Zu­läs­si­ge Ab­wei­chung

Der ers­te Pro­zess über die Zah­lung von Equal Pay en­de­te mit ei­ner Nie­der­la­ge für den Leih­ar­bei­ter

Neues Deutschland - - Politik - Von Ines Wall­rodt

Das Ar­beits­ge­richt Gie­ßen weist die Kla­ge ei­nes Leih­ar­bei­ters auf glei­chen Lohn ab. Er hat­te mehr als ein Drit­tel we­ni­ger als sei­ne fest an­ge­stell­ten Kol­le­gen ver­dient. Trotz Be­nach­tei­li­gung nicht zu be­an­stan­den: Durch die Ta­rif­ver­trä­ge der Leih­ar­beits­bran­che wer­de »in zu­läs­si­ger Wei­se vom Grund­satz des Equal Pay ab­ge­wi­chen«, be­fand das Ar­beits­ge­richt Gie­ßen in ei­nem am Mitt­woch ver­kün­de­ten Ur­teil. Auch Kon­flik­te mit der EU-Richt­li­nie zu Equal Pay sieht das Ge­richt nicht. Es war das ers­te Mal, dass das um­strit­te­ne Ge­setz zur Re­gu­lie­rung der Leih­ar­beit so­wie ein dar­auf ba­sie­ren­der Ta­rif­ver­trag in Deutsch­land ge­richt­lich über­prüft wur­den.

Leih­ar­bei­ter dür­fen so­mit nach Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts für die­sel­be Ar­beit meh­re­re Mo­na­te lang deut­lich schlech­ter be­zahlt wer­den als die Stamm­be­schäf­tig­ten, Haupt­sa­che, der Min­dest­lohn wird ein­ge­hal­ten. Auch nä­he­re Vor­ga­ben hin­sicht­lich der Ent­gelt­hö­he hält das Ge­richt nicht für nö­tig.

Ge­klagt hat­te ein Mann aus Gie­ßen, der von Fe­bru­ar bis Ju­ni letz­ten Jah­res in ei­nem Me­tall­be­trieb in Hes­sen ge­ar­bei­tet hat­te und nach ei­ge­nen An­ga­ben bis zu 40 Pro­zent we­ni­ger als sei­ne fest an­ge­stell­ten Kol­le­gen ver­dien­te. Sein An­walt hat­te ar­gu­men­tiert, dass es für die zu­läs­si­ge Lohn­s­prei­zung ei­ne Schmerz­gren­ze ge­ben müs­se. Zu­dem be­strei­tet er, dass der von der EU ge­for­der­te »Ge­samt­schutz« noch ge­wahrt ist, wenn die Ab­wei­chun­gen von Equal Pay für Leih­ar­bei­ter aus­schließ­lich Ver­schlech­te­run­gen ge­gen­über der Stamm­be­leg­schaft be­deu­ten, wie es in Deutsch­land der Fall ist. An­ders in Frank­reich: Dort steht Leih­ar­bei­tern nicht nur vom ers­ten Tag im Ent­leih­be­trieb der glei­che Lohn wie ih­ren fest an­ge- stell­ten Kol­le­gen zu. Sie be­kom­men so­gar noch zehn Pro­zent Auf­schlag – als Ent­schä­di­gung für die Be­fris­tung ih­res Ar­beits­ver­hält­nis­ses.

Der Pro­zess in Gie­ßen war der ers­te, der durch ei­nen Auf­ruf des Leih­ar­beits­kri­ti­kers Wolf­gang Däu­bler ins Rol­len kam. Der Bre­mer Ar­beits­rechts­ex­per­te ver­mit­telt Be­trof­fe­ne an Rechts­an­wäl­te, um ei­ne Gleich­be­hand­lung vor Ge­richt zu er­strei­ten. Doch die­se Hoff­nung wur­de in Gie­ßen nun erst­mal ent­täuscht. Aus Sicht des Ar­beits­ge­richts be­rück­sich­tigt das deut­sche Ge­setz zur Ar­beit­neh­mer­über­las­sung den ge­for­der­ten Ge­samt­schutz »in aus­rei­chen­dem Ma­ße«. Denn als Un­ter­gren­ze ist der Min­dest­lohn für Leih­ar­beit vor­ge­schrie­ben. Zu­dem setzt es ei­ne »zeit­li­che Gren­ze« zur Ab­wei­chung vom Equal-Pay-Grund­satz so­wie ei­nen »An­reiz zur zeit­na­hen Her­an­füh­rung der Löh­ne an die­je­ni­gen der Stamm­ar­beit­neh­mer«. Laut Ge­setz dür­fen Be­trie­be Leihar- bei­ter neun, un­ter be­stimm­ten Um­stän­den auch 15 Mo­na­te lang zu an­de­ren Kon­di­tio­nen als ih­re fes­ten Mit­ar­bei­ter be­schäf­ti­gen.

Die Aus­füh­run­gen sor­gen bei Kri­ti­kern für Bit­ter­keit. Denn das Ge­richt nimmt das Ge­setz beim Wort – die Un­ter­neh­men je­doch auch. So weiß Ar­beits­recht­ler Däu­bler von Leih­ar­bei­tern, die nach neun Mo­na­ten ge­kün­digt und pünkt­lich nach Ablauf der vor­ge­schrie­be­nen Ka­renz­zeit von drei Mo­na­ten und ei­nem Tag zu den al­ten, schlech­te­ren Kon­di­tio­nen wie­der ein­ge­stellt wur­den. »So sieht der An­reiz zu Equal Pay aus.«

Der vor Ge­richt aus­ge­tra­ge­ne Streit über die Gleich­be­hand­lung von Leih­ar­bei­tern dürf­te mit dem Ur­teil vom Mitt­woch nicht zu En­de sein. Min­des­tens ei­ne wei­te­re Kla­ge ist nach Wis­sen Däu­blers an­hän­gig, an­de­re sind in Vor­be­rei­tung. In Gie­ßen er­wägt der An­walt, ge­gen die Ent­schei­dung Be­ru­fung ein­zu­le­gen.

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