Piz­za oh­ne Ar­ti­scho­cken?

Ein Ge­spräch mit Diet­mar Dath an­läss­lich sei­nes neu­en Ro­mans »Der Schnitt durch die Son­ne« über al­ler­lei fal­sche Wah­len in Po­li­tik und Li­te­ra­tur.

Neues Deutschland - - Erste Seite -

Au­tor und Mar­xist Diet­mar Dath über die Re­vo­lu­ti­on, Sci­ence Fic­tion und feh­len­de Zu­ta­ten.

Der Schnitt durch die Son­ne« wird vom Ver­lag als Ro­man be­wor­ben, der sich »den drän­gen­den Fra­gen der Ge­gen­wart« stel­le. Über­ra­schend fand ich, dass die Prot­ago­nis­ten den po­li­ti­schen Fort­schritt eher in der Kom­mu­ni­ka­ti­on und nicht et­wa in stren­ger Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ak­ti­on su­chen. Den­ken Sie in die­sen po­pu­lis­ti­schen Zei­ten et­wa auch, dass es die Multi­tu­de rich­ten muss, nicht die Par­tei? Die Un­ter­schei­dung »ei­ner­seits Kom­mu­ni­ka­ti­on, an­de­rer­seits stren­ge Or­ga­ni­sa­ti­on« ist mir zu starr. Ich glau­be nicht, dass man die vor­han­de­ne schreck­li­che Ge­sell­schafts­form be­sei­ti­gen kann, oh­ne dass es Leu­te gibt, die nichts an­de­res tun als das, die es ler­nen und die in ei­nem Netz­werk ver­bun­den sind, wo nur Leu­te mit­ent­schei­den kön­nen, die auch was bei­tra­gen. Wenn du mal ver­sucht hast, auf dem Cam­ping­platz ein Zelt auf­zu­bau­en, weißt du, wie das ist, wenn je­de und je­der, die vor­über­lau­fen, auch noch Hin­wei­se ge­ben und rein­fum­meln dür­fen: Das Ding wird nicht fer­tig.

Ob du das Netz­werk Par­tei nennst oder Ge­werk­schaft oder »Ge­sell­schaft der Freun­de des Klas­sen­kampfs« (schö­ne Idee von Hacks), ist mir piep, aber das Prin­zip der Bol­sche­wi­ki »Nur wer mit uns das Ri­si­ko trägt, nur wer re­gel­mä­ßig mit­macht, darf auch un­se­re Ar­beit kri­ti­sie­ren und än­dern wol­len« – die­ses Prin­zip, das der Kern von Lenins Par­tei­kon­zept ist, bleibt le­bens­wich­tig. Im Son­nen­buch geht es um was an­de­res, aber eng Ver­wand­tes: Wenn wir nicht so reich sind (das heißt un­ab­hän­gig von Knapp­heits­sor­gen bei Ener­gie und In­for­ma­ti­on für das, was wir ma­chen wol­len), dass wir auf Ar­beits­tei­lung all­mäh­lich ver­zich­ten kön­nen (und so reich wird die Mensch­heit erst nach meh­re­ren Jahr­hun­der­ten Kom­mu­nis­mus sein, fürch­te ich, es gibt da auch in der Sci­ence-Fic­tion ziem­lich kla­re Ent­wür­fe da­für, zum Bei­spiel bei der ge­nia­len Ol­ga La­ri­o­no­wa in »Her­aus­for­de­rung zum Du­ell« über das Ver­hält­nis von schön­geis­ti­ger Ar­beit zu in­ge­nieurs­mä­ßi­ger im Kom­mu­nis­mus), dann wird sich im­mer die Fra­ge stel­len: Wie kön­nen wir Ver­schie­de­nes ma­chen oh­ne Hier­ar­chie. Al­so: wie kön­nen wir, wenn du was an­de­res machst als ich – du heilst, ich schmie­de, du rech­nest, ich dich­te, du kochst, ich küm­me­re mich ums Kind –, ver­hin­dern, dass dann das aus der Ar­beits­tei­lung wird, was his­to­risch so oft aus ihr wur­de, Klas­se? Wenn die Ur­men­schen­grup­pe sich auf­teilt nach ei­ner­seits de­nen, die das Es­sen be­sor­gen, und an­de­rer­seits de­nen, die die­se Hor­de ge­gen die Nach­barn ver­tei­di­gen, wird es dann nicht bald so, dass die Ver­tei­di­ger mit ih­ren Waf­fen auch die Es­sen­be­sor­ger un­ter­drü­cken?

