Glanz und Chlor

Che­mie­bran­che in Bit­ter­feld-Wol­fen fei­ert 125-jäh­ri­ges Ju­bi­lä­um

Neues Deutschland - - Wirtschaft – Soziales – Umwelt - Von Hen­drik Lasch, Bit­ter­feld

Seit 125 Jah­ren ist Bit­ter­feld ein Syn­onym für Che­mie­be­trie­be. Zeit­wei­se stand die Bran­che vor dem En­de. In­zwi­schen hat sie sich ge­fan­gen und will mit ei­nem Fest­jahr ihr Image auf­po­lie­ren. Das 100-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um wur­de nicht ge­fei­ert. Zu­min­dest kann sich in Bit­ter­feld-Wol­fen kei­ner an ei­nen Fest­akt er­in­nern. 1993 war es ein Jahr­hun­dert her, dass zeit­gleich zwei Fir­men aus Ber­lin und Frank­furt am Main im Braun­koh­le­re­vier nörd­lich von Leip­zig und Hal­le in An­la­gen zur Chlo­ral­ka­li-Elek­tro­ly­se in­ves­tiert hat­ten. In den Jahr­zehn­ten da­nach wur­de Bit­ter­feld zum Syn­onym für Che­mie; hier wur­den die ers­te Kunst­fa­ser und das Hart-PVC er­fun­den. Rund 5000 Sub­stan­zen wur­den her­ge­stellt: von Chlor bis Salz­säu­re, »die ge­sam­te or­ga­ni­sche und an­or­ga­ni­sche Che­mie hoch und run­ter«, sagt Micha­el Polk, Ge­schäfts­füh­rer der Che­mie­park Bit­ter­feld-Wol­fen Gm­bH.

1993 aber war die Ab­wick­lung des Che­mie­kom­bi­nats Bit­ter­feld und des Film­kom­bi­nats Wol­fen mit zu­sam­men 40 000 Be­schäf­tig­ten im vol­len Gang. »Nach Fei­ern stand da­mals nie­man­dem der Sinn«, sagt Ste­fan Her­mann, heu­te Bau­bür­ger­meis­ter der vor elf Jah­ren ge­grün­de­ten Dop­pel­stadt. Er war 1988 nach Bit­ter­feld ge­kom­men – in ei­ne Stadt, die ei­nen mie­sen Ruf hat­te. Mit ih­ren Che­mie­be­trie­ben ge­hör­te sie zu den in­dus­tri­el­len Herz­kam­mern in der DDR und zu­gleich zu de­ren dre­ckigs­ten Ecken. Der Zu­stand von Was­ser, Grund­was­ser und Bö­den sei »ka­ta­stro­phal« ge­we­sen. Zu­dem wa­ren vie­le Be­trie­be her­un­ter­ge­wirt­schaf­tet: Die Film­fa­brik, in die Her­mann als Ab­sol­vent kam, ha­be noch auf An­la­gen pro­du­ziert, die 1934 nach der hier er­folg­ten Er­fin­dung des Farb­films in­stal­liert wur­den. Nach dem En­de der DDR wur­den die Be­trie­be zum Groß­teil ab­ge­ris­sen; in ei­ner ei­gens ge­grün­de­ten Auf­fang­ge­sell­schaft wa­ren zeit­wei­se 20 000 Ex-Che­mie­ar­bei­ter tä­tig. Dass die Bran­che in der Re­gi­on je wie­der auf die Bei­ne kom­men wür­de, war nicht ab­zu­se­hen.

Ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter wird nun doch ge­fei­ert – mit ei­nem ed­len Image­film, ei­nem ei­gens er­fun­de­nen Slo­gan »Wir le­ben Che­mie«, ei­ner gro­ßen Fest­wo­che im Ju­ni und viel­leicht so­gar ei­nem Be­such der Kanz­le­rin. Der Che­mie­park sei heu­te ein »wett­be­werbs­fä­hi­ger Stand­ort«, sagt Polk und schwärmt von ei­nem »kom­pak­ten Netz an Un­ter­neh­men, fle­xi­blen Di­enst­leis­tern und ei­ner TopIn­fra­struk­tur«. Auf 1200 Hekt­ar sind rund 300 Fir­men an­säs­sig – von Bran­chen­grö­ßen wie Bay­er, Dow Che­mi­cal und He­ra­eus bis zu zahl­rei­chen Mit­tel­ständ­lern. 12 000 Men­schen ar­bei­ten hier. Auch nach dem Um- bruch der Neun­zi­ger gel­te da­her, dass in der Stadt »prak­tisch je­de Fa­mi­lie et­was mit Che­mie zu tun hat«, sagt Her­mann und fügt an, in der Bran­che gel­te Bit­ter­feld-Wol­fen als »Vor­zei­ge­stand­ort«.

Der Weg da­hin war frei­lich holp­rig. Zu­nächst schei­ter­ten meh­re­re Pri­va­ti­sie­rungs­ver­su­che. Vor­an ging es erst, nach­dem 2001 Jür­gen Preis­sDaim­ler ein­ge­stie­gen war, ein il­lus­trer Un­ter­neh­mer, der im le­gen­dä­ren Bit­ter­fel­der Kul­tur­haus auch ein ei­ge­nes Show­or­ches­ter auf­spie­len ließ. Bis 2008 wur­den dann mit mas­si­ver fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung des Lan­des Sach­sen-An­halt 230 Mil­lio­nen Eu­ro in die In­fra­struk­tur in­ves­tiert: Stra­ßen, Ge­bäu­de, vor al­lem aber Rohr­lei­tun­gen und -brü­cken, die al­le Be­trie­be am Stand­ort mit Che­mi­ka­li­en, Dampf, Gas und Strom ver­sor­gen. Vor fünf Jah­ren zog sich Preis­sDaim­ler aus Al­ters­grün­den zu­rück; Ei­gen­tü­mer der Che­mie­park Gm­bH ist jetzt die Gel­sen­was­ser AG aus Nord­rhein-West­fa­len.

Das Mo­dell, Fir­men ne­ben Flä­chen zur An­sied­lung auch ei­ne um­fang­rei­che In­fra­struk­tur bis hin zur Ent­sor­gung der Ab­wäs­ser in ei­ner gro­ßen Klär­an­la­ge zu bie­ten, scheint sich be­währt zu ha­ben. Die meis­ten Flä­chen im Che­mie­park sind be­legt, auch wenn es an Chlor-, Gra­phit- und Kunst­stoff­stra­ße über­ra­schend vie­le Grün­flä­chen gibt: »Der Be­zeich­nung ›Park‹ wird das Are­al ge­recht«, scherzt der Bau­bür­ger­meis­ter. Spek­ta­ku­lä­re Neu­an­sied­lun­gen kann Polk für das Fest­jahr zu­nächst zwar nicht in Aus­sicht stel­len, auch wenn Ge­sprä­che lie­fen, wie er sagt. Neue An­la­gen wür­den im Che­mie­park aber re­gel­mä­ßig in Be­trieb ge­nom­men. Ins­ge­samt, schätzt er, sei­en am Stand­ort seit 1990 rund 4,5 Mil­li­ar­den Eu­ro in­ves­tiert wor­den. Auf die­se stol­ze Ent­wick­lung soll in den nächs­ten Mo­na­ten auf­merk­sam ge­macht wer­den – mit Hin­ter­ge­dan­ken: Zum ei­nen braucht die Bran­che in der Re­gi­on Nach­wuchs, zum an­de­ren lässt das Image von Bit­ter­feld-Wol­fen wei­ter zu wün­schen üb­rig. Gäs­te aus dem Wes­ten sei­en oft noch im­mer be­sorgt, »dass man sich hier schmut­zig macht«, sagt Ste­fan Her­mann. Es ist ei­ne Sor­ge, die in­zwi­schen gänz­lich un­be­rech­tigt ist.

Fo­to: dpa/Jan Woi­tas

In der Re­gi­on Bit­ter­feld-Wol­fen dreht sich al­les um Che­mie.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.