Ma­lis Frie­dens­pro­zess stockt

Trotz der in­ter­na­tio­na­len Mi­li­tär­prä­senz ver­schlech­tert sich die Si­cher­heits­la­ge

Neues Deutschland - - Politik - Von Odi­le Jo­lys, Ba­ma­ko

Wenn Ma­li den Fahr­plan der Frie­dens­ver­ein­ba­rung nicht bis En­de März ein­hält, dro­hen Sank­tio­nen. Dies hat der UN-Si­cher­heits­rat der Re­gie­rung Ma­lis ul­ti­ma­tiv klar ge­macht. Auf den Ver­kehrs­krei­seln Ba­ma­kos, die Haupt­stadt Ma­lis, rich­ten sich zahl­rei­che Mahn­ma­le der Re­pu­blik auf. Im fah­len Ja­nu­ar­licht, wenn der Sand der Sa­ha­ra, auf­ge­wühlt durch den Har­mat­tan, al­les be­deckt, wir­ken die mas­si­ven Mo­nu­men­te der Re­pu­blik ver­ges­sen, ver­lo­ren und er­starrt. Dies könn­te als Me­ta­pher der po­li­ti­schen La­ge des Lan­des die­nen, wo der Frie­dens­pro­zess stockt. Im Mai 2015 un­ter­zeich­net, soll­te er dem Staat die Kon­trol­le über sein gan­zes Land zu­rück­ge­ben. Nach der Be­set­zung des Nor­dens im Jahr 2012 durch ei­ne Ko­ali­ti­on von Tua­reg-Se­pa­ra­tis­ten und Dschi­ha­dis­ten grif­fen fran­zö­si­sche Trup­pen An­fang 2013 ein und ver­jag­ten die­se.

Doch seit­dem hat die An­zahl der be­waff­ne­ten Grup­pen zu- statt ab­ge­nom­men. Kaum ei­ne Wo­che ver­geht oh­ne Atta­cken, trotz der rund 13 000 Sol­da­ten und Po­li­zis­ten der UN-Mis­si­on, Mi­nus­ma. Ihr Man­dat, die Sta­bi­li­sie­rung des Nor­dens. Da­ne­ben sind rund 1000 fran­zö­si­sche Sol­da­ten der Ope­ra­ti­on Bark­ha­ne im Land sta­tio­niert, um Jagd auf Dschi­ha­dis­ten zu ma­chen. Trotz der in­ter­na­tio­na­len Mi­li­tär­prä­senz hat sich in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren die Si­cher­heits­la­ge in Ma­li dras­tisch ver­schlech­tert. Zu Be­ginn litt nur der Nor­den un­ter is­la­mis­ti­scher Ge­walt, in­zwi­schen ist auch das Zen­trum be­trof­fen.

Die ver­staub­ten Mo­nu­men­te der Re­pu­blik sind aber noch mehr ei­ne Me­ta­pher der po­li­ti­schen Stim­mung im Land, wo die Re­pu­blik bei der Be­völ­ke­rung im­mer wei­ter an An­se­hen ver­liert. So fühlt es Na­fet Kei­ta, An­thro­po­lo­ge an der Uni­ver­si­tät Ba­ma­ko und ehe­ma­li­ger Be­ra­ter des Prä­si­den­ten für den Frie­dens­pro­zess. »Ma­li ist nicht in der La­ge ei­ne sou­ve­rä­ne Politik im Nor­den zu füh­ren«, be­klagt er. »So­lan­ge wir nicht die po­li­ti­sche Agen­da der nicht-ma­li­schen Ak­teu­re ken­nen, wird man nichts er­rei­chen.« Da­mit meint er die UN, aber vor al­lem Frank­reich und Al­ge­ri­en. Kei­ta be­klagt die feh­len­de Be­we­gungs­frei- heit der ma­li­schen Ar­mee im Nor­den: »Oh­ne die Zu­stim­mung von Bark­ha­ne kann sie sich nicht au­ßer­halb be­stimm­ter Or­te be­ge­ben«, be­haup­tet er. Da­für lie­fen un­ge­hin­dert rei­che Händ­ler in den Städ­ten des Nor­dens her­um, wel­che die Dro­gen­rou­ten durch die Sa­ha­ra kon­trol­lie­ren und be­waff­ne­te Grup­pen un­ter­hal­ten, so Kei­ta.