Un­ter­drü­ckung, Aus­beu­tung, Aus­gren­zung, Ein­schlie­ßung: Das saugt sich ganz schnell an der Ar­beits­tei­lung fest. Im Buch ver­su­chen Men­schen, das zu über­win­den. Und das ist der po­li­ti­sche Ge­gen­warts­be­zug: Die Aus­beu­tung des Sü­dens durch den Nor­den, die im­pe­ria­lis- ti­schen Krie­ge, all das saugt sich auch an glo­ba­ler Ar­beits­tei­lung fest, all das ist et­wa auch Aus­ein­an­der­set­zung von roh­stoff­för­dern­den und roh­stoff­ver­brau­chen­den Zwei­gen der Wel­t­ar­beits­tei­lung. Nicht nur, aber auch, und je­den­falls glo­bal. Als Mar­xist in­ter­es­siert mich so was, und ich kann es bes­ser li­te­ra­risch auf­ar­bei­ten als an­de­re Sub­stra­te des Un­rechts, die es auch noch gibt.

Ich fra­ge mich, wie viel Zeit uns da zum Aus­pro­bie­ren noch bleibt. Ich las neu­lich et­was von ei­nem Kli­ma­for­scher, der mein­te, die Kli­ma­ka­ta­stro­phe sei eh nicht mehr zu ver­hin­dern, nö­tig sei ei­ne Lin­ke, die nur noch zü­gig Mo­del­le da­für fin­de, wie die Men­schen nicht in Rich­tung Bar­ba­rei ab­bie­gen. Se­hen Sie ir­gend­wel­che tat­säch­li­chen Be­we­gun­gen, die Ih­nen Mut ma­chen, dass an so et­was ge­ar­bei­tet und ge­dacht wird? Ich has­se die­se Leu­te, die in der Raum­sta­ti­on sit­zen und sa­gen, die Luf­taus­tausch­pflan­zen sind schon tot, wir er­sti­cken bloß lang­sa­mer. Wenn ei­ne Per­son wirk­lich glaubt, die Welt sei im Ei­mer, bringt sie sich ent­we­der um oder dreht he­do­nis­tisch auf (jetzt ist es ja Wurst, ob Rau­chen beim Sau­fen oh­ne Kon­dom krank macht) oder ver­sam­melt die Lie­ben um sich, aber In­ter­views und an­de­re Ver­laut­ba­run­gen gibt man dann nicht mehr von sich, wenn das Spiel aus ist. Es sei denn, man hat mehr Spaß am Recht­ha­ben als am Le­ben, und dann ist man ein­fach ein Arsch. Mir macht, wie al­len Men­schen, nie­mand Mut au­ßer mir selbst. An­de­re be­loh­nen den Mut dann manch­mal oder ge­ben Kraft oder ei­ne Lau­gen­bre­zel oder ei­nen Kuss, aber mo­ti­vie­ren muss man sich selbst.

