Lang­zeit­ar­beits­lo­se: Ein­fach weg­ge­rech­net

Kon­junk­tur sorgt für Mil­li­ar­den­über­schüs­se bei Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung / Trotz­dem kei­ne zu­sätz­li­che För­de­rung für Lang­zeit­ar­beits­lo­se

Neues Deutschland - - Politik - Von Flo­ri­an Hae­nes

Die we­nigs­ten Lang­zeit­ar­beits­lo­sen fin­den Ar­beit. Doch an­statt de­ren För­de­rung zu ver­bes­sern, schafft die Bun­des­re­gie­rung lie­ber Rück­la­gen. Im ver­gan­gen Jahr sind rund 1,2 Mil­lio­nen Lang­zeit­ar­beits­lo­se aus der Ar­beits­markt­sta­tis­tik ge­stri­chen wor­den, ob­wohl sie über­haupt kei­nen Ar­beits­platz er­hiel­ten. Das zei­gen am Mon­tag ver­öf­fent­lich­te Zah­len der Bun­des­agen­tur für Ar­beit. Tat­säch­lich hat­te nur je­der ach­te Lang­zeit­ar­beits­lo­se, den die Bun­des­agen­tur nicht mehr als sol­chen zähl­te, auch ei­ne re­gu­lä­re Be­schäf­ti­gung ge­fun­den. Die ar­beits­markt­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag, Sa­bi­ne Zim­mer­mann, for­der­te von der Bun­des­re­gie­rung da­her an­zu­er­ken­nen, was die Sta- tis­tik der Bun­des­agen­tur zu ver­schlei­ern ver­sucht: näm­lich dass die we­nigs­ten Lang­zeit­ar­beits­lo­sen ei­nen Ar­beits­platz fän­den.

Un­ter den Lang­zeit­ar­beits­lo­sen, die in der Ar­beits­markt­sta­tis­tik nicht mehr auf­tau­chen, be­fin­den sich 308 984 Per­so­nen, die ei­ne Aus- oder Fort­bil­dung an­fin­gen, was auf den ers­ten Blick viel­ver­spre­chen­der er­scheint, als es ist. Denn nur 10 340 Per­so­nen hat­ten ein Stu­di­um oder ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung be­gon­nen. 298 644 hin­ge­gen nah­men an »sons­ti­gen Aus­bil­dun­gen oder Maß­nah­men« teil – in der Re­gel von der Agen­tur für Ar­beit ge­för­der­te Se­mi­na­re zur Wie­der­ein­glie­de­rung in den Ar­beits­markt. Der sta­tis­ti­sche Trick, den die Bun­des­agen­tur da­bei an­wen­det, ist, nach Be­en­di­gung der Maß­nah­me die Teil­neh­mer nicht län­ger als Lang­zeit­ar­beits­los zu zäh­len. Ge­nau­so we­nig wie je­ne 507 304 Per­so­nen, bei de­nen ei­ne Ar­beits­un­fä­hig­keit fest­ge­stellt wor­den war, oder je­ne 45 227, die »aus dem Er­werbs­le­ben aus­schie­den«, al­so in Ren­te gin­gen.

An­ge­sichts der ge­rin­gen Chan­cen von Lang­zeit­ar­beits­lo­sen auf dem Ar­beits­markt for­dert Zim­mer­mann, aus­rei­chend Gel­der für öf­fent­lich ge­för­der­te Be­schäf­ti­gung zur Ver­fü­gung zu stel­len. För­de­run­gen die­ser Art wa­ren zu­letzt 2011 in­fol­ge von Ein­spa­run­gen er­heb­lich re­du­ziert wor­den. 2016 ge­lang­ten des­halb nur 58 228 Lang­zeit­ar­beits­lo­se an ei­nen staat­lich ge­för­der­ten Ar­beits­platz – zehn Jah­re zu­vor wa­ren es noch 236 191 ge­we­sen.

Da­bei gä­be es durch­aus fi­nan­zi­el­le Mit­tel, die För­de­rung für Lang­zeit­ar­beits­lo­se zu er­hö­hen: Wie ei­ne eben­falls am Mon­tag vom Bund der Steu­er­zah­ler ver­öf­fent­lich­te Be­rech­nung zeigt, hat die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che- rung im ers­ten Halb­jahr 2017 we­gen stei­gen­der Bei­trags­ein­nah­men in­fol­ge der gu­ten Kon­junk­tur­la­ge ei­nen Mil­li­ar­den­über­schuss er­wirt­schaf­tet. Ein­nah­men von 15,6 Mil­li­ar­den Eu­ro ste­hen Aus­ga­ben für die Zah­lung des Ar­beits­lo­sen­gel­des von acht Mil­li­ar­den Eu­ro ge­gen­über – ab­züg­lich der Kos­ten für Ver­wal­tung und Be­rufs­för­de­rung ein Über­schuss von rund drei Mil­li­ar­den Eu­ro. Aus Sicht des Bun­des der Steu­er­zah­ler ein Grund, die Bei­trä­ge für die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung von drei auf zwei­ein­halb Pro­zent zu sen­ken. An­dern­falls wer­de das Ver­si­che­rungs­prin­zip aus­ge­höhlt, denn die Aus­ga­ben für die Kern­leis­tung Ar­beits­lo­sen­geld ma­che ei­nen im­mer klei­ne­ren An­teil der Bei­trags­ein­nah­men aus.

Doch ge­setz­li­che Auf­ga­be der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung ist nicht bloß die Fi­nan­zie­rung des Ar­beits­lo­sen­gel­des – das je nach Ein­zel­fall auch an Lang­zeit­ar­beits­lo­se aus­be­zahlt wird – son­dern die Ar­beits­för­de­rung ins­ge­samt, al­so auch die Fi­nan­zie­rung von Be­rufs­be­ra­tung und Ar­beits­ver­mitt­lung. Die Bun­des­re­gie­rung will al­ler­dings we­der Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge sen­ken noch Mit­tel für die För­de­rung von Lang­zeit­ar­beits­lo­ser er­hö­hen, wie es die Link­s­par­tei for­dert. Für den Fall ei­ner Re­zes­si­on schafft sie der­zeit Rück­la­gen. In ei­ner im Ja­nu­ar ver­öf­fent­lich­ten Stu­die hat­te das an die Bun­des­agen­tur für Ar­beit an­ge­glie­der­te In­sti­tut für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB) emp­foh­len, Rück­la­gen von min­des­tens 20 Mil­li­ar­den Eu­ro zu schaf­fen. En­de 2016 la­gen die­se noch bei 11,4 Mil­li­ar­den Eu­ro. Nach ei­ner Pro­jek­ti­on, die die Bun­des­agen­tur kürz­lich dem Haus­halts­aus­schuss vor­stell­te, könn­ten die Rück­la­gen in vier Jah­ren so­gar be­reits ei­ne Hö­he von 29,3 Mil­li­ar­den Eu­ro er­reicht ha­ben.

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