Fuß­fes­sel fürs Ver­samm­lungs­recht

Nach G20 und Na­zi­kon­zert han­delt ver­ant­wort­li­che Po­li­tik re­flex­haft, auch lin­ke Po­li­tik

Neues Deutschland - - Politik - Von Uwe Kal­be

In ei­ner Art Macht­wort stellt die Po­li­tik mit Vor­lie­be Grund­rech­te zur Dis­po­si­ti­on, wenn sie sich an­ders nicht zu hel­fen weiß. Jüngs­te Bei­spie­le lie­fer­ten die G20-Pro­tes­te und ein Na­zi­kon­zert in Thüringen. Rück­tritts­for­de­run­gen an den Ham­bur­ger Ers­ten Bür­ger­meis­ter, Olaf Scholz, sind viel­ge­üb­te Pra­xis nach Er­eig­nis­sen wie in Ham­burg, als Pro­tes­te ge­gen den G20-Gip­fel wie auch das Vor­ge­hen der Po­li­zei aus dem Ru­der lie­fen. Doch selbst wenn die De­bat­te mit der Bun­des­kanz­le­rin die höchs­te Ebe­ne er­reicht, und die­se im ARD-Som­mer­inter­view am Sonn­tag Par­tei für den SPD-Bür­ger­meis­ter Scholz er­griff, sind es doch eher Vor­schlä­ge wie je­ner von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re, die ge­eig­net sind, den Rechts­zu­stand des Lan­des nach­hal­tig zu be­ein­flus­sen.

Der CDU-Po­li­ti­ker reg­te an, po­ten­zi­el­len Ge­walt­tä­tern Fuß­fes­seln an­zu­le­gen. Ei­ne eher psy­cho­lo­gi­sche Bar­rie­re, denn an ei­ner Teil­nah­me an den De­mons­tra­tio­nen sind sie so kaum zu hin­dern, al­len­falls ist sie ih­nen so nach­zu­wei­sen. Un­klar bleibt auch, wie der Mi­nis­ter die ju­ris­ti­schen Hür­den zu über­win­den ge­denkt. Denn der »po­ten­zi­el­le Tä­ter« ist wie der »Ge­fähr­der« je­mand, den man von ei­ner Straf­tat fern­hal­ten will, die noch gar nicht be­gan­gen ist. Da han­delt es sich um ei­nen schwer be­gründ­ba­ren ju­ris­ti­schen Ein­griff.

De Mai­ziè­re scheint hin­ge­gen kein Pro­blem dar­in zu se­hen. »Die Kra­wall­ma­cher soll­ten die De­mons­tra­ti­ons­or­te gar nicht erst er­rei­chen dür­fen. Wir soll­ten ih­nen auf­er­le­gen, sich in be­stimm­ten zeit­li­chen Ab­stän­den bei der Po­li­zei zu mel­den oder ih­nen not­falls Fuß­fes­seln an­le­gen.« Ei­ne sol­che Mel­de­auf­la­ge sei ein re­la­tiv mil­des und sehr wirk­sa­mes Mit­tel. »Bei hoch­ag­gres­si­ven so­ge­nann­ten Fuß­ball­fans ge­hen wir doch auch so vor«, er­läu­ter­te der CDU-Po­li­ti­ker den Zei­tun­gen der Fun­ke-Me­di­en­grup­pe.

Un­lieb­sa­me De­mons­tran­ten fern­zu­hal­ten, das ist der Hin­ter­ge­dan­ke ei­nes sol­chen Vor­schlags. Ei­ne Ein­schrän­kung des Ver­samm­lungs­rechts ist je­doch pro­ble­ma­tisch. Schließ­lich han­delt es sich hier­bei um ein ver­fas­sungs­mä­ßig ver­brief­tes Grund­recht. Mit ei­nem Vor­stoß zur Ein­schrän­kung des Ver­samm­lungs­rechts sorg­te zu Wo­chen­be­ginn auch der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Thüringen, Bo­do Ra­me­low (LIN­KE), für Dis­kus­si­on – auf der an­de­ren Sei­te der po­li­ti­schen Ska­la. Un­ter dem Ein­druck des Rock­kon­zerts »ge­gen Über­frem­dung«, zu dem sich am Sonn­abend knapp 6000 Neo­na­zis im süd­thü­rin­gi­schen The­mar ver­sam­melt hat­ten und dort ih­rem Hass auf Mi­gran­ten frei­en Lauf lie­ßen, reg­te Ra­me­low ei­ne »Prä­zi­sie­rung« des Ver­samm­lungs­rechts an. Die Vor­schrif­ten müss­ten so ge­stal­tet wer­den, dass Be­hör­den und Ge­rich­te »die­se Din­ge nicht mehr un­ter Mei­nungs­frei­heit ab­tun«, sag­te Ra­me­low dem MDR. Die Ver­an­stal­ter hät­ten Geld für ihr Netz­werk ver­dient und Kos­ten an den Staat ab­ge­wälzt. Ra­me­low: »Da kann man ganz schön trau­rig und hilf­los wer­den.«