Es gibt Streiks von Hol­land bis Chi­na, es gibt ei­ne Lie­be, die der Ver­fol­gung trotzt, in Sau­diA­ra­bi­en und Russ­land und über­all, es gibt bun­des­deut­sche Be­triebs­rä­tin­nen mit gei­len Sa­bo­tag­ei­de­en ge­gen Saue­rei­en der Ge­schäfts­füh­rung, es gibt Kom­mu­nis­ten im Roll­stuhl mit grü­nen Haa­ren und ge­pierc­tem frei­em Bauch­na­bel. Es gibt so viel, was die­je­ni­gen has­sen, die gern be­feh­len, gern ge­hor­chen oder gern un­auf­fäl­lig mit­ma­chen. Es ist nicht vor­bei, und die Er­de ist kei­ne Raum­sta­ti­on, son­dern ein sehr in­ter­es­san­tes, aus­bau­fä­hi­ges Sys­tem mit ei­ner Ener­gie­ver­sor­gung, die nicht auf null geht, so­lan­ge es die Son­ne gibt. Apro­pos Bol­sche­wi­ki: Wir er­le­ben das 100jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um der rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on. War­um lohnt es sich, auf die­ses Er­eig­nis zu­rück­zu­schau­en? Ador­no hat mal ge­sagt, im­mer, wenn er Fra­gen liest wie »Was be­deu­tet He­gel für die Ge­gen­wart?«, möch­te er zu­rück­fra­gen, was ei­gent­lich die Ge­gen­wart ge­mes­sen an He­gel be­deu­tet. Das gilt für 1917 im Ver­hält­nis zu jetzt noch sehr viel mehr. Aber wer so wei­ter will, wie es ge­ra­de läuft, braucht na­tür­lich kei­ne Er­in­ne­rung an et­was ganz an­de­res.

»Die Aus­beu­tung des Sü­dens durch den Nor­den, die im­pe­ria­lis­ti­schen Krie­ge, all das saugt sich auch an glo­ba­ler Ar­beits­tei­lung fest. Als Mar­xist in­ter­es­siert mich so was, und ich kann es bes­ser li­te­ra­risch auf­ar­bei­ten als an­de­re Sub­stra­te des Un­rechts.«

Ein zen­tra­les Kon­zept Ih­res Ro­mans ist das der »Ab­bil­dung« von Zuständen, Per­so­nen, Ge­dan­ken auf an­de­re Ebe­nen oder Zu­sam­men­hän­ge. Die­ser ma­the­ma­ti­sche Be­griff wird dan­kens­wer­ter­wei­se nicht nur aus­führ­lich er­klärt, son­dern auch selbst viel­fäl­tig »ab­ge­bil­det«: Wie die Ma­the­ma­ti­ke­rin die Welt sieht, da­hin ge­langt man auch durch an­de­re Er­kennt­nistü­ren: ko­chen, mu­si­zie­ren, lie­ben. Auch ist viel vom »Den­ken in an­de­ren Köp­fen« die Re­de. War­um ha­ben die­se bei­den Kon­zep­te für Sie so gro­ße Be­deu­tung und in­wie­fern er­hof­fen Sie sich von ih­nen Fort­schritt oder ei­nen Zu­wachs an Frei­heit? Es geht hier wie­der ums Ver­schie­de­ne und die Mög­lich­keit, dass es sich wech­sel­sei­tig be­fruch­tet und be­rei­chert statt blo­ckiert, be­kämpft, über­vor­teilt, un­ter­drückt, aus­beu­tet und so wei­ter. Das pes­si­mis­ti­sche Bild von For­schung, auch ma­the­ma­ti­scher, al­so so­zu­sa­gen »rei­ner«, das heißt de­duk­ti­ver For­schung, sagt ja: Das sind al­les Fa­ch­idio­tin­nen und Fa­ch­idio­ten. Die Wahr­heit ist aber: Das ge­mein­sa­me Wis­sen, das heu­te et­wa ei­ne Zah­len­theo­re­ti­ke­rin und ei­ne Dif­fe­ren­zi­al­geo­me­te­rin tei­len, ist heu­te viel mehr als vor 100 Jah­ren, als die bei­den Fä­cher noch nicht wuss­ten, wie viel sie ge­mein­sam ha­ben. Die Ka­te­gori­en­theo­rie, die im Buch so zen­tral ist, zeigt vie­les da­von. Die ei­ne Ma­the­ma­ti­ke­rin hat so­zu­sa­gen ge­lernt, im Kopf der an­de­ren zu den­ken. Mir leuch­tet dar­in der Schim­mer ei­ner Uto­pie da­von auf, wie es ge­hen könn­te, dass wir ver­schie­den sind, aber nicht un­gleich.

