Ein Leucht­turm im Fon­ta­ne-Land

Hä­fen in Bran­den­burg Teil 2: Rheins­bergs Ha­fen­meis­ter ist für Boots­eig­ner und Ur­lau­ber da

Neues Deutschland - - Brandenburg - Von To­mas Mor­gens­tern

Rheins­berg – Fon­ta­ne hat es un­sterb­lich ge­macht, Tuchol­s­ky ist sei­nem Charme er­le­gen. Ob ih­nen auch das Ha­fen­dorf ge­fal­len hät­te? Ei­ne Ma­ri­na, 200 bun­te Holz­häus­chen und ein arg groß ge­ra­te­nes Ho­tel? Ge­ra­de hat die »MS Rheins­berg« vom Grie­nerick­see kom­mend den Re­pen­ter Ka­nal pas­siert, da taucht rech­ter Hand – oder wohl bes­ser steu­er­bord – ein Schiffs­an­le­ger auf. Ein rot-wei­ßer Leucht­turm mar­kiert gleich da­ne­ben die Ein­fahrt zum Ha­fen­dorf Rheins­berg. Zwei äl­te­re Paa­re ge­hen an Bord des Aus­flugs­schif­fes der Ree­de­rei Hal­beck und ma­chen sich auf den Weg über den Gro­ßen Rheins­ber­ger See nach Zech­li­ner­hüt­te oder auf die Se­en­rund­fahrt, die sie am En­de nach Rheins­berg mit dem be­rühm­ten Schloss samt Kam­mer­oper und der auf das 13. Jahr­hun­dert zu­rück­ge­hen­den St. Lau­ren­ti­us-Kir­che füh­ren wird. Das Schloss ge­hört in­zwi­schen der Stif­tung Preu­ßi­sche Schlös­ser und Gär­ten Ber­lin-Bran­den­burg.

Ein Ha­fen­dorf im Land­kreis Ost­p­ri­gnitz-Rup­pin? Ist das ei­gent­lich ein rich­ti­ger Ha­fen? Sieht man ein­mal da­von ab, dass die ab 2001 auf ei­ner Flä­che von 134 000 Qua­drat­me­tern ent­stan­de­ne Fe­ri­en­an­la­ge – 200 auf skan­di­na­visch ge­mach­te Häu­schen im Schat­ten ei­nes gro­ßen, von zwei Tür­men flan­kier­ten Ho­tel­rie­gels, die sich um das Ha­fen­be­cken mit sei­nen Steg­an­la­gen grup­pie­ren – recht syn­the­tisch wirkt, war­um nicht? Der Ha­fen bie­tet Lie­ge­plät­ze für 60 statt­li­che, bis zu zwölf Me­ter lan­ge Mo­tor­yach­ten. Es gibt ei­ne Ha­fen­meis­te­rei mit ei­nem Shop für Skip­per-Be­darf und wenn schon kei­ne Ha­fen­bar, so doch ein klei­nes Ha­fen­bis­tro. Et­was am Ran­de des Frei­zeit­kom­ple­xes ge­le­gen, ver­fügt der Ha­fen über ei­ne Slip­an­la­ge und ei­nen 20-Ton­nen-Kran. »An Land« steht ei­ne 1500 Qua­drat­me­ter gro­ße Hal­le, bei der sich die frü­her üb­li­che Be­zeich­nung »Boots­haus« ver­bie­tet. Sie der wet­ter­fes­ten Auf­nah­me von 60 Yach­ten im »Win­ter­la­ger« – 50 wei­te­re kön­nen im Frei­en ge­la­gert wer­den. Dar­über hin­aus fin­det die Ha­fen­meis­ter-Cr­ew dort aus­rei­chend Platz für Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten – ak­tu­ell war­ten, aus­ge­brei­tet auf öl­ge­tränk­ten La­ken, die Ge­trie­be­be­stand­tei­le ei­nes zer­leg­ten 50-PS-Heck­mo­tors auf Zu­wen­dung.

Micha­el Ge­bau­er – son­nen­ge­bräunt, ker­ni­ger Typ, ra­sier­tes Haupt, Kinn­bart, Tat­toos – hat die Ru­he weg. Er sitzt auf ei­nem der neu an­ge­schaff­ten Haus­boo­te, die man in Rheins­berg mie­ten kann, und wer­kelt am Füh­rer­stand. »Ir­gend­was ist im­mer zu tun«, sagt der 43-Jäh­ri­ge. Ist er nun ei­gent­lich der­je­ni­ge im Ha­fen, der das Sa­gen hat?

