Nach der Ge­walt ist vor dem Spiel

Nach den An­grif­fen auf Leip­zi­ger Fans bleibt Dort­mund vor dem Wie­der­se­hen selt­sam stumm

Neues Deutschland - - Sport - Von Ull­rich Kro­emer, Dort­mund

Ein Dut­zend ver­letz­te RB-Fans, 168 Straf­ver­fah­ren ge­gen BVB-An­hän­ger: Bo­rus­sia Dort­mund emp­fängt gut acht Mo­na­te nach der Ge­walt­es­ka­la­ti­on wie­der die Leip­zi­ger – und sen­det kaum Si­gna­le der Reue. In ei­ner un­schein­ba­ren Ne­ben­stra­ße mit Kiez­charme zwi­schen In­nen­stadt und Sta­di­on liegt der La­den des Fan­pro­jekts Dort­mund. Am Frei­tag, ei­nen Tag vor dem Bun­des­li­ga-Spit­zen­spiel zwi­schen Bo­rus­sia Dort­mund und Ra­senBall­sport Leip­zig, ist es hier fried­lich. Thi­lo Da­ni­els­mey­er, Lei­ter des Fan­pro­jek­tes, schließt den La­den auf, wo sonst der har­te Kern der Fan­sze­ne ei­ne An­lauf­stel­le hat und wo So­zi­al­ar­beit auch mit Pro­blem­fans statt­fin­det. Der uri­ge Raum ist über­voll mit BVB-De­vo­tio­na­li­en, die von 25 Jah­ren Fa­n­ar­beit er­zäh­len. So lan­ge ist Da­ni­els­mey­er, ei­gent­lich Sport­leh­rer, auch schon da­bei.

Der 59-Jäh­ri­ge ist der wohl pro­fun­des­te Ken­ner der Dort­mun­der Ul­tra­kul­tur. Er kann dar­über Aus­kunft ge­ben, wie die Sze­ne die Aus­schrei­tun­gen vom 4. Fe­bru­ar re­flek­tiert und wie sich die Ein­stel­lung zu RB Leip­zig ent­wi­ckelt hat. Be­reits nach dem Ge­walt­ex­zess hat­te er sich über­re­gio­nal prä­gnant ge­äu­ßert und tut das auch vor die­sem Spiel. »Das war aso­zi­al, Voll­chao­ten und Tritt­brett­fah­rer ha­ben sich un­mög­lich be­nom­men – nicht nur durch phy­si­sche, son­dern auch ver­ba­le Ge­walt rund um das ge­sam­te Spiel«, sagt er.

Ulf Walt­her hat die Sze­nen, die sich am Nach­mit­tag des 4. Fe­bru­ar rund um das Dort­mun­der Sta­di­on ab­ge­spielt ha­ben, noch im­mer vor Au­gen. Be­reits bei der An­kunft am S-Bahn­hof wur­den sie be­spuckt, »übelst be­pö­belt«, wie er sagt, und be­wor­fen. Auf der Stro­bel­al­lee am Sta­di­on Ro­te Er­de es­ka­lier­te die Si­tua­ti­on. »Es wur­de mit al­lem auf uns ge­wor­fen, was flie­gen kann«, er­in­nert sich Walt­her: St­ei­ne, Fla­schen, Do­sen, Farb­beu­tel, Ra­ke­ten, Müll­ei­mer. Wie »Schlacht­vieh« sei­en sie sich vor­ge­kom­men hat­ten die Bor­na­er Bul­len, Walt­hers Fan­club, da­mals in ei­nem of­fe­nen Brief an Dort­munds Ge­schäfts­füh­rer Hans-Joa­chim Watz­ke ge­schrie­ben. Dass »nur« ein Dut­zend Leip­zi­ger im Kran­ken­haus be­han­delt wer­den muss­te, be­zeich­nen vie­le, die da­bei ge­we­sen sind, als ein Wun­der. 168 Straf­ver­fah­ren er­öff­ne­te die da­mals völ­lig un­ter­be­setz­te und über­rasch­te Po­li­zei im Nach­gang, 66 Tä­ter – un­ge­wöhn­lich vie­le – wur­den iden­ti­fi­ziert.

Walt­her hat dar­aus Kon­se­quen­zen ge­zo­gen und fährt vor dem er­neu­ten Gast­spiel von RB Leip­zig beim BVB an die­sem Sonn­abend nicht mit – nicht vor­der­grün­dig aus Angst vor er­neu­ten Aus­schrei­tun­gen, son­dern »aus Prin­zip«. Der 38-Jäh­ri­ge sagt: »Fuß­ball soll Spaß ma­chen, schon die Fahr­ten sol­len Fes­te sein. Aber auf der Fahrt nach Dort­mund könn­te ich nicht fei­ern.« So hat er ent­schie­den: »Ich be­tre­te die­ses Sta­di­on nie wie­der. Bo­rus­sia Dort­mund be­kommt von mir kein Geld für ei­ne Ein­tritts­kar­te.«