Ih­re Ar­beit kennt vie­le wie­der­keh­ren­de Ele­men­te und Mo­ti­ve: Per­so­nen, die durch Ih­re Ro­ma­ne wan­dern, ty­pi­sche Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen, Stil­mit­tel na­tür­lich. Sind Ih­re vie­len Bü­cher auch ge­wis­ser­ma­ßen Ab­bil­dun­gen von­ein­an­der? Sind sie Ver­su­che, im­mer neu­en Zu­gang zu ei­gent­lich der­sel­ben Sa­che zu fin­den, et­was Ab­we­sen­des im Zen­trum ei­nes gro­ßen Wir­bels? Wo­nach sind Sie mit so gro­ßem Fleiß auf der Su­che? Und ist die­ses Um­krei­sen­de, Ab­bil­den­de ei­ne be­wusst ge­wähl­te Ar­beits­form? Oh, das ist zu groß für Fra­ge-Ant­wort. Nur so­viel: Im 20. Jahr­hun­dert gab es ei­ne in­zwi­schen sehr ab­ge­dro­sche­ne Sor­te Kri­tik an der Wis­sen­schaft, die man »Sci­ence-Fic­tion-Dreh« nen­nen kann: Eu­re Sci­ence ist ja auch nur ei­ne Art Fic­tion, ei­ne gro­ße Er­zäh­lung, ei­ne so­zia­le Kon­struk­ti­on von Sto­rys. Mei­ne gan­ze Ar­beit – wirk­lich, al­les, das Gan­ze, seit »Cor­du­la killt Dich«, seit mehr als zwan­zig Jah­ren – will die­sen Dreh um­dre­hen: Fic­tion kann ei­ne Form von Sci­ence sein. Fik­ti­on, Er­zäh­len, Kunst kann et­was her­aus­fin­den, das man oh­ne Fik­ti­on nicht her­aus­fin­den könn­te. Das ver­su­che ich, und die Fra­ge­stel­lun­gen sind, wie ge­sagt, zu groß und breit für ei­ne Kurz­fas­sung. Zum Bei­spiel: Was be­deu­tet Ur­sa­che-Wir­kung ei­gent­lich äs­the­tisch? Wie­so kön­nen Men­schen Ma­the? Wie­so kann Ma­the Kunst? Wie pro­du­zie­ren wir in Ge­sell­schaft Wahr­hei­ten, die über Ge­sell­schaft­li­ches hin­aus­rei­chen?

Die Son­ne ist eins von vier Bü­chern, die in die­ser Sa­che zu ei­nem vor­läu­fi­gen Ab­schluss stre­ben, ei­ni­ge Zen­tral­pro­ble­me mei­ner Wur­s­te­lei sind da­mit ge­löst. An den an­de­ren drei sit­ze ich ge­ra­de gleich­zei­tig, teil­wei­se de­pres­siv (es ist viel­leicht doch zu groß), teil­wei­se be­geis­tert (meis­tens, wenn an­de­re mir aus der Pat­sche hel­fen). Es ist kei­ne stren­ge Fol­ge von vier Bü­chern, die man al­le hin­ter­ein­an­der le­sen müss­te, je­des steht auch für sich. Mal schau­en. Aber zu­sam­men ma­chen sie wie­der das, was Sie sehr gut »Um­krei­sen« nen­nen.

