Po­li­zei emp­fiehlt An­kla­ge ge­gen Ne­tan­ja­hu

Es geht um Be­stech­lich­keit und Un­treue – Op­po­si­ti­on for­dert Rück­tritt des is­rae­li­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten

Neues Deutschland - - Politik - Von Oli­ver Eber­hardt, Tel Aviv

Die is­rae­li­sche Po­li­zei emp­fiehlt ei­ne Kor­rup­ti­ons­an­kla­ge ge­gen Re­gie­rungs­chef Ne­tan­ja­hu. Der wit­tert ei­nen »Putsch« ge­gen sich, will nicht zu­rück­tre­ten. Doch wich­ti­ge Un­ter­stüt­zer wen­den sich ab. Es hat­te ein ru­hi­ger Abend wer­den sol­len, bis am Di­ens­tag­nach­mit­tag die ers­ten Me­di­en mel­de­ten, dass sich die Po­li­zei am Abend zu ih­ren Er­mitt­lun­gen ge­gen Re­gie­rungs­chef Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu äu­ßern wer­de. Hun­der­te mach­ten sich dar­auf­hin auf den Weg zum Bü­ro des Pre­mier­mi­nis­ters: »Die Welt muss se­hen, was die Öf­fent­lich­keit da­von hält«, hieß es in ei­nem Auf­ruf in so­zia­len Netz­wer­ken.

Doch als dann die Fern­seh- und Ra­dio­sen­der die ers­ten De­tails der um­fang­rei­chen Po­li­zei­ak­te mel­de­ten, wa­ren die De­mons­tran­ten er­staunt: Die Po­li­zei emp­fiehlt, An­kla­ge we­gen Be­stech­lich­keit und Un­treue zu er­he­ben, und das in gleich zwei Fäl­len. All­ge­mein war da­mit ge­rech­net wor­den, dass nur ei­ne An­kla­ge we­gen Un­treue emp­foh­len wird, ein Tat­be­stand, der Aus­le­gungs­sa­che ist.

In Is­ra­el legt die Po­li­zei nach Ab­schluss ih­rer Er­mitt­lun­gen ei­nen Be­richt vor, in dem sie ei­ne Emp­feh­lung an die Staats­an­walt­schaft ab­gibt. Bei Un­treue­vor­wür­fen kommt es da­bei im­mer wie­der zu un­ter­schied­li­chen Be­wer­tun­gen, wäh­rend bei kla­rer de­fi­nier­ten Tat­be­stän­den da­mit zu rech­nen ist, dass die An­klä­ger den Emp­feh­lun­gen der Po­li­zei fol­gen.

Im ers­ten Er­mitt­lungs­kom­plex, der von der Po­li­zei als »Fall 1000« ge­führt wird, soll Ne­tan­ja­hu vom aus­tra­li­schen Un­ter­neh­mer Ja­mes Pa­cker und dem is­rae­li­schen Ge­schäfts­mann Ar­non Milchan Ge­schen­ke im Ge­gen­wert von ei­ner Mil­li­on Sche­kel (et­wa 241 000) Eu­ro er­hal­ten ha­ben. Au­ßer­dem soll der Re­gie­rungs­chef im »Fall 2000« ver­sucht ha­ben, Ar­non Mo­zes, Ver­le­ger der Zei­tung »Je­dioth Ahro­noth«, zu ei­ner po­si­ti­ve­ren Be­richt­er­stat­tung zu be­we­gen. Da­für soll er an­ge­bo­ten ha­ben, die Ver­brei­tung der Gra­tis­zei­tung »Is­ra­el Ha­Jom« zu be­schrän­ken. Die­se Ne­tan­ja­hu meist treu er­ge­be­ne Zei­tung wur­de vom ame­ri­ka­ni­schen Mil­li­ar­där und lang­jäh­ri­gen Ne­tan­ja­huF­reund Shel­don Adel­son ge­grün­det und fi­nan­ziert.

Für be­son­de­res Auf­se­hen sorgt aber nun die Iden­ti­tät ei­nes der Haupt­zeu­gen im »Fall 1000«: Ja‘ir La­pid ist Chef der Zu­kunfts­par­tei; er wird seit lan­gem als aus­sichts­reichs­ter An­wär­ter auf den Pos­ten des Pre­mier­mi­nis­ters ge­han­delt. Be­fragt wur­de er zu sei­ner Zeit als Fi­nanz­mi­nis­ter 2013/14; die Aus­sa­ge gibt Auf­schluss dar­über, was als Ge­gen­leis­tung für die Ge­schen­ke er­bracht wur­de, die Ne­tan­ja­hu stets als »Net­tig­kei­ten un­ter Freun­den« be­zeich­ne­te; am Di­ens­tag be­ton­te er zu­dem, dass er auch im­mer wie­der Ent­schei­dun­gen ge­gen die bei­den Freun­de ge­trof­fen ha­be.

