Das Jahr des Hun­des

Chi­na be­rei­tet sich auf das neue Jahr vor und fei­ert 40 Jah­re wirt­schaft­li­che Öff­nung

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Wer­ner Birn­stiel

Chi­na be­rei­tet sich auf das neue Jahr vor und fei­ert das 40. Ju­bi­lä­um der öko­no­mi­schen Öff­nung. Streit gibt es um Flü­ge nach Tai­wan.

Knapp drei Mil­li­ar­den Rei­se­be­we­gun­gen zwi­schen Fe­bru­ar und Mit­te März: Chi­na fei­ert das wich­tigs­te Fest im Jahr, und das gan­ze Land ist un­ter­wegs. 2018 soll sich die Wirtschaft wei­ter öff­nen. Chi­na ist in Fei­er­lau­ne, das Früh­lings­fest läu­tet am 16. Fe­bru­ar das »Jahr des (Erd-)Hun­des« ein und al­les steu­ert auf das Ju­bi­lä­um des Starts der Re­form- und Öff­nungs­po­li­tik im De­zem­ber 1978, vor 40 Jah­ren, zu. Aber oh­ne Aber­glau­be geht es im Reich der Mit­te nicht. So wer­den dem Hund im Zwöl­fer-Tier­kreis­zei­chen et­li­che po­si­ti­ve Ei­gen­schaf­ten zu­ge­schrie­ben – ver­läss­lich in der Ar­beit, ge­recht, gut­mü­tig, hilfs­be­reit, je­doch muss er auf­pas­sen, sich nicht aus­nut­zen zu las­sen.

Nun, man wird se­hen. Denn zu­nächst ist der Rei­se­an­sturm zum der Früh­lings­fest zu be­wäl­ti­gen. Start hier­für war der 1. Fe­bru­ar, am 12. März soll al­les vor­über sein. Da­bei sind chi­ne­si­sche Di­men­sio­nen zu meis­tern, denn es wird 2,98 Mil­li­ar­den Rei­se­be­we­gun­gen ge­ben, da­von 2,48 Mil­li­ar­den mit Bus­sen und Pkw, über 390 Mil­lio­nen per Zug, 65 Mil­lio­nen mit dem Flug­zeug. Die über 3800 all­täg­li­chen Zug­ab­fahr­ten wer­den vor dem Früh­lings­fest durch 1150 und da­nach durch 1330 zu­sätz­li­che Zü­ge ver­stärkt. Zug­ti­ckets wer­den elek­tro­nisch ver­kauft und beim Be­tre­ten des Bahn­hofs, bei der War­te­raum­len­kung und beim Zu­gang zu den Bahn­stei­gen ge­prüft. On­lin­e­be­stel­lun­gen von Es­sen ei­ne St­un­de vor Zug­ab­fahrt wer­den von den tech­nik­ver­lieb­ten Chi­ne­sen ger­ne in An­spruch ge­nom­men. Krö­nung al­ler Fest­lich­keit ist und bleibt das gu­te Es­sen und Trin­ken in der Fa­mi­lie. Über 7000 Ton­nen des 56-pro­zen­ti­gen »Mao­tai«, Chi­nas Edel­schnaps, wer­den kon­su­miert, eben­so wie Tau­sen­de Ton­nen von Tee. Vor al­lem Huhn, Fisch und Ge­mü­se­ge­rich­te wer­den kon­su­miert, brin­gen sie doch Glück und Zuf­rie­den­heit.

