Ja oder Nein – Ti­rol ringt um Olym­pia

Die Be­völ­ke­rung stimmt am Sonn­tag ab, ob sich das ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­land für Win­ter­olym­pia 2026 be­wirbt. Es wird knapp

Neues Deutschland - - Sport - Von Jir­ka Grahl

Olym­pi­sche Spie­le sind nur noch schwer ver­mit­tel­bar. Ein­hei­mi­sche be­fürch­ten Mil­li­ar­den­kos­ten, da kön­nen Funk­tio­nä­re und Po­li­ti­ker noch so schwär­men. Ti­rol unternimmt den drit­ten Anlauf. Ös­ter­reich wählt am Sonn­tag ein neu­es Par­la­ment. Im Bun­des­land Ti­rol wird da­bei nicht nur über die Be­set­zung des Na­tio­nal­rats ab­ge­stimmt. 537 000 wahl­be­rech­tig­te Ti­ro­ler kön­nen zu­sätz­lich auch ihr Kreuz bei der Volks­be­fra­gung über die Aus­rich­tung Olym­pi­scher und Pa­ralym­pi­scher Win­ter­spie­le 2026 set­zen: Will das Bun­des­land, des­sen Haupt­stadt Inns­bruck be­reits 1964 und 1976 Olym­pia­gast­ge­ber war, auch die Spie­le 2026 aus­rich­ten?

Reich­lich Sport­stät­ten

Ja, sa­gen die Be­für­wor­ter und ver­wei­sen auf den Plan von »re­di­men­sio­nier­ten Spie­len« in vor­han­de­nen vor­züg­li­chen Sport­stät­ten, was ex­akt dem An­for­de­rungs­pro­fil der »IOCA­gen­da 2020« ent­spricht: St. An­ton als al­pi­nes, See­feld als nor­di­sches Ski­zen­trum, da­zu Bi­ath­lon in Hoch­fil­zen – et­li­che Welt­meis­ter­schaf­ten ha­ben die Ti­ro­ler be­reits aus­ge­rich­tet. Und in der Olym­pia­stadt Inns­bruck steht auf dem Berg­isel ei­ne der schöns­ten Ski­sprung­schan­zen der Welt. Die Bo­bund Ro­del­bahn der 120 000-Ein­woh­ner-Stadt hat eben­falls Olym­pia­ni­veau. Der Eis­schnell­lauf soll nach In­zell in die Max-Ai­cher-Are­na ver­legt wer­den, wo­mit erst­mals seit 1972 wie­der in Deutsch­land Olym­pia­gold ver­ge­ben wer­den wür­de.

Kein Eu­ro Steu­er­geld soll aus­ge­ge­ben wer­den, je­den­falls wenn man die Aus­ga­ben wie das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee in ein In­fra­struk­tur­bud­get (NOCOG) und ein Durch­füh­rungs­bud­get (OCOG) un­ter­teilt. Das OCOG ist mit 1,175 Mil­li­ar­den Eu­ro be­zif­fert. Es soll durch IOC-Zah­lun­gen (525 Mil­lio­nen Eu­ro), Ein­tritts­gel­der und Wer­be­ein­nah­men ge­gen­fi­nan­ziert wer­den.

Was kos­tet die Si­cher­heit?

Dass In­fra­struk­tur­maß­nah­men und öf­fent­li­che Si­cher­heit im OCOG-Bud- get aus­ge­spart wer­den, em­pört die Olym­pia­geg­ner. Sie ver­wei­sen auf Van­cou­ver 2010, wo sich die Aus­ga­ben für Si­cher­heit von an­fangs ge­plan­ten 117 Mil­lio­nen US-Dol­lar am En­de auf 712 Mil­lio­nen sum­mier­ten.

Micha­el Dörf­lin­ger, Ko­or­di­na­tor bei der Initia­ti­ve der Olym­pia­be­für­wor­ter, die nach ei­nem Ja am Sonn­tag zum Be­wer­bungs­ko­mi­tee und dann mit ei­nem Bud­get von 15 Mil­lio­nen Eu­ro aus­ge­stat­tet wer­den soll, sag­te ge­gen­über »nd«, die Kos­ten für die öf­fent­li­che Si­cher­heit wür­den deut­lich

Fra­ge­stel­lung der Ti­ro­ler Volks­be­fra­gung. Meh­re­re Ver­fas­sungs­recht­ler kri­ti­sie­ren sie als ma­ni­pu­la­tiv.

nied­ri­ger als in Van­cou­ver aus­fal­len: »Wir ha­ben ein State­ment vom In­nen­mi­nis­te­ri­um, wo­nach die Si­cher­heit bei der we­sent­lich kom­ple­xe­ren Fuß­ball-EM 2008 36 Mil­lio­nen Eu­ro ge­kos­tet hat. In­fla­ti­ons­be­rei­nigt wä­ren das heu­te 44 Mil­lio­nen Eu­ro.« Dem stün­den aber 300 bis 400 Mil­lio­nen Eu­ro an Ein­nah­men durch Olym­pia 2026 ge­gen­über, mit de­nen der Bund rech­nen dür­fe, der die Kos­ten für die öf­fent­li­che Si­cher­heit trägt.

