Ni­ca­ra­gua geht der Kli­ma­schutz nicht weit ge­nug

Ma­na­gua er­fährt für sei­ne Al­lein­gän­ge auf di­plo­ma­ti­schem Par­kett in­halt­li­che Zu­stim­mung, aber auch stra­te­gi­sche Kri­tik

Neues Deutschland - - Schwerpunkt - Von Mar­tin Reisch­ke

Ni­ca­ra­gu­as Re­gie­rung hat den Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­ver­trag nicht un­ter­zeich­net, weil sie ihn für we­nig am­bi­tio­niert hält. Doch der pro­gres­si­ve Dis­kurs passt nicht zur Um­welt­po­li­tik im ei­ge­nen Land. Ni­ca­ra­gua tanzt in Mit­tel­ame­ri­ka bei der Kli­ma­po­li­tik im­mer wie­der aus der Rei­he. Ob­wohl mit der Zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Kom­mis­si­on für Um­welt und Ent­wick­lung (CCAD) die not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit ei­gent­lich be­steht, fährt Ma­na­gua im­mer wie­der ei­nen an­de­ren Kurs.

Als De­le­ga­tio­nen aus al­ler Welt im De­zem­ber 2015 den ge­ra­de ver­han­del­ten Ver­trag auf der Pa­ri­ser UN-Kli­ma­kon­fe­renz fei­er­ten, moch­te Ni­ca­ra­gua nicht so recht ap­plau­die­ren. Ne­ben Sy­ri­en war es das ein­zi­ge Land, das dem Ver­trag nicht zu­ge­stimmt hat­te. Doch die Grün­de hier­für un­ter­schei­den sich ge­wal­tig von de­nen Do­nald Trumps, der als US-Prä­si­dent vor we­ni­gen Wo­chen den Rück­zug sei­nes Lan­des aus dem Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­ab­kom­men an­ge­kün­digt hat­te. Wäh­rend Trump das Ab­kom­men ab­lehnt, da es sei­ner Mei­nung nach die US-Wirt­schaft schä­di­ge, kri­ti­siert Ni­ca­ra­gua den Ver­trag als un- am­bi­tio­niert und de­fi­zi­tär, wie der ni­ca­ra­gua­ni­sche Kli­ma-Un­ter­händ­ler Paul Oquist wie­der­holt er­klärt hat.

Die Be­schwer­de­lis­te ist lang: Oquist kri­ti­siert den Ver­zicht auf ein Ent­schä­di­gungs- und Kom­pen­sa­ti­ons­recht für durch den Kli­ma­wan­del ent­stan­de­ne Schä­den ge­nau­so wie das Ziel, den Tem­pe­ra­tur­an­stieg auf durch­schnitt­lich zwei Grad Cel­si­us zu be­schrän­ken, da in tro­pi­schen Län­dern wie Ni­ca­ra­gua ein deut­lich hö­he­rer Tem­pe­ra­tur­an­stieg zu er­war­ten sei.

»Die For­de­rung nach Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen für ent­stan­de­ne Schä­den, die bis zum Be­ginn des In­dus­trie­zeit­al­ters zu­rück­rei­chen, ist nicht rea­lis­tisch«, sagt der gua­te­mal­tek­ti­sche Um­welt­be­ra­ter Jor­ge Ca­bre­ra, des­sen Land den Ver­trag un­ter­schrie­ben hat. »Lie­ber ei­ne rea­lis­ti­sche Kon­sens­lö­sung als ei­ne Ma­xi­mal­for­de­rung, die sich nicht durch­set­zen lässt«, meint Ca­bre­ra, der selbst bei der UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Pa­ris mit da­bei war. An­de­re Ex­per­ten se­hen das ähn­lich: »Auch wenn das Ar­gu­ment rich­tig ist, hat es in Ni­ca­ra­gua zu ei­ner fal­schen Ent­schei­dung ge­führt«, meint Ha­jo Lanz, Bü­ro­lei­ter der Fried­rich-Ebert-Stif­tung in Ni­ca­ra­gua, Cos­ta Ri­ca und Pa­na­ma. »Jetzt wird es für das Land sehr schwer wer­den, Gel­der für die An- pas­sung an den Kli­ma­wan­del zu be­kom­men.«

Da­her sei es nun an der Zeit, den ein­ge­schla­ge­nen Weg zu kor­ri­gie­ren, sagt Ale­jan­do Ale­mán vom Cen­tro Hum­boldt, ei­ner ni­ca­ra­gua­ni­schen Um­welt-Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on. »Wir ver­ste­hen die Grün­de, die zu Ni­ca­ra­gu­as ab­leh­nen­der Hal­tung ge­gen­über dem Pa­ri­ser Kli­ma­ver­trag ge­führt ha­ben«, sagt der Fach­mann für Kli­ma­ver­hand­lun­gen. »Doch wenn Jor­ge Ca­bre­ra, Gua­te­ma­la