So wie Walt­her den­ken nicht we­ni­ge Fans von RB Leip­zig, dar­un­ter auch vie­le Fa­mi­li­en mit Kin­dern. Die Zahl der Aus­wärts­fah­rer nach Dort­mund hat sich trotz der sport­lich reiz­vol­len Kon­stel­la­ti­on bei der Be­geg­nung zwi­schen Spit­zen­rei­ter und Ta­bel­len­vier­tem auf knapp 3500 ver­rin­gert – ge­schützt von 1000 Po­li­zis­ten. Von den et­wa 70 Fans, die in der ver­gan­ge­nen Sai­son von den Bor­na­er Bul­len da­bei wa­ren, bleibt nun et­wa die Hälf­te lie­ber da­heim. Auch, weil Si­gna­le der Reue oder des Ge­walt­ver­zichts aus Dort­mund von Fans und Ver­ant­wort­li­chen vor der Par­tie aus­blie­ben. Dass Dort­munds Bür­ger­meis­ter Ull­rich Sier­au ei­ni­ge aus­ge­wähl­te RB-Fans, die da­mals zu Scha­den ge­kom­men wa­ren, nun nach Dort­mund ein­ge­la­den hat, sieht Walt­her als gu­tes Si­gnal. Zehn Leip­zi­ger folg­ten der Ein­la­dung. Nur: »Es kommt mei­ner Mei­nung nach vom Fal­schen. Es wä­re die Auf­ga­be des BVB, vor die­sem Spiel noch­mals dar­auf ein­zu­ge­hen und sich zu ent­schul­di­gen.«

Doch die Dort­mun­der Ver­ant­wort­li­chen blie­ben selt­sam stumm vor die­ser Par­tie. Ak­tu­el­le In­ter­viewan­fra­gen lehn­te der BVB »aus ter­min­li­chen Grün­den« ab. Den Zei­tun­gen der Fun­ke-Grup­pe sag­te BVB-Boss Watz­ke: »Grund­sätz­lich glau­be ich, dass al­le ge­lernt ha­ben aus der Si­tua­ti­on. In- so­fern bin ich ver­hal­ten op­ti­mis­tisch, dass wir das or­dent­lich über die Büh­ne krie­gen.« Viel­leicht sei es be­reits ein Er­folg, sagt Walt­her bit­ter, dass Watz­ke vor die­sem Spiel nicht wie in der Ver­gan­gen­heit ge­gen RB Leip­zig ge­sti­chelt ha­be.

Da­bei hät­te der BVB ge­nug Grün­de, sei­ne An­stren­gun­gen und Maß­nah­men ge­gen die Ge­walt­tä­ter so­wie den ver­such­ten Dia­log mit der Fan­sze­ne of­fen­si­ver öf­fent­lich zu ma­chen. Watz­ke & Co. hat­ten nach der Ge­wal­te­rup­ti­on in­ten­siv in­tern und mit Fan­ver­tre­tern et­wa im Fan­rat dis­ku­tiert. Je­doch of­fen­bar oh­ne ei­nen wirk­li­chen Kon­sens zu fin­den. Letzt­lich zog die Ver­eins­füh­rung teils har­te Kon­se­quen­zen. Ins­ge­samt 40 Sta­di­on­ver­bo­te sprach der Klub nach dem Spiel aus – et­wa 15 ge­gen die­je­ni­gen, die straf­wür­di­ge Ban­ner ge­gen RB ge­zeigt hat­ten, die üb­ri­gen ge­gen die Ge­walt­tä­ter. Zu­dem wur­den et­wa die Ul­tras in ih­ren Rech­ten ein­ge­schränkt. Die größ­te Grup­pe »The Uni­ty« muss­te ih­ren Ver­kaufs­stand für Sti­cker, Fanzines und Fan­ar­ti­kel un­ter­halb der Süd­tri­bü­ne schlie­ßen. »Der Ver­ein hat die Fan­sze­ne in noch nie da­ge­we­se­nem Aus­maß ab­ge­straft«, be­wer­tet Thi­lo Da­ni­els­mey­er.

Und die Fan­sze­ne? Trotz der Es­ka­la­tio­nen im Fe­bru­ar, an der laut Da­ni­els­mey­er kei­ne Ul­tras be­tei­ligt wa­ren, ha­ben die Wort­füh­rer vom Bünd­nis Süd­tri­bü­ne auch dies­mal wie­der zu ei­nem Pro­test­marsch ge­gen RB auf­ge­ru­fen – et­wa 2000 Fans wer­den er­war­tet, Start vor dem Fan­la­den. Die ru­hi­ge Ne­ben­stra­ße wird dann mit An­ti-RB-Ban­nern und -Pa­ro­len ein Ort des Has­ses sein. »Der Marsch ist für die Ul­tras wich­tig, sie müs­sen ei­ne St­un­de ge­gen RB sin­gen und ih­re Pla­ka­te zei­gen«, sagt Da­ni­els­mey­er. Und: »Ich bin da­von über­zeugt, dass sie dar­auf ach­ten wer­den, dass Ge­walt kei­ne Rol­le spie­len wird. Es geht den Ul­tras um die Mes­sa­ge.« Im­mer­hin. Doch der Grat zwi­schen Hass­ge­sän­gen und Hassak­tio­nen ist im Fuß­ball schmal.

Fo­tos: ima­go/Pic­tu­re Po­int, dpa/In­go Hah­ne

»Bul­len schlach­ten« oder »Pflas­ter­stei­ne auf die Bul­len«: Was auf der Dort­mun­der Süd­tri­bü­ne auf Pla­ka­ten von Bo­rus­sia-Fans stand, war schon vor dem An­pfiff des Spiels am 4. Fe­bru­ar 2017 ge­gen RB Leip­zig vor dem Sta­di­on Rea­li­tät. 168 Straf­ver­fah­ren wur­den ge­gen BVB-Fans er­öff­net.

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