»Zu ängst­lich« beim Tra­maus­bau

Na­tur­freun­de wer­fen Se­nat ei­ne zö­ger­li­che Hal­tung bei der Ver­kehrs­wen­de vor

Neues Deutschland - - Berlin - Von Ni­co­las Šus­tr

Mit mehr Stra­ßen­bah­nen lie­ße sich lang­fris­tig ei­ne au­to­freie In­nen­stadt rea­li­sie­ren, sind die Na­tur­freun­de über­zeugt. Da­für müs­se der Se­nat den Netz­aus­bau wei­ter be­schleu­ni­gen. »Wenn das Tem­po beim Aus­bau der Stra­ßen­bahn so fort­ge­führt wird, wie bis­her an­ge­kün­digt, wer­den wir erst im Jahr 2070 ein Netz ha­ben, wie wir es für sinn­voll hal­ten«, sagt Uwe Hiksch. Er ist stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Um­welt­ver­bands Na­tur­freun­de Ber­lin. »Wir wer­den aus­ge­bremst wie die Rad­fah­rer.« Der Re­gie­ren­de Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (SPD) ha­be wohl den Ein­druck, er müs­se »bei der Ver­kehrs­wen­de zu­rück­ru­dern, um sei­ne Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler zu be­ru­hi­gen«, ver­mu­tet Hiksch.

Dass an der Ver­mu­tung et­was dran sein könn­te, zeigt ei­ne Pos­se aus der ver­gan­ge­nen Wo­che. Mül­ler hat­te An­woh­ner des Tem­pel­ho­fer Schu­len­burg­rings in ei­nem Schrei­ben na­he­ge­legt, ih­ren Un­mut über weg­ge­fal­le­ne Park­plät­ze der zu­stän­di­gen Be­zirks­stadt­rä­tin Chris­tia­ne Heiß (Grü­ne) di­rekt zu über­mit­teln. In dem Schrei­ben zu die­ser »über­zo­ge­nen Maß­nah­me« fand sich auch de­ren dienst­li­che Te­le­fon­num­mer. Hin­ter­grund der Maß­nah­me ist die Frei­ga­be der Ein­bahn­stra­ße für Rad­fah­rer in bei­de Rich­tun­gen. Die weg­fal­len­den Park­plät­ze die­nen der Ver­kehrs­si­cher­heit. »Wenn Sie, sehr ge­ehr­ter Herr Mül­ler, sich nun öf­fent­lich ge­gen ein die Ver­kehrs­si­cher­heit för­dern­des Vor­ge­hen stel­len, fra­gen wir uns, wie Sie Ihr Ziel er­rei­chen wol­len, dass Ber­lin Fahr­rad­me­tro­po­le wird«, ent­geg­ne­te das »Netz­werk Fahr­rad­freund­li­ches Tem­pel­hof-Schö­ne­berg« in ei­nem Of­fe­nen Brief.

Auch die neue Dis­kus­si­on über mög­li­che U-Bahn­ver­län­ge­run­gen in der Haupt­stadt sei ein Ver­such, den Tra­maus­bau aus­zu­brem­sen, heißt es bei den Na­tur­freun­den. »Ich kann mit dem glei­chen Geld 60 Ki­lo­me­ter Stra­ßen­bahn bau­en oder ge­ra­de ein­mal fünf Ki­lo­me­ter U-Bahn«, gibt Hiksch zu be­den­ken.

Drei Neu­bau­stre­cken mit zu­sam­men 5,6 Ki­lo­me­tern Län­ge sol­len nach ak­tu­el­len Se­nats­plä­nen bis zum En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Jahr 2021 fer­tig­ge­stellt sein. Die ent­spre­chen­den Pl­an­fest­stel­lungs­ver­fah­ren sol­len im Herbst be­gin­nen. Dann soll laut Ko­ali­ti­ons­ver­trag der Bau wei­te­rer 23 Schie­nen­ki­lo­me­ter auf fünf Stre­cken be­gin­nen. Wei­te­re Li­ni­en, un­ter an­de­rem ent­lang der Son­nen­al­lee und der Wol­lank­stra­ße, sol­len ab 2026 ge­baut wer­den.

»Die Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung ist in punk­to Stra­ßen­bahn die Bes­te, die es in den letz­ten 50 Jah­ren gab«, sagt Hiksch. »Wenn man Ber­lin als Stra­ßen­bahn­stadt ent­wi­ckeln will, reicht das aber nicht.« Zu­sam­men mit Antje Hen­ning und Frank Goy­ke hat er für die Na­tur­freun­de ein 24-sei­ti­ges Kon- zept­pa­pier ent­wor­fen, in dem auch für den West­teil Ber­lins ein dich­tes Netz vor­ge­schla­gen wird. Vom S-Bahn­hof Gru­ne­wald bis auf den Kur­fürs­ten­damm, von Tem­pel­hof über Ste­glitz und Wil­mers­dorf nach Tier­gar­ten, auf der Kant­stra­ße und Heer­stra­ße, von Tel­tow dem Ka­nal ent­lang und wei­ter bis nach Kreuz­berg: die sie­ben vor­ge­schla­ge­nen Kor­ri­do­re sol­len die ge­sam­te Stadt ver­bin­den.

Auch den Bou­le­vard Un­ter den Lin­den sol­len Glei­se zie­ren. »Und zwar aus äs­the­ti­schen Grün­den«, sagt Antje Hen­ning. Es ge­he um Stadt­ent­wick­lung und die Gestal­tung des Stra­ßen­raums. »Ziel ist die De­mo­kra­ti­sie­rung des öf­fent­li­chen Raums«, so Hen­ning. Die Vor­herr­schaft des Au­tos soll ge­bro­chen wer­den. Ge­ra­de auf die Au­to­schnei­sen der Stadt ge­hö­ren nach An­sicht der Na­tur­freun­de Stra­ßen­bah­nen. »Das dient der Ent­schleu­ni­gung und Ver­kehrs­be­ru­hi­gung«, ist Hen­ning über­zeugt. Mit Ra­sen­glei­sen ent­stün­den neue »Mi­nia­tur­grün­zü­ge«, der Mit­tel­strei­fen der Os­lo­er und See­stra­ße sei ein Pa­ra­de­bei­spiel.

»Ber­lin war einst Vor­rei­ter der Stra­ßen­bahn«, sagt Frank Goy­ke. Bei Grün­dung der Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­be (BVG) im Jahr 1929 wur­den auf ei­nem Stre­cken­netz von 632 Ki­lo­me­tern 930 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te be­för­dert. Zum Ver­gleich: 2016 wa­ren 194 Mil­lio­nen Men­schen auf 190 Ki­lo­me­tern Tram­netz un­ter­wegs.

100 bis 200 Mil­lio­nen Eu­ro müss­te der Se­nat jähr­lich in die Hand neh­men, um das Kon­zept der Na­tur­freun­de um­zu­set­zen. Bis­her sind 60 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr ein­ge­plant. »Wenn man eu­ro­pa­weit sucht, fin­det man auch ge­nug Pla­ner für die Um­set­zung«, ist Hiksch über­zeugt.

Fo­to: dpa/Paul Zin­ken

Die Na­tur­freun­de se­hen Be­darf für sehr viel mehr Stra­ßen­bah­nen in der Haupt­stadt.

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