Spiel­ball der Mäch­te

Neues Deutschland - - Feuilleton - Von Oli­ver Eber­hardt

Die Schu­le hat be­gon­nen. In und um die ira­ki­sche Groß­stadt Mos­sul ler­nen Kin­der und Ju­gend­li­che seit En­de Sep­tem­ber in Zel­ten und zer­schos­se­nen Ge­bäu­den Ma­the, Eng­lisch, Phy­sik, das Üb­li­che eben, aber vor al­lem: »Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on muss wie­der ler­nen, oh­ne Ge­walt zu le­ben«, sagt der ira­ki­sche Bil­dungs­mi­nis­ter Mu­ham­mad Iq­bal Omar.

In ei­nem Kon­fe­renz­saal in Erbil sa­ßen der­weil ver­gan­ge­ne Wo­che Päd­ago­gen, Psy­cho­lo­gen, Bil­dungs­wis­sen­schaft­ler zu­sam­men, und such­ten ei­ne Lö­sung für »das größ­te Pro­blem der heu­ti­gen Zeit in die­ser Re­gi­on«, so Ge­ne­ral­leut­nant Ste­phen Town­send, Be­fehls­ha­ber der US-Trup­pen im Irak: »Wie be­kämp­fen wir die Ideo­lo­gie von Tod, von Zer­stö­rung, die der Is­la­mi­sche Staat un­ter dem Deck­man­tel der Re­li­gi­on in die Köp­fe jun­ger Men­schen ge­pflanzt hat?«

Or­ga­ni­siert wur­de die Kon­fe­renz von der Uni­ted Na­ti­ons Edu­ca­tio­nal, Sci­en­ti­fic and Cul­tu­ral Or­ga­niza­t­i­on, kurz UNESCO. Sie ist ei­ne der 17 recht­lich ei­gen­stän­di­gen Son­der­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ver­ein­ten Na­tio­nen und soll ge­mäß ih­res 1945 un­ter­zeich­ne­ten Grün­dungs­ver­trags Bil­dung, Wis­sen­schaft, Kul­tur, Kom­mu­ni­ka­ti­on und In­for­ma­ti­on för­dern. Und so wie es einst die »geis­ti­ge und mo­ra­li­sche Ka­ta­stro­phe« (Ju­li­an Hux­ley, ers­ter Ge­ne­ral­se­kre­tär) war, die zu ih­rer Grün­dung führ­te, ist es heu­te die »Wucht der Zer­stö­rung von mensch­li­chem Le­ben und Men­sch­lich­keit«, die aus Sicht der der­zei­ti­gen Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Iri­na Bo­ko­wa die UNESCO zu ei­nem wich­ti­gen In­stru­ment der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft macht. Wäh­rend die Öf­fent­lich­keit die Or­ga­ni­sa­ti­on, falls über­haupt, nur wahr­nimmt, wenn ein Ort zum Welt­kul­tur­er­be er­klärt wer­den soll, ar­bei­ten gut 2100 Mit­ar­bei­ter vor al­lem dar­an, Ex­per­ten zu­sam­men­zu­brin­gen, Kon­zep­te und Richt­li­ni­en zu ent­wi­ckeln und sie letz­ten En­des auch vor Ort in die Tat um­zu­set­zen. Im Irak ist das will­kom­men: »Wir ste­hen, was Bil­dung an­geht, vor ei­ner un­fass­bar mäch­ti­gen Auf­ga­be, bei de­ren Be­wäl­ti­gung wir al­le Hil­fe brau­chen«, sagt Bil­dungs­mi­nis­ter Omar. Doch nun ha­ben die USA und Is­ra­el ih­ren Aus­tritt aus der UNESCO be­kannt ge­ge­ben, gleich­zei­tig lie­fer­ten sich Ka­tar und Ägyp­ten ei­nen har­ten Kampf um die Nach­fol­ge von Bo­ko­wa; die Er­eig­nis­se war­fen ein Schlag­licht auf ei­ne an­de­re Sei­te der Or­ga­ni­sa­ti­on: Die UNESCO ist selbst Spiel­ball der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik im Match um Macht und Ein­fluss.

