Ob die Mehr­heit wirk­lich steht

Mi­nis­ter­prä­si­dent Wo­id­ke soll we­gen Kreis­re­form mit Rück­tritt und Neu­wahl ge­droht ha­ben

Neues Deutschland - - Brandenburg - Von Andre­as Frit­sche

Rot-Rot will im No­vem­ber im Land­tag ei­ne Kreis­ge­biets- und ei­ne Funk­tio­nal­re­form be­schlie­ßen. Da­zu müs­sen of­fen­bar ein paar Ab­ge­ord­ne­te dis­zi­pli­niert wer­den. We­ni­ge Wo­chen vor der ent­schei­den­den Ab­stim­mung im Land­tag wird es eng für die ge­plan­te Kreis­ge­biets­re­form. Bei ei­ner Pro­be­ab­stim­mung der SPD-Frak­ti­on sol­len drei Ab­ge­ord­ne­te dem um­strit­te­nen Vor­ha­ben die Ge­folg­schaft ver­wei­gert ha­ben. Mi­nis­ter­prä­si­dent Diet­mar Wo­id­ke (SPD) soll des­we­gen jetzt bei ei­ner Klau­sur­ta­gung in Neu­har­den­berg mit Rück­tritt und Neu­wah­len ge­droht ha­ben. Das be­rich­te­te die »Mär­ki­sche Oder­zei­tung« un­ter Be­ru­fung auf Teil­neh­mer der Ta­gung.

»Die SPD schafft es au­gen­schein­lich nicht ein­mal mehr, ih­re ei­ge­nen Leu­te mit Ar­gu­men­ten zu über­zeu­gen«, höhn­te CDU-Frak­ti­ons­chef In­go Senft­le­ben.

Re­gie­rungs­spre­cher Flo­ri­an En­gels de­men­tier­te um­ge­hend. Der Mi­nis­ter­prä­si­dent ha­be le­dig­lich ver­schie­de­ne mög­li­che Kon­se­quen­zen für den Fall er­läu­tert, dass die rot-ro­te Ko­ali­ti­on bei die­ser Re­form im Land­tag kei­ne ei­ge­ne Mehr­heit zu­we­ge brin­gen soll­te.

Un­ab­hän­gig da­von, ob Wo­id­ke sei­nen Rück­tritt »als kal­ku­lier­te Dro­hung in den Raum ge­stellt hat oder sei­ne Wor­te nur der Schil­de­rung mög­li­cher Kon­se­quen­zen ei­ner Ab­leh­nung der vor­lie­gen­den Ge­setz­ent­wür­fe zur Funk­tio­nal­re­form und zur Kreis­ge­biets­re­form dien­ten, droht die Ver­wal­tungs­struk­tur­re­form nun end­gül­tig zum De­sas­ter für die Lan­des­po­li­tik zu wer­den«, re­agier­te Grü­nen-Frak­ti­ons­chef Axel Vo­gel. Neu­wah­len lehn­te er ab.

»Die Mehr­heit steht«, be­haup­te­te SPD-Frak­ti­ons­chef Mi­ke Bi­sch­off am Frei­tag. »Aus der SPD-Frak­ti­on gibt es kei­ne Ge­gen­stim­me zur Kreis­re­form.« Bloß ei­ne Ent­hal­tung sei an­ge­kün­digt. Das soll am En­de der De­bat­te her­aus­ge­kom­men sein. Die Ab­ge­ord­ne­te Kers­tin Kircheis stütz­te die­se Darstel­lung. Bei der Pro­be­ab­stim­mung ha­be es nach drei Ent­hal­tun­gen aus­ge­se­hen. Nach der Dis­kus­si­on ha­be aber sie al­lein an ih­rer Ent­hal­tung fest­ge­hal­ten.

Die »Mär­ki­sche Oder­zei­tung« hat­te als Ab­weich­ler Kers­tin Kircheis, Brit­ta Mül­ler und Wolf­gang Roick ge­nannt, da­zu von der Links­frak­ti­on Re­né Wil­ke. Die rot-ro­te Ko­ali­ti­on hat im Par­la­ment nur drei Stim­men über den Durst. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand und teils über zwei Ecken gibt es wei- te­re Hin­wei­se, was in Neu­har­den­berg ab­ge­lau­fen ist – und was sich fast zeit­gleich bei ei­ner Klau­sur der Links­frak­ti­on in Vet­schau er­eig­ne­te. In Vet­schau hat­ten sich die So­zia­lis­ten eben­falls mit der Kreis­re­form be­fasst, al­ler­dings kei­ne Pro­be­ab­stim­mung durch­ge­führt. Das soll, wenn über­haupt, erst am Di­ens­tag in Pots­dam ge­sche­hen. Auf je­den Fall möch­te die LIN­KE spä­ter spe­zi­ell zum The­ma Kom­mu­nal­re­for­men noch ein­mal für ei­nen Tag in Klau­sur ge­hen.

