Streit um kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr

Vor­stoß der Bun­des­re­gie­rung löst Kon­tro­ver­se über Um­welt­ef­fek­te, Fris­ten und Kos­ten aus

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Kurt Sten­ger Mit Agen­tu­ren

Sol­len Städ­te mit schlech­ter Luft die Bür­ger mit ei­nem kos­ten­lo­sen Bus- und Bahn­an­ge­bot aus den Au­tos ho­len? Die Mei­nun­gen ge­hen aus­ein­an­der. Erst­mals hat sich die Bun­des­re­gie­rung zur Über­le­gung ei­nes kos­ten­lo­sen öf­fent­li­chen Nah­ver­kehrs in Städ­ten mit ho­her Schad­stoff­be­las­tung ge­äu­ßert. Wie Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert am Mitt­woch be­stä­tig­te, ha­be Ber­lin in ei­nem Brief an EU-Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la zu­sätz­li­che Maß­nah­men be­nannt, um die Schad­stoff­be­las­tung in Städ­ten zu ver­rin­gern. Da­zu ge­hö­re, den »Gestal­tungs­spiel­raum« der Kom­mu­nen für ei­nen zeit­wei­li­gen kos­ten­lo­sen öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr zu er­wei­tern. Die Bun­des­re­gie­rung wol­le nun die Bewertung der Kom­mis­si­on ab­war­ten.

Das Be­kannt­wer­den des über­ra­schen­den Vor­sto­ßes hat ei­ne öf- fent­li­che De­bat­te los­ge­tre­ten. Selbst Ge­werk­schafts­vor­sit­zen­de sind sich hier­bei ex­trem un­ei­nig: Wäh­rend ver.di-Chef Frank Bsirs­ke von ei­ner »her­vor­ra­gen­den Initia­ti­ve« spricht, die so­wohl der Um­welt als auch den Bür­gern hel­fe, zeig­te sich Alex­an­der Kirch­ner von der Ver­kehrs­ge­werk­schaft EVG skep­tisch, dass sich das Pro­blem schlech­ter Luft in den Städ­ten so lö­sen las­se. Heu­te sei­en Zu­g­aus­fäl­le, Ver­spä­tun­gen und über­vol­le Bah­nen zu Stoß­zei­ten die Re­gel. »Das er­mun­tert nie­man­den, das Au­to ste­hen zu las­sen, selbst wenn die Fahrt mit dem Nah­ver­kehr nichts kos­tet«, sag­te Kirch­ner dem »Han­dels­blatt«.

Vor al­lem Kom­mu­nal­po­li­ti­ker und ÖPNV-Ex­per­ten sto­ßen in das glei­che Horn: Die Bal­lungs­räu­me bräuch­ten »ganz drin­gend« et­was an­de­res: ein Son­der­pro­gramm des Bun­des zur Fi­nan­zie­rung des Aus­baus des Öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs in Hö­he von 20 Mil­li­ar­den Eu­ro, er­klär­te Mün­chens zwei­ter Bür­ger­meis­ter Jo­sef Schmid (CSU) ge­gen­über dpa. Der Main­zer Ober­bür­ger­meis­ter Micha­el Eb­ling (SPD), Prä­si­dent des Stadt­wer­ke­ver­bands VKU, mein­te: »Kurz­fris­tig lässt sich so et­was nicht um­set­zen.« Um mehr Men-

Micha­el Eb­ling, Main­zer Ober­bür­ger­meis­ter

schen mit dem ÖPNV zu be­för­dern, müss­ten erst mal neue Bus­se und Stra­ßen­bah­nen ge­kauft und an die in­fra­struk­tu­rel­len Ge­ge­ben­hei­ten an­ge­passt wer­den.

All­ge­mein wird aber be­grüßt, dass die Bun­des­re­gie­rung end­lich die Schlüs­sel­rol­le des Schie­nen­ver­kehrs bei der Ver­bes­se­rung der Luft­qua­li­tät ak­zep­tie­re, wie es der Ge­schäfts­füh­rer der Al­li­anz pro Schie­ne, Dirk Fle­ge, sag­te. Das Ziel der Ver­dopp­lung der Fahr­gast­zah­len der Bahn bis 2030 ste­he pro­mi­nent im Ko­ali­ti­ons­ver­trag. »Die Idee der Gra­tis­ti­ckets trifft ne­ben dem Um­welt­schutz ei­nen wei­te­ren Nerv: Be­zahl­ba­re Mo­bi­li­tät ge­hört für die Bür­ger heu­te zur Da­seins­vor­sor­ge.« Der Prä­si­dent des Deut­schen Na­tur­schutz­rings, Kai Nie­bert, sag­te: »Wer glaubt, dem Ver­kehrs­in­farkt und der di­cken Luft al­lein durch ei­nen Aus­tausch von Mo­to­ren zu ent­kom­men, irrt. Nur ein star­ker ÖPNV wird das Grund­recht auf Mo­bi­li­tät so­zi­al ge­recht und öko­lo­gisch ver­träg­lich ein­lö­sen kön­nen.«

Die Kos­ten für die Rea­li­sie­rung des Vor­ha­bens sind da­bei aber kein Pap­pen­stiel. Die Ham­bur­ger Ver­kehrs­be­hör­de be­zif­fer­te die für ei­nen kos­ten­lo­sen ÖPNV in der Han­se­stadt be­nö­tig­ten Fi­nanz­mit­tel auf die Bau­kos­ten der Elb­phil­har­mo­nie – pro Jahr.

»Kurz­fris­tig lässt sich so et­was nicht um­set­zen.«

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