Streit um 176 Flü­ge

Tai­wan und Chi­na kön­nen sich nicht auf neue Flug­kor­ri­do­re ei­ni­gen / Da­hin­ter steckt ein al­ter Kon­flikt

Neues Deutschland - - Politik - Von Falk Har­tig

Es geht um mehr als ein Fa­mi­li­en­fest, es geht um Politik: 176 ge­stri­che­ne Flü­ge zwi­schen dem chi­ne­si­schen Fest­land und der In­sel Tai­wan er­re­gen vor dem Chi­ne­si­schen Neu­jahr die Ge­mü­ter. Das scheint auf den ers­ten Blick et­was über­trie­ben, das Früh­lings­fest, oder Chi­ne­sisch-Neu­jahr, ist das mit Ab­stand wich­tigs­te chi­ne­si­sche Fest und wie Weih­nach­ten bei uns das Fa­mi­li­en­fest schlecht­hin. Die Be­hör­den rech­nen zwi­schen An­fang Fe­bru­ar (Hin­rei­sen) und Mit­te März (Rück­rei­sen) mit knapp drei Mil­li­ar­den Rei­sen, da­von 390 Mil­lio­nen Zug­fahr­ten und 65 Mil­lio­nen Flü­gen.

En­de Ja­nu­ar hat­ten zwei re­gio­na­le chi­ne­si­sche Flug­li­ni­en 176 zu­sätz­li­che Flü­ge ge­stri­chen, mit de­nen ge­schätz­te 50 000 in Chi­na le­ben­de, ar­bei­ten­de oder stu­die­ren­de Tai­wa­ner so­wie chi­ne­si­sche Tou­ris­ten über die Fei­er­ta­ge auf die In­sel flie­gen woll­ten. Tai­wa­ni­sche Be­hör­den hat­ten vor­her die Ge­neh­mi­gun­gen für die­se Ex­traflü­ge ver­wei­gert.

Grund da­für ist ein Streit um Flug­rou­ten und Luft­kor­ri­do­re über der Tai­wan-Stra­ße, der 180 Ki­lo­me­ter brei­ten Meer­enge zwi­schen der süd­ost­chi­ne­si­schen Pro­vinz Fu- jian im Wes­ten und der In­sel Tai­wan im Os­ten.

An­fang Ja­nu­ar hat­te die Volks­re­pu­blik ein­sei­tig neue Luft­kor­ri­do­re für kom­mer­zi­el­le Flü­ge ein­ge­rich­tet, ob­wohl sich Pe­king und Tai­pei 2015 dar­auf ver­stän­digt hat­ten, sol­che Än­de­run­gen nur nach ge­gen­sei­ti­ger Rück­spra­che zu tä­ti­gen.

Da­mals re­gier­te in Tai­pei Ma Ying­jeou von der Pe­king freund­li­cher ge­sinn­ten Kuom­intang (KMT). Ma stand für ei­nen kon­zi­li­an­ten Ton ge­gen­über Pe­king, wel­ches Tai­wan als ab­trün­ni­ge Pro­vinz be­trach­tet. Er und Chi­nas Staats­chef Xi Jin­ping tra­fen sich so­gar En­de 2015 in Sin­ga­pur – es war das ers­te Tref­fen die­ser Art seit En­de des chi­ne­si­schen Bür­ger­krie­ges 1949.

Mas Chi­na-freund­li­cher Kurs stieß al­ler­dings bei vie­len Tai­wa­nern auf schar­fe Kri­tik und nicht zu­letzt des­halb wur­de im Mai 2016 Tsai Ing­wen von der Pe­king-kri­ti­schen De­mo­kra­ti­schen Fort­schritts­par­tei (DDP) zur Prä­si­den­tin ge­wählt. Tsai und die DDP leh­nen den »Kon­sens von 1992« ab, wo­nach Tai­pei und Pe­king an­er­ken­nen, dass es nur »ein Chi­na« gibt, man aber un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen da­von hat, was mit »ein Chi­na« ge­meint ist. Pe­king meint mit »ein Chi­na« die Volks­re- pu­blik Chi­na, Tai­pei die Re­pu­blik Chi­na. Eben­so sieht der Kon­sens vor, dass Tai­wan auf ei­ne ein­sei­ti­ge Un­ab­hän­gig­keit – die größ­te Be­fürch­tung Pe­kings – ver­zich­tet. Da Tsai die­sen Kon­sens nach ih­rer Wahl wei­ter­hin ab­lehn­te, fror Pe­king al­le Ge­sprä­che mit Tai­pei ein.

Auch aus die­sem Grund lehn­te Pe­king die For­de­rung Tai­peis im Ja­nu­ar ab, über die neu­en Flug­kor­ri­do­re zu ver­han­deln. Man ha­be Tai­wan dar­über in­for­miert, brau­che aber kei­ne Zu­stim­mung aus Tai­pei, ließ sich der Spre­cher des Bü­ros für Tai­wan-An­ge­le­gen­hei­ten beim chi­ne­si­schen Staats­rat ver­neh­men.

Di­rekt­flü­ge zwi­schen Chi­na und Tai­wan gibt es erst seit 2008 und ihr Zu­stan­de­kom­men un­ter Ma und der KMT wur­de da­mals als Zei­chen der An­nä­he­rung zwi­schen bei­den ver­strit­te­nen Sei­ten ge­wer­tet. Bis 2008 durf­ten al­ler­dings fast nur Tai­wa­ner hin- und her­flie­gen, je­doch nie di­rekt: Sie muss­ten in den Son­der­ver­wal­tungs­zo­nen Hong­kong oder Ma­cau um­stei­gen, was die Flü­ge um St­un­den ver­län­ger­te. Der Grund für die­sen Um­weg war die Be­fürch­tung Tai­wans, dass sich hin­ter vom Fest­land kom­men­den Pas­sa­gier­ma­schi­nen chi­ne­si­sche Kampf­flie­ger ver­ste­cken könn­ten.

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