We­gen der Funk­tio­nal­re­form, de­ren Ziel die Über­tra­gung ei­ni­ger Auf­ga­ben et­wa der Fort­ver­wal­tung vom Land auf die Kom­mu­nen ist, sol­len in der Links­frak­ti­on meh­re­re Ab­ge­ord­ne­te Be­den­ken ha­ben. Bei der Kreis­ge­biets­re­form soll Re­né Wil­ke der ein­zi­ge Wa­ckel­kan­di­dat der Links­frak­ti­on sein.

Zu ei­nem Rück­tritt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und zu Neu­wah­len wür­de es ver­mut­lich nur kom­men, wenn die Re­form an­kün­di­gungs­los durch Ge­gen­stim­men oder Ent­hal­tun­gen aus den Rei­hen der Ko­ali­ti­ons­frak­tio­nen zu Fall ge­bracht wird. Wird aber in­tern recht­zei­tig in­for­miert, so könn­te die Re­form ab­ge­bla­sen oder zu­min­dest die Ab­stim­mung ver­scho­ben wer­den. Wo­id­ke müss­te dann kei­nes­wegs sei­nen Hut neh­men. Zwar zählt die Kreis­re­form zwei­fel­los zu sei­nen wich­tigs­ten Pro­jek­ten, und ein Schei­tern wä­re ei­ne schwe­re Nie­der- la­ge. Rot-Rot steht und fällt aber nicht da­mit, heißt es. So­gar CDU-Frak­ti­ons­chef Senft­le­ben be­schei­nigt: »Ein Re­form­stopp nach all der Kri­tik wä­re kein Zei­chen von Schwä­che, son­dern von Grö­ße.«

Im Land­tag sit­zen 88 Ab­ge­ord­ne­te. Die SPD ver­fügt über 30 Man­da­te, die LIN­KE über 17. Lie­fert die SPD die von Frak­ti­ons­chef Bi­sch­off zu­ge­sag­ten 29 Ja-Stim­men und die LIN­KE

In­go Senft­le­ben, CDU-Frak­ti­ons­chef

16, so ge­nügt dies. Doch selbst wenn drei SPD-Ab­ge­ord­ne­te, wie es kol­por­tiert wur­de, der Ab­stim­mung ab­sicht­lich fern­blei­ben, in­dem sie an dem be­wuss­ten Tag im No­vem­ber gar nicht nach Pots­dam rei­sen oder den Plenar­saal im ent­schei­den­den Mo­ment ver­las­sen, was wie ei­ne Ent­hal­tung wä­re, so müss­te die Re­form des­we­gen nicht zwangs­läu­fig durch­fal­len. Selbst wenn Re­né Wil­ke dann ge­gen den Ge­setz­ent­wurf zur Kreis- neu­glie­de­rung stimmt, wür­den die ver­blie­be­nen 43 Stim­men der Ko­ali­ti­on ge­ra­de noch aus­rei­chen. An­de­rer­seits ist nicht ein­mal hun­dert­pro­zen­tig klar, ob Wil­ke wirk­lich ei­ne Ge­gen­stim­me ab­gibt. Dem vor­lie­gen­den Ge­setz­ent­wurf kön­ne er nicht zu­stim­men, hat er deut­lich ge­macht. Än­de­run­gen, die ihn zu­frie­den­stel­len, sind nicht zu er­war­ten, aber theo­re­tisch denk­bar. So könn­te sich Wil­ke ei­ne Zu­stim­mung un­ter Um­stän­den vor­stel­len, wenn ihm nach­voll­zieh­bar nach­ge­wie­sen wird, dass Frank­furt (Oder) durch die Re­form tat­säch­lich ein jähr­li­ches Haus­halts­plus von 15 Mil­lio­nen Eu­ro ha­ben wür­de, wie ihm Fi­nanz­mi­nis­ter Chris­ti­an Gör­ke (LIN­KE) vor­rech­ne­te, und nicht zwei Mil­lio­nen im Mi­nus sein wür­de, wie die Stadt­ver­wal­tung ab­schätzt. Zu­dem müss­te für Wil­ke ge­klärt sein, dass Frank­furt (Oder) bei ei­nem Zu­sam­men­schluss mit dem Kreis Oder-Spree die Kreis­stadt wird und nicht et­wa Bees­kow.

Die sechs Grü­nen im Land­tag wol­len ei­gent­lich nicht die Mehr­heits­be­schaf­fer sein. Da sie je­doch im Prin­zip ei­ne Kreis­ge­biets­re­form für nö­tig hal­ten, wä­ren Ent­hal­tun­gen denk­bar. Das wür­de Rot-Rot et­was Luft ver­schaf­fen. Das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten der Grü­nen wer­de »ei­ne sehr schwie­ri­ge Ge­samt­ab­wä­gung«, kün­dig­te Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­re­rin Ur­su­la Non­ne­ma­cher an.

»Die SPD schafft es au­gen­schein­lich nicht ein­mal mehr, ih­re ei­ge­nen Leu­te mit Ar­gu­men­ten zu über­zeu­gen.«

Fo­to: nd/Ul­li Wink­ler

Wür­de oder muss Mi­nis­ter­prä­si­dent Wo­id­ke sei­nen Schreib­tisch in der Staats­kanz­lei räu­men?

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.