Au­to­bahn überm Koh­le­loch

Bei Leip­zig wird am letz­ten A72-Ab­schnitt ge­baut – ein Ki­lo­me­ter kos­tet über 30 Mil­lio­nen

Neues Deutschland - - Aus Den Ländern - So­ge­nann­te Rüt­tel­stopf­säu­len gel­ten als be­son­ders viel­ver­spre­chen­der Lö­sungs­weg.

Der letz­te Teil der A72 in Sach­sen soll ein­mal über ei­ne not­dürf­tig zu­ge­kipp­te Koh­le­gru­be füh­ren. Doch geht das über­haupt? Und wie viel wird der oh­ne­hin um­strit­te­ne Au­to­bahn­bau dann wohl kos­ten?

Leip­zig. Ein 60 bis 70 Me­ter tie­fes Ta­ge­bau­loch, mit wild ge­misch­ten Erd­schich­ten zu­ge­schüt­tet und dann sich selbst über­las­sen – das er­gibt ei­nen Bau­grund, der un­be­re­chen­ba­rer kaum sein könn­te. Und aus­ge­rech­net auf sol­chem Bo­den soll nun süd­lich von Leip­zig ei­ne Au­to­bahn ent­ste­hen. Ei­ne Au­to­bahn, die oh­ne­hin in der Kri­tik von Um­welt­schüt­zern steht.

»Das ist ein Bau­grund, dar­in ver­sinkt Ih­nen je­des Bau­werk«, sagt Isa­bel Sie­bert, Pres­se­spre­che­rin des Säch­si­schen Lan­des­amts für Stra­ßen­bau und Ver­kehr, über den ex­trem kom­pli­zier­ten letz­ten Ab­schnitt der A72, der bei Leip­zig end­lich den An­schluss an die A38 brin­gen soll. Seit Jah­ren tüf­teln die Bau­in­ge­nieu­re an Mög­lich­kei­ten, den Aus­nah­me-Un­ter­grund zu zäh­men.

Bis­lang ist der Bo­den frost­emp­find­lich und voll­ge­so­gen mit Was­ser. Und er ver­formt sich leicht – schlech­te Vor­aus­set­zun­gen, um ein­mal ton­nen­schwe­re Brü­cken vol­ler Last­wa­gen zu tra­gen. Wür­de man hier bau­en, oh­ne den Bo­den zu ver­bes­sern, dann wür­den die Brü­cken sich sen­ken. Die Fahr­bahn müss­te stän­dig aus­ge­bes­sert wer­den. »Wir hät­ten ei­ne Au­to­bahn, die ei­ner Berg- und Tal­bahn gleicht«, sagt Sie­bert.

Schwie­ri­ge Un­ter­grün­de sei­en zwar häu­fig beim Bau­en ein Pro­blem, er­klärt Hei­ko Stie­pel­mann, stell­ver­tre­ten­der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Bau­in­dus­trie­ver­ban­des. So ei­ne schlecht ver­kipp­te Gru­be sei aber schon et­was Be­son­de­res. »Die wis­sen nicht, was im Bo­den ist«, sagt er. »Das ist ein Rie­sen­pro­blem.« Aber für sol­che Pro­ble­me ge­be es Lö­sun­gen.

Wel­che Stra­te­gie bei der A72 schließ­lich zum Ein­satz kommt, pro­bie­ren die In­ge­nieu­re der säch­si­schen Bau­be­hör­de der­zeit aus – so­zu­sa­gen am le­ben­den Pa­ti­en­ten. Sie­bert führt zu ei­nem Test­ge­län­de am nörd­li­chen Bau­an­fang des künf­ti­gen Au­to­bahn­ab­schnitts, di­rekt über der frü­he­ren Koh­le­gru­be. Seit ei­ni­gen Mo­na­ten ste­hen hier auf nack­ter Er­de vier Tür­me aus Be­ton­klöt­zen her­um. Ge­wicht pro Stück: rund 1300 Ton­nen.

Die Tür­me sind ei­ne Art Mess­ein­rich­tung. Un­ter je­dem ist ei­ne an­de­re Tech­nik zur Bo­den­ver­dich­tung an­ge­wen­det wor­den. Am En­de soll er­mit­telt wer­den, wie tief die Tür­me ein­ge­sun­ken sind – je we­ni­ger, des­to bes­ser die Tech­nik. Schon jetzt ha­ben sie sich 20 bis 30 Zen­ti­me­ter ge­setzt. Be­son­ders viel­ver­spre­chend sei­en die so­ge­nann­ten Rüt­tel­stopf­säu­len aus fei­nem Kies- und St­ein­ma­te­ri­al, die senk­recht bis zu 15 Me­ter tief in den Bo­den ge­presst wer­den.

