Ein Knall, der noch im­mer hallt

Rhein­land-Pfalz: Ge­den­ken an das töd­li­che BASF-Un­glück vor ei­nem Jahr in Lud­wigs­ha­fen

Neues Deutschland - - Aus Den Ländern - Von Jas­per Ro­th­fels, Lud­wigs­ha­fen

Fünf To­te, 28 Ver­letz­te, ein rie­si­ger Scha­den: Vor ei­nem Jahr er­schüt­ter­te ei­ne Ex­plo­si­on beim Che­mie­rie­sen BASF in Lud­wigs­ha­fen die Re­gi­on. Die Hin­ter­grün­de sind im­mer noch nicht ganz ge­klärt. An den Tag der töd­li­chen Ex­plo­si­on bei der BASF kann Udo Scheu­er­mann sich noch ge­nau er­in­nern. Er sei in sei­nem Bü­ro ge­we­sen, als er den Knall ge­hört und die Rauch­wol­ke ge­se­hen ha­be, sagt der Orts­vor­ste­her von Lud­wigs­ha­fen-Op­pau (Rhein­land-Pfalz). »Ich bin dann in die Rich­tung ge­fah­ren, wo ich ver­mu­tet ha­be, dass da was ist, aber es war schon al­les ab­ge­sperrt.«

Al­so ver­folg­te der 72-Jäh­ri­ge von sei­nem Bü­ro aus die Nach­rich­ten über den Vor­fall im na­hen Lan­des­ha­fen Nord, in dem Schif­fe für die BASF beund ent­la­den wer­den. Aus der Ent­fer­nung wur­de er Zeu­ge des schlimms­ten BASF-Un­glücks der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te. Fünf Men­schen star­ben, 28 wur­den ver­letzt. Am Di­ens­tag ist der ers­te Jah­res­tag des Un­glücks, das bun­des­weit Auf­se­hen er­reg­te und auch jetzt noch vie­le be­schäf­tigt. »Das The­ma ist im­mer noch akut«, sagt Scheu­er­mann.

Was da­mals pas­sier­te, schien re­la­tiv schnell klar zu sein. War­um es pas­sier­te, ist auch ein Jahr spä­ter noch ein Rät­sel. Fest steht: Mit­ar­bei­ter ei­ner Spe­zi­al­fir­ma für Rohr­lei­tungs­bau wa­ren schon vier Ta­ge vor dem Un­glück in ei­nem et­wa 20 Me­ter brei­ten Rohr­gra­ben ein­ge­setzt, in dem 38 Lei­tun­gen lie­gen – für Dampf, Brun­nen­und Ab­was­ser so­wie für brenn­ba­re Che­mi­ka­li­en. Im Auf­trag der BASF soll­ten sie bei ei­ner ent­leer­ten Lei­tung für »Pro­py­len flüs­sig 95%« ei­nen »Deh­nungs­bo­gen« aus­tau­schen, ein Ele­ment zum Span­nungs­aus­gleich.

Am 17. Ok­to­ber ge­gen 11.30 Uhr pas­sier­te es: Ei­ner der Ar­bei­ter soll mit ei­ner Trenn­schei­be ei­ne et­wa 20 Zen­ti­me­ter rechts von dem Rohr lie­gen­de Lei­tung für »Raf­fi­nat I+II« an­ge­schnit­ten ha­ben, die gar nicht zum Sa­nie­rungs­pro­jekt ge­hör­te. Dar­in floss ein brenn­ba­res Bu­ten-Ge­misch. Die BASF hält es nach frü­he­ren An­ga­ben für mög­lich, dass die von der Trenn­schei­be er­zeug­ten Fun­ken das Ge­misch ent­zün­de­ten und so ein Brand ent­stand. Per Hand­lö­scher sol­len die Män­ner ver­sucht ha­ben, ihn in den Griff zu be­kom­men – ver­geb­lich.

Als Werks­feu­er­wehr­leu­te ei­nen Was­ser­wer­fer auf­bau­en woll­ten, um die Roh­re zu küh­len, kam es zur Ex­plo­si­on. Sie ent­stand ver­mut­lich in der Ethy­len-Fern­gas­lei­tung, die et­wa ei­nen Me­ter ne­ben dem Rohr für »Raf­fi­nat I+II« ver­lief. Das Stahl­rohr mit der ein Zen­ti­me­ter di­cken Stahl­wand barst, bei­de En­den schlu­gen Rich­tung Ha­fen, wo die Wehr­leu­te stan­den. Zwei von ih­nen star­ben noch am Un­fall­ort, eben­so der Ma­tro­se ei­nes Tank­schif­fes. Ein drit­ter Feu­er­wehr­mann starb zwölf Ta­ge nach dem Un­glück, ein vier­ter fast elf Mo­na­te spä­ter. Über dem Brand am Un­glücks­ort stieg ei­ne rie­si­ge Rauch­säu­le auf. An­woh­ner wur­den auf­ge­for­dert, Fens­ter und Tü­ren ge­schlos­sen zu hal­ten.

Der mut­maß­li­che Ver­ur­sa­cher des Un­glücks wur­de auch schwer ver­letzt. Er ha­be sich bis­lang nicht ge­äu­ßert, sagt der Lei­ter der Staats­an­walt­schaft Fran­ken­thal, Hu­bert Strö­ber. Sei­ne Be­hör­de war­tet noch auf meh­re­re Gut­ach­ten zu dem Fall. Die Fach­leu­te sol­len zwei­fels­frei klä­ren, ob die Ex­plo­si­on nicht doch ei­ne an­de­re Ur­sa­che hat­te. Bis­lang hät­ten die Er­mitt­ler kei­nen An­lass, von ih­rem Ver­dacht ab­zu­rü­cken, sagt Strö­ber. Ein we­sent­li­ches Gut­ach­ten lie­ge aber noch nicht vor. Der Ex­per­te müs­se vor­her noch ein Ex­plo- si­ons­un­glück mit zwei To­ten von 2014 un­ter­su­chen.