Tat­säch­lich sym­bo­li­sie­ren der Aus­bau der ge­sam­ten Ver­kehrs­in­fra­struk­tur und die Si­cher­heit bei der Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung mit am deut­lichs­ten die Ent­wick­lung, äu­ßer­lich sicht­bar seit Be­ginn der Re­form- und Öff­nungs­po­li­tik 1978 durch das 3. Plenum des 11. Zen­tral­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas un­ter Deng Xia­o­ping. Nun wird mit dem 19. Par­tei­tag der KP im Ok­to­ber 2017 von der »Pha­se des ra­san­ten Wachs­tums zur Pha­se der ho­hen Qua­li­tät« über­ge­gan­gen. Die wich­tigs­ten fünf »neu­en Ent­wick­lungs­ide­en« wer­den kom­plex mit­ein­an­der ver­netzt: In­no­va­ti­on, ein ko­or­di­nier­tes Vor­ge­hen bei der Steue­rung der ge­sell­schaft­li­chen Le­bens­be­rei­che, grü­nes Wachs­tum, die Öff­nung nach au­ßen und die so­zia­le Teil­ha­be, mit im Mit­tel­punkt da­bei die Be­frei­ung von noch et­wa 50 Mil­lio­nen Men­schen aus der Ar­mut. Als Kern­fra­gen wer­den 2018 die »ent­schei­den­de Rol­le des Mark­tes«, das Ver­hält­nis Staat – Markt bei schwer­punkt­mä­ßi­ger Ent­wick­lung der Re­al­wirt­schaft er­probt; bei Ge­wiss­heit auf Er­folg wird sie schritt­wei­se und re­gio­nal an­ge­passt ein­ge­führt. Die ma­kro­öko­no­mi­sche Steue­rung der Res­sour­cen, ori­en­tiert am Ver­hält­nis von Nach­fra­ge und An­ge­bot, wird in aus­ge­wähl­ten Schlüs­sel­be­rei­chen in­län­di­scher Ka­pi­tal­be­tei­li­gun­gen bei bis­her aus­schließ­lich staat­li­chen gro­ßen Fir­men zu­ge­las­sen.

Was so theo­re­tisch klingt, hat tief­grei­fen­de prak­ti­sche Kon­se­quen­zen – die Neu­struk­tu­rie­rung der Wirtschaft zielt auf mehr Viel­falt in der Wert­schöp­fung, den Ab­bau von Über­ka­pa­zi­tä­ten, den mil­lio­nen­fa­chen Er­halt und die Schaf­fung neu­er, wis­sens­in­ten­si­ve­rer Ar­beits­plät­ze.

Au­ßen­po­li­tisch ste­hen 2018 vier Groß­er­eig­nis­se an: Im Ju­ni der Gip­fel der Shang­hai Co­ope­ra­ti­on Or­ga­ni­sa­ti­on, bei dem die Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung, das »Neue Sei­den­stra­ßen«-Pro­jekt zur Ein­bin­dung west­chi­ne­si­schen Pro­vin­zen und die Ko­ope­ra­ti­on mit den zen­tral­asia­ti­schen Staa­ten im Mit­tel­punkt ste­hen. Schon im April trifft beim Bo’an-Asi­en­fo­rum auf der In­sel Hai­n­an po­li­ti­sche und Wirt­schafts­pro­mi­nenz zu­sam­men, eben­so beim Chi­na-Afri­ka-Gip­fel im Sep­tem­ber in Pe­king. Im No­vem­ber wird erst­ma­lig die »Im­port­mes­se Shang­hai« als po­li­tisch-öko­no­mi­sche Kom­bi­na­ti­on auf höchs­ter Ebe­ne Teil­neh­mer aus afri­ka­ni­schen Län­dern, den BRICS- und wei­te­ren Staa­ten zu­sam­men­brin­gen. Das »Jahr des Hun­des«, es wird spring­le­ben­dig.

Un­ser Au­tor ist pro­mo­vier­ter Si­no­lo­ge. Er be­rät und be­glei­tet Un­ter­neh­men bei der Markt­er­schlie­ßung in Chi­na.

Fo­to: dpa/Mark Schie­fel

Fo­to: im­a­go/ZU­MA Press

Chi­ne­si­sche Son­der­brief­mar­ken zum Jahr des Hun­des

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.