Vie­le Leu­te schei­nen mir et­was rat­los vor Ih­rem Werk zu ste­hen, weil sie nicht wis­sen, macht der sei­ne Ro­ma­ne jetzt wie an­de­re Leu­te Face­book-Posts? Oder ist das al­les so ein su­per­schlau­es Ge­samt­werk, für das wir mit un­se­rem gan­zen Li­te­ra­tur­stu­di­um doch zu blöd sind? Füh­len Sie sich vom Li­te­ra­tur­be­trieb rich­tig ge­se­hen? Der Li­te­ra­tur­be­trieb hat ein ganz an­de­res Pro­blem mit mei­nem Zeug als des­sen an­geb­lich zu ho­hen An­spruch in ir­gend­ei­ner Hin­sicht. Die re­zen­sie­ren ja auch meis­tens die Per­son und was sie von der so an­neh­men, nicht das Buch. Das mit den Face­book-Posts trifft es schon eher: Es ist ih­nen ir­gend­wie »zu viel«. Was heißt das? Das heißt, dass ich auf Leu­te set­zen muss, die es an­ders se­hen: Das, was sonst so pas­siert, ist de­nen zu we­nig. Die gibt’s. Das ist toll, das ist ei­ne Eh­re, für die zu schrei­ben. Sie mel­den sich, sie stö­ren an­re­gend, sie ma­chen was mit den Sa­chen. War­um soll ich die­je­ni­gen, die nichts da­mit an­fan­gen kön­nen, da­zu über­re­den? Es ist al­les da, wo es hin­ge­hört. Und rich­tig ge­se­hen füh­le ich mich ge­ra­de von ei­ni­gen de­rer, die mich am schärfs­ten ab­leh­nen. Sie sa­gen ja, was sie be­vor­zu­gen, was sie schät­zen, was sie wol­len. Das sind al­les Sa­chen, die ich sym­me­trisch da­zu mit der al­le­r­äu­ßers­ten über­haupt vor­stell­ba­ren Hef­tig­keit ab­so­lut voll­stän­dig grau­en­haft fin­de. Al­so: gro­ße Kom­ple­men­tär­har­mo­nie, al­les ist ge­nau rich­tig, wie es da ist.

Ro­ma­ne als Ver­suchs­an­ord­nun­gen, ein Werk als Ket­te an­ein­an­der an­schlie­ßen­der Ex­pe­ri­men­te, das ist schwer ver­dau­lich für Kri­ti­ker, die mit dem Bild her­um­lau­fen, Li­te­ra­tur sol­le sich als Li­te­ra­tur un­sicht­bar ma­chen, weil sie ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Welt baut, die die Le­ser idea­ler­wei­se gar nicht mehr als ge­baut er­ken­nen sol­len. Mir schwant, dass der of­fen-

sicht­li­che Ex­pe­ri­ment­cha­rak­ter Ih­rer Sa­chen auch ei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on hat? Man soll die Ar­beit se­hen kön­nen und wor­auf sie zielt? Ich ken­ne die Kri­tik nicht, die will, dass Li­te­ra­tur ih­re Mit­tel ver­birgt. Die Main­stream- und in­zwi­schen auch die Netz-Li­te­ra­tur­kri­tik lei­det doch eher dar­an, dass sie ganz be­stimm­te Mit­tel in den Tex­ten sucht und dort aus­ge­stellt und her­vor­ge­ho­ben ha­ben will, und oh­ne die­se Mit­tel ist es für sie kei­ne Li­te­ra­tur. Das sind be­stimm­te Stof­fe (Hit­ler und die DDR und die DDR und die Acht­zi­ger und al­le mög­li­chen an­de­ren Sa­chen, die man nur aus drit­ter Hand kennt, wa­ren ir­gend­wie schlimm, wich­tig sind vor al­lem Fa­mi­lien­sto­rys, Krank­hei­ten, falsch ver­stan­de­ne Ge­schlechts­be­schäf­ti­gun­gen usw.), be­stimm­te sprach­li­che Al­bern­hei­ten (im All­tag sagt man »ich bin heim­ge­gan­gen«, in »rich­ti­ger« Li­te­ra­tur heißt es »ich ging nach Hau­se« – ich fän­de es noch bes­ser, wenn die­ser Stu­di­en­ratsim­pe­ra­tiv durch ei­ne noch blö­de­re »Li­te­ra­tur­ver­gan­gen­heits­form« er­setzt wür­de, et­wa »ich ging­te«) –, be­stimm­te Ti­ckets und La­bels und Mätz­chen (Klein­schrei­bung von al­lem und je­dem, kei­ne An­füh­rungs­zei­chen bei der wört­li­chen Re­de son­dern die­se kin­di­schen Ge­dan­ken­stri­che), ver­gam­mel­te Res­te der Mo­der­ne, noch ver­gam­mel­te­re Res­te der Post­mo­der­ne, die es ja im Ge­gen­satz zur Mo­der­ne nicht mal ge­ge­ben hat, al­so ein­fach Ver­falls­zei­chen der ver­en­den­den bür­ger­li­chen Emp­fin­dungs­fä­hig­keit und ih­rer über­kom­me­nen Ver­sprach­li­chungs­ko­di­zes.