»Tag­täg­lich rin­gen Di­plo­ma­ten um die Deu­tungs­ho­heit über Bil­dung, For­schung, Ge­schich­te«, sagt Bo­ko­wa; es sei schwer, oft auch un­mög­lich, da­bei neu­tral zu blei­ben. So wer­fen die USA und Is­ra­el der UNESCO vor, »an­ti-is­rae­lisch« zu sein. Denn zu­nächst ak­zep­tier­te man bei der Or­ga­ni­sa­ti­on 2011 die Mit­glied­schaft der Pa­läs­ti­nen­si­schen Au­to­no­mie­be­hör­de, die seit 2012 als »Pa­läs­ti­na« bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen als Staat oh­ne Mit­glieds­sta­tus ge­führt wer­den, und da­mit dort gleich­wer­tig mit dem Va­ti­kan sind. Die USA, die bis da­mals ein Fünf­tel des UNESCOBud­gets zahl­ten, stell­ten dar­auf­hin ih­re Zah­lun­gen ein. Und Is­ra­els rechts­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung un­ter Füh­rung von Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu be­äug­te seit­dem die Ar­beit der Or­ga­ni­sa­ti­on aus­ge­spro­chen kri­tisch: Dass man ei­nen Ort am jor­da­ni­schen Ufer des Flus­ses Jor­dan zum Ort der Tau­fe von Je­sus er­klär­te, dass Is­ra­el in ei­ner Re­so­lu­ti­on als »Be­sat­zungs­macht« in Je­ru­sa­lem be­zeich­net, in ei­ner an­de­ren Re­so­lu­ti­on zum Ju­den und Mus­li­men glei­cher­ma­ßen hei­li­gen Tem­pel­berg/Ha­ram al Scha­rif der jü­di­sche Aspekt mit kei­nem Wort er­wähnt wird und dass He­bron, wo das Ju­den und Mus­li­men eben­falls glei­cher­ma­ßen hei­li­ge Gr­ab der Pa­tri­ar­chen liegt, zum Kul­tur­er­be er­klärt wur­de, wur­de von Is­ra­els Re­gie­rung hef­tig kri­ti­siert. Gleich­zei­tig hat­te Ne­tan­ja­hu aber auch im­mer wie­der ver­sucht, die UNESCO als Büh­ne für die ei­ge­ne Sicht auf die Ge­schich­te der Re­gi­on zu nut­zen: In ei­ner – spä­ter ab­ge­sag­ten – Aus­stel­lung im UNESCO-Haupt­sitz in Pa­ris soll­te das West­jor­dan­land als aus his­to­ri­scher Sicht in­te­gra­ler Be­stand­teil des Staa­tes Is­ra­el dar­ge­stellt wer­den, wäh­rend man mehr­mals ver­geb­lich ver­such­te, in Re­so­lu­ti­ons­an­trä­gen die his­to­ri­sche Ver­bin­dung der Pa­läs­ti­nen­ser mit der Re­gi­on klein­zu­re­den.

Spre­cher bei­der Re­gie­run­gen sa­gen of­fen, dass man hof­fe, dass die Aus­trit­te die Or­ga­ni­sa­ti­on schwä­chen und ih­re Ent­schei­dun­gen de­le­gi­ti­mie­ren wer­den. Aus­sa­gen, die auch in der US-Re­gie­rung min­des­tens um­strit­ten sind: So warnt das von Rex Til­ler­son ge­führ­te Au­ßen­mi­nis­te­ri­um, es ge­be auch noch an­de­re Schau­plät­ze, vor al­lem den Irak, wo ver­schie­de­ne Ak­teu­re glei­cher­ma­ßen um Deu­tungs­ho­heit rin­gen, es aber um sehr viel mehr geht.

Städ­te wie Mos­sul und Ti­krit ha­ben in den letz­ten Jah­ren nicht nur län­ge­re Pha­sen der IS-Herr­schaft hin­ter sich ge­bracht, sie sind auch Hei­mat von un­ter an­de­rem Ara­bern, Kur­den, Turk­me­nen, Ar­me­ni­ern. Auf die­se Städ­te rich­ten sich auch die Aspi­ra­tio­nen ver­schie­de­ner Re­gie­run­gen. Kur­den, der Iran und die ira­ki­sche Zen­tral­re­gie­rung rin­gen um die Vor­herr­schaft in der öl­rei­chen Ge­gend rund um Ti­krit; rund um Mos­sul mischt zu­dem die tür­ki­sche Re­gie­rung mit, und stets wer­den Bil­dung und Ge­schich­te da­für ge­nutzt, die­se An­sprü­che zu le­gi­ti­mie­ren: Je nach­dem, wel­chen Teil der Ge­schich­te man be­tont und wel­chen Teil man weg­lässt oder neu in­ter­pre­tiert, wir­ken die­se Or­te plötz­lich wie der na­tür­li­che Teil die­ses oder je­nes Lan­des.

Und das wol­len die ent­spre­chen­den Ak­teu­re nicht nur in Re­so­lu­tio­nen fest­schrei­ben, son­dern auch in die Köp­fe ze­men­tie­ren. So kri­ti­siert ein Spre­cher der tür­ki­schen Re­gie­rung, dass die UNESCO vor der Bil­dungs­kon­fe­renz in Erbil von der Tür­kei vor­ge­schla­ge­ne Wis­sen­schaft­ler nicht be­rück­sich­tigt hat; die von der Or­ga­ni­sa­ti­on aus­ge­ar­bei­te­ten Bil­dungs­richt­li­ni­en sei­en »ein­sei­tig« und ver­nach­läs­sig­ten »die his­to­ri­sche Ver­bin­dung Mos­suls zur Tür­kei«. Die Re­gie­rung der um Un­ab­hän­gig­keit rin­gen­den Au­to­no­men Re­gi­on Kur­dis­tan mo­niert der­weil, die UNESCO rich­te sich aus­schließ- lich nach den Wün­schen der Zen­tral­re­gie­rung.

Ste­phen Town­send, der US-Kom­man­deur im Irak, sieht den Rück­zug sei­ner Re­gie­rung des­we­gen, »aber nicht nur des­we­gen«, kri­tisch: »Ich be­fürch­te, dass un­se­re Re­gie­rung nun voll­stän­dig auf mi­li­tä­ri­sche Er­fol­ge setzt und das, was da­nach not­wen­dig ist, ver­nach­läs­sigt. So kön­nen wir aber kei­ne Krie­ge ge­win­nen.«

Stets wer­den Bil­dung und Ge­schich­te ge­nutzt, die ei­ge­nen An­sprü­che zu le­gi­ti­mie­ren.

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