Ja­mai­ka: Kein Traum­ziel für Ge­werk­schaf­ter

Be­schäf­tig­ten­ver­tre­ter be­ob­ach­ten die be­gin­nen­den Ver­hand­lun­gen von Uni­on, FDP und Grü­nen mit Sor­ge

Neues Deutschland - - Politik - Von Aert van Riel

Ver­tre­ter der DGB-Ge­werk­schaf­ten hät­ten mit ei­ner Re­gie­rungs­be­tei­li­gung von Grü­nen und FDP im Bund ei­ni­ge Pro­ble­me. Kon­flik­te dro­hen un­ter an­de­rem bei den The­men Um­welt und Be­schäf­tig­ten­rech­te. Ver­an­stal­tun­gen der gro­ßen Ge­werk­schaf­ten sind für Chris­ti­an Lind­ner kei­ne Heim­spie­le. »Das ist mein zwei­ter Ge­werk­schafts­tag«, sagt der FDPVor­sit­zen­de am Don­ners­tag­abend im Han­no­ver Con­gress Cen­trum. Ein­ge­la­den hat ihn die In­dus­trie­ge­werk­schaft Berg­bau, Che­mie, Ener­gie (IG BCE). Er sei auch schon mal bei der Bil­dungs­ge­werk­schaft GEW ge­we­sen, er­zählt Lind­ner. »Aber ich glau­be, dass ich mich hier po­li­tisch-in­halt­lich von den The­men her noch mehr zu Hau­se füh­le als dort.«

Die IG BCE hat den Kon­takt mit der FDP nicht ab­ge­bro­chen, als die­se zwi­schen­zeit­lich nicht mehr im Bun­des­tag ver­tre­ten war. Nun könn­ten die­se Ver­bin­dun­gen von gro­ßer Be­deu­tung sein. Denn die Frei­en De­mo­kra­ten wer­den, wenn sie die Ver­hand­lun­gen mit Uni­on und Grü­nen in den kom­men­den Wo­chen er­folg­reich ab­schlie­ßen soll­ten, bald wie­der in der Bun­des­re­gie­rung ver­tre­ten sein. Lind­ner wird dann mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit ei­nen Mi­nis­ter­pos­ten über­neh­men. Ent­spre­chend freund­lich wird der ho­he Gast vom Vor­sit­zen­den der IG BCE, Micha­el Vas­si­lia­dis, emp­fan­gen. Er in­ter­viewt Lind­ner auf der Büh­ne vor den rund 400 De­le­gier­ten und ist be­reits dank­bar, als der FDP-Chef ein Be­kennt­nis zur so­zia­len Markt­wirt­schaft ab­legt. Der Ge­werk­schafts­boss ist ein kon­ser­va­ti­ver So­zi­al­de­mo­krat. Mit Lind- ner ver­steht er sich of­fen­sicht­lich bes­ser als et­wa mit Po­li­ti­kern der Link­s­par­tei, die für ihn ein ro­tes Tuch sind.

Für Vas­si­lia­dis und an­de­re Vor­sit­zen­de der DGB-Ge­werk­schaf­ten ist ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on aber al­les an­de­re als ein Wunsch­bünd­nis. Mit der Gro­ßen Ko­ali­ti­on konn­ten sie ei­ni­ger­ma­ßen gut le­ben, ob­wohl sich die Ge­werk­schaf­ter et­wa ge­wünscht hät­ten, dass die Re­gie­rung stär­ker ge­gen pre­kä­re Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se vor­ge­gan­gen wä­re. An­de­rer­seits be­ka­men die Ko­ali­tio­nä­re von den Be­schäf­tig­ten­ver­tre­tern gro­ßes Lob für die Ein­füh­rung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns. Kürz­lich sag­te der DGB-Vor­sit­zen­de Rei­ner Hoff­mann den Zei­tun­gen der Neu­en Ber­li­ner Re­dak­ti­ons­ge­sell­schaft, dass »die in vie­len Be­rei­chen po­si­ti­ve Bi­lanz der Gro­ßen Ko­ali­ti­on deut­lich die Hand­schrift der SPD trug«. Hoff­mann ist eben­so wie Vas­si­lia­dis sel­ber Mit­glied bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Ein Bünd­nis aus Uni­on, FDP und Grü­nen wür­de für die DGB-Ge­werk­schaf­ten ei­ne Rei­he von Un­wäg­bar­kei­ten be­deu­ten. Am Sonn­tag mel­de­te DGB-Chef Hoff­mann bei der Er­öff­nung des Kon­gres­ses der IG BCE, die mit rund 645 000 Mit­glie­dern die dritt­größ­te Ein­zel­ge­werk­schaft im Deut­schen Ge­werk­schafts­bund ist, er­heb­li­che Zwei­fel an, dass Schwar­zGelb-Grün den In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer die­nen wer­de.