Ich ma­che das na­tür­lich al­les auch, die­sen gan­zen Scheiß, wenn es zum je­wei­li­gen Er­zähl­ge­dan­ken passt, ich bin ja, weiß Gott, nicht bes­ser als an­de­re. Aber es ist wie in der Kir­che: Wer mit­singt, oh­ne dass er aus­sieht, als glau­be er den Krem­pel kom­plett, macht sich ver­däch­tig. Und ei­ne Welt bau­en soll man, den­ke ich, eher auch nicht, man soll viel­mehr längst be­kann­te Selbst­be­ru­hi­gungs­man­tras über die be­kann­te und vor­han­de­ne Welt ab­son­dern, zum Bei­spiel dass es an­geb­lich im Li­te­ra­tur­le­ben ei­ne wun­der­ba­re Zu­sam­men­ar­beit von su­per­kri­ti­schem Text und su­per­kri­ti­scher Lek­tü­re gä­be und wir al­le, weil Kul­tur­leu­te, ganz kri­tisch wä­ren, weil wir sämt­li­che Er­geb­nis­se der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on und Re­pro­duk­ti­on des Le­bens be­arg­wöh­nen und be­mä­keln kön­nen, aber nie­mals die Vor­aus­set­zun­gen der gan­zen So­ße aus­spre­chen oder gar an­grei­fen. Mei­ne Mit­tel und was ich da­mit ma­che sind nicht be­son­ders po­li­tisch ge­dacht, nein. Da geht es je­weils eher um Gen­re-An­for­de­run­gen.

Es gab letz­tens ei­nen Kon­gress von Au­to­rin­nen und Au­to­ren aus dem Phan­tas­tik-Be­reich, auf dem viel und kon­tro­vers dar­über ge­spro­chen wur­de, ob die Phan­tas­tik nicht mehr Platz im Feuille­ton fin­den soll­te. Der Vor­wurf war in et­wa, es gin­ge da zu dün­kel­haft zu, und Bü­cher über Dra­chen und El­fen, die so vie­len Leu­ten ja ge­fal­len, müss­ten auch be­spro­chen wer­den. Wie ste­hen Sie zu die­sem La­men­to?

Un­in­ter­es­sant. Na­tür­lich gibt es Dün­kel, aber wer den ab­schaf­fen könn­te, wür­de mer­ken: Dün­kel­haf­te Leu­te ha­ben ih­ren Dün­kel auf ih­rer Dumm­heit er­rich­tet, und oh­ne Dün­kel ist die Dumm­heit dann üb­rig, und die ist un­re­for­mier­bar und un­zer­stör­bar. Lan­ge Jah­re stand aus lau­ter Dün­kel nichts über Pop­mu­sik in be­stimm­ten Print­me­di­en. Dann war der Dün­kel weg, seit­dem steht lau­ter lä­cher­lich ver­blö­de­tes Zeug über Pop­mu­sik da. Ist das bes­ser?

Im letz­ten Jahr gab es Auf­ruhr bei der Ver­lei­hung ei­nes der bei­den gro­ßen Prei­se für Sci­ence-Fic­tion, dem Hu­go Award. Ei­ne Al­tRight-Be­we­gung for­mier­te sich, die da­zu auf­rief, per Gras­wur­zel­ak­ti­on die No­mi­nie­run­gen zu be­ein­flus­sen. Steht so et­was auch in Deutsch­land zu be­fürch­ten? AfD-Sci­ence-Fic­tion ge­wis­ser­ma­ßen?

