Kip­ping kri­ti­siert Hartz-IV-Dar­le­hen

Ar­beits­lo­se müs­sen Miet­kau­ti­on mit vom Re­gel­satz ab­stot­tern

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Fa­bi­an Lam­beck

Ber­lin. Die LIN­KE-Vor­sit­zen­de Kat­ja Kip­ping for­dert ein En­de der Miet­kau­ti­ons­dar­le­hen für Hartz-IV-Be­trof­fe­ne. »Miet­kau­tio­nen und Ge­nos­sen­schafts­an­tei­le für Hartz-IV-Be­zie­her müs­sen zu­künf­tig vom Job­cen­ter über­nom­men wer­den«, ver­lang­te Kip­ping am Mitt­woch im Ge­spräch mit »nd«. Bei der Aus­zah­lung der Kau­tio­nen könn­ten die Be­trä­ge spä­ter di­rekt wie­der ans Job­cen­ter ge­hen. Bis­lang ge­wäh­ren die Job­cen­ter le­dig­lich Dar­le­hen, die die Be­trof­fe­nen von ih­rem Re­gel­satz ab­stot­tern müs­sen. Kip­ping hält die­ses Vor­ge­hen für ge­setz­wid­rig, da das So­zi­al­ge­setz­buch II ein­deu­tig zwi­schen Le­bens­hal­tungs- und Un­ter­kunfts­be­darf un­ter­schei­de. »Hier wird das Exis­tenz­mi­ni­mum ge­kürzt.« Miet­kau­tio­nen dürf­ten nicht vom Re­gel­satz be­strit­ten wer­den, so Kip­ping.

In ei­nem Gut­ach­ten lässt der Wis­sen­schaft­li­che Di­enst des Bun­des­tags Zwei­fel an der der­zei­ti­gen Re­ge­lung er­ken­nen. So schließt er sich nicht der Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung an, dass die Auf­rech­nung recht­mä­ßig ist.

Hartz-IV-Be­zie­her müs­sen ih­re Miet­kau­ti­on beim Job­cen­ter ab­stot­tern. Weil da­für der Re­gel­satz ge­kürzt wird, könn­te das Bun­des­so­zi­al­ge­richt der Pra­xis dem­nächst ei­nen Rie­gel vor­schie­ben. Wer in ei­ne neue Woh­nung zieht, muss bei sei­nem neu­en Ver­mie­ter üb­li­cher­wei­se ei­ne Kau­ti­on hin­ter­le­gen, die Schä­den an der Woh­nung oder Miet­rück­stän­de ab­de­cken soll. Be­reits für Nor­mal­ver­die­ner oh­ne Rück­la­gen ist es ein fi­nan­zi­el­ler Kraft­akt, ei­ne sol­che Kau­ti­on auf­zu­brin­gen, kann die­se doch bis zu drei Mo­nats­mie­ten be­tra­gen. Gänz­lich un­mög­lich ist das aber vie­len Hartz-IV-Be­zie­hern. Bis­lang über­neh­men die Job­cen­ter die Kau­ti­on oder die zu hin­ter­le­gen­den Ge­nos­sen­schafts­an­tei­le – al­ler­dings le­dig­lich als Dar­le­hen. Das heißt, die Be­trof­fe­nen müs­sen die Kau­ti­on über ih­ren Re­gel­satz beim Amt ab­stot­tern, in­dem der oh­ne schma­le Be­trag um mo­nat­lich zehn Pro­zent ge­kürzt wird. Link­s­par­tei­che­fin Kat­ja Kip­ping hält das Vor­ge­hen der Job­cen­ter für rechts­wid­rig. Denn das So­zi­al­ge­setz­buch II, das die recht­li­chen Rah­men für Hartz IV setzt, un­ter­schei­det zwi­schen Le­bens­hal­tungs- und Un­ter­kunfts­be­dar­fen. Bei­des ist streng ge­trennt. Vom mo­nat­li­chen Re­gel­satz von 416 Eu­ro sol­len Ar­beits­lo­sen Le­bens­mit­tel und Klei­dung kau­fen so­wie Geld zu­rück­le­gen, um Son­der­an­schaf­fun­gen wie ei­ne neue Wasch­ma­schi­ne zu stem­men. Zu­sätz­lich über­nimmt das Amt die Wohn­kos­ten »in an­ge­mes­se­ner Hö­he«. Die jet­zi­ge Re­ge­lung zwingt die Be­trof­fe­nen aber, die Miet­kau­ti­on, die ei­gent­lich in den Be­reich Un­ter­kunfts­be­dar­fe fällt, von ih­rem Re­gel­satz zu be­strei­ten. »Hier wird das Exis­tenz­mi­ni­mum ge­kürzt«, be­klagt Kip­ping.

