Im Land des all­täg­li­chen Irr­sinns

Das Er­doğan-Re­gime will mit ir­ra­tio­na­len, völ­lig über­zo­ge­nen Ge­richts­ur­tei­len die gan­ze Ge­sell­schaft ein­schüch­tern, meint Yücel Öz­de­mir

Neues Deutschland - - Meinung - Aus dem Tür­ki­schen von Nel­li Tü­gel

Die Tür­kei ist zu ei­nem Land ge­wor­den, in dem es all­täg­lich zu Be­ge­ben­hei­ten kommt, die wohl nicht in vie­len Län­dern als nor­mal gel­ten. Zwei bei­spiel­haf­te Zwi­schen­fäl­le der letz­ten Wo­chen sol­len ver­deut­li­chen, was ge­meint ist.

Über den Twit­terac­count des KoVor­sit­zen­den der lin­ken, pro­kur­di­schen Par­tei HDP, Se­lahat­tin De­mir­taş, der seit Mo­na­ten in Haft sitzt, wur­den Nach­rich­ten ab­ge­setzt – gleich dar­auf wur­de De­mir­taş ver­däch­tigt, dies selbst ge­tan zu ha­ben. Al­bern, aber wahr. Die Ge­fäng­nis­be­am­ten durch­such­ten dar­auf­hin auf An­wei­sung des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums die Zel­le von De­mir­taş. Der Staat glaub­te of­fen­bar, dass je­mand, der von ihm 24 St­un­den am Tag über­wacht wird, al­len Erns­tes in der La­ge sei zu twit­tern. Ein Bei­spiel für den kom­plet­ten Irr­sinn, den der tür­ki­sche All­tag so zu bie­ten hat.

Der zwei­te Vor­fall be­trifft die Leh­re­rin Ayşe Çe­lik aus Diyarbakır. Am 8. Ja­nu­ar 2016 be­schloss sie, bei der »Beyaz Show« an­zu­ru­fen, ei­ner Un­ter­hal­tungs­sen­dung, die auf Ka­nal D läuft, ei­nem der po­pu­lärs­ten Fern­seh­sen­der der Tür­kei. Wäh­rend ei­ner Live­über­tra­gung sag­te Ayşe Çe­lik, dass die kur­di­schen Städ­te im Süd­os­ten des Lan­des be­schos­sen wer­den. Mil­lio­nen von Zu­schau­ern hör­ten das. »Seid ihr euch der Men­schen be­wusst, die im Os­ten des Lan­des le­ben?«, frag­te Ayşe Çe­lik. Und sie ap­pel­lier­te: »Seid nicht still, wenn hier Kin­der ster­ben.« Yücel Öz­de­mir lebt in Köln und schreibt für die lin­ke tür­ki­sche Zei­tung »Ev­r­en­sel«.

Beya­zıt Öz­türk, der Mo­de­ra­tor der Sen­dung, ist ei­nes ver­meint­li­chen Ter­ro­ris­mus voll­kom­men un­ver­däch­tig. Das Pu­bli­kum, zu­meist Ju­gend­li­che, ap­plau­dier­te spon­tan. So kam es ganz un­ver­hofft zu ei­nem schö­nen und star­ken Bild im ei­gent­lich un­po­li­ti­schen Un­ter­hal­tungs­pro­gramm.

Doch den Re­gie­rungs­be­am­ten ge­fiel das Bild der So­li­da­ri­tät nicht, das sie auf den Bild­schir­men sa­hen. Sie er­kann­ten in der Auf­for­de­rung, nicht still­schwei­gend zu­zu­se­hen, wenn Kin­der ster­ben, ver­meint­li­che »Pro­pa­gan­da für ei­ne Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on«. Ei­nen Tag nach ih­rem An­ruf in der Show über­fiel man »Leh­re­rin Ayşe« in ih­rem Haus, nahm sie in Ge­wahr­sam und stell­te sie schließ­lich vor Ge­richt. Auch wur­de ei­ne Un­ter­su­chung we­gen »ter­ro­ris­ti­scher Pro­pa­gan­da« ge­gen Pro­du­zen­ten und Mo­de­ra­tor des Pro­gramms ein­ge­lei­tet. Seit Mo­na­ten wer­den dort aus Angst kei­ne Li­vean­ru­fe mehr über­tra­gen. Dem Ka­nal wur­de schließ­lich ei­ne Geld­stra­fe von 900 000 Li­ra (225 000 Eu­ro) auf­ge­brummt.

Die Leh­re­rin Ayşe Çe­lik be­reu­te in­des nicht, was sie ge­sagt hat­te. Weil sie sehr gut wuss­te, dass das, was sie sag­te, nichts mit »Ter­ro­ris­mus« zu tun hat. Der Staats­an­walt for­der­te sie­ben­ein­halb Jah­re Ge­fäng­nis, ver­ur­teilt wur­de sie zu 15 Mo­na­ten, An­fang Ok­to­ber wies ein Istan­bu­ler Ge­richt die Be­ru­fung zu­rück. Ayşe ist schwan­ger. Bald wird sie ins Ge­fäng­nis ge­hen, um ih­re Stra­fe ab­zu­sit­zen – und ihr Kind wird im Ge­fäng­nis das Licht der Welt er­bli­cken.

Mit die­sem Ur­teil wird die Tür­kei nun zu ei­nem Land, das auch Un­ge­bo­re­ne ein­sperrt. Nach An­ga­ben des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums sit­zen be­reits 594 Kin­der im Al­ter bis zu sechs Jah­ren hin­ter Git­tern, auch Säug­lin­ge. Das re­gie­rungs­na­he Bou­le­vard­blatt »Akşam« lob­te kürz­lich al­len Erns­tes die kind­ge­rech­te Aus­stat­tung der Zel­len. Zu de­nen, die au­ßer­halb des Ge­fäng­nis­ses ge­bo­ren wur­den und dann hin­ein muss­ten, wird sich mit dem Kind von Ayşe Çe­lik ei­nes ge­sel­len, das di­rekt hin­ter Git­tern ge­bo­ren wer­den wird.

Dies gan­ze ir­ra­tio­na­le Ver­hal­ten und die Stra­fen des Re­gimes zei­gen, dass es in gro­ßer Pa­nik ist. Die Pa­nik wie­der­um wird in Ge­walt und Ein­schüch­te­rung der Be­völ­ke­rung um­ge­lei­tet. Die harm­lo­ses­ten Din­ge mit Ge­fäng­nis zu be­stra­fen, zielt dar­auf ab, die gan­ze Ge­sell­schaft zu ver­ängs­ti­gen. Nie­mand will die Wahr­heit sa­gen, das Fern­se­hen muss sie nicht sen­den. Und re­det nur noch Re­cep Tay­yip Er­doğan nach dem Mund. Wie je­der Dik­ta­tor glaubt Er­doğan, so die Op­po­si­ti­on klein hal­ten zu kön­nen. Kann er aber nicht. Der Tun­nel der Angst ist be­reits durch­quert.

Fo­to: pri­vat

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