Gibt’s doch schon. Sie sind nur schlech­ter or­ga­ni­siert. Deut­sche Na­zis füh­ren im­mer nur Krie­ge, um sie zu ver­lie­ren und sich dann als Dolch­stoß­op­fer zu in­sze­nie­ren. Ich ken­ne aus der Sci­ence-Fic­tion-Welt vie­le Wort­mel­dun­gen, de­nen längst schon zu vie­le Frau­en, schwar­ze, asia­ti­sche, quee­re Men­schen und The­men in der Sze­ne und in den Wer­ken rum­lau­fen. Die sind noch in der Jam­mer­pha­se, das muss man wi­der­spruchs­be­reit be­ob­ach­ten.

Wenn die­ses In­ter­view ge­druckt wor­den sein wird, wird Bun­des­tags­wahl ge­we­sen sein. Wa­gen wir ei­nen Aus­flug in an­de­re Zeits­trän­ge: Was wird man ge­wählt ha­ben sol­len, wenn man über­haupt ge­wählt ha­ben sol­len wird?

Das Fal­sche, lei­der. So ist das An­ge­bot kon­stru­iert. Aber an­kreu­zen muss man trotz­dem das, was noch nicht be­wie­sen hat, dass es Krie­ge füh­ren kann und/oder will, nicht auf Men­schen an Gren­zen schie­ßen mag usw. Da ist die Aus­wahl dann nicht groß, SPD und Grü­ne sind ja längst Bun­des­wehr­par­tei­en, die FDP will auch über­all deut­sche In­ter­es­sen frei­schie­ßen ... Tja, Deutsch­land halt.

In Ih­rem neu­en Ro­man spielt das Ko­chen ei­ne gro­ße Rol­le, als Bei­spiel für die sinn­li­che Er­schlie­ßung der Welt. Da man ja, zu­min­dest auf der Son­ne, auch sehr kom­ple­xe Ge­dan­ken im Ku­li­na­ri­schen ab­bil­den kann: In wel­ches Me­nü lie­ße sich Ihr li­te­ra­ri­scher Kos­mos über­set­zen? Ei­ne Piz­za mit mehr drauf, als die Re­zep­te im All­ge­mei­nen emp­feh­len.

»Die ei­ne Ma­the­ma­ti­ke­rin hat so­zu­sa­gen ge­lernt, im Kopf der an­de­ren zu den­ken. Mir leuch­tet dar­in der Schim­mer ei­ner Uto­pie da­von auf, wie es ge­hen könn­te, dass wir ver­schie­den sind, aber nicht un­gleich.« »An­kreu­zen muss man trotz­dem das, was noch nicht be­wie­sen hat, dass es Krie­ge füh­ren kann und/oder will, nicht auf Men­schen an Gren­zen schie­ßen mag usw.

Da ist die Aus­wahl dann nicht groß, SPD und Grü­ne sind ja längst Bun­des­wehr­par­tei­en, die FDP will auch über­all deut­sche In­ter­es­sen frei­schie­ßen ...«

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Jas­per Ni­co­lai­sen. Fo­to: dpa/Er­win Els­ner

Diet­mar Dath, ge­bo­ren 1970, ist Schrift­stel­ler, Über­set­zer, Mu­si­ker und Pu­bli­zist. Sein neu­er Ro­man »Der Schnitt durch die Son­ne«

(S. Fi­scher, 368 S., geb., 24 €) er­zählt die Ge­schich­te von ei­ner Schü­le­rin, ei­nem Hob­by­koch, ei­nem Fi­nanz­be­ra­ter, ei­ner Ma­the­ma­ti­ke­rin, ei­nem Stra­ßen­mu­si­ker und ei­ner Pia­nis­tin, die von Be­woh­nern der Son­ne zur Hil­fe ge­ru­fen wer­den und dort in ei­nen Kon­flikt ge­ra­ten, den sie dann auf die Er­de aus­wei­ten. Zen­tra­le The­men des Sci­ence-Fic­tion-Thril­lers sind Wis­sens­ver­mitt­lung und die Fä­hig­keit, Wis­sen zu tei­len. Mit dem Au­tor sprach

Fo­tos: 123rf/ni­tr

Das ist (noch) nicht der Kom­mu­nis­mus!

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