Ni­ca­ra­gua die Schwä­chen des Ver­tra­ges über­wun­den will, dann soll­te es das in­ner­halb der Staa­ten­ge­mein­schaft tun und nicht von au­ßen. Sonst iso­liert sich das Land und die be­rech­tig­te Kri­tik ver­hallt un­ge­hört.«

Die zen­tral­ame­ri­ka­ni­sche Re­gi­on be­kommt die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels schon heu­te zu spü­ren, Län­der wie Hon­du­ras, Ni­ca­ra­gua und Gua­te­ma­la lie­gen beim Ran­king der von Ex­trem­wet­ter­la­gen am stärks­ten be­trof­fe­nen Staa­ten laut dem jähr­li­chen Kli­ma-Ri­si­ko-In­dex der deut­schen NRO Ger­m­an­watch re­gel­mä­ßig auf den vor­ders­ten Plät­zen. Trotz­dem gibt es kaum Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den ver­schie­de­nen Staa­ten in der Re­gi­on, auch wenn mit der Zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Kom­mis­si­on für Um­welt und Ent­wick­lung (CCAD) die not­wen­di­gen Struk­tu­ren ei­gent­lich be­ste­hen. »Es gibt zwar ei­ne Stra­te­gie, aber die kommt kei­ne drei Schrit­te weit«, sagt Ha­jo Lanz von der Fried­rich-Ebert-Stif­tung. »Was wir brau­chen, sind mehr re­gio­na­le Zu­sam­men­ar­beit und we­ni­ger Ri­va­li­tä­ten, vor al­lem zwi­schen Ni­ca­ra­gua und Cos­ta Ri­ca.« Das zeig­te sich auch vor zwei Jah­ren in Pa­ris: Wäh­rend Län­der wie Cos­ta Ri­ca, Gua­te­ma­la und Hon­du­ras in die UN-Kli­ma­ver­hand­lun­gen als Teil der re­gio­na­len Ver­hand­lungs­grup­pe la­tein­ame­ri­ka­ni­scher und ka­ri­bi­scher Staa­ten AILAC gin­gen, ver­trat Ni­ca­ra­gua sei­ne In­ter­es­sen als Mit­glied der bo­li­va­ria­ni­schen Al­li­anz für Ame­ri­ka ALBA.

Schon vor vie­len Jah­ren hat Cos­ta Ri­ca da­mit be­gon­nen, sei­ne Ab­hän­gig­keit von fos­si­len Brenn­stof­fen zu re­du­zie­ren und gro­ße Lan­des­flä­chen als ge­schütz­te Flä­chen wie Na­tio­nal­parks aus­zu­wei­sen. Mehr als 90 Pro- zent der im Land ver­brauch­ten En­er­gie stam­men aus re­ge­ne­ra­ti­ven Qu­el­len. Cos­ta Ri­ca will auch als ers­tes Land welt­weit »koh­len­stoff­neu­tral« wer­den. »Das Land hat ein kla­res Ziel, auf das es hin­ar­bei­tet«, sagt Ha­jo Lanz. Die­ses kla­re Ziel hin­ge­gen feh­le Ni­ca­ra­gua. Zwar gibt es dort zahl­rei­che Pro­jek­te zur An­pas­sung an den Kli­ma­wan­del, die vor al­lem durch in­ter­na­tio­na­le Geld­ge­ber fi­nan­ziert wer­den. Trotz­dem »exis­tiert kei­ne Um­welt­po­li­tik, die die­sen Pro­jek­ten ei­nen stra­te­gi­schen Rah­men ge­ben könn­te«, sagt Ale­jan­dro Ale­mán von der Um­welt-NGO Cen­tro Hum­boldt. »Der in­ter­na­tio­na­le Dis­kurs Ni­ca­ra­gu­as fin­det in der ei­ge­nen Um­welt­po­li­tik kei­ne Um­set­zung.«

Des­halb ist es die ni­ca­ra­gua­ni­sche Zi­vil­ge­sell­schaft, die sich an die Ent­wick­lung ei­nes Ge­set­zes zum Um­gang mit dem Kli­ma­wan­del ge­macht hat. Der Ent­wurf soll nun dem Pri­vat­sek­tor dis­ku­tiert wer­den. »Das The­ma birgt gro­ße Chan­cen für ei­ni­ge Sek­to­ren, vor al­lem für Un­ter­neh­men, die En­er­gie pro­du­zie­ren«, sagt Ale­mán. Ähn­lich wie in Cos­ta Ri­ca sind die Ge­set­zes­in­itia­to­ren auch in Ni­ca­ra­gua auf der Su­che nach ei­ner nach­hal­ti­ge­ren und wi­der­stands­fä­hi­gen Ge­sell­schaft, die we­ni­ger als bis­her von fos­si­len Brenn­stof­fen ab­hän­gig ist.

»Lie­ber ei­ne rea­lis­ti­sche Kon­sens­lö­sung als ei­ne Ma­xi­mal­for­de­rung, die sich nicht durch­set­zen lässt.«

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