Das We­sent­li­che aber bleibt für ihn, dass die Dschi­ha­dis­ten von An­sar Di­ne aus den Frie­dens­ver­hand­lun­gen aus­ge­sperrt sind, weil die UN und Frank­reich dies so wol­len. »Wenn man Frie­den will, muss man mit­ein­an­der re­den.« Das fin­det auch Alex­an­der Thurs­ton, der im Auf­trag des Bü­ros der Ro­sa-Lu­xem­burg-Stif­tung West­afri­ka ei­ne Stu­die zur po­li­ti­schen La­ge in Ma­li schreibt. Für den US-ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaft­ler und Is­lamex­per­ten kann die Lö­sung nicht nur im Mi­li­tä­ri­schen ge­sucht wer­den: »Der po­li­ti­sche Pro­zess soll­te be­schleu­nigt wer­den und auch die Dschi­ha­dis­ten, ins­be­son­de­re Ama­dou Kouf­fa und Iyat Ag Gha­li, be­tei­ligt wer­den. Die aus­län­di­schen Re­gie­run­gen soll­ten ih­re Hal­tung da­zu än­dern.« Bei­de ge­nann­te Dschi­ha­dis- ten sind Ma­lier. Ein Grund für vie­le Leu­te zu glau­ben, dass es wert ist, mit ih­nen zu re­den.

»Al­le Schrit­te des Frie­dens­pro­zess sind kniff­lig«, sagt Thurs­ton. »Als man im ver­gan­ge­nen Jahr end­lich die ge­mein­sa­men Pa­trouil­len in Gao loss­and­te, gab es blu­ti­ge Selbst­mord­at­ten­ta­te«, er­zählt er. Der Ent­waff­nung der ver­schie­de­nen Grup­pen ist man kei­nen Schritt nä­her ge­kom­men. Im Ge­gen­teil. »Vie­le neue be­waff­ne­te Grup­pen sind ent­stan­den«, er­zählt er wei­ter »und mei­nen da­mit mehr An­er­ken­nung und viel­leicht ei­nen Platz am Ver­hand­lungs­tisch zu be­kom­men.« Und auch die Über­gangs­be­hör­den ha­ben noch nicht über­all im Land Fuß fas­sen kön­nen.

Die im Ju­li ge­plan­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len brin­gen noch mehr Un­si­cher­heit im Frie­dens­pro­zess. »Die Po­pu­la­ri­tät des Prä­si­den­ten sinkt und vie­le Re­bel­len fra­gen sich, ob er wie­der­ge­wählt wird, wenn er über­haupt an­tritt«, sagt Thurs­ton. Auch das trägt nicht da­zu bei, die Ver­hand­lun­gen zu be­schleu­ni­gen.

»Die Leu­te sind frus­triert, aber nie­mand scheint den Frie­dens­pro­zess auf­ge­ben zu wol­len. Die Men­schen wol­len auch nicht un­be­dingt, dass die aus­län­di­schen Trup­pen das Land ver­las­sen. Was sie wol­len, ist ei­ne Rück­kehr des Staa­tes und ei­ne bes­se­re Re­gie­rungs­füh­rung«, meint den­noch Thurs­ton.

Kei­ta be­klagt die Aus­wir­kun­gen der mi­li­tä­ri­schen Prä­senz. Die Un­ru­hen, die Gao im­mer wie­der er­schüt­tern, sind nicht der feh­len­den Si­cher­heit ge­schul­det, so Kei­ta. »Die jun­gen Män­ner sind ein­fach frus­triert, ih­re Freun­din­nen fah­ren mit neu­en Mo­tor­rä­dern und un­ter­stüt­zen ih­re Fa­mi­li­en. Das Geld be­kom­men sie von Mit­ar­bei­tern der Mi­nus­ma«, sagt Kei­ta. Miss­trau­en schafft auch, dass die meis­ten Ma­lier vom Geld für den Wie­der­auf­bau nichts se­hen. »Ein Groß­teil fließt doch in den Un­ter­halt der Mi­nus­ma und Bark­ha­ne. »Ih­re lo­ka­len Gärt­ner oder Putz­frau­en er­hal­ten 10 000 CFA pro Tag, rund 15 Eu­ro. Ein ma­li­scher Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor ver­dient ge­ra­de mal 275 000 CFA pro Mo­nat, rund 420 Eu­ro. Die not­wen­di­ge Rück­kehr des Staa­tes kann man so nicht vor­be­rei­ten«, schimpft er. »Wir wer­den wohl noch zehn bis 30 Jah­re in die­sem Schwe­be­zu­stand le­ben müs­sen.«

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