Da­zu wird mit ei­nem spe­zi­el­len vi­brie­ren­den Ge­rät erst ei­ne hoh­le Röh­re in den Bo­den ge­rüt­telt. Dann wird die Röh­re nach und nach mit dem neu­en Ma­te­ri­al ge­füllt. Her­aus kommt ei­ne Säu­le mit ei­nem Durch­mes­ser von 60 oder 80 Zen­ti­me­tern, de­ren Form an vie­le auf­ein­an­der­ge­sta­pel­te Schnee­bäl­le er­in­nern wür­de – wenn man sie denn se­hen könn­te. Sie sol­len den Un­ter­grund ver­dich­ten und ent­wäs­sern.

Der bis­he­ri­ge Plan sieht vor, auf der 7,2 Ki­lo­me­ter-Stre­cke ein gan­zes Ras­ter sol­cher Säu­len zu er­rich­ten. An­ein­an­der­ge­reiht hät­ten sie ei­ne Län­ge von rund 560 Ki­lo­me­tern – et­wa die Stre­cke von Leip­zig nach Wi­en. Erst dar­über wür­de dann der Damm für die Au­to­bahn ge­baut.

Ein teu­res Un­ter­fan­gen. »Die Hälf­te des ver­bau­ten Gel­des geht in den Un­ter­grund«, sagt Sie­bert. So kos­te ein Ki­lo­me­ter um die Hälf­te mehr als ei­ne Au­to­bahn auf nor­ma­lem, ge­wach­se­nem Grund. Mit 224,5 Mil­lio­nen Eu­ro rech­net die Be­hör­de – in­klu­si­ve Ka­bel­füh­rung, Schil­dern, Was­ser­lei­tun­gen, Mar­kie­run­gen. Mit sei­nem Ki­lo­me­ter­preis von gut 31 Mil­lio­nen Eu­ro kommt der Ab­schnitt schon nah ran an die Top Ten der teu­ers­ten Au­to­bahn­pro­jek­te Deutsch­lands bis 2030. Platz zehn be­legt laut dem Sta­tis­tik­por­tal »Sta­tis­ta« der Aus­bau der A52 bei Glad­beck für rund 50 Mil­lio­nen Eu­ro pro Ki­lo­me­ter. Am teu­ers­ten al­ler­dings ist der Tun­nelaus­bau auf der A860 in Frei­burg mit ei­nem Ki­lo­me­ter­preis von rund 163 Mil­lio­nen Eu­ro. In Süd­bran­den­burg – eben­falls Koh­le­re­vier – gibt es nach An­ga­ben der dor­ti­gen Bau­be­hör­de kei­ne Stra­ßen über Gru­ben­grund. Da­für hat man aber im Köl­ner Be­cken und in Sach­sen-An­halt ent­spre­chen­de Er­fah­run­gen ge­macht.

In Nord­rhein-West­fa­len wird der­zeit an der A44n ge­baut. Die lie­ge zwi­schen dem Kreuz Ja­ckerath und dem Kreuz Holz stre­cken­wei­se über al­tem Gru­ben­ge­län­de, er­klärt Chris­toph Drö­ge, Re­fe­rats­lei­ter Bau bei Stra­ßen NRW. Doch hier ma­che der Un­ter­grund kaum Pro­ble­me. Das ha­be si­cher da­mit zu tun, dass der Bo­den in der einst 190 Me­ter tie­fen Gru­be gut ver­dich­tet wor­den sei. Vor et­wa 15 Jah­ren sei au­ßer­dem die A540 fer­tig­ge­stellt wor­den. Auch sie füh­re über Gru­ben­ge­biet – und wei­se bis heu­te kei­ne be­son­de­ren Schä­den auf.

In Sach­sen-An­halt ka­men für den Bau der B183 zwi­schen Bit­ter­feld und Kö­then gleich meh­re­re Ver­fah­ren zum Ein­satz. Der Ab­schnitt füh­re am Rand ei­ner auf­ge­füll­ten Gru­be ent­lang, sagt der Chef der Lan­des­stra­ßen­bau­be­hör­de, Uwe Lang­kam­mer. Teils sei der Au­to­bahn­damm deut­lich hö­her auf­ge­schüt­tet und dann ein Jahr lie­gen ge­las­sen wor­den. »Durch die Last presst sich der Un­ter­grund zu­sam­men, ein paar Me­ter geht das schon.« Da­ne­ben ka­men auch bei der B183 Rüt­tel­stopf­säu­len zum Ein­satz. »Die­ser Ab­schnitt hält schon min­des­tens 15 Jah­re, und ich ha­be noch nie ge­hört, dass da was ver­rutscht ist«, be­rich­tet Lang­kam­mer.

Ob man das auch ein­mal von dem letz­ten Ab­schnitt der A72 bei Leip­zig sa­gen kann? Noch ist von der künf­ti­gen Stre­cke nicht viel zu se­hen. Wann hier ein­mal Au­tos fah­ren kön­nen, weiß bis­lang nie­mand. Und ob die Kos­ten­kal­ku­la­tio­nen auf­ge­hen wer­den, auch nicht.

Fo­to: dpa/Jan Woi­tas

Die A72-Bau­stel­le am Hai­ner See bei Espen­hain in Sach­sen

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