Ge­ne­ra­ti­on arm und ar­beits­los

EU-Jah­res­re­port zu Be­schäf­ti­gung und so­zia­ler La­ge setzt Schwer­punkt auf jun­ge Men­schen

Neues Deutschland - - Politik - Von Nel­li Tü­gel

Der Be­schäf­ti­gungs- und So­zi­al­be­richt der EU-Kom­mis­si­on malt ein po­si­ti­ves Bild. Pro­ble­ma­ti­siert wird, dass jun­ge Men­schen es schwe­rer ha­ben auf dem Ar­beits­markt. Am Mon­tag stell­te EU-So­zi­al­kom­mis­sa­rin Ma­ri­an­ne Thys­sen in Brüs­sel den jähr­li­chen Be­schäf­ti­gungs- und So­zi­al­be­richt vor. Auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz sprach sie über die dies­be­züg­lich »neu­es­ten Trends«. Die­se sind nach An­sicht der Kom­mis­si­on aus­ge­spro­chen po­si­tiv. So sei mit über 234 Mil­lio­nen er­werbs­tä­ti­gen Men­schen die Be­schäf­ti­gungs­quo­te in der EU heu­te hö­her als je zu­vor. Gleich­zei­tig sei die Ar­beits­lo­sen­quo­te »auf dem nied­rigs­ten Stand seit De­zem­ber 2008«. Zehn Mil­lio­nen Jobs sei­en seit 2013 ent­stan­den. Auch wenn nur 70 Pro­zent der er­werbs­fä­hi­gen Men­schen ei­nen Ar­beits­platz hät­ten, kön­ne al­les in al­lem, so das Fa­zit der Kom­mis­sa­rin, von wirt­schaft­li­chem und so­zia­lem Fort­schritt in Eu­ro­pa ge­spro­chen wer­den.

Der ho­he Preis die­ses »Fort­schritts« fand hin­ge­gen kaum Er­wäh­nung. Be­son­ders deut­lich wur­de dies, als Thys­sen auf die Fra­ge ei­nes Jour­na­lis­ten, wie sie zur Ar­beits­markt­re­form des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron stün­de, ant­wor- te­te: »Da kann ich ei­gent­lich nur be­geis­tert sein, denn Struk­tur­re­for­men sind ge­nau das, was wir brau­chen.« Die »Re­form« sieht un­ter an­de­rem vor, die Mit­be­stim­mung der Ge­werk­schaf­ten ein­zu­schrän­ken und Ab­fin­dun­gen für Be­schäf­tig­te bei il­le­ga­len Kün­di­gun­gen zu de­ckeln.

Pro­ble­ma­ti­siert wur­de al­ler­dings, dass die jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen eu­ro­päi­scher Bür­ger es deut­lich schwe- Ma­ri­an­ne Thys­sen, EU-Kom­mis­sa­rin

rer auf dem Ar­beits­markt ha­ben als äl­te­re Be­schäf­tig­te. Sie sei­en häu­fi­ger von Ar­beits­lo­sig­keit be­trof­fen als der Durch­schnitt. Da­bei sind die Un­ter­schie­de in­ner­halb der EU enorm: In Grie­chen­land liegt bei den 15 bis 24-Jäh­ri­gen der An­teil der Ar­beits­lo­sen bei 47 Pro­zent, in Deutsch­land bei sie­ben Pro­zent.

Jun­ge Men­schen ar­bei­te­ten zu­dem häu­fi­ger in pre­kä­ren Be­schäf­ti- gungs­ver­hält­nis­sen, al­so mit be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trä­gen, nied­ri­gen Löh­nen oder in Teil­zeit. Dies wie­der­um ha­be, so EU-Kom­mis­sa­rin Thys­sen, Aus­wir­kun­gen auf Le­bens­ent­schei­dun­gen, wie die Fa­mi­li­en­grün­dung. »Den jun­gen Men­schen von heu­te und ih­ren Kin­dern wird es mög­li­cher­wei­se schlech­ter ge­hen als ih­ren El­tern«, sag­te sie.

Und: We­gen der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung wür­den sie ei­ne »dop­pel­te Bür­de« tra­gen, denn die Ren­ten­bei­trä­ge wer­den al­ler Vor­aus­sicht nach stei­gen, die Ren­ten­be­zü­ge hin­ge­gen sin­ken. Dies be­grün­de­te Thys­sen so: Die Er­werbs­be­völ­ke­rung wird bis 2060 vor­aus­sicht­lich um 0,3 Pro­zent pro Jahr schrump­fen. Kom­men heu­te auf ei­nen Rent­ner vier Ar­beit­neh­mer, wer­den es 2060 nur noch zwei sein. Dar­aus schluss­fol­gert die Kom­mis­si­on, dass »Ren­ten­re­for­men« in den Mit­glieds­staa­ten der EU not­wen­dig sei­en. Ge­meint ist wohl, das Ren­ten­ein­tritts­al­ter zu er­hö­hen. Das legt zu­min­dest die For­mu­lie­rung der Kom­mis­sa­rin na­he, dass das Ver­hält­nis zwi­schen Le­bens­er­war­tung und Ren­te »an­ein­an­der an­ge­passt« wer­den müs­se.

Ne­ben die­sen Vor­schlä­gen, die nach ei­nem »Wei­ter so!« in Sa­chen Neo­li­be­ra­lis­mus und Aus­te­ri­tät klin­gen, for­der­te Thys­sen In­ves­ti­tio­nen in Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men, um die »Ar­beits­markt­fä­hig­keit« jun­ger Men­schen zu er­hö­hen. Und sie ver­wies auf die eu­ro­päi­sche Säu­le so­zia­ler Rech­te, die die EU-Kom­mis­si­on auf den Weg brin­gen möch­te. Man müs­se rasch han­deln, um »Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit« her­zu­stel­len, so Thys­sen. Die Säu­le so­zia­ler Rech­te wer­de so­zia­le Stan­dards und Le­bens­be­din­gun­gen für künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen »er­hal­ten und ver­bes­sern.«

Ein aus­führ­li­cher Vor­schlag für die­se so­zia­le Säu­le wur­de im April von der Kom­mis­si­on vor­ge­legt, im Herbst wird ein EU-So­zi­al­gip­fel in Gö­te­borg statt­fin­den. Un­ter an­de­rem von den Ge­werk­schaf­ten ha­gelt es Kri­tik, weil die Maß­nah­men aus ih­rer Sicht nicht weit ge­nug füh­ren und da­her Wir­kungs­lo­sig­keit dro­he.

Wie be­grenzt EU-Initia­ti­ven sein kön­nen, zeigt der Um­gang mit Prak­ti­ka. Da die­se in vie­len EU-Län­dern miss­braucht wer­den, um jun­ge Men­schen un­ent­gelt­lich schuf­ten zu las­sen, könn­ten ver­bind­li­che Re­geln Ab­hil­fe schaf­fen. Da­zu er­klär­te die Kom­mis­si­on am Mon­tag: Leit­li­ni­en ge­be es schon, der­zeit wer­de zu­dem an ei­nem »Qua­li­täts­rah­men für Lehr­lin­ge« ge­ar­bei­tet. Aber: Es han­de­le sich frei­lich nur um Richt­li­ni­en, nicht um Ge­set­ze. Man fän­de es aber »gut«, wenn die­se über­all um­ge­setzt wür­den.

»Den jun­gen Men­schen von heu­te und ih­ren Kin­dern wird es mög­li­cher­wei­se schlech­ter ge­hen als ih­ren El­tern.«

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