Für den Che­mie­kon­zern be­gann ei­ne Zeit der Trau­er, aber auch der Kri­tik. Die Ex­plo­si­on war der schwers­te Vor­fall in ei­ner Se­rie von Pan­nen. Der ho­he Ver­trau­ens­vor­schuss, den die BASF sich er­ar­bei­tet ha­be, sei »zu­min­dest in Tei­len durch­aus er­schüt­tert«, sag­te der Lud­wigs­ha­fe­ner Feu­er­wehr­de­zer­nent Die­ter Feid (SPD).

Un­ter­neh­mens­chef Kurt Bock wies Spe­ku­la­tio­nen zu­rück, dass zu Las­ten der Si­cher­heit ge­spart wor­den sei. Werks­lei­ter Uwe Lie­belt be­ton­te, dass bei der Aus­wahl von Fremd­fir­men »sehr ho­he Stan­dards« gel­ten. Man wer­de die An­stren­gun­gen beim The­ma Si­cher­heit aber »noch­mals stei­gern«. BASF und Stadt or­ga­ni­sier­ten au­ßer­dem zwei Bür­ger­di­alo­ge.

In­zwi­schen ist im Nord­ha­fen, wo um­fang­rei­che Re­pa­ra­tu­ren an­stan­den, nach An­ga­ben ei­ner BASF-Spre­che­rin der Nor­mal­be­trieb »fast voll­stän­dig wie­der­her­ge­stellt«. Das Un­ter­neh­men hat nach ei­ge­nen An­ga- ben auch Leh­ren aus dem Un­glück ge­zo­gen. Ei­ne ver­bes­ser­te Kenn­zeich­nungs­me­tho­de soll hel­fen, das Ri­si­ko von Ver­wechs­lun­gen bei Ar­bei­ten an Rohr­lei­tun­gen wei­ter zu sen­ken. Bei Schnei­de­ar­bei­ten sol­len nur noch fun­ken­ar­me Werk­zeu­ge ver­wen­det wer­den. Und das Ex­plo­si­ons­ri­si­ko bei über­ir­di­schen Lei­tun­gen soll un­ter an­de­rem mit ei­ner feu­er­be­stän­di­gen Be­schich­tung ver­rin­gert wer­den.

Nach An­ga­ben der In­dus­trie­ge­werk­schaft Berg­bau, Che­mie, Ener­gie (IG BCE) prüft die BASF bei der Ver­ga­be von Auf­trä­gen an Fremd­fir­men in­zwi­schen noch ge­nau­er, ob die An­for­de­run­gen er­füllt wer­den. Man be­grü­ße das, sagt der Vi­ze-Lei­ter des IG BCE-Be­zirks Lud­wigs­ha­fen, Stef­fen Seu­the. Ver­stärk­te An­stren­gun­gen schei­nen auch nö­tig, um Ver­trau­en zu­rück­zu­ge­win­nen. Nach den Pan­nen der jüngs­ten Zeit sei die Be­völ­ke­rung »schon et­was miss­traui­scher ge­wor­den«, sagt Scheu­er­mann. Es ge­be auch die Angst, dass wie­der et­was pas­sie­ren kön­ne. Zwar wüss­ten die Men­schen ei­gent­lich um das Ge­fah­ren­po­ten­zi­al, im­mer­hin sei­en sie da­mit auf­ge­wach­sen. Aber es ge­he dar­um, dass sei­tens der BASF al­les Mög­li­che ge­tan wer­den müs­se, um sol­che Vor­fäl­le zu ver­mei­den.

Das Un­ter­neh­men, das der­zeit we­gen des Ver­kaufs be­las­te­ter Pro­duk­te in den Schlag­zei­len ist, will am Di­ens­tag mit meh­re­ren in­ter­nen Ver­an­stal­tun­gen an das töd­li­che Un­glück er­in­nern. Um 7 Uhr soll zu­nächst ei­ne Ge­denk­fei­er statt­fin­den, an der nur Mit­ar­bei­ter der Werks­feu­er­wehr teil­neh­men. Um 11.15 Uhr wird dann auf dem Ge­län­de der Feu­er­wa­che Nord im Bei­sein von Wehr­leu­ten, eins­ti­gen Ver­letz­ten und An­ge­hö­ri­gen der Ex­plo­si­ons­op­fer ein Ge­denk­ort mit vier Ste­len ein­ge­weiht. Auch Ein­satz­kräf­te und Ver­tre­ter der Un­ter­neh­mens­lei­tung wer­den er­war­tet.

Für 17 Uhr ist im Kon­fe­renz­zen­trum D 105 ei­ne Ge­denk­fei­er ge­plant, bei der un­ter an­de­rem BASF-Vor­stands­chef Kurt Bock und Be­triebs­rats­chef Si­ni­scha Hor­vat spre­chen wer­den. Ne­ben Feu­er­wehr­leu­ten und An­ge­hö­ri­gen wer­den auch Ver­tre­ter von Po­li­tik, Be­hör­den und aus der Nach­bar­schaft er­war­tet. Teil­neh­men kann wie bei den an­de­ren Ver­an­stal­tun­gen die­ses Tages nur, wer per­sön­lich ein­ge­la­den wur­de.

Die Be­völ­ke­rung sei »schon et­was miss­traui­scher ge­wor­den«, sagt Orts­vor­ste­her Udo Scheu­er­mann.

Fo­to: Ein­satz­re­port Süd­hes­sen/dpa

17. Ok­to­ber 2016: der Lan­des­ha­fen Nord in Flam­men

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