me. Sie be­schlos­sen »Be­schrän­kun­gen für den Ex­port be­stimm­ter Pro­duk­te nach Li­by­en«, um Men­schen an der Flucht zu hin­dern. Da­bei geht es um die Aus­fuhr von Schlauch­boo­ten und Au­ßen­bord­mo- to­ren. Der LIN­KE-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te And­rej Hun­ko mo­nier­te, dass dies da­zu füh­ren wer­de, dass »Ge­flüch­te­te in noch klapp­ri­ge­re Boo­te oder auf Flö­ße ge­zwun­gen wer­den«. Die Schutz­su­chen­den wer­den wohl ver­mehrt auf ein­hei­mi­sche Pro­duk­te zu­rück­grei­fen müs­sen, die von ge­rin­ge­rer Qua­li­tät sind. Da­durch dürf­te sich auch die Wahr­schein­lich­keit er­hö­hen, dass Boo­te ken­tern und Men­schen im Mit­tel­meer er­trin­ken.

Ei­ne grö­ße­re Wir­kung wer­den die Sank­tio­nen ha­ben, wenn auch der Im­port aus an­de­ren Län­dern ver­hin­dert wird. Schlauch­boo­te wer­den der­zeit vor al­lem aus Chi­na ge­lie­fert. Die nun be­schlos­se­nen Be­schrän­kun­gen sol­len auch für Lie­fe­run­gen gel­ten, die nur über die EU nach Li­by­en lau­fen – al­so et­wa für Schif­fe mit ent­spre­chen­den La­dun­gen, die in ei­nem eu­ro­päi­schen Ha­fen ei­nen Zwi­schen­stopp ma­chen.

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