Der Wis­sen­schaft­li­che Di­enst des Bun­des­ta­ges, den Kip­ping nun um ein Gut­ach­ten in der Sa­che bat, ent­hält sich ei­ner ab­schlie­ßen­den Po­si­tio­nie­rung und ver­weist statt­des­sen auf ein an­ste­hen­des Ur­teil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts. In dem Pa­pier, das »neu­es deutsch­land« vor­liegt, lässt der Di­enst aber Zwei­fel an der der­zei­ti­gen Re­ge­lung er­ken­nen. So schließt er sich nicht der Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung an, dass die Auf­rech­nung recht­mä­ßig ist.

Das Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um als zu­stän­di­ges Res­sort ver­wies ge­gen­über »nd« am Mitt­woch eben­falls auf das Bun­des­so­zi­al­ge­richt. Dort sei­en »drei Re­vi­sio­nen ge­gen Ent­schei­dun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein­West­fa­len an­hän­gig, in de­nen es um die Fra­ge geht, ob ei­ne Auf­rech­nung ei­ner dar­le­hens­wei­se über­nom­me­nen Miet­kau­ti­on mit lau­fen­den Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de zu­läs­sig ist«. An­ge­sichts der un­ein­heit­li­chen Recht­spre­chung »war­tet das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les die Klä- rung die­ser Rechts­fra­ge durch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ab«, so die Spre­che­rin wei­ter. Das Mi­nis­te­ri­um über­lässt die Ar­beit al­so den Ge­rich­ten. Ge­ne­rell leg­te man in der Sa­che bis­lang we­nig Ei­fer an den Tag. In ei­ner Ant­wort auf ei­ne Klei­ne An­fra­ge von Kip­ping muss­te das Mi­nis­te­ri­um im Sep­tem­ber 2017 ein­räu­men, dass man nicht ein­mal wis­se, wie vie­le Men­schen ein sol­ches Dar­le­hen per Auf­rech­nung zu­rück­zah­len müss­ten.

Die Chan­cen ste­hen nicht schlecht, dass die Rich­ter die der­zei­ti­ge Re­ge­lung kas­sie­ren. Be­reits im Ju­ni 2015 äu­ßer­te das Bun­des­so­zi­al­ge­richt Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Dar­le­hens. Denn der Re­gel­satz sei nicht so be­rech­net, dass er ein An­spa­ren für Miet­kau­tio­nen er­mög­li­che.

Auch der Wis­sen­schaft­li­che Di­enst schließt sich in­di­rekt den Kri­ti­kern an, in­dem er de­ren Haupt­ar­gu­ment, der Re­gel­be­darf ent­hal­te kei­nen An­spar- be­trag für Woh­nungs­be­schaf­fungs­kos­ten, nicht wi­der­spricht. Bei der Lek­tü­re des Pa­piers drängt sich der Ein­druck auf, dass der Ge­setz­ge­ber das Pro­blem mit der Auf­rech­nung schlicht »über­se­hen« hat. An­ders ist nicht zu er­klä­ren, war­um der Re­ge be­darf kei­nen An­spar­be­trag für Woh­nungs­be­schaf­fungs­kos­ten ent­hält. Es sei denn, man un­ter­stellt dem Ge­setz­ge­ber hier Ab­sicht.

Da­bei gibt es Al­ter­na­ti­ven. Kat­ja Kip­ping et­wa plä­diert ge­gen­über »neu­es deutsch­land« da­für, »dass Miet­kau­tio­nen und Ge­nos­sen­schafts­an­tei­le vom Job­cen­ter über­nom­men wer­den und dann bei Aus­zah­lung an das Job­cen­ter ge­hen«. Sprich: Das Amt über­weist die Kau­ti­on für die neue Woh­nung und er­hält das Geld dann spä­ter vom Ver­mie­ter zu­rück. Schon jetzt kön­nen die Kos­ten der Un­ter­kunft un­ter Um­ge­hung des Hartz-IV-Be­zie­hers di­rekt an den Ver­mie­ter über­wie­sen wer­den.

Auch der Wis­sen­schaft­li­che Di­enst des Bun­des­tags schließt sich in­di­rekt den Kri­ti­kern an, in­dem er de­ren Haupt­ar­gu­ment nicht wi­der­spricht.

Fo­to: dpa/Jens Ka­lae­ne

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