Im Vor­feld des Kon­zerts, auf dem es von Na­zi­sym­bo­len wim­mel­te, hat­ten Ge­rich­te die Ver­an­stal­tung als po­li­ti­sche Ver­samm­lung cha­rak­te­ri­siert und des­halb ge­gen ein Ver­bot ent­schie­den. Ei­ni­ge hun­dert Per­so­nen hat­ten sich dem Trei­ben ent­ge­gen­ge­stellt, und LIN­KE-Po­li­ti­ker wie Ra­me­low dürf­ten, zu­mal mit der Ver­ant­wor­tung des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, höchs­tes Un­be­ha­gen ver­spü­ren. So auch die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ul­la Jelp­ke, die von ei­nem »eben­so ekel­haf­ten wie er­schre­cken­den Groß­auf­marsch von Neo­na­zis« spricht.

Ei­ne Ein­schrän­kung des Ver­samm­lungs­rechts lehnt Jelp­ke den­noch strikt ab. Al­le ge­schicht­li­che Er­fah­rung leh­re, dass Lin­ke in ers­ter Li­nie Petra Pau, LIN­KE in der »Ber­li­ner Zei­tung« die Leid­tra­gen­den sol­cher Maß­nah­men sei­en. Jelp­ke: »Wenn der be­grün­de­te Ver­dacht be­steht, dass bei ei­ner Ver­samm­lung Straf­ta­ten be­gan­gen wer­den, dann bie­tet das Ver­samm­lungs­recht ge­nug Mög­lich­kei­ten für ein Ver­bot oder strik­te Auf­la­gen.« Bei dem Neo­na­zi­kon­zert in The­mar sei je­doch of­fen­bar kein Ge­brauch da­von ge­macht wor­den.

Dies zei­ge ein­mal mehr, wie bei Neo­na­zis und Lin­ken »mit zwei­er­lei Maß ge­mes­sen wird«. Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um ha­be Lan­des­be­hör­den jüngst auf­ge­for­dert, Kon­zer­te mit der lin­ken Band Grup Yo­rum aus der Tür­kei zu ver­hin­dern, da de­ren Lied­tex­te an­geb­lich die öf­fent­li­che Ord­nung ge­fähr­den, sag­te Jelp­ke un­ter Hin­weis auf ei­ne Klei­ne An­fra­ge. Beim Na­zi­kon­zert in The­mar sei es »mas­siv zu Straf­ta­ten ge­kom­men – von der Ver­wen­dung ver­fas­sungs­feind­li­cher Na­zi­sym­bo­le bis zu Ver­stö­ßen ge­gen das Uni­form­ver­bot durch den Auf­zug uni­for­mier­ter Neo­na­zis. Da sol­che Straf­ta­ten ab­seh­bar wa­ren, hät­ten Po­li­zei und Ver­samm­lungs­be­hör­de im Vor­feld ein Ver­bot oder strik­te Auf­la­gen ver­fü­gen kön­nen.«

Auch die Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­den­tin Petra Pau (LIN­KE) ist von Ra­me­lows Idee nicht son­der­lich an­ge­tan. Ver­bo­te könn­ten na­zis­ti­sches Ge­dan­ken­gut nicht ver­hin­dern, sag­te Pau der »Ber­li­ner Zei­tung«. Es be­dür­fe ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung. Sie ha­be Re­spekt vor den Ge­gen­de­mons­tran­ten in The­mar, die die­se wag­ten.

»Je­der, der sich ein­ge­bil­det hat­te, nach dem Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grund wä­re die mi­li­tan­te Sze­ne ein­ge­schüch­tert, dürf­te ei­nes Ge­gen­teils be­lehrt wor­den sein.«

Fo­to: fo­to­lia/rob z

Nach G20 für vie­le die idea­le De­mons­tra­ti­on: fried­lich, in­halts­leer und oh­ne Ab­sicht, et­was ver­än­dern zu wol­len.

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