Doch im Be­richt deu­tet sich an, dass der Pre­mier ver­sucht hat, kom­pli­zier­te und po­ten­zi­ell aus­ge­spro­chen lu­kra­ti­ve Schlupf­lö­cher in der Fi­nanz­ge­setz­ge­bung zu wei­ten, und da­mit an La­pid ge­schei­tert ist.

In ei­ner kur­zen Fern­seh­an­spra­che hob Ne­tan­ja­hu sei­ne Di­ens­te für den Staat her­vor, stell­te sich selbst als al­ter­na­tiv­los dar. Sei­ne Ver­trau­ten be­zeich­ne­ten die Er­mitt­lun­gen in­des im­mer wie­der als »Putsch­ver­such«: Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft, de­ren Füh­rungs­kräf­te üb­ri­gens von Ne- Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu, is­rae­li­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent tan­ja­hu er­nannt wur­den, ver­such­ten, die Re­gie­rung ab­zu­set­zen.

Ei­nen Rück­tritt schließt Ne­tan­ja­hu ka­te­go­risch aus. Sei­ne rech­ten und re­li­giö­sen Ko­ali­ti­ons­part­ner hal­ten sich in­des be­deckt, noch: We­gen der knap­pen Mehr­heit könn­te je­der ein­zel­ne die Re­gie­rung zu Fall brin­gen; dass das der­zeit noch nicht pas­siert, liegt vor al­lem dar­an, dass Ne­tan­ja­hu die­sen Par­tei­en fast je­den Wunsch von den Au­gen ab­liest, den Sied­lungs­bau for­ciert, gar auf ei­ne Anne­xi­on der Sied­lun­gen hin­ar­bei­tet. Das aber wird vor al­lem in Ne­tan­ja- hus Li­kud als Pro­blem an­ge­se­hen: Zum ei­nen ist mitt­ler­wei­le Adel­son, ei­ner der größ­ten Geld­ge­ber der Par­tei, auf Dis­tanz ge­gan­gen; Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge sei er »aus­ge­spro­chen wü­tend« dar­über ge­we­sen, dass Ne­tan­ja­hu ver­sucht ha­be, »Is­ra­el Ha­Jom« zu be­schrän­ken; ei­ne Zei­tung, die der über­zeug­te Re­pu­bli­ka­ner nicht als Sprach­rohr Ne­tan­ja­hus, son­dern der Rech­ten all­ge­mein se­hen will.

Hin­zu kommt, dass die Um­fra­ge­wer­te ei­ne Ka­ta­stro­phe sind; in vor­ge­zo­ge­nen Wah­len wür­de man wahr­schein­lich von 23,4 Pro­zent auf weit un­ter 20 Pro­zent ab­rut­schen und hin­ter der Zu­kunfts­par­tei zu­rück blei­ben.

De­ren Vor­sit­zen­der La­pid wehr­te sich am Mitt­woch ge­gen den Vor­wurf, sich der Po­li­zei aus po­li­ti­schen Grün­den als Zeu­ge an­ge­dient zu ha­ben: Man ha­be ihm Fra­gen zu sei­ner Zeit als Fi­nanz­mi­nis­ter ge­stellt, und er ha­be wahr­heits­ge­mäß ge­ant­wor­tet. Zur Sei­te sprang ihm Avi Gab­bay, Vor­sit­zen­der der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­beits­par­tei: »War­um soll­te man sich selbst straf­bar ma­chen, um Ne­tan­ja­hu zu stüt­zen?« Ne­tan­ja­hu müs­se »das Eh­ren­haf­te tun« und zu­rück­tre­ten; ei­ne For­de­rung, die der­zeit oft zu hö­ren ist.

Da­bei wird dann auch auf die Es­ka­la­ti­on in Li­ba­non und Sy­ri­en am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de ver­wie­sen: »Es soll­te je­dem Bür­ger Angst ma­chen, dass der Re­gie­rungs­chef in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on nur mit hal­ber Kraft bei der Sa­che ist,« so Gab­bay.

»Die Ko­ali­ti­on ist sta­bil, und nie­mand hat Plä­ne für vor­ge­zo­ge­ne Wah­len ... Die An­kla­ge­emp­feh­lung der Po­li­zei ist ein­sei­tig und ex­trem. Sie hat Lö­cher wie Schwei­zer Kä­se.«

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