Inns­bruck ist eher da­ge­gen

Die Olym­pia­geg­ner in­des be­kla­gen die sug­ges­ti­ve Fra­ge­stel­lung der Volks­be­fra­gung (sie­he Kas­ten). Der Ver­fas­sungs­recht­ler Heinz Mey­er be­zeich­net sie in ei­nem Gut­ach­ten für die Op­po­si­ti­ons­par­tei »Lis­te Fritz« so­gar »ein­sei­tig wer­tend, da­mit ma­ni­pu­la­tiv und des­halb rechts- und ver­fas­sungs­wid­rig«. Die Fra­ge ent­hal­te meh­re­re po­si­ti­ve Wer­tun­gen oh­ne die ne­ga­ti­ven Fol­gen zu be­nen­nen. Da der Land­tag die Ent­schei­dung der Be­völ­ke­rung als bin­dend ak­zep­tie­ren will, hat die »Lis­te Fritz« an­ge­kün­digt, ge­ge­be­nen­falls auch den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof an­zu­ru­fen.

Au­ßer der klei­nen Re­gio­nal­par­tei hat sich auf Lan­des­ebe­ne kei­ne Par­tei ge­gen Olym­pia aus­ge­spro­chen – nie­mand will vor den Land­tags­wah­len im Fe­bru­ar 2018 ei­ne Schlap­pe er­lei­den. In ak­tu­el­len Um­fra­gen zeich­net sich ein leich­tes Plus für ein Ja zur Olym­pia­be­wer­bung ab. Die Geg­ner ha­ben aber noch Hin­ter­tür­chen of­fen: Sie wol­len bei ei­nem Ja 2018 noch ein­mal in der Stadt Inns­bruck ab­stim­men las­sen. In der selbst er­nann­ten Al­pen-Haupt­stadt, in de­ren neu­em olym­pi­schen Dorf die Hälf­te der Sport­ler un­ter­ge­bracht wer­den soll, ist auch 2017 die Stim­mung olym­pia­skep­tisch. Be­reits zwei­mal gab es in Ti­rol Olym­pia-Volks­be­fra­gun­gen, 1993 sag­te das gan­ze Land Nein, 1997 ver­hin­der­te ein be­son­de­res Ve­to­recht der Inns­bru­cker ei­ne Olym­pia­be­wer­bung, nach­dem die Ge­samt­um­fra­ge pro Olym­pia aus­ge­fal­len war.

»Mehr als voll geht nicht«

Ge­org Wil­li, Inns­bru­cker Grü­nen­ab­ge­ord­ne­ter im Na­tio­nal­rat, hat sich ge­mein­sam mit den Grü­nen der Olym­pia­stadt ge­gen die Be­wer­bung aus­ge­spro­chen, ob­wohl sich die Lan­des­par­tei zu­rück­hält: »Olym­pia kann ei­ne Re­gi­on wei­ter­brin­gen, ja. Aber wir ha­ben in Ti­rol al­les – her­vor­ra­gen­de Sport­stät­ten, funk­tio­nie­ren­den ÖPNV. Und im Fe­bru­ar, wenn Olym­pia statt­fin­det, sind bei uns so­wie­so al­le Ho­tels aus­ge­bucht. Mehr als voll geht nicht.« Wil­li ver­weist auf die »Näch­ti­gungs­ra­te«, bei der Ti­rol be­reits Tou­ris­mus­welt­meis­ter ist: »Ei­ne Re­gi­on von 720 000 Men­schen mit 45 Mil­lio­nen Näch­ti­gun­gen, dass gibt es sonst nir­gend­wo auf der Welt.« Noch da­zu sei es wi­der­sin­nig, in Zei­ten der Kli­ma­er­wär­mung auf noch mehr Pro­fi­lie­rung in Sa­chen Win­ter­sport zu set­zen, sagt Wil­li: »Die Win­ter be­gin­nen im­mer spä­ter und sind im­mer kür­zer. Der tech­ni­sche Auf­wand für Win­ter­sport wird im­mer grö­ßer. Ti­rol braucht nicht Olym­pia, son­dern Ganz­jah­res­tou­ris­mus.«

»Soll das Land Ti­rol ein selbst­be­wuss­tes An­ge­bot für nach­hal­ti­ge, re­gio­nal an­ge­pass­te so­wie wirt­schaft­lich und öko­lo­gisch ver­tret­ba­re Olym­pi­sche und Pa­ralym­pi­sche Win­ter­spie­le Inns­bruckTi­rol 2026 le­gen?«

Fo­to: ima­go/Eib­ner Eu­ro­pa

Ski­sprin­ger am Berg­isel vor der Ku­lis­se Inns­brucks

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.