In­halt­li­che Dif­fe­ren­zen mit der FDP wer­den bei der Ta­gung am Don­ners­tag deut­lich. Auf der Büh­ne in Han­no­ver be­kräf­tigt Lind­ner, dass beim The­ma Ar­beits­zeit mehr in den Be­trie­ben ent­schie­den wer­den soll­te und we­ni­ger vom Ge­setz­ge­ber. Zu­dem kann der FDP-Vor­sit­zen­de in Werk­ver­trä­gen, die aus Sicht der IG BCE eben­so wie die Leih­ar­beit zu­neh­mend ge­nutzt wer­den, um ta­rif­li­che und so­zia­le Stan­dards zu un­ter­lau­fen, ge­wis­se Vor­zü­ge se­hen. Um sei­ne The­se zu un­ter­mau­ern, er­zählt Lind­ner von »hoch be­zahl­ten Fre­e­lan­cern«, die an »IT-Pro­jek­ten ar­bei­ten«. Die­se Men­schen woll­ten kei­nen An­stel­lungs­ver­trag. Spä­tes­tens in die­sem Mo­ment dürf­ten sich nicht we­ni­ge De­le­gier­te be­stä­tigt se­hen. Ei­ne Be­kämp­fung pre­kä­rer Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se wird mit der FDP, die auf »Fle­xi­bi­li­tät« pocht, kaum mög­lich sein.

Et­was mehr Ap­plaus er­hält bei dem Ge­werk­schafts­tag Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Die CDU-Che­fin hält am Don­ners­tag­nach­mit­tag ei­ne Re­de. Sie spricht sich für den »Er­halt der So­zi­al­part­ner­schaft« aus. »Des­halb wer­de ich al­les da­für tun, die Ta­rif­bin­dung in Deutsch­land wie­der zu stei­gern und nicht noch wei­ter ein­zu­schrän­ken«, er­gänzt die Kanz­le­rin.

Al­ler­dings hat sich be­reits ein Ge­setz der Gro­ßen Ko­ali­ti­on, mit dem Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) die Ta­rif­flucht von Un­ter­neh­men be­en­den woll­te, als wir­kungs­los er­wie­sen. Denn dar­in wur­de fest­ge­legt, dass das Mi­nis­te­ri­um Ta­rif­ver­trä­ge nur für al­le in der je­wei­li­gen Bran­che ver­bind­lich ma­chen kann, wenn der so­ge­nann­te Ta­rif­aus­schuss sich eben­falls da­für aus­spricht. Dar­in sit­zen je drei Ver­tre­ter der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Un­ter­neh­mer und der Be­schäf­tig­ten. Die Un­ter­neh­mer ha­ben al­so ein Ve­to­recht. Dass sich aus­ge­rech­net ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on da­für ein­set­zen wird, Ge­set­ze oh­ne sol­che Zu­sät­ze zu ver­ab­schie­den, ist un­wahr­schein­lich.

Mit den Grü­nen kön­nen der­zeit we­der der DGB-Chef noch die gro- ßen In­dus­trie­ge­werk­schaf­ten IG Me­tall und IG BCE son­der­lich viel an­fan­gen. Die Par­tei wird in den Ver­hand­lun­gen mit Uni­on und FDP vor al­lem dar­auf po­chen, dass die­se ihr bei Öko­lo­gie­the­men ent­ge­gen­kom­men. Da­bei geht es haupt­säch­lich um den Aus­stieg aus der Braun­koh­le so­wie um das En­de des Ver­bren­nungs­mo­tors.