Auf die Chef­rol­le will er sich nicht fest­le­gen las­sen, ob­wohl Ge­bau­er ei­ne na­tür­li­che Au­to­ri­tät aus­strahl. Er ist seit zwölf Jah­ren im Ha­fen­dorf an­ge­stellt, kon­kret bei der Fir­ma BoatCi­ty Ha­fen­meis­te­rei & Boots­ver­leih, die ih­ren Sitz im Zen­trum von Rheins­berg hat und ne­ben dem Ha­fen­dorf noch ei­ne wei­te­re De­pen­dance in Neu­rup­pin hat. Ge­schäfts­füh­rer ist Chris­ti­an Hal­beck, Sohn der Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie, die am Ort die be­kann­te »Ree­de­rei Hal­beck« be­treibt und de­ren An­ge­bot von Aus­flugs­schiff­fahrt über Boots­ver­leih und Yacht­ha­fen, Bus­rei­sen bis hin zur ei­ge­nen Fahr­schu­le reicht. Der »Ju­ni­or« ist auch Ha­fen­meis­ter, und wenn der selbst im Ha­fen ist? »Dann ist Chris­ti­an Hal­beck der Chef«, sagt Ge­bau­er.

»Ich bin ei­gent­lich ge­lern­ter Kf­zMecha­ni­ker«, sagt er. Ge­bau­er kommt aus ei­nem klei­nen Dorf bei Neu­rup­pin und woll­te sich da­mals be­ruf­lich ver­än­dern. Der Job in Rheins­berg sei aus­ge­schrie­ben ge­we­sen, er ha­be sich ein­fach be­wor­ben. Sehr viel spe­zi­el­les Wis­sen ha­be er ei­gent­lich nicht mit­brin­gen müs­sen.

»Ich kom­me aus ei­nem tech­ni­schen Be­ruf und bin hier da­mit bis heu­te gut zu­recht ge­kom­men«, sagt er. Das Team der Ha­fen­meis­te­rei, vier Män­ner und ei­ne Frau, küm­mert sich, wenn es tech­ni­sche Pro­ble­me gibt. Klei­ne­re War­tungs- und Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten an den gän­gi­gen Mo­to­ren krie­gen sie meist selbst hin. An­sons­ten sei­en Fach­be­trie­be schnell bei der Hand. Auch Holz­ar­bei­ten, An­stri­che oder Boots­pfle­ge von der In­nen- und Au­ßen­rei­ni­gung bis zur Rumpf­ver­sie­ge­lung, er­le­di­gen sie vor Ort. »Al­les, was man sel­ber ma­chen kann, ma­chen wir auch selbst.«

Ih­re Stamm­kund­schaft kommt über­wie­gend aus der Re­gi­on. Laut Ge­bau­er wer­den 120 der 200 Häu­schen des Ha­fen­dorfs pri­vat ge­nutzt, und rund zwei Drit­tel der Nut­zer ha­ben ihr ei­ge­nes Boot im Ha­fen lie­gen und las­sen hier in der Re­gel die War­tungs- und Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten er­le­di­gen. Na­tür­lich küm­mert sich das Team auch um die Boo­te der Gäs­te. Viel Ar­beit steckt im Boots­ver­leih: Ka­nu und Ka­jak, Pa­del­boo­te, Mo­tor­boo­te, Yacht­char­ter, Haus­boo­te. Kun­den sind in die füh­rer­schein­frei­en Mo­tor­boo­te ein­zu­wei­sen, Kur­se für den Er­werb des Boots­füh­rer­scheins zu or­ga­ni­sie­ren. Orts­un­kun­di­ge krie­gen auch Tipps für Tou­ren auf den um­lie­gen­den Ge­wäs­sern.

Auf den ers­ten Blick ist Micha­el Ge­bau­er mit ei­nem Traum­job ge­seg­net – ganz­jäh­rig an der fri­schen Luft, an ei­nem so schö­nen Ort. Selbst ein Theo­dor Fon­ta­ne war bei sei­nen »Wan­de­run­gen durch die Mark« von der Ge­gend ganz hin­ge­ris­sen. Nach ei­ner Boots­tour auf dem Rheins­ber­ger See schwärm­te er: »Nach links hin dehnt sich der See, wo­hin wir bli- cken, ein Reich­tum von Was­ser und Wald, die Bäu­me nur manch­mal ge­lich­tet, um uns ir­gend­ein Denk­mal auf den stil­len Gras­plät­zen des Parks, oder ei­ne Mar­mor­fi­gur oder ei­nen ›Tem­pel‹ zu zei­gen.«

Der Ha­fen­meis­ter hat frei­lich auch mit den An­sprü­chen und der Un­ge­duld von Ur­lau­bern und Aus­flüg­lern zu tun. Und sein Ar­beits­tag be­ginnt zei­tig, um sie­ben Uhr ver­lässt er das Haus bei Neu­rup­pin, bringt noch das Kind zur Schu­le und macht sich auf den Weg nach Rheins­berg, ge­gen neun Uhr abends ist er wie­der da- Hä­fen in Bran­den­burg

Die Mark hat nah am Was­ser ge­baut. In ei­ner sechs­tei­li­gen Se­rie stellt »nd« diens­tags Hä­fen vor. da­sND.de/Ha­fen

heim. »Die Fa­mi­lie hat sich dar­auf ein­ge­stellt; mei­ne Frau liebt das Dorf­le­ben, sie küm­mert sich um die Hun­de, Kat­zen, En­ten und Hüh­ner.«

»Die Ha­fen­sai­son dau­ert bei uns vom 1. März und bis En­de Ok­to­ber oder An­fang No­vem­ber«, sagt er. »Was kei­ner sieht: Wir sind dann sie­ben Ta­ge die Wo­che täg­lich zwölf St­un­den vor Ort.« Im Ha­fen und im Win­ter­la­ger ist nach Sai­son­en­de und vor Be­ginn der neu­en Sai­son auch noch or­dent­lich zu tun. An den ei­ge­nen Ur­laub ist un­ter die­sen Be­din­gun­gen erst im De­zem­ber zu den­ken. »Den ma­chen wir dann zu Hau­se, ich bin nicht so der Rei­se­typ.«

Was den Rheins­ber­ger Ha­fen von an­de­ren Ma­ri­nas ab­hebt, ist das Ha­fen­dorf selbst, das sich, ei­nem La­gu­nen­städt­chen gleich, um das 50 000 Qua­drat­me­ter gro­ße, künst­li­che Ha­fen­be­cken grup­piert. Die An­la­ge steht auf be­son­de­rem Grund: Hier hat­te der DDR-Ge­werk­schafts­bund FDGB 1983 sein 100. neu­es Er­ho­lungs­heim er­öff­net. Die 250-Bet­ten-Her­ber­ge »Ernst Thäl­mann« hat vie­len er­ho­lungs­su­chen­den Werk­tä­ti­gen schö­ne Fe­ri­en be­schert – 13 000 sol­len es pro Jahr ge­we­sen sein. Nur stand der sper­ri­ge Zehn­ge­schos­ser et­was un­in­spi­riert in der ma­le­ri­schen Land­schaft. Treu­hand und Rück­über­tra­gungs­streit lie­ßen ei­nem Be­trieb als Ho­tel kei­ne Chan­ce, nach lan­gem Leer­stand wur­de es 2002 ge­sprengt.

Schon 2001 war das ers­te Mus­ter­haus des neu­en Ha­fen­dorfs fer­tig, das Ha­fen­be­cken und die In­seln mit den Fer­tig­häu­sern folg­te ab 2003. Am 1. Mai 2004 ging der Ha­fen of­fi­zi­ell in Be­trieb, im Jahr dar­auf war das Dorf kom­plett – mit Leucht­turm, Ha­fen­meis­te­rei, Boots­ver­mie­tung, Char­terser­vice und Bis­tro. Die Häu­ser, so­fern nicht pri­vat ge­nutzt, kann man dort über ei­ne zen­tra­le Re­zep­ti­on bu­chen.

2007 war das Well­ness- und Ta­gungs­ho­tel fer­tig, das heu­te als »Ma­ri­tim Ha­fen­ho­tel Rheins­berg« 174 Zim­mer und Sui­ten so­wie auf 2000 Qua­drat­me­tern ei­nen Well­ness­be­reich mit Schwimm­bad und Sau­nen bie­tet. An­ge­glie­dert ist die Sieg­frie­dMat­t­hus-Are­na, ein nüch­ter­ner Mul­ti­funk­ti­ons­bau für Kon­gres­se, Kon­zer­te und Emp­fän­ge. Mit bis zu 1000 Plät­zen ist der Saal auch Schlecht­wet­ter­spiel­stät­te für das Rheins­ber­ger Open-Air-Opern­fes­ti­val.

Fo­to: nd/Ul­li Wink­ler

Ha­fen­meis­ter seit zwölf Jah­ren: Micha­el Ge­bau­er (43)

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