IG-Me­tall-Chef Jörg Hof­mann ist grund­sätz­lich of­fen für Ve­rän­de­run­gen hin zu ei­ner um­welt­freund­li­chen Mo­bi­li­tät. Von ei­nem fes­ten Da­tum, ab dem Ver­bren­nungs­mo­to­ren ver­bo­ten sind, hält er aber nichts. »Wir müs­sen tech­no­lo­gie­of­fen blei­ben. Nur aufs E-Au­to zu set­zen, ist Ha­ra­ki­ri«, sag­te Hof­mann vor we­ni­gen Wo­chen im Stutt­gar­ter Wirt­schafts­pres­seClub. Die Grü­nen ha­ben da­ge­gen in ihr Pro­gramm ei­nen kla­ren Zeit­plan ge­schrie­ben. Ab dem Jahr 2030 sol­len nur noch ab­gas­freie Au­tos neu zu­ge­las­sen wer­den.

Den Grü­nen feh­le der Blick für die so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Fol­gen »ih­res Feld­zu­ges ge­gen die Braun­koh­le und den Ver­bren­nungs­mo­tor«, wet­ter­te Rei­ner Hoff­mann beim Kon­gress der IG BCE. Die Ge­werk­schaft ver­tritt auch die In­ter­es­sen von Be­schäf­tig­ten in den ost­deut­schen Braun­koh­le­re­vie­ren, für die sie mehr Si­cher­heit for­dert.

Der frü­he­re Bun­des­um­welt­mi­nis­ter der Grü­nen, Jür­gen Trit­tin, ver­tei­digt am Don­ners­tag auf dem Ge­werk­schafts­tag sei­ne Ab­nei­gung ge­gen­über dem Koh­le­strom. Zu­dem for­dert er, dass »wir da­mit auf­hö­ren müs­sen, den Aus­bau er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en wei­ter zu brem­sen. Das kos­tet näm­lich Ar­beits­plät­ze.« In der Au­to­in­dus­trie hält Trit­tin nichts da­von, »die Au­gen zu ver­schlie­ßen und zu hof­fen, dass der Struk­tur­wan­del vor­bei­geht«. Es ge­he viel­mehr dar­um, die­sen Struk­tur­wan­del zu gestal­ten.

Noch ist nicht klar, ob und wor­auf sich die drei Par­tei­en in den in der kom­men­den Wo­che be­gin­nen­den Ge­sprä­chen im Bund ei­ni­gen wer­den. Ei­nen Vor­ge­schmack auf die mög­li­che Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on im Bund be­kommt man aber mit Blick auf die Po­li­tik des Lan­des Schles­wig-Hol­stein, das schon seit ei­ni­gen Mo­na­ten von Schwarz-Gelb-Grün re­giert wird.

Be­schäf­tig­te, die von nied­ri­gen Löh­nen le­ben müs­sen, ha­ben im ho­hen Nor­den das Nach­se­hen. Denn die Kie­ler Ko­ali­ti­on hat et­wa be­schlos­sen, den Lan­des­min­dest­lohn, den die Vor­gän­ger­re­gie­rung aus SPD, Grü­nen und SSW ein­ge­führt hat, bei 9,18 Eu­ro ein­zu­frie­ren und bis zum Jahr 2019 aus­lau­fen zu las­sen. Au­ßer­dem heißt es im Ko­ali­ti­ons­ver­trag, dass die Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten zum Min­dest­l­ohn­ge­setz »ei­ne be­son­de­re Be­las­tung des Mit­tel­stan­des« dar­stel­len. Die drei Par­tei­en ver­spre­chen, ge­mein­sam dar­auf hin­zu­wir­ken, die­se Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten »an­ge­mes­sen zu re­du­zie­ren«. Ein ent­spre­chen­der Ge­set­zes­an­trag aus Schles­wig-Hol­stein liegt mitt­ler­wei­le beim Bun­des­rat vor.

Mit den Grü­nen kön­nen der­zeit we­der der DGB-Chef noch die gro­ßen In­dus­trie­ge­werk­schaf­ten

IG Me­tall und IG BCE viel an­fan­gen.

Fo­to: dpa/Uwe Zucchi

Bald könn­te es beim DGB hei­ßen: Reih Dich ein in den Pro­test ge­gen schwarz-gelb-grü